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Der Mythos der „Räte“

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„Der Ausweg aus dem Parlamentarismus ist natürlich nicht in der Aufhebung der Vertretungskörperschaften und der Wählbarkeit zu suchen, sondern in der Umwandlung der Vertretungskörperschaften aus Schwatzbuden in »arbeitende« Körperschaften.“

W.I. Lenin, Staat und Revolution

Einer der unerschütterlichsten Mythen des linksradikalen Selbstverständnisses seit den 60er Jahren ist der Mythos der „Räte“ – an dem auch Über das Elend im Studentenmilieu fleißig weiter mitstrickte:

„Die Demokratie der Arbeiterräte ist die Lösung des Rätsels aller gegenwärtigen Trennungen.“ ([1])

Tatsächlich ist das einzig wirklich Bestechende an der Theorie der Räte, daß sie sich nie in der Praxis bewähren mußte. Dort, wo Räte tatsächlich historisch auftraten, waren sie spontane Notbehelfe im Kontext einer revolutionären Situation. Die Situationen, in denen sich Räte bildete, hatte eines gemeinsam: Eine etablierte Ordnung wurde nicht durch eine organisierte Gruppe von Putschisten gestürzt, sondern verlor durch äußere Umstände – meist kriegerischer Art – jeden nennenswerten Rückhalt. In einer solchen Situation muß sich spontan eine Gegenmacht konstituieren, die so lange die wichtigsten Aufgaben übernimmt, bis sich neue, stabile Formen der Ordnung herausgebildet haben. Räte sind die einfachste Form organisierter Gegenmacht, die man sich ausdenken kann: Wo die Verwaltung der öffentlichen Aufgaben zusammengebrochen ist, weil die bislang Herrschenden dazu nicht mehr in der Lage sind, wählen überschaubare Gruppen von Menschen aus ihrem unmittelbaren Umfeld Delegierte. Diese repräsentieren dann den Stadtteil, das Regiment oder die Fabrik in Delegiertenversammlungen, auf denen die nächsten notwendigen Aufgaben beschlossen und verteilt werden. Das Mandat, das diese Delegierten in der Regel erhalten, ist strikt imperativ, da sie nur das Sprachrohr derer bilden, die sie gewählt haben.

In Zeiten der revolutionären Krise entsteht diese Repräsentationsform mit schöner Regelmäßigkeit von selbst. Und tatsächlich handelt es sich dabei – zumindest in der Theorie – um eine überlegene Form demokratischer Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten. In der Praxis allerdings ist diese Form der Entscheidungsfindung furchtbar ineffizient. Da die Delegierten allein über ein imperatives Mandat verfügen, funktioniert diese Repräsentationsform nur dort, wo es sich um die Organisierung der nächsten, klar anstehender Aufgaben geht: Planung der unmittelbaren Verteidigung, Verteilung der vorhanden Lebensmittel, Versorgung von Verletzten etc. Alle diese unmittelbar praktischen Aufgaben können von einem Rätesystem ganz passabel bewältigt werden, insbesondere weil der revolutionäre Enthusiasmus hilft, über kleinliche Differenzen hinwegzusehen. Tatsächlich funktioniert das nicht nur in revolutionären Krisen, sondern auch bei Naturkatastrophen, wenn die etablierte Ordnung nicht in der Lage ist, effizient Hilfe zu leisten.

Doch jenseits derartiger Ausnahmesituationen ist das basisdemokratische Räteprinzip furchtbar ineffizient. Wenn es nicht um konkrete, auf der Hand liegende Aufgaben, sondern um strategische Entscheidungen geht, ist das Prinzip des imperativen Mandats für jede wirkliche zukunftsweisende Entscheidung lähmend. Die Delegierten dürfen nicht eigenmächtig ihr Mandat ändern, sondern müssen jede Entscheidung wieder der Basis vorlegen. Diese wird dann mühsam über den Stand der Debatte informiert werden und alles noch einmal durchkauen. Wichtige strategische Entscheidungen verzögern sich oder werden überhaupt nicht getroffen – was in Krisensituationen, in denen sich die Räte konstituieren, in der Regel fatal ist.

Ich bin zu wenig Militärhistoriker um beurteilen zu können, ob die Pariser Kommune 1871 hätte siegreich sein können, wenn sie ihre Verteidigung effizienter organisiert hätte oder ob die Russische Revolution nicht auch dann gegen die Konterrevolution triumphiert hätte, wenn sich die Bolschwiki nicht an die Macht geputscht hätten. Tatsache aber ist, daß es kein historisches Beispiel dafür gibt, daß sich die Räte in einer konkreten historischen Situation als überlegene Form revolutionärer Gegenmacht erwiesen hätten.

