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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Der Mythos des „Proletariats“

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„Mann der Arbeit, aufgewacht!
Und erkenne deine Macht!
Alle Räder stehen still.
Wenn dein starker Arm es will.“

Georg Herwegh, Bundeslied

Letzte Woche wurden bereits die ersten beiden Teile der Broschüre Über das Elend im Studentenmilieu referiert, die Teile, in denen es um die Kritik der Studenten und die der sich als revolutionär begreifenden Organisationen ging. Wie versprochen, soll es heute um den dritten Teil gehen, der sich als eine Art Programmatik der sich anbahnenden Revolte verstand.

Für eine Organisation, deren bekanntester Slogan „Travaillez jamais! Arbeitet nie!“ lautete, war es einigermaßen verblüffend, daß die Situationisten ausgerechnet das Proletariat als Überwinder der alten Ordnung anriefen. Der programmatische Teil der Broschüre beschwor die Tradition der Arbeiterbewegung, in deren direkter Abstammungslinie sich die Situationisten verstanden. Allerdings ging es – wie überhaupt in weiten Teilen der anti-autoritären Bewegungen – nicht um die offizielle Geschichte der Arbeiterbewegung, egal ob nun in deren sozialdemokratischer oder kommunistischer Lesart, im Gegenteil. Sowohl die Erfolge der Sozialdemokraten in den kapitalistischen Ländern wie die der Kommunisten in den sogenannten „sozialistischen“ Staaten wurden nicht als Siege, sondern als Niederlagen interpretiert:

„Der Triumph der bolschewistischen Ordnung fällt mit der Bewegung der internationalen Konterrevolution zusammen, die mit der Zerschlagung der Spartakisten durch die deutsche »Sozialdemokratie« ihren Anfang nahm. Ihr gemeinsamer Triumph war tiefer als ihr scheinbarer Gegensatz und diese bolschewistische Ordnung stellte schließlich nur eine neue Verkleidung und eine besondere Gestalt der alten Ordnung dar.“ ([1])

Gegen diese „Siege“ wird, im Sinne einer „anderen“ Arbeiterbewegung, auf alternative Traditionen proletarischen Widerstandes Bezug genommen. Khayati zitiert in diesem Zusammenhang Karl Liebknecht, der kurz vor seiner Ermordung in der Roten Fahne geschrieben hatte:

„Aber es gibt Niederlagen, die Siege sind; und Siege, verhängnisvoller als Niederlagen.“ ([3])

Statt sich auf die Pyrrhus-Siege der Arbeiterbewegung zu beziehen, werden die großen Niederlagen beschworen, die Pariser Kommune, die Kronstädter Matrosen, der Spanische Bürgerkrieg. Diese Referenz, die den gescheiterten Aufstandsversuchen erwiesen wird, ist nur scheinbar paradox. Tatsächlich wird bereits in der Überschrift Endlich die Situation schaffen, die jede Rückkehr unmöglich macht auf den 18. Brumaire hingewiesen, wo Marx schrieb:

„Bürgerliche Revolutionen, wie die des achtzehnten Jahrhunderts, stürmen rascher von Erfolg zu Erfolg, ihre dramatischen Effekte überbieten sich, Menschen und Dinge scheinen in Feuerbrillanten gefaßt, die Ekstase ist der Geist jedes Tages; aber sie sind kurzlebig, bald haben sie ihren Höhepunkt erreicht, und ein langer Katzenjammer erfaßt die Gesellschaft, ehe sie die Resultate ihrer Drang- und Sturmperiode nüchtern sich aneignen lernt. Proletarische Revolutionen dagegen, wie die des neunzehnten Jahrhunderts, kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem eignen Lauf, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder von neuem anzufangen, verhöhnen grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche, scheinen ihren Gegner nur niederzuwerfen, damit er neue Kräfte aus der Erde sauge und sich riesenhafter ihnen gegenüber wieder aufrichte, schrecken stets von neuem zurück vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eigenen Zwecke, bis die Situation geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich macht, und die Verhältnisse selbst rufen

Hic Rhodus, hic salta!
Hier ist die Rose, hier tanze!“ ([4], S. 118)

Das eigentlich emanzipatorische Potential des Proletariats wird von den Situationisten in seinen Niederlagen gesucht. Es ist kaum möglich, sich hier nicht an den von ihnen geschmähten Lefebvre zu erinnern: Diese Bezugnahme auf ein „Proletariat“, das im Scheitern seine Größe zeigt, ist zutiefst revolutionär-romantisch. Aus dem Blickwinkel des romantischen Revolutionärs sind die Niederlagen der Ausweis dafür, das das Möglich-Unmögliche versucht worden ist, daß Anlauf genommen wurde für den großen Sprung.

Natürlich läßt sich aus einer Distanz von inzwischen beinahe einem halben Jahrhundert leicht sagen, daß dieses „Proletariat“, das sich die Situationisten (und viele andere in den 60er und 70er Jahren) vorstellten, mit der real existierenden arbeitenden Bevölkerung wenig bis nichts gemein hatte. Das „Proletariat“ war im strikten Sinne ein Mythos, eine aus der Vergangenheit des 19. Jahrhunderts überlieferte Erzählfigur. Diese alte Figur wurde in den Zukunftsentwurf der Revoltierenden eingesetzt, weil eben die angestrebte Zukunft völlig unklar war. Damit ist das „Proletariat“ nicht einfach eine Verkennung der Wirklichkeit – wie heute so gerne über die „68er“ gespottet wird – sondern der selbst zum Scheitern verurteilte Versuch, die Zukunft mit Begriffen der Vergangenheit zu begreifen. Damit hat der Mythos eine eigene Form der Rationalität, worauf schon Horkheimer und Adorno hingewiesen hatten:

„Der Mythos wollte berichten, nennen, den Ursprung sagen: damit aber darstellen, festhalten, erklären.“ ([2], S. 30)

Doch gerade darin liegt seine Gefährlichkeit. Er ist rational und irrational zugleich, er produziert eine falsche Klarheit und Eindeutigkeit, wo doch eher Fragen angebracht gewesen wäre.

