shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Archive for August 2012

Free Pussy Riot – Jetzt erst recht! (2)

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„Die Panik der Machthaber – die sich in ihrer lächerlich exzessiven brutalen Reaktion zeigt – ist somit völlig gerechtfertigt. Pussy Riot werden, je brutaler jene agieren, ein immer wichtigeres Symbol werden.“

Slavoj Žižek

Langsam dämmert einigen auch hierzulande, daß die feministische Gruppe Pussy Riot nicht ganz so harmlos ist, wie man sich das wohl gewünscht hätte. Am 20. August hatte die Politikredaktion der FAZ wohl endgültig genug von der ausführlichen und ausgewogenen Berichterstattung Kerstin Holms im Feuilleton und plazierte auf der Titelseite einen Kommentar mit dem Titel Ein weiterer Sieg Putins ([4]). Der Autor, Michael Ludwig, vertrat darin die These, daß die Aktion von Pussy Riot die russische Opposition gespalten und damit Putins innenpolitische Macht gestärkt habe, trotz des Imageschadens im Ausland. Da ich kein Kenner der innenpolitischen Situation Russlands bin, kann ich das nicht wirklich beurteilen, würde aber, aus meiner Kenntnis der Dynamik sozialer Bewegungen eher darauf setzen, daß es sich um einen Pyrrhus-Sieg handelt. Doch man muß dem Autor zugute halten, daß seine Argumentation einigermaßen sachlich und rational nachvollziehbar war.

Offensichtlich war das aber nicht genug. Und so wurde ein gewisser Moritz Gathmann beauftragt, der Leserschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung die Augen zu öffnen, was Pussy Riot wirklich sind: Die russische Reinkarnation der RAF. Und für diesen ausgemachten Schwachsinn stellte ihm die Redaktion die kompletten Seiten 2 und 3 zur Verfügung ([2]). Einen Kommentar dazu erspare ich mir, Klaus Jarchow hat das in seinem Blog Stilstand bereits kompetent erledigt (dort findet sich auch der Verweis darauf, wo Gathmann den größten Teil seines Machwerkes abgeschrieben hat).

Die Gegner von Pussy Riot spüren allerdings instinktiv – und da sind sie wohl einem großen Teil der Sympathisantinnen einen Schritt voraus – daß es tatsächlich um mehr geht als einfach nur um Meinungs- und Kunstfreiheit, um „bürgerliche Werte“. Ich hatte letzte Woche bereits darauf hingewiesen, daß das herausragende Erkennungsmerkmal von Pussy Riot, ihre Strickmasken, auf eine feministische Symboltradition zurückverweisen, die in den künstlerischen Avantgardebewegungen zu Beginn des 20. Jahrhundert wurzelt. Musidora repräsentierte im Kostum von Irma Vep den Angriff auf die bürgerlichen Werte.

Bei Pussy Riot wird diese Symbolik zeitgenössisch verfremdet: An die Stelle der schwarzen Seidenmaskierung Musidoras als Irma Vep treten die quietschbunten Neonfarben des Pussy-Riot-Outfits. Die Verwendung von Strick- oder Häkelmützen verweisen ironisch auf die klassische weibliche Handarbeitstradition, während das brutale Hineinschneiden der Löcher für Augen und Mund diese Heim- und Herdidylle konterkarieren. Mit ihren Kleidern und Strumpfhosen distanzieren sie sich von einem puritanischen Feminismus, der sich von der eigenen Geschlechtlichkeit distanziert, und signalisieren stattdessen einen souveränen Umgang mit dem eigenen Frau-Sein.

Damit ist schon das äußere Erscheinungsbild von Pussy Riot ein Symbol, das einen antipatriarchalen Gestus vermittelt. Und dieses Symbol ist unabhängig von identifizierbaren Personen. Es kann von Frauen auf der ganzen Welt kopiert werden und damit zu einem universalen Träger neo-feministischer Utopien werden. Weil dieser visuelle Stil so einfach zu kopieren ist, sind auf der ganzen Welt Frauen im Pussy Riot-Outfit auf die Straße gegangen, um ihren Protest öffentlich zu machen. Und dabei ging es eben nicht nur um Solidarität, sondern auch um Selbstermächtigung, nicht nur um Aktionen für die inhaftierten Frauen, sondern auch um Aktionen für einen selbst, darum, aus der Zuschauerrolle auszubrechen und selbst Akteurin zu werden.

Es kommt aber noch eine andere symbolische Ebene hinzu. Das ganze Blasphemie-Getöse der orthodoxen Kirche versuchte ja nur davon abzulenken, daß die Aktion in der Christ-Erlöser-Kathedrale keineswegs glaubensfeindlich war. Die Aussagen der Angeklagten im Prozeß, sie hätten keineswegs beabsichtigt, die Gefühle von Gläubigen zu verletzen, sind durchaus glaubwürdig. Denn worum ging es? Um eine Fürbitte! Unter Umgehung patriarchaler Autorität wandten sich die Frauen direkt an die Gottesmutter Maria mit der Bitte, Russland von Putin zu erlösen. Es war eben kein satanistischer Akt, wie die orthodoxe Kirche kontrafaktisch behauptete; vielmehr wurde eines der wenigen weiblichen Symbole der Kirche gegen die patriarchale Autorität mobilisiert.

Dabei spielt es keine Rolle, ob die Akteurinnen selbst an die Existenz einer Gottesmutter, die ihr Gebet erhören könnte, glauben oder nicht. Entscheidend ist, daß die orthodoxe Kirche daran glauben muß. Das Gebet konfrontiert den korrupten Patriarchen Kirill, den Unterstützer Putins mit der Reinheit und Unschuld Marias. Somit griff das Gebet von Pussy Riot das symbolische Universum der orthodoxen Kirche von innen an. Maria wurde in der Auseinandersetzung zum Gegensymbol, zum Stachel im Fleisch der orthodoxen Kirche.

Tatsächlich taucht die Mariensymbolik im Verlauf des Prozesses immer wieder auf. Zu Beginn der ganzen Affäre wurde immer wieder betont, daß zwei der Angeklagten Mütter mit kleinen Kindern seinen, was die Mariensymbolik zu ihren Gunsten mobilisierte. Inzwischen versuchen die Gegner, diese sehr effektive Symbolik anzugreifen, indem sie Nadjeschda Tolokonnikowa als üble Rabenmutter hinzustellen versuchen. Ich maße mir hier auf der rein faktischen Ebene gar kein Urteil an (im Gegensatz zu Moritz Gathmann, der deswegen Tolokonnikowa mit Ulrike Meinhof vergleicht ([2], S. 2)), sondern weise nur darauf hin, daß hier jenseits der Faktenebene vor allem ein Kampf um Symbole ausgetragen wird.

