shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Free Pussy Riot – Jetzt erst recht! (1)

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„Normalerweise wird erwartet, dass Angeklagte im Schlusswort Reue zeigen, die begangene Tat bedauern oder mildernde Umstände aufzählen. Bei mir und meinen Kollegen ist das absolut unnötig.“

Jekaterina Samozewitsch, Schlußplädoyer im „Pussy Riot“-Prozeß

Das hier ist offenkundig nicht der letzte Woche angekündigte Text zum Symbolgehalt der mythischen Trias Proletariat-Räte-Revolution. Aus aktuellem Anlaß habe ich beschlossen, das aktuelle Programm zu ändern – ohne allerdings allzuweit vom Thema abzuschweifen. Denn auch in diesem Beitrag anläßlich der Verurteilung von drei Mitgliedern der russischen Künstlergruppe „Pussy Riot“ zu zwei Jahren GULAG geht es um die Macht der Symbole.

Unmittelbarer Anlaß für mich, noch einmal zu Pussy Riot zu schreiben, war eine Diskussion im Blog von Che. In typisch linksradikaler Manier wurde dort die Medienaufmerksamkeit, die der Prozeß der drei Frauen auf sich gezogen hat, kritisiert: Viel größere Schweinereien fänden keine Beachtung, während „die nun wirklich nicht gerade für voll zu nehmenden Pussy Riot“ zum Spielball in einem neuen Kalten Krieg gegen Putin würden. Ich hatte begonnen, auf diese Dummheiten einen Antwortkommentar zu verfassen, als Che bereits selbst darauf angemessen reagierte. Da mein Kommentar sowieso ziemlich ausuferte, beschloß ich dann, daraus einen eigenen längeren Text zu machen.

Ich will nicht noch einmal das haarsträubende Urteil kommentieren, denn das hieße Eulen nach Athen tragen. Mich interessiert vielmehr, warum die Aktion und dann der Prozeß ein derartiges weltweites Echo finden konnten, während – das ist ja richtig – andere, objektiv betrachtet weitaus gravierendere Vorfälle, die ebenfalls weltweite Empörung verdient hätten, mit einem Achselzucken abgetan werden. Warum also identifizieren sich Menschen weltweit mit einer Gruppe bunt maskierter Frauen, die in einer Moskauer Kathedrale in einem Punk-Gebet die Gottesmutter Maria anflehen, sie von Putin zu erlösen? Und warum fühlen sich die russische Staatsmacht und die Orthodoxe Kirche von dieser Aktion derart angegriffen, daß sie glauben, trotz des vorhersehbaren Imageschadens, diesen Protest derart drakonisch bestrafen zu müssen?

Die Aktion hat offensichtlich auf eine Art und Weise emotionale Tiefenschichten berührt, die sich nicht allein aus der Empörung über ein ungerechtes Verfahren speist. Und diese Identifizierung setzte bereits während der Untersuchungshaft ein, bevor die abscheulichen Bilder der Frauen, die wie Tiere in einem Käfig zur Schau gestellt wurden, durch die Medien geisterten. Auf der ganzen Welt zogen sich Frauen neonfarbene Mützen über das Gesicht, schnitten Löcher für Augen und Mund hinein und wurden durch diese Maskierung selbst Teil von Pussy Riot. Mit ihren bunten Masken hatten Pussy Riot ein Symbol geschaffen. Und dieses Symbol erlaubte es Frauen auf der ganzen Welt, sich mit der Gruppe zu identifizieren, sei es abstrakt in Gedanken, sei es konkret, indem sie sich derart maskiert der Öffentlichkeit stellten.

Auf ein ähnliches Phänomen habe ich bereits vor einigen Wochen hingewiesen anläßlich der Guy Fawkes Masken, die als Symbol für Aktionen gegen Internetzensur ein emotionales Zusammengehörigkeitsgefühl stiften. Dieses Symbol hatten sich nicht die Aktivisten ausgedacht, sondern ein Künstler: Es war der Comic von V for Vendetta von Allan Moore, dem dieses Symbol entlehnt wurde. Und das ist auch der Grund, warum ein derartiges Symbol wirkt: Es ist nicht einfach ausgedacht, sondern es hat eine Geschichte, eine Tradition, die es hochgradig mit Bedeutungen auflädt. Oft genug sind diese Bedeutungen äußerst schwer zu entschlüsseln, weil sich viele historische Traditionslinien im Symbol überlagern, ihm bei jeder neuen Verwendung zusätzlich Bedeutungsschichten hinzufügen. Und dennoch erscheint denjenigen, die das Symbol für sich in Anspruch nehmen, seine Bedeutung evident: Das ist die großartige Macht der Symbole.