Die Begeisterung für die „Räte“ in den antiautoritären Bewegungen entspricht also keineswegs deren realer historischer Bedeutung. Tatsächlich war es Karl Marx selbst, der diese Überschätzung des Räteprinzips in die Welt gesetzt hatte, als er über die Pariser Kommune schrieb:

„Ihr wahres Geheimnis war dies: Sie war wesentlich eine Regierung der Arbeiterklasse, das Resultat des Kampfs der hervorbringenden gegen die aneignende Klasse, die endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte.“ ([3], S. 342)

Dieser Mythos von der „endlich entdeckten politischen Form“ bediente, ebenso wie der letzte Woche kritisierte Mythos vom „Proletariat“, innerhalb der anti-autoritären Bewegungen einen zutiefst revolutionär-romantischen Impuls. Gerade das Scheitern der Räte wurde als Ausweis ihrer Überlegenheit betrachtete. Und so wurden im Rahmen und in der Folge der anti-autoritären Bewegungen all die vergessenen rätekommunistischen Ketzer wiederentdeckt, die sich der unbefriedigenden Alternative verweigert hatten, sich entweder für den sozialdemokratischen Reformismus oder die leninistische Diktatur zu entscheiden. Karl Korsch, Anton Pannekoek, Paul Mattik, Otto Rühle und andere vergessene Autoren wurden in den 60er und 70er Jahren wieder aufgelegt, zunächst in Raubdrucken und von Kleinverlagen, später auch von „bürgerlichen“ Verlagen wie Rowohlt oder Fischer.

Wenn man allerdings genauer hinschaut, findet man in all den Schriften der Rätekommunisten kaum konkrete Hinweise darauf, wie denn ein Rätesystem im Gegensatz zur bolschwistischen Diktatur oder zum bürgerlichern Parlamentarismus funktionieren soll. Die Schriften sind voll von Kritiken am Bolschewismus und am Parlamentarismus, aber eine Konkretisierung des Räteprinzips, eine Ausarbeitung, wie sich denn eine moderne, hochindustrialisierte Gesellschaft auf Basis von Räten verwalten soll, fehlt. Die einzige mir bekannte Ausnahme: Karl Korsch war nach der Novemberrevolution 1919 tatsächlich daran beteiligt, eine Räteverfassung auszuarbeiten ([2]); unnötig festzustellen, daß daraus nichts wurde, und zwar nicht allein aus politischen Gründen, sondern auch aus Gründen der Praktikabilität.

Historisch gesehen sind die „Räte“, wie das „Proletariat“, nur ein Mythos, der durch die Diskurse der antiautoritären Bewegungen spukte, eine Chiffre, die dort scheinbar als Erklärung fungierte, wo Erklärungen an ihre Grenzen stießen. Immer, wenn die Frage aufkam, wie denn ein Kommunismus aussehen solle, der sich nicht als Diktatur einer Partei entpuppe, wurden die „Räte“ aus dem Hut gezaubert; und genauere Fragen, wie das denn aussehen solle, mit dem Hinweis abgeschmettert, daß das die Räte schon selbst entscheiden müßten.

Doch wie bereits beim Mythos „Proletariat“ müssen wir konstatieren, daß der Mythos „Räte“ nicht nichts ist. Tatsächlich war er sogar um einiges wirkmächtiger als der Mythos „Proletariat“, denn er schlug sich nicht wie dieser allein in einem aussichtslosen Versuch nieder, ein nicht existierendes Proletariat zu organisieren. Der Mythos der „Räte“ sollte in den 70er Jahren zahllose Experimente inspirieren, die allein aufzuzählen hier den Rahmen sprengen würde.

Um nur einige Beispiele zu nennen: In zahlreichen selbstverwalteten Betriebe wie Buchhandlungen, Druckereien oder Umzugsfirmen, wurde versucht, das Räteprinzip direkt umzusetzen und ohne Hierarchien auszukommen. Alle Angelegenheiten sollten im Kollektiv besprochen, geplant und umgesetzt werden. Legendärstes Beispiel einer solchen Selbstverwaltung war zweifellos die Uhrenfabrik LIP in Besançon: Ohne den Mythos der „Räte“ hätten die Arbeiterinnen und Arbeiter ihre Fabrik nicht einfach übernommen und in Eigenregie weitergeführt.

Das Prinzip der „Räte“ inspirierte aber auch, selbst wenn das vielen nicht bewußt war, die Bürgerinitiativen. Statt auf die repräsentative Demokratie zu vertrauen, organisierten sich die Bürger zumindest punktuell selbst, weil sie sich durch die parlamentarischen Vertretungsorgane nicht mehr repräsentiert sahen. Und selbst bei der Gründung der GRÜNEN-Partei Anfang der 80er Jahre wurde mit dem Rotationsprinzip noch für kurze Zeit an das imperative Delegationsprinzip der Räte erinnert.