Ein Höhepunkt dieses Kampfes war sicherlich, als Madonna – die amerikanische Sängerin, nicht die Gottesmutter – sich während eines Konzertes in Moskau mit Pussy Riot solidarisch erklärte und sich für die Rechte von Schwulen und Lesben in Russland einsetzte (letzteres brachte ihr eine Anzeige wegen „homosexueller Propaganda“ ein, was seit diesem Jahr in Russland strafbar ist). Danach sang sie, den Schriftzug „Pussy Riot“ auf den nackten Rücke gemalt, Like a Virgin.

Doch die schönste Verbindung des Madonnen-Themas mit Pussy Riot gelang dem Nowosibirsker Künstler Artjom Loskutow, der in drei Reklame-Lichtboxen seine Pussy-Riot-Ikonen ausstellte. Unnötig zu erwähnen, daß diese von der Polizei beschlagnahmt wurden und ihn der Metropolit der russisch-orthodoxen Kirche wegen „Verletzung religiöser Gefühle“ anzeigte.

„Der Künstler erklärte mit Nachdruck, mit seinem Bild habe er niemand beleidigen wollen. Im Gegenteil, seine Pseudo-Ikonen hätten vielmehr den übergeordneten Wert von Mutter und Kind und zugleich das Zusammenkommen unterschiedlicher Gruppen vergegenwärtigen sollen, damit diese einander nicht bekriegen.“ ([1])

Man versteht also, warum Kirche und Staat in Rußland derart gegen Pussy Riot vorgehen. Es geht um viel mehr als nur um Meinungsfreiheit. Hier ist ein Kampf um die symbolische Ordnung in Gang. Dem autoritär-patriarchalen status quo, repräsentiert durch den Macho Putin und den Patriarchen Kirill setzt Pussy Riot die Symbolik einer antiautorität-feministischen Utopie entgegen. Die Zeit wird zeigen, ob es dieser gelingt, die Symbolik der Macht dauerhaft ins Wanken zu bringen.

Nächste Woche kehren wir aber wieder zurück in die 60er Jahre, wenn es um eine ganz anderes symbolisches Ensemble geht, um die symbolische Dimension von Proletariat, Räten und Revolution. Freuen Sie sich also erneut auf Henri Lefebvre, wenn dieser meint:

„Es reicht hinzuhören, um zu entdecken, was sich in den Köpfen fand unter der Herrschaft des esoterischen Schrifttums: das Beste und das Schlechteste, ein Haufen Fragen ohne Antworten, von tiefgreifenden und lächerlichen Argumenten, von scheinbarer und wirklicher Kühnheit, von gutem und schlechtem Gewissen. Im verbalen Delirium rollt ein großes Psychodrama ab, oder eher, geht ein umfassender Prozeß sozialer Therapeutik vor sich, eine ideologische Kur für Intellektuelle und Nicht-Intellektuelle, die endlich zusammenkommen.“ ([3], S. 107)

Nachweise

[1] Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. August 2012: „Eine Ikone für „Pussy Riot““ (kho [Kerstin Holm]), S.32.

[2] Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26. August 2012: „Lady Suppenhuhn“ (Gathmann, M.), S.2 – 3.

[3] Lefebvre, H., Aufstand in Frankreich – Zur Theorie der Revolution in den hochindustrialisierten Ländern (VoltaireHandbuch 7), Frankfurt a.M. und Berlin 1969.

[4] Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. August 2012: „Ein weiterer Sieg Putins“ (Ludwig, M.), S.1.

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Written by alterbolschewik

31. August 2012 at 16:21

Veröffentlicht in Medien, Punk

Free Pussy Riot – Jetzt erst recht! (1)

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„Normalerweise wird erwartet, dass Angeklagte im Schlusswort Reue zeigen, die begangene Tat bedauern oder mildernde Umstände aufzählen. Bei mir und meinen Kollegen ist das absolut unnötig.“

Jekaterina Samozewitsch, Schlußplädoyer im „Pussy Riot“-Prozeß

Das hier ist offenkundig nicht der letzte Woche angekündigte Text zum Symbolgehalt der mythischen Trias Proletariat-Räte-Revolution. Aus aktuellem Anlaß habe ich beschlossen, das aktuelle Programm zu ändern – ohne allerdings allzuweit vom Thema abzuschweifen. Denn auch in diesem Beitrag anläßlich der Verurteilung von drei Mitgliedern der russischen Künstlergruppe „Pussy Riot“ zu zwei Jahren GULAG geht es um die Macht der Symbole.

Unmittelbarer Anlaß für mich, noch einmal zu Pussy Riot zu schreiben, war eine Diskussion im Blog von Che. In typisch linksradikaler Manier wurde dort die Medienaufmerksamkeit, die der Prozeß der drei Frauen auf sich gezogen hat, kritisiert: Viel größere Schweinereien fänden keine Beachtung, während „die nun wirklich nicht gerade für voll zu nehmenden Pussy Riot“ zum Spielball in einem neuen Kalten Krieg gegen Putin würden. Ich hatte begonnen, auf diese Dummheiten einen Antwortkommentar zu verfassen, als Che bereits selbst darauf angemessen reagierte. Da mein Kommentar sowieso ziemlich ausuferte, beschloß ich dann, daraus einen eigenen längeren Text zu machen.

Ich will nicht noch einmal das haarsträubende Urteil kommentieren, denn das hieße Eulen nach Athen tragen. Mich interessiert vielmehr, warum die Aktion und dann der Prozeß ein derartiges weltweites Echo finden konnten, während – das ist ja richtig – andere, objektiv betrachtet weitaus gravierendere Vorfälle, die ebenfalls weltweite Empörung verdient hätten, mit einem Achselzucken abgetan werden. Warum also identifizieren sich Menschen weltweit mit einer Gruppe bunt maskierter Frauen, die in einer Moskauer Kathedrale in einem Punk-Gebet die Gottesmutter Maria anflehen, sie von Putin zu erlösen? Und warum fühlen sich die russische Staatsmacht und die Orthodoxe Kirche von dieser Aktion derart angegriffen, daß sie glauben, trotz des vorhersehbaren Imageschadens, diesen Protest derart drakonisch bestrafen zu müssen?

Die Aktion hat offensichtlich auf eine Art und Weise emotionale Tiefenschichten berührt, die sich nicht allein aus der Empörung über ein ungerechtes Verfahren speist. Und diese Identifizierung setzte bereits während der Untersuchungshaft ein, bevor die abscheulichen Bilder der Frauen, die wie Tiere in einem Käfig zur Schau gestellt wurden, durch die Medien geisterten. Auf der ganzen Welt zogen sich Frauen neonfarbene Mützen über das Gesicht, schnitten Löcher für Augen und Mund hinein und wurden durch diese Maskierung selbst Teil von Pussy Riot. Mit ihren bunten Masken hatten Pussy Riot ein Symbol geschaffen. Und dieses Symbol erlaubte es Frauen auf der ganzen Welt, sich mit der Gruppe zu identifizieren, sei es abstrakt in Gedanken, sei es konkret, indem sie sich derart maskiert der Öffentlichkeit stellten.