Und so stehen auch die neonfarbenen Strickmasken von Pussy Riot in einer Tradition, einer Tradition weiblicher Rebellion gegen die Gesellschaft, die in die Anfänge der Frauenemanzipation des 20. Jahrhunderts zurückreicht. Ich hatte bereits vor einigen Monaten gezeigt, daß die Aktion von Pussy Riot in der Linie des Dadaismus und Surrealismus steht. Die Kontinuität begann damals, als der „Oberdada“ Johannes Baader 1918 im Berliner Dom eine ähnliche Aktion – und zwar mitten während eines Gottesdienstes! – durchgeführt hatte.

Auch das ausdrucksstarke Bild der Maskierung, dessen sich Pussy Riot bedienen, reicht in die fiebrige Zeit des ersten Weltkrieges zurück, als die bürgerliche Ordnung des 19. Jahrhunderts aus den Fugen geriet. Wie bei den Guy Fawkes-Masken von Anonymous ist es ein Werk der sogenannten Populärkunst, das hier die Blaupause lieferte: Die Stummfilm-Serie Les Vampires aus den Jahren 1915/16. Mit dieser Serie knüpfte der Regisseur Louis Feuillade an seine erfolgreichen Fantômas-Filme der Jahre 1914/15 an. Die titelgebenden Vampire sind eine Verbrecherbande in Paris, die das Bürgertum auf spektakuläre Art und Weise um sein Geld und manchmal auch das Leben bringt.

Doch im Gegensatz zum männlichen Schurken Fantômas wurde in Les Vampires die eigentliche Hauptrolle von einer Frau gespielt. Jeanne Roques alias Musidora verkörperte Irma Vep, eine femme fatale, die eine herausragende Rolle in der Verbrecherbande der „Vampire“ inne hat. Die Chefs der Bande bleiben blaß, sie kommen und gehen, aber Irma Vep – ein Anagramm für Vampire – bleibt.

Bereits Fantômas war eine Figur gewesen, in der sich die Ängste des bürgerlichen Publikums vor dem Zusammenbruch der etablierten Ordnung (lustvoll) spiegeln konnten. Er wurde von Feuillade als Meister der Maske und Verkleidung inszeniert wird, trat mal als Bankier und mal als kleiner Ganove auf, und verkörperte so die Verunsicherung des Bürgertums, das nicht nur um Geld und Leben fürchtete, sondern auch, daß die klar abgegrenzten Klassenschranken, die eingespielten Machtverhältnisse in Frage gestellt werden könnten. Kein Wunder, daß die Surrealisten Fantômas liebten und eine Societé des Amis de Fantômas, eine Gesellschaft der Fantômasfreunde gründeten.

Mit der Figur der Irma Vep wurde diese Furcht noch einmal gesteigert, indem eine zusätzliche Bedrohungsebene eingezogen wurde: Griff Fantômas im wesentlichen das bürgerliche Eigentum und die Klassenverhältnisse an, so stellte Irma Vep zudem das Verhältnis der Geschlechter in Frage. Das korrespondierte durchaus mit den realen Veränderungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Immer mehr Frauen gingen einer Erwerbsarbeit nach:

„Außerhalb des Heims arbeitende Frauen waren bereits vor dem ersten Weltkrieg eine bedeutsame ökonomische Macht, die 35 bis 40 Prozent der Werktätigen stellte, was Jean Louis Robert zufolge einer der höchsten Prozentsätze in Europa war. Hinzu kam, daß sich die Art der Beschäftigung für Frauen ebenfalls änderte. Frauen wechselten in weniger traditionelle Berufe wie das Transportwesen oder die industrielle Fertigung, während die Zahl der Frauen in der Textil- und Bekleidungsindustrie zurückging.“