Trotzdem die Räte also historisch gesehen nur ein Mythos waren, wurden sie insofern zu einer Realität, als sie Versuche in Gang setzten, neue Formen gesellschaftlicher Teilhabe, die die alten hierarchischen Strukturen in Frage stellten, zu entwickeln. Auch die „Räte“ sind ein Symbol, ein wenig durchschaubares, rätselhaftes Etwas, das aus der Vergangenheit in eine unbekannte Zukunft ragt und für deren Gestaltung als Inspirationsquelle dient. Ein Symbol, das mit dem Symbol „Proletariat“ eng verschwistert ist, und die beide gemeinsam der Entzifferung harren.

Doch für diese Entzifferung fehlt uns noch ein drittes Symbol. Wir müssen deshalb nächste Woche noch einen Mythos auf den Schlachtblock legen, und zwar den Mythos, den jeder Linksradikale mit Zähnen und Klauen verteidigen wird. Doch es hilft nichts: Nächste Woche kommt der Mythos „Revolution“ unter das Messer und wird nur mehr als Symbol auferstehen.

Empören Sie sich also nächste Woche darüber, wenn die folgende Behauptung Mustafa Khayatis in Grund und Boden kritisiert wird:

„Die Revolte der Jugend gegen die Lebensweise, die ihr aufgezwungen wird, ist in Wirklichkeit nur das Vorzeichen einer umfassenderen Subversion, bei der alle mitwirken werden, die immer mehr die Unmöglichkeit zum Leben fühlen, das Vorspiel der nächsten revolutionären Epoche.“ ([1])

Nachweise

[1] [Mustapha Khayati]: „Über das Elend im Studentenmilieu, betrachtet unter seinen ökonomischen, politischen, sexuellen und besonders intellektuellen Aspekten und über einige Mittel diesen abzuhelfen“, URL: http://www.bildungskritik.de/Texte/ElendStudenten/elendstudenten.htm, abgerufen am 21. Juli 2012.

[2] Korsch, K.: „Was ist Sozialisierung? Ein Programm des praktischen Sozialismus“, in: Korsch, K., Gesamtausgabe Bd. 2, Frankfurt a. M. 1980ff, S. 97 – 133.

[3] Marx, K.: „Die Klassenkämpfe in Frankreich“, in: Marx, K. & Engels, F., Werke Bd. 17, Berlin 1956ff, S. 313-365.

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Written by alterbolschewik

10. August 2012 um 14:07

Veröffentlicht in Marx

4 Antworten

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  1. Ohne Widersprechen zu wollen: Interessant am Rätegedanken ist trotz allem die auch immer mitgedachte Repräsentativität.

    g.

    12. August 2012 at 6:28

    • Zweifellos. Ich will den Rätegedanken auch gar nicht verteufeln, ich bin nur der Meinung, daß er nicht als Lösung präsentiert werden kann, wie das in den antiautoritären Bewegungen geschehen ist. Die Räte als politische Symbol stehen eher eine Frage, als daß sie eine Antwort wären: Die Frage nach einer anderen Form demokratischer Partizipation als dies eine parlamentarische Demokratie ermöglicht. Und gleichzeitig aber auch über die allzu simple Form des Plebiszits hinausgeht.
      Aktuell finde ich die Idee (nicht unbedingt die Praxis) des liquid feedbacks bei den Piraten ganz interessant, nämlich die Möglichkeit, seine Stimme in einer Einzelfrage an jemanden zu delegieren, von dem man glaubt, daß er mehr Ahnung von der spezifischen Materie hat als man selbst. Hier mischt sich das Prinzip der Repräsentation und das einer unmittelbaren Demokratie auf durchaus neuartige Weise.

      alterbolschewik

      12. August 2012 at 10:21

  2. Die Frage, ob Rätedemokratie mit parlamentarischer Demokratie und institutionalisierter Volksabstimmung kombiniert eine neue Form von Basisdemokratie ergeben würde erscheint mir als heute einzig relevant.

    che

    13. August 2012 at 22:05

    • Die Frage ist sicherlich brandaktuell. Der Parlamentarismus ist offensichtlich in der Krise, das reicht von der Euro-„Rettung“ am Parlament vorbei bis zu den Mappus-EnBW-Deal-Geschichten. Plebiszite sind seit den athenischen Scherbengerichten eine höchst problematische – weil leicht manipulierbare – Form der Entscheidungsfindung. Insofern ist der Räte-Gedanke, der momentan gar keine Rolle in der Diskussion über neue Formen demokratischer Teilhabe spielt, durchaus interessant, weil er, wie g. zurecht bemerkt hat, basisdemokratische Elemente mit solchen der Repräsentation verbindet. Die Räte können aber nur der Ausgangspunkt für eine Diskussion sein, sie dürfen die Debatte nicht schließen – wie das dann in den 60er und 70er Jahren gehandhabt wurde.

      alterbolschewik

      14. August 2012 at 9:57


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