Auf ein ähnliches Phänomen habe ich bereits vor einigen Wochen hingewiesen anläßlich der Guy Fawkes Masken, die als Symbol für Aktionen gegen Internetzensur ein emotionales Zusammengehörigkeitsgefühl stiften. Dieses Symbol hatten sich nicht die Aktivisten ausgedacht, sondern ein Künstler: Es war der Comic von V for Vendetta von Allan Moore, dem dieses Symbol entlehnt wurde. Und das ist auch der Grund, warum ein derartiges Symbol wirkt: Es ist nicht einfach ausgedacht, sondern es hat eine Geschichte, eine Tradition, die es hochgradig mit Bedeutungen auflädt. Oft genug sind diese Bedeutungen äußerst schwer zu entschlüsseln, weil sich viele historische Traditionslinien im Symbol überlagern, ihm bei jeder neuen Verwendung zusätzlich Bedeutungsschichten hinzufügen. Und dennoch erscheint denjenigen, die das Symbol für sich in Anspruch nehmen, seine Bedeutung evident: Das ist die großartige Macht der Symbole.

Und so stehen auch die neonfarbenen Strickmasken von Pussy Riot in einer Tradition, einer Tradition weiblicher Rebellion gegen die Gesellschaft, die in die Anfänge der Frauenemanzipation des 20. Jahrhunderts zurückreicht. Ich hatte bereits vor einigen Monaten gezeigt, daß die Aktion von Pussy Riot in der Linie des Dadaismus und Surrealismus steht. Die Kontinuität begann damals, als der „Oberdada“ Johannes Baader 1918 im Berliner Dom eine ähnliche Aktion – und zwar mitten während eines Gottesdienstes! – durchgeführt hatte.

Auch das ausdrucksstarke Bild der Maskierung, dessen sich Pussy Riot bedienen, reicht in die fiebrige Zeit des ersten Weltkrieges zurück, als die bürgerliche Ordnung des 19. Jahrhunderts aus den Fugen geriet. Wie bei den Guy Fawkes-Masken von Anonymous ist es ein Werk der sogenannten Populärkunst, das hier die Blaupause lieferte: Die Stummfilm-Serie Les Vampires aus den Jahren 1915/16. Mit dieser Serie knüpfte der Regisseur Louis Feuillade an seine erfolgreichen Fantômas-Filme der Jahre 1914/15 an. Die titelgebenden Vampire sind eine Verbrecherbande in Paris, die das Bürgertum auf spektakuläre Art und Weise um sein Geld und manchmal auch das Leben bringt.

Doch im Gegensatz zum männlichen Schurken Fantômas wurde in Les Vampires die eigentliche Hauptrolle von einer Frau gespielt. Jeanne Roques alias Musidora verkörperte Irma Vep, eine femme fatale, die eine herausragende Rolle in der Verbrecherbande der „Vampire“ inne hat. Die Chefs der Bande bleiben blaß, sie kommen und gehen, aber Irma Vep – ein Anagramm für Vampire – bleibt.

Bereits Fantômas war eine Figur gewesen, in der sich die Ängste des bürgerlichen Publikums vor dem Zusammenbruch der etablierten Ordnung (lustvoll) spiegeln konnten. Er wurde von Feuillade als Meister der Maske und Verkleidung inszeniert wird, trat mal als Bankier und mal als kleiner Ganove auf, und verkörperte so die Verunsicherung des Bürgertums, das nicht nur um Geld und Leben fürchtete, sondern auch, daß die klar abgegrenzten Klassenschranken, die eingespielten Machtverhältnisse in Frage gestellt werden könnten. Kein Wunder, daß die Surrealisten Fantômas liebten und eine Societé des Amis de Fantômas, eine Gesellschaft der Fantômasfreunde gründeten.

Mit der Figur der Irma Vep wurde diese Furcht noch einmal gesteigert, indem eine zusätzliche Bedrohungsebene eingezogen wurde: Griff Fantômas im wesentlichen das bürgerliche Eigentum und die Klassenverhältnisse an, so stellte Irma Vep zudem das Verhältnis der Geschlechter in Frage. Das korrespondierte durchaus mit den realen Veränderungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Immer mehr Frauen gingen einer Erwerbsarbeit nach:

„Außerhalb des Heims arbeitende Frauen waren bereits vor dem ersten Weltkrieg eine bedeutsame ökonomische Macht, die 35 bis 40 Prozent der Werktätigen stellte, was Jean Louis Robert zufolge einer der höchsten Prozentsätze in Europa war. Hinzu kam, daß sich die Art der Beschäftigung für Frauen ebenfalls änderte. Frauen wechselten in weniger traditionelle Berufe wie das Transportwesen oder die industrielle Fertigung, während die Zahl der Frauen in der Textil- und Bekleidungsindustrie zurückging.“ ([1], S. 82)

Und sie begannen nicht nur, ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. Sie gingen als Suffragetten auf die Straße und reklamierten das Wahlrecht für sich. Sie forderten, nicht länger von dern Universitäten ausgeschlossen zu bleiben sollten, und proklamierten, daß auch ihnen das Recht auf eine angemessen Bildung zustünde. Mit anderen Worten, das traditionelle männliche Selbstbild geriet ins Wanken. Und es war die Aufgabe der Kunst, für diese Ängste die richtigen Bilder zu finden, in diesem Fall die neue populäre Kunst des Kinos.

Und so beutete Louis Feuillade zusammen mit Musidora in Les Vampires diese männliche Angst vor der anwachsenden Macht der Frauen kongenial aus, indem sie mit Irma Vep das perfekte Symbol für die Bedrohung der männlichen Herrschaft schufen: Maskiert und im hautengen Seidentrikot, die Arme in die Seiten gestemmt, war Musidora ein perfektes Emblem für die Veränderungen im Machtverhältnis der Geschlechter.

Dazu paßte, daß die Darstellerin Musidora im realen Leben durchaus diesem neuen weiblichen Rollenbild einer selbstbewußten, dominanten Frau entsprach. Sie verkehrte in den Kreisen der Surrealisten, schrieb und inszenierte Theaterstücke und drehte ihre eigenen Filme.

Das maskierte Gesicht mit den großen, glühenden Augen ist also keineswegs eine Erfindung von Pussy Riot, sondern speist sich aus der Tradition feministischer Symbole. Wie weit das bewußt geschieht, wie weit das Unterbewußte oder Zufälle hier eine Rolle spielen, ist kaum zu sagen: Symbole scheren sich nicht um solche Fragen, sondern schweifen durch den semantischen Raum und werden zu Zeiten und an Orten auf einmal wieder wirkungsmächtig, wo das niemand erwartet hätte. Und wer das nicht glaubt, sondern meint, Musidora und Irma Vep seien längst vergessen, sei durch das Graffiti auf einer New Yorker U-Bahn, das der englischsprachigen Wikipedia-Artikel zu Musidora dokumentiert, eines besseren belehrt.

