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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Der Mythos der „Revolution“

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„Die jetzige Generation muß mit der echten Revolution beginnen. Sie muß […] alles Bestehende ohne Unterschied blindlings zerstören, in dem einzigen Gedanken: »möglichst rasch und möglichst viel.«

Michail Bakunin, Die Prinzipien der Revolution (1869)

Der gefährlichste Mythos, den die antiautoritären Bewegungen aufbrachten, war zweifellos der Mythos der „Revolution“. Gefährlich deshalb, weil er zu Aktionen verführte, bei denen es nicht nur metaphorisch, sondern tatsächlich um Leben und Tod ging. Die bislang angekratzten Mythen des „Proletariats“ und der „Räte“ waren in dieser Hinsicht einigermaßen harmlos: Wer in der Fabrik versuchte, die Arbeiterklasse zu organisieren oder im selbstverwalteten Betrieb rätedemokratische Strukturen vorlebte, der lernte dabei zumindest etwas für das Leben. Doch was lernten die „Revolutionäre“ in den kapitalistischen Zentren, die irgendwann begannen, das „System“ mit der Waffe in der Hand zu bekämpfen? Weniger als nichts, wie ich bereits letztes Jahr anhand der beiden Terroristinnen Inge Viett und Margrit Schiller konstatieren mußte.

Doch dieser zugespitzte Irrsinn im Niedergang der Bewegungen, der bizarre Glaube, es würde irgend einen Sinn ergeben, eine parlamentarisch-demokratischen Ordnung mit Waffengewalt zu bekämpfen, ist nur der tragische Endpunkt eines Revolutions-Mythos, der in den 60er Jahren zunächst in völlig anderer Form das Bewußtsein der Revoltierenden bestimmt hatte.

Kehren wir noch einmal zurück zu dem Text, der meine Überlegungen zu den zentralen Bewegungs-Mythen angestoßen hatte, die Broschüre Über das Elend im Studentenmilieu von 1966. Der Text verwendet einen beträchtlichen Teil seiner Argumentation darauf, die Organisationen zu kritisieren, die sich einmal die Abschaffung des Kapitalismus auf die Fahne geschrieben hatten. Wo sie nicht selbst direkt Teil der Konterrevolution geworden sind, verfolgen sie, so die korrekte Diagnose, völlig veraltete, bürokratische Strategien. Das alte revolutionäre Ziel der Arbeiterbewegung, die Produktionsmittel zu verstaatlichen, damit die Marktmechanismen auszuhebeln und durch eine rational geplante Form gesellschaftlicher Produktion zu ersetzen, erschien den Revoltierenden der 60er Jahre nicht länger als Utopie, sondern vielmehr als Alptraum. Eine Revolution, die sich auf eine Veränderung der Eigentumsverhältnisse beschränkt, das zeigten die „realsozialistischen“ Experimente nur zu deutlich, griff viel zu kurz. Für die Situationisten bedeute dies:

„Die Revolution muß zusammen mit dem Leben, das sie ankündigt, neu erfunden werden.“ ([1])

Was den antiautoritären Rebellen der 60er Jahre vorschwebte, lag völlig jenseits dessen, was sich kleine und große Parteifunktionäre vorstellen wollten und konnten. Zwar hielt man am Mythos „Proletariat“ fest, doch diesem mythischen „Proletariat“ wurde eine ebenso mythische „Revolution“ auf den Leib geschneidert:

„Die radikale Kritik und die freie Neukonstruktion aller von der entfremdeten Wirklichkeit aufgezwungenen Werte und Verhaltensweisen sind sein Maximalprogramm und die befreite Kreativität bei der Konstruktion aller Augenblicke und Ereignisse des Lebens ist die einzige Poesie, die es anerkennen kann; die Poesie, die von allen gemacht wird, der Beginn der großen revolutionären Fete. Die proletarischen Revolutionen werden Feten sein oder sie werden nicht sein, denn das von ihnen angekündigte Leben wird selbst unter dem Zeichen der Fete geschaffen werden. Das Spiel ist die letzte Rationalität dieser Fete, Leben ohne tote Zeit und Genuß ohne Hemmnisse sind seine einzig anerkannten Regeln.“ ([1])

Die Revolution wurde nicht als gewaltsamer, blutiger Aufstand imaginiert, sondern als ein großes Fest, in dem sich die Banalität und Langeweile des Alltags verflüchtigt. Das Bild der Revolution, wie es Mitte der 60er Jahre die Phantasie der Rebellierenden prägte, stützte sich mindestens ebensosehr auf Louis Malles Film Viva Maria! wie auf das Kommunistische Manifest. Noch 1968 wies Bernd Rabehl völlig ironiefrei im Spiegel darauf hin:

„Die revolutionäre Leidenschaft Brigitte Bardots und Jeanne Moreaus wurde für die radikalen Studenten des SDS im Jahre 1966 zum politischen Vorbild. In einem Revuefilm – »Viva Maria« – stellten die beiden Filmstars zwei revolutionäre Marias dar, die gemeinsam den kulturellen Plunder des »geistigen Tierreichs« – der bürgerlichen Gesellschaft – zusammenschossen und einen Volkskrieg der revolutionären Bauern gegen ein Marionetten-Regime eröffneten.
In dieser Film-Fabel hatten zwei Traditionen des revolutionären Kampfes der vergangenen hundert Jahre sich zusammengefunden. Die Anarchistin Bardot drängt mit ihrer antiautoritären Haltung zur Rebellion, während die Marxistin Moreau den richtigen Zeitpunkt des Aufstandes abwägt, den ungestümen Anarchismus mit den wirklichen Verhältnissen konfrontiert.
Diese Filmkomödie zeigte im Schaubild das Selbstverständnis der antiautoritären SDSler.“ ([3])