„Mit der Aufzeichnung und Sammlung der Mythen hat sich das verstärkt. Sie wurden früh aus dem Bericht zur Lehre.“ ([2], S. 30)

Das beschreibt ziemlich genau die Problematik eines Teils der anti-autoritären Bewegungen. In dem Maße, in dem sich die Bewegungen entwickelten, sich in reale gesellschaftliche Konflikte verstrickten, angegriffen wurden und zurückschlugen, in dem Maße verfestigte sich das mythische „Proletariat“ zu einer kaum mehr zu hinterfragenden Voraussetzung für gesellschaftliche Veränderung. Die Situationisten sind in dieser Hinsicht nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Was einmal eine Leerstelle in einem Diskurs ausfüllte, schien Ende der 60er Jahre aus dem Diskurs ins reale Leben zu treten. Der wilde Generalstreik des französischen Mai 1968 oder die Septemberstreiks in Deutschland 1969 erbrachten trotz ihrer weitgehenden Folgenlosigkeit für viele den Beweis dafür, daß der mythische Riese Proletariat jederzeit aus seinem Kyffhäuser zurückkehren kann und dann dem Kapitalismus das letzte Stündchen geschlagen habe.

Dieser Mythos hat bekanntlich die schlimmsten Verheerungen im Niedergang der anti-autoritären Bewegungen angerichtet. Mit den Versuchen, das „Proletariat“ zum Jagen zu tragen, hat ein durchaus bedeutsamer Teil der anti-autoritären Bewegungen einen erheblichen Teil seiner Jugend verschwendet. Um dann, frustriert, zusammen mit dem „Proletariat“ das Projekt einer grundlegenden Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen aufzugeben.

Doch ist dies alles, was vom Mythos „Proletariats“ übrigbleibt? War es einfach ein großer Irrtum, den man am besten schnell wieder vergißt? Ich glaube nicht. Die Zeitgenossen hatten wahrscheinlich nur die Möglichkeit, entweder an den Mythos zu glauben oder die Realität der Werktätigen zu akzeptieren. In Übereinstimmung waren diese beiden Sichtweisen nicht zu bringen. So lange sie an das „Proletariat“ glaubten, konnten sie die Realität nicht akzeptieren; und machten sie dann die Erfahrung der Realität, löste sich ihr „Proletariat“ in Nichts auf.

Uns Nachgeborenen allerdings eröffnet sich eine dritte Möglichkeit. Denn das „Proletariat“ der 60er und 70er Jahre war ja nicht einfach nichts, eine bloße Chimäre angesichts der gesellschaftlichen Realität. Es hat Menschen mobilisiert, hat ihr Leben verändert, sie haben sich seinetwegen in Abenteuer gestürzt, die uns heute unglaublich erscheinen. Und dabei haben sie nicht nur sich, sondern auch die Gesellschaft verändert – ob zum Guten oder Schlechten, sei einmal völlig dahingestellt. Das, was diese Veränderungen bewirkt hat, dieses „Proletariat“, kann deshalb nicht nichts sein, sondern es war zweifellos etwas.

Allerdings ein rätselhaftes, sich selbst unklares, verschwommenes Etwas, zutiefst widersprüchlich, schwer zu entziffern, aus unklaren Vorstellungen hervorgegangen, gleichzeitig versuchend, diesem Unklaren Gestalt zu verleihen, eine falsche Gestalt, die gleichwohl etwas Wahres ausdrückte. Mit Lefebvre können wir einem solchen Etwas einen Namen geben: Es ist ein Symbol. Und vielleicht gelingt es, mit einem Abstand von einem halben Jahrhundert, dieses Symbol zu entziffern. Doch dazu müssen noch ein paar Mythen mehr geopfert werden.

Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn wir Mustafa Khayati entgegentreten, der behauptet:

„Die Frage der Organisation wird das jüngste Gericht der neuen revolutionären Bewegung sein, das Gericht, vor dem die Kohärenz ihres wesentlichen Projekts beurteilt wird: die internationale Verwirklichung der absoluten Macht der Arbeiterräte, wie sie sich in den proletarischen Revolutionen dieses Jahrhunderts als Erfahrung abzeichnete.“ ([1])

Nachweise

[1] [Mustapha Khayati]: „Über das Elend im Studentenmilieu, betrachtet unter seinen ökonomischen, politischen, sexuellen und besonders intellektuellen Aspekten und über einige Mittel diesen abzuhelfen“, URL: http://www.bildungskritik.de/Texte/ElendStudenten/elendstudenten.htm, abgerufen am 21. Juli 2012.

[2] Horkheimer, M. & Adorno, T. W.: „Dialektik der Aufklärung“, in: Horkheimer, M., Gesammelte Schriften Bd. 5, Frankfurt 1985ff.

[3] Liebknecht, K.: „Trotz alledem!“, URL: http://www.mlwerke.de/kl/kl_004.htm, abgerufen am 3. August 2012.

[4] Marx, K.: „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, in: Marx, K. & Engels, F., Werke Bd. 8, Berlin 1956ff.

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Written by alterbolschewik

3. August 2012 um 15:34

Veröffentlicht in Situationisten

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