Nächste Woche wird es um den neuen Kontext gehen, in dem Pussy Riot dieses Symbol wieder zu neuer Wirkung gebracht haben. Freuen Sie sich also darauf, wenn Jekaterina Samuzewitsch erklärt:

„Mit unserer Aufführung haben wir es gewagt, das visuelle Bild der orthodoxen Kultur ohne den Segen des Patriarchen mit der Protestkultur in Verbindung zu bringen.“ ([2], S. 23)

Nachweise

[1] Callahan, V., Zones of Anxiety – Movement, Musidora and the Crime Serials of Louis Feuillade, Detroit 2005.

[2] Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19. August 2012: „Keine Reue – aus den Schlußplädoyers von Pussy Riot“ (Samuzewitsch, J.; Aljochina, M. & Tolokonnikowa, N.), S.23.

Written by alterbolschewik

24. August 2012 at 15:55

Veröffentlicht in Meinungsfreiheit, Punk

Der Mythos der „Revolution“

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„Die jetzige Generation muß mit der echten Revolution beginnen. Sie muß […] alles Bestehende ohne Unterschied blindlings zerstören, in dem einzigen Gedanken: »möglichst rasch und möglichst viel.«

Michail Bakunin, Die Prinzipien der Revolution (1869)

Der gefährlichste Mythos, den die antiautoritären Bewegungen aufbrachten, war zweifellos der Mythos der „Revolution“. Gefährlich deshalb, weil er zu Aktionen verführte, bei denen es nicht nur metaphorisch, sondern tatsächlich um Leben und Tod ging. Die bislang angekratzten Mythen des „Proletariats“ und der „Räte“ waren in dieser Hinsicht einigermaßen harmlos: Wer in der Fabrik versuchte, die Arbeiterklasse zu organisieren oder im selbstverwalteten Betrieb rätedemokratische Strukturen vorlebte, der lernte dabei zumindest etwas für das Leben. Doch was lernten die „Revolutionäre“ in den kapitalistischen Zentren, die irgendwann begannen, das „System“ mit der Waffe in der Hand zu bekämpfen? Weniger als nichts, wie ich bereits letztes Jahr anhand der beiden Terroristinnen Inge Viett und Margrit Schiller konstatieren mußte.

Doch dieser zugespitzte Irrsinn im Niedergang der Bewegungen, der bizarre Glaube, es würde irgend einen Sinn ergeben, eine parlamentarisch-demokratischen Ordnung mit Waffengewalt zu bekämpfen, ist nur der tragische Endpunkt eines Revolutions-Mythos, der in den 60er Jahren zunächst in völlig anderer Form das Bewußtsein der Revoltierenden bestimmt hatte.

Kehren wir noch einmal zurück zu dem Text, der meine Überlegungen zu den zentralen Bewegungs-Mythen angestoßen hatte, die Broschüre Über das Elend im Studentenmilieu von 1966. Der Text verwendet einen beträchtlichen Teil seiner Argumentation darauf, die Organisationen zu kritisieren, die sich einmal die Abschaffung des Kapitalismus auf die Fahne geschrieben hatten. Wo sie nicht selbst direkt Teil der Konterrevolution geworden sind, verfolgen sie, so die korrekte Diagnose, völlig veraltete, bürokratische Strategien. Das alte revolutionäre Ziel der Arbeiterbewegung, die Produktionsmittel zu verstaatlichen, damit die Marktmechanismen auszuhebeln und durch eine rational geplante Form gesellschaftlicher Produktion zu ersetzen, erschien den Revoltierenden der 60er Jahre nicht länger als Utopie, sondern vielmehr als Alptraum. Eine Revolution, die sich auf eine Veränderung der Eigentumsverhältnisse beschränkt, das zeigten die „realsozialistischen“ Experimente nur zu deutlich, griff viel zu kurz. Für die Situationisten bedeute dies:

„Die Revolution muß zusammen mit dem Leben, das sie ankündigt, neu erfunden werden.“ ([1])

Was den antiautoritären Rebellen der 60er Jahre vorschwebte, lag völlig jenseits dessen, was sich kleine und große Parteifunktionäre vorstellen wollten und konnten. Zwar hielt man am Mythos „Proletariat“ fest, doch diesem mythischen „Proletariat“ wurde eine ebenso mythische „Revolution“ auf den Leib geschneidert:

„Die radikale Kritik und die freie Neukonstruktion aller von der entfremdeten Wirklichkeit aufgezwungenen Werte und Verhaltensweisen sind sein Maximalprogramm und die befreite Kreativität bei der Konstruktion aller Augenblicke und Ereignisse des Lebens ist die einzige Poesie, die es anerkennen kann; die Poesie, die von allen gemacht wird, der Beginn der großen revolutionären Fete. Die proletarischen Revolutionen werden Feten sein oder sie werden nicht sein, denn das von ihnen angekündigte Leben wird selbst unter dem Zeichen der Fete geschaffen werden. Das Spiel ist die letzte Rationalität dieser Fete, Leben ohne tote Zeit und Genuß ohne Hemmnisse sind seine einzig anerkannten Regeln.“ ([1])

Die Revolution wurde nicht als gewaltsamer, blutiger Aufstand imaginiert, sondern als ein großes Fest, in dem sich die Banalität und Langeweile des Alltags verflüchtigt. Das Bild der Revolution, wie es Mitte der 60er Jahre die Phantasie der Rebellierenden prägte, stützte sich mindestens ebensosehr auf Louis Malles Film Viva Maria! wie auf das Kommunistische Manifest. Noch 1968 wies Bernd Rabehl völlig ironiefrei im Spiegel darauf hin:

„Die revolutionäre Leidenschaft Brigitte Bardots und Jeanne Moreaus wurde für die radikalen Studenten des SDS im Jahre 1966 zum politischen Vorbild. In einem Revuefilm – »Viva Maria« – stellten die beiden Filmstars zwei revolutionäre Marias dar, die gemeinsam den kulturellen Plunder des »geistigen Tierreichs« – der bürgerlichen Gesellschaft – zusammenschossen und einen Volkskrieg der revolutionären Bauern gegen ein Marionetten-Regime eröffneten.
In dieser Film-Fabel hatten zwei Traditionen des revolutionären Kampfes der vergangenen hundert Jahre sich zusammengefunden. Die Anarchistin Bardot drängt mit ihrer antiautoritären Haltung zur Rebellion, während die Marxistin Moreau den richtigen Zeitpunkt des Aufstandes abwägt, den ungestümen Anarchismus mit den wirklichen Verhältnissen konfrontiert.
Diese Filmkomödie zeigte im Schaubild das Selbstverständnis der antiautoritären SDSler.“ ([3])

Dieses lustbetonte Bild der Revolution, das in den Köpfen der antiautoritären Rebellen herumschwirrte, war jedoch kaum in eine stringente politische Strategie umzusetzen. So lange die Bewegung im Aufsteigen begriffen war und sich über spektakuläre Publizität nicht beklagen konnte, schienen diese mangelnden Perspektiven vernachlässigbar. Doch 1969 brach die Woge der Rebellion und flutete zurück. Die Rebellion hatte, trotz allem Gerede von Revolution, kaum einen Einfluß auf die politischen Strukturen gehabt, ganz zu schweigen von den Eigentumsverhältnissen. Jetzt, wo die Rebellen sich zersplitterten, wurden verschiedenste Versuche unternommen, den ursprünglichen Schwung der Revolte auf einer höheren Ebene zu erneuern.

Diejenigen, die sich als die entschiedensten Revolutionäre begriffen, suchten nun das Bündnis mit den antikolonialen Befreiungsbewegungen. Diese waren bereits in früheren Jahren mit Sympathie betrachtet worden. Und an den Universitäten gab es genügend Kommilitonen aus diesen Ländern, die deutlich konkretere Vorstellungen von einem revolutionären Befreiungskampf hatten als ihre einheimischen Genossen. Für ihre Heimatländer stellte sich das Problem der Revolution ganz real, und zwar als militärischer Machtkampf, nicht als ein großes Fest. Ein Teil der antiautoritären Rebellen in den kapitalistischen Zentren glaubte nun, diese Kämpfe nutzen zu können, um für sich selbst eine Perspektive zu finden. Sie wollten sich nicht länger mit mehr oder minder symbolischen Solidaritätsaktionen begnügen. Der spielerische Revolutionsbegriff hatte ausgedient.

Jetzt wollte man wirklich Revolution machen, mit richtigen Pistolen und Bomben. Man begriff sich als Teil einer globalen revolutionären Bewegung, die tatsächlich die Machtfrage stellte. So unterstellte die RAF den antiautoritären Bewegung ihre eigenen antiimperialistischen Ziele:

„Was ihr das Selbstbewußtsein gab waren nicht entfaltete Klassenkämpfe hier, sondern das Bewußtsein, Teil einer internationalen Bewegung zu sein, es mit demselben Klassenfeind hier zu tun zu haben, wie der Vietcong dort, mit demselben Papiertiger, mit denselben Pigs.“ ([4], S. 347)

Vom diesem abstrakten Bewußtsein aus wurde dann in die konkrete Tat gesprungen, mit den bekannten desaströsen Folgen. Der an sich schon problematische Mythos der Revolution versteinerte zu reiner Ideologie. Als Mythos hatte die „Revolution“ zumindest eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, von den konkreten Strukturen des Alltagslebens bis hin zu den allgemein-gesellschaftlichen Eigentums- und Machtverhältnissen auf die Tagesordnung gesetzt. Und damit wurde ein gesellschaftliches Experimentierfeld eröffnet, in dem grundlegend neue Erfahrungen gemacht werden konnten. Die Verengung zu einer revolutionären Ideologie des antiimperialistischen Kampfes Seit‘ an Seit‘ mit den antikolonialen Befreiungsbewegungen zerstörte zusehends dieses Experimentierfeld.

Dieser jämmerliche Niedergang, den die Kategorie der Revolution im Entwicklungsprozeß der antiautoritären Bewegungen erlitt, soll uns nächste Woche aber nicht am Versuch hindern, die Symbolkraft der Trias Proletariat-Räte-Revolution zu untersuchen. Freuen Sie sich also darauf, wenn wir mit Henri Lefebvre der Meinung sind:

„In den konfusen Bestrebungen einer Epoche sind Ideologie, Utopie, Mythen und Symbole derart ineinander verwoben, daß sie nicht zu entwirren sind. Die Trennung erfolgt erst nachträglich – und dies auch nur für den Analytiker, der sich damit vorrangig beschäftigt.“ ([2], S. 112)

Nachweise

[1] [Mustapha Khayati]: „Über das Elend im Studentenmilieu, betrachtet unter seinen ökonomischen, politischen, sexuellen und besonders intellektuellen Aspekten und über einige Mittel diesen abzuhelfen“, URL: http://www.bildungskritik.de/Texte/ElendStudenten/elendstudenten.htm, abgerufen am 21. Juli 2012.

[2] Lefebvre, H.: „Über das Thema des Neuen Lebens“, in: Lefebvre, H., Einführung in die Modernität. Zwölf Präludien, Frankfurt a.M. 1978, S. 81 – 115.

[3] Rabehl, B., „Karl Marx und der SDS“, in: Der Spiegel, Jg.22 (1968), Nr.18 (29. April 1968), S.86.

[4] Rote Armee Fraktion: „Das Konzept Stadtguerilla“, in: Rote Armee Fraktion, texte: der RAF, o.O. 1983 (überarbeitete und aktualisierte Ausgabe).

Written by alterbolschewik

17. August 2012 at 14:55

Der Mythos der „Räte“

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„Der Ausweg aus dem Parlamentarismus ist natürlich nicht in der Aufhebung der Vertretungskörperschaften und der Wählbarkeit zu suchen, sondern in der Umwandlung der Vertretungskörperschaften aus Schwatzbuden in »arbeitende« Körperschaften.“

W.I. Lenin, Staat und Revolution

Einer der unerschütterlichsten Mythen des linksradikalen Selbstverständnisses seit den 60er Jahren ist der Mythos der „Räte“ – an dem auch Über das Elend im Studentenmilieu fleißig weiter mitstrickte:

„Die Demokratie der Arbeiterräte ist die Lösung des Rätsels aller gegenwärtigen Trennungen.“ ([1])

Tatsächlich ist das einzig wirklich Bestechende an der Theorie der Räte, daß sie sich nie in der Praxis bewähren mußte. Dort, wo Räte tatsächlich historisch auftraten, waren sie spontane Notbehelfe im Kontext einer revolutionären Situation. Die Situationen, in denen sich Räte bildete, hatte eines gemeinsam: Eine etablierte Ordnung wurde nicht durch eine organisierte Gruppe von Putschisten gestürzt, sondern verlor durch äußere Umstände – meist kriegerischer Art – jeden nennenswerten Rückhalt. In einer solchen Situation muß sich spontan eine Gegenmacht konstituieren, die so lange die wichtigsten Aufgaben übernimmt, bis sich neue, stabile Formen der Ordnung herausgebildet haben. Räte sind die einfachste Form organisierter Gegenmacht, die man sich ausdenken kann: Wo die Verwaltung der öffentlichen Aufgaben zusammengebrochen ist, weil die bislang Herrschenden dazu nicht mehr in der Lage sind, wählen überschaubare Gruppen von Menschen aus ihrem unmittelbaren Umfeld Delegierte. Diese repräsentieren dann den Stadtteil, das Regiment oder die Fabrik in Delegiertenversammlungen, auf denen die nächsten notwendigen Aufgaben beschlossen und verteilt werden. Das Mandat, das diese Delegierten in der Regel erhalten, ist strikt imperativ, da sie nur das Sprachrohr derer bilden, die sie gewählt haben.

In Zeiten der revolutionären Krise entsteht diese Repräsentationsform mit schöner Regelmäßigkeit von selbst. Und tatsächlich handelt es sich dabei – zumindest in der Theorie – um eine überlegene Form demokratischer Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten. In der Praxis allerdings ist diese Form der Entscheidungsfindung furchtbar ineffizient. Da die Delegierten allein über ein imperatives Mandat verfügen, funktioniert diese Repräsentationsform nur dort, wo es sich um die Organisierung der nächsten, klar anstehender Aufgaben geht: Planung der unmittelbaren Verteidigung, Verteilung der vorhanden Lebensmittel, Versorgung von Verletzten etc. Alle diese unmittelbar praktischen Aufgaben können von einem Rätesystem ganz passabel bewältigt werden, insbesondere weil der revolutionäre Enthusiasmus hilft, über kleinliche Differenzen hinwegzusehen. Tatsächlich funktioniert das nicht nur in revolutionären Krisen, sondern auch bei Naturkatastrophen, wenn die etablierte Ordnung nicht in der Lage ist, effizient Hilfe zu leisten.

Doch jenseits derartiger Ausnahmesituationen ist das basisdemokratische Räteprinzip furchtbar ineffizient. Wenn es nicht um konkrete, auf der Hand liegende Aufgaben, sondern um strategische Entscheidungen geht, ist das Prinzip des imperativen Mandats für jede wirkliche zukunftsweisende Entscheidung lähmend. Die Delegierten dürfen nicht eigenmächtig ihr Mandat ändern, sondern müssen jede Entscheidung wieder der Basis vorlegen. Diese wird dann mühsam über den Stand der Debatte informiert werden und alles noch einmal durchkauen. Wichtige strategische Entscheidungen verzögern sich oder werden überhaupt nicht getroffen – was in Krisensituationen, in denen sich die Räte konstituieren, in der Regel fatal ist.

Ich bin zu wenig Militärhistoriker um beurteilen zu können, ob die Pariser Kommune 1871 hätte siegreich sein können, wenn sie ihre Verteidigung effizienter organisiert hätte oder ob die Russische Revolution nicht auch dann gegen die Konterrevolution triumphiert hätte, wenn sich die Bolschwiki nicht an die Macht geputscht hätten. Tatsache aber ist, daß es kein historisches Beispiel dafür gibt, daß sich die Räte in einer konkreten historischen Situation als überlegene Form revolutionärer Gegenmacht erwiesen hätten.

Die Begeisterung für die „Räte“ in den antiautoritären Bewegungen entspricht also keineswegs deren realer historischer Bedeutung. Tatsächlich war es Karl Marx selbst, der diese Überschätzung des Räteprinzips in die Welt gesetzt hatte, als er über die Pariser Kommune schrieb:

„Ihr wahres Geheimnis war dies: Sie war wesentlich eine Regierung der Arbeiterklasse, das Resultat des Kampfs der hervorbringenden gegen die aneignende Klasse, die endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte.“ ([3], S. 342)

Dieser Mythos von der „endlich entdeckten politischen Form“ bediente, ebenso wie der letzte Woche kritisierte Mythos vom „Proletariat“, innerhalb der anti-autoritären Bewegungen einen zutiefst revolutionär-romantischen Impuls. Gerade das Scheitern der Räte wurde als Ausweis ihrer Überlegenheit betrachtete. Und so wurden im Rahmen und in der Folge der anti-autoritären Bewegungen all die vergessenen rätekommunistischen Ketzer wiederentdeckt, die sich der unbefriedigenden Alternative verweigert hatten, sich entweder für den sozialdemokratischen Reformismus oder die leninistische Diktatur zu entscheiden. Karl Korsch, Anton Pannekoek, Paul Mattik, Otto Rühle und andere vergessene Autoren wurden in den 60er und 70er Jahren wieder aufgelegt, zunächst in Raubdrucken und von Kleinverlagen, später auch von „bürgerlichen“ Verlagen wie Rowohlt oder Fischer.

Wenn man allerdings genauer hinschaut, findet man in all den Schriften der Rätekommunisten kaum konkrete Hinweise darauf, wie denn ein Rätesystem im Gegensatz zur bolschwistischen Diktatur oder zum bürgerlichern Parlamentarismus funktionieren soll. Die Schriften sind voll von Kritiken am Bolschewismus und am Parlamentarismus, aber eine Konkretisierung des Räteprinzips, eine Ausarbeitung, wie sich denn eine moderne, hochindustrialisierte Gesellschaft auf Basis von Räten verwalten soll, fehlt. Die einzige mir bekannte Ausnahme: Karl Korsch war nach der Novemberrevolution 1919 tatsächlich daran beteiligt, eine Räteverfassung auszuarbeiten ([2]); unnötig festzustellen, daß daraus nichts wurde, und zwar nicht allein aus politischen Gründen, sondern auch aus Gründen der Praktikabilität.

Historisch gesehen sind die „Räte“, wie das „Proletariat“, nur ein Mythos, der durch die Diskurse der antiautoritären Bewegungen spukte, eine Chiffre, die dort scheinbar als Erklärung fungierte, wo Erklärungen an ihre Grenzen stießen. Immer, wenn die Frage aufkam, wie denn ein Kommunismus aussehen solle, der sich nicht als Diktatur einer Partei entpuppe, wurden die „Räte“ aus dem Hut gezaubert; und genauere Fragen, wie das denn aussehen solle, mit dem Hinweis abgeschmettert, daß das die Räte schon selbst entscheiden müßten.

Doch wie bereits beim Mythos „Proletariat“ müssen wir konstatieren, daß der Mythos „Räte“ nicht nichts ist. Tatsächlich war er sogar um einiges wirkmächtiger als der Mythos „Proletariat“, denn er schlug sich nicht wie dieser allein in einem aussichtslosen Versuch nieder, ein nicht existierendes Proletariat zu organisieren. Der Mythos der „Räte“ sollte in den 70er Jahren zahllose Experimente inspirieren, die allein aufzuzählen hier den Rahmen sprengen würde.

Um nur einige Beispiele zu nennen: In zahlreichen selbstverwalteten Betriebe wie Buchhandlungen, Druckereien oder Umzugsfirmen, wurde versucht, das Räteprinzip direkt umzusetzen und ohne Hierarchien auszukommen. Alle Angelegenheiten sollten im Kollektiv besprochen, geplant und umgesetzt werden. Legendärstes Beispiel einer solchen Selbstverwaltung war zweifellos die Uhrenfabrik LIP in Besançon: Ohne den Mythos der „Räte“ hätten die Arbeiterinnen und Arbeiter ihre Fabrik nicht einfach übernommen und in Eigenregie weitergeführt.

Das Prinzip der „Räte“ inspirierte aber auch, selbst wenn das vielen nicht bewußt war, die Bürgerinitiativen. Statt auf die repräsentative Demokratie zu vertrauen, organisierten sich die Bürger zumindest punktuell selbst, weil sie sich durch die parlamentarischen Vertretungsorgane nicht mehr repräsentiert sahen. Und selbst bei der Gründung der GRÜNEN-Partei Anfang der 80er Jahre wurde mit dem Rotationsprinzip noch für kurze Zeit an das imperative Delegationsprinzip der Räte erinnert.

Trotzdem die Räte also historisch gesehen nur ein Mythos waren, wurden sie insofern zu einer Realität, als sie Versuche in Gang setzten, neue Formen gesellschaftlicher Teilhabe, die die alten hierarchischen Strukturen in Frage stellten, zu entwickeln. Auch die „Räte“ sind ein Symbol, ein wenig durchschaubares, rätselhaftes Etwas, das aus der Vergangenheit in eine unbekannte Zukunft ragt und für deren Gestaltung als Inspirationsquelle dient. Ein Symbol, das mit dem Symbol „Proletariat“ eng verschwistert ist, und die beide gemeinsam der Entzifferung harren.

Doch für diese Entzifferung fehlt uns noch ein drittes Symbol. Wir müssen deshalb nächste Woche noch einen Mythos auf den Schlachtblock legen, und zwar den Mythos, den jeder Linksradikale mit Zähnen und Klauen verteidigen wird. Doch es hilft nichts: Nächste Woche kommt der Mythos „Revolution“ unter das Messer und wird nur mehr als Symbol auferstehen.

Empören Sie sich also nächste Woche darüber, wenn die folgende Behauptung Mustafa Khayatis in Grund und Boden kritisiert wird:

„Die Revolte der Jugend gegen die Lebensweise, die ihr aufgezwungen wird, ist in Wirklichkeit nur das Vorzeichen einer umfassenderen Subversion, bei der alle mitwirken werden, die immer mehr die Unmöglichkeit zum Leben fühlen, das Vorspiel der nächsten revolutionären Epoche.“ ([1])

Nachweise

[1] [Mustapha Khayati]: „Über das Elend im Studentenmilieu, betrachtet unter seinen ökonomischen, politischen, sexuellen und besonders intellektuellen Aspekten und über einige Mittel diesen abzuhelfen“, URL: http://www.bildungskritik.de/Texte/ElendStudenten/elendstudenten.htm, abgerufen am 21. Juli 2012.

[2] Korsch, K.: „Was ist Sozialisierung? Ein Programm des praktischen Sozialismus“, in: Korsch, K., Gesamtausgabe Bd. 2, Frankfurt a. M. 1980ff, S. 97 – 133.

[3] Marx, K.: „Die Klassenkämpfe in Frankreich“, in: Marx, K. & Engels, F., Werke Bd. 17, Berlin 1956ff, S. 313-365.

Written by alterbolschewik

10. August 2012 at 14:07

Veröffentlicht in Marx

Der Mythos des „Proletariats“

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„Mann der Arbeit, aufgewacht!
Und erkenne deine Macht!
Alle Räder stehen still.
Wenn dein starker Arm es will.“

Georg Herwegh, Bundeslied

Letzte Woche wurden bereits die ersten beiden Teile der Broschüre Über das Elend im Studentenmilieu referiert, die Teile, in denen es um die Kritik der Studenten und die der sich als revolutionär begreifenden Organisationen ging. Wie versprochen, soll es heute um den dritten Teil gehen, der sich als eine Art Programmatik der sich anbahnenden Revolte verstand.

Für eine Organisation, deren bekanntester Slogan „Travaillez jamais! Arbeitet nie!“ lautete, war es einigermaßen verblüffend, daß die Situationisten ausgerechnet das Proletariat als Überwinder der alten Ordnung anriefen. Der programmatische Teil der Broschüre beschwor die Tradition der Arbeiterbewegung, in deren direkter Abstammungslinie sich die Situationisten verstanden. Allerdings ging es – wie überhaupt in weiten Teilen der anti-autoritären Bewegungen – nicht um die offizielle Geschichte der Arbeiterbewegung, egal ob nun in deren sozialdemokratischer oder kommunistischer Lesart, im Gegenteil. Sowohl die Erfolge der Sozialdemokraten in den kapitalistischen Ländern wie die der Kommunisten in den sogenannten „sozialistischen“ Staaten wurden nicht als Siege, sondern als Niederlagen interpretiert:

„Der Triumph der bolschewistischen Ordnung fällt mit der Bewegung der internationalen Konterrevolution zusammen, die mit der Zerschlagung der Spartakisten durch die deutsche »Sozialdemokratie« ihren Anfang nahm. Ihr gemeinsamer Triumph war tiefer als ihr scheinbarer Gegensatz und diese bolschewistische Ordnung stellte schließlich nur eine neue Verkleidung und eine besondere Gestalt der alten Ordnung dar.“ ([1])

Gegen diese „Siege“ wird, im Sinne einer „anderen“ Arbeiterbewegung, auf alternative Traditionen proletarischen Widerstandes Bezug genommen. Khayati zitiert in diesem Zusammenhang Karl Liebknecht, der kurz vor seiner Ermordung in der Roten Fahne geschrieben hatte:

„Aber es gibt Niederlagen, die Siege sind; und Siege, verhängnisvoller als Niederlagen.“ ([3])

Statt sich auf die Pyrrhus-Siege der Arbeiterbewegung zu beziehen, werden die großen Niederlagen beschworen, die Pariser Kommune, die Kronstädter Matrosen, der Spanische Bürgerkrieg. Diese Referenz, die den gescheiterten Aufstandsversuchen erwiesen wird, ist nur scheinbar paradox. Tatsächlich wird bereits in der Überschrift Endlich die Situation schaffen, die jede Rückkehr unmöglich macht auf den 18. Brumaire hingewiesen, wo Marx schrieb:

„Bürgerliche Revolutionen, wie die des achtzehnten Jahrhunderts, stürmen rascher von Erfolg zu Erfolg, ihre dramatischen Effekte überbieten sich, Menschen und Dinge scheinen in Feuerbrillanten gefaßt, die Ekstase ist der Geist jedes Tages; aber sie sind kurzlebig, bald haben sie ihren Höhepunkt erreicht, und ein langer Katzenjammer erfaßt die Gesellschaft, ehe sie die Resultate ihrer Drang- und Sturmperiode nüchtern sich aneignen lernt. Proletarische Revolutionen dagegen, wie die des neunzehnten Jahrhunderts, kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem eignen Lauf, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder von neuem anzufangen, verhöhnen grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche, scheinen ihren Gegner nur niederzuwerfen, damit er neue Kräfte aus der Erde sauge und sich riesenhafter ihnen gegenüber wieder aufrichte, schrecken stets von neuem zurück vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eigenen Zwecke, bis die Situation geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich macht, und die Verhältnisse selbst rufen

Hic Rhodus, hic salta!
Hier ist die Rose, hier tanze!“ ([4], S. 118)

Das eigentlich emanzipatorische Potential des Proletariats wird von den Situationisten in seinen Niederlagen gesucht. Es ist kaum möglich, sich hier nicht an den von ihnen geschmähten Lefebvre zu erinnern: Diese Bezugnahme auf ein „Proletariat“, das im Scheitern seine Größe zeigt, ist zutiefst revolutionär-romantisch. Aus dem Blickwinkel des romantischen Revolutionärs sind die Niederlagen der Ausweis dafür, das das Möglich-Unmögliche versucht worden ist, daß Anlauf genommen wurde für den großen Sprung.

Natürlich läßt sich aus einer Distanz von inzwischen beinahe einem halben Jahrhundert leicht sagen, daß dieses „Proletariat“, das sich die Situationisten (und viele andere in den 60er und 70er Jahren) vorstellten, mit der real existierenden arbeitenden Bevölkerung wenig bis nichts gemein hatte. Das „Proletariat“ war im strikten Sinne ein Mythos, eine aus der Vergangenheit des 19. Jahrhunderts überlieferte Erzählfigur. Diese alte Figur wurde in den Zukunftsentwurf der Revoltierenden eingesetzt, weil eben die angestrebte Zukunft völlig unklar war. Damit ist das „Proletariat“ nicht einfach eine Verkennung der Wirklichkeit – wie heute so gerne über die „68er“ gespottet wird – sondern der selbst zum Scheitern verurteilte Versuch, die Zukunft mit Begriffen der Vergangenheit zu begreifen. Damit hat der Mythos eine eigene Form der Rationalität, worauf schon Horkheimer und Adorno hingewiesen hatten:

„Der Mythos wollte berichten, nennen, den Ursprung sagen: damit aber darstellen, festhalten, erklären.“ ([2], S. 30)

Doch gerade darin liegt seine Gefährlichkeit. Er ist rational und irrational zugleich, er produziert eine falsche Klarheit und Eindeutigkeit, wo doch eher Fragen angebracht gewesen wäre.

„Mit der Aufzeichnung und Sammlung der Mythen hat sich das verstärkt. Sie wurden früh aus dem Bericht zur Lehre.“ ([2], S. 30)

Das beschreibt ziemlich genau die Problematik eines Teils der anti-autoritären Bewegungen. In dem Maße, in dem sich die Bewegungen entwickelten, sich in reale gesellschaftliche Konflikte verstrickten, angegriffen wurden und zurückschlugen, in dem Maße verfestigte sich das mythische „Proletariat“ zu einer kaum mehr zu hinterfragenden Voraussetzung für gesellschaftliche Veränderung. Die Situationisten sind in dieser Hinsicht nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Was einmal eine Leerstelle in einem Diskurs ausfüllte, schien Ende der 60er Jahre aus dem Diskurs ins reale Leben zu treten. Der wilde Generalstreik des französischen Mai 1968 oder die Septemberstreiks in Deutschland 1969 erbrachten trotz ihrer weitgehenden Folgenlosigkeit für viele den Beweis dafür, daß der mythische Riese Proletariat jederzeit aus seinem Kyffhäuser zurückkehren kann und dann dem Kapitalismus das letzte Stündchen geschlagen habe.

Dieser Mythos hat bekanntlich die schlimmsten Verheerungen im Niedergang der anti-autoritären Bewegungen angerichtet. Mit den Versuchen, das „Proletariat“ zum Jagen zu tragen, hat ein durchaus bedeutsamer Teil der anti-autoritären Bewegungen einen erheblichen Teil seiner Jugend verschwendet. Um dann, frustriert, zusammen mit dem „Proletariat“ das Projekt einer grundlegenden Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen aufzugeben.

Doch ist dies alles, was vom Mythos „Proletariats“ übrigbleibt? War es einfach ein großer Irrtum, den man am besten schnell wieder vergißt? Ich glaube nicht. Die Zeitgenossen hatten wahrscheinlich nur die Möglichkeit, entweder an den Mythos zu glauben oder die Realität der Werktätigen zu akzeptieren. In Übereinstimmung waren diese beiden Sichtweisen nicht zu bringen. So lange sie an das „Proletariat“ glaubten, konnten sie die Realität nicht akzeptieren; und machten sie dann die Erfahrung der Realität, löste sich ihr „Proletariat“ in Nichts auf.

Uns Nachgeborenen allerdings eröffnet sich eine dritte Möglichkeit. Denn das „Proletariat“ der 60er und 70er Jahre war ja nicht einfach nichts, eine bloße Chimäre angesichts der gesellschaftlichen Realität. Es hat Menschen mobilisiert, hat ihr Leben verändert, sie haben sich seinetwegen in Abenteuer gestürzt, die uns heute unglaublich erscheinen. Und dabei haben sie nicht nur sich, sondern auch die Gesellschaft verändert – ob zum Guten oder Schlechten, sei einmal völlig dahingestellt. Das, was diese Veränderungen bewirkt hat, dieses „Proletariat“, kann deshalb nicht nichts sein, sondern es war zweifellos etwas.

Allerdings ein rätselhaftes, sich selbst unklares, verschwommenes Etwas, zutiefst widersprüchlich, schwer zu entziffern, aus unklaren Vorstellungen hervorgegangen, gleichzeitig versuchend, diesem Unklaren Gestalt zu verleihen, eine falsche Gestalt, die gleichwohl etwas Wahres ausdrückte. Mit Lefebvre können wir einem solchen Etwas einen Namen geben: Es ist ein Symbol. Und vielleicht gelingt es, mit einem Abstand von einem halben Jahrhundert, dieses Symbol zu entziffern. Doch dazu müssen noch ein paar Mythen mehr geopfert werden.

Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn wir Mustafa Khayati entgegentreten, der behauptet:

„Die Frage der Organisation wird das jüngste Gericht der neuen revolutionären Bewegung sein, das Gericht, vor dem die Kohärenz ihres wesentlichen Projekts beurteilt wird: die internationale Verwirklichung der absoluten Macht der Arbeiterräte, wie sie sich in den proletarischen Revolutionen dieses Jahrhunderts als Erfahrung abzeichnete.“ ([1])

Nachweise

[1] [Mustapha Khayati]: „Über das Elend im Studentenmilieu, betrachtet unter seinen ökonomischen, politischen, sexuellen und besonders intellektuellen Aspekten und über einige Mittel diesen abzuhelfen“, URL: http://www.bildungskritik.de/Texte/ElendStudenten/elendstudenten.htm, abgerufen am 21. Juli 2012.

[2] Horkheimer, M. & Adorno, T. W.: „Dialektik der Aufklärung“, in: Horkheimer, M., Gesammelte Schriften Bd. 5, Frankfurt 1985ff.

[3] Liebknecht, K.: „Trotz alledem!“, URL: http://www.mlwerke.de/kl/kl_004.htm, abgerufen am 3. August 2012.

[4] Marx, K.: „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, in: Marx, K. & Engels, F., Werke Bd. 8, Berlin 1956ff.

Written by alterbolschewik

3. August 2012 at 15:34

Veröffentlicht in Situationisten