Dieses lustbetonte Bild der Revolution, das in den Köpfen der antiautoritären Rebellen herumschwirrte, war jedoch kaum in eine stringente politische Strategie umzusetzen. So lange die Bewegung im Aufsteigen begriffen war und sich über spektakuläre Publizität nicht beklagen konnte, schienen diese mangelnden Perspektiven vernachlässigbar. Doch 1969 brach die Woge der Rebellion und flutete zurück. Die Rebellion hatte, trotz allem Gerede von Revolution, kaum einen Einfluß auf die politischen Strukturen gehabt, ganz zu schweigen von den Eigentumsverhältnissen. Jetzt, wo die Rebellen sich zersplitterten, wurden verschiedenste Versuche unternommen, den ursprünglichen Schwung der Revolte auf einer höheren Ebene zu erneuern.

Diejenigen, die sich als die entschiedensten Revolutionäre begriffen, suchten nun das Bündnis mit den antikolonialen Befreiungsbewegungen. Diese waren bereits in früheren Jahren mit Sympathie betrachtet worden. Und an den Universitäten gab es genügend Kommilitonen aus diesen Ländern, die deutlich konkretere Vorstellungen von einem revolutionären Befreiungskampf hatten als ihre einheimischen Genossen. Für ihre Heimatländer stellte sich das Problem der Revolution ganz real, und zwar als militärischer Machtkampf, nicht als ein großes Fest. Ein Teil der antiautoritären Rebellen in den kapitalistischen Zentren glaubte nun, diese Kämpfe nutzen zu können, um für sich selbst eine Perspektive zu finden. Sie wollten sich nicht länger mit mehr oder minder symbolischen Solidaritätsaktionen begnügen. Der spielerische Revolutionsbegriff hatte ausgedient.

Jetzt wollte man wirklich Revolution machen, mit richtigen Pistolen und Bomben. Man begriff sich als Teil einer globalen revolutionären Bewegung, die tatsächlich die Machtfrage stellte. So unterstellte die RAF den antiautoritären Bewegung ihre eigenen antiimperialistischen Ziele:

„Was ihr das Selbstbewußtsein gab waren nicht entfaltete Klassenkämpfe hier, sondern das Bewußtsein, Teil einer internationalen Bewegung zu sein, es mit demselben Klassenfeind hier zu tun zu haben, wie der Vietcong dort, mit demselben Papiertiger, mit denselben Pigs.“ ([4], S. 347)

Vom diesem abstrakten Bewußtsein aus wurde dann in die konkrete Tat gesprungen, mit den bekannten desaströsen Folgen. Der an sich schon problematische Mythos der Revolution versteinerte zu reiner Ideologie. Als Mythos hatte die „Revolution“ zumindest eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, von den konkreten Strukturen des Alltagslebens bis hin zu den allgemein-gesellschaftlichen Eigentums- und Machtverhältnissen auf die Tagesordnung gesetzt. Und damit wurde ein gesellschaftliches Experimentierfeld eröffnet, in dem grundlegend neue Erfahrungen gemacht werden konnten. Die Verengung zu einer revolutionären Ideologie des antiimperialistischen Kampfes Seit‘ an Seit‘ mit den antikolonialen Befreiungsbewegungen zerstörte zusehends dieses Experimentierfeld.

Dieser jämmerliche Niedergang, den die Kategorie der Revolution im Entwicklungsprozeß der antiautoritären Bewegungen erlitt, soll uns nächste Woche aber nicht am Versuch hindern, die Symbolkraft der Trias Proletariat-Räte-Revolution zu untersuchen. Freuen Sie sich also darauf, wenn wir mit Henri Lefebvre der Meinung sind:

„In den konfusen Bestrebungen einer Epoche sind Ideologie, Utopie, Mythen und Symbole derart ineinander verwoben, daß sie nicht zu entwirren sind. Die Trennung erfolgt erst nachträglich – und dies auch nur für den Analytiker, der sich damit vorrangig beschäftigt.“ ([2], S. 112)

Nachweise

[1] [Mustapha Khayati]: „Über das Elend im Studentenmilieu, betrachtet unter seinen ökonomischen, politischen, sexuellen und besonders intellektuellen Aspekten und über einige Mittel diesen abzuhelfen“, URL: http://www.bildungskritik.de/Texte/ElendStudenten/elendstudenten.htm, abgerufen am 21. Juli 2012.

[2] Lefebvre, H.: „Über das Thema des Neuen Lebens“, in: Lefebvre, H., Einführung in die Modernität. Zwölf Präludien, Frankfurt a.M. 1978, S. 81 – 115.

[3] Rabehl, B., „Karl Marx und der SDS“, in: Der Spiegel, Jg.22 (1968), Nr.18 (29. April 1968), S.86.

[4] Rote Armee Fraktion: „Das Konzept Stadtguerilla“, in: Rote Armee Fraktion, texte: der RAF, o.O. 1983 (überarbeitete und aktualisierte Ausgabe).

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Written by alterbolschewik

17. August 2012 um 14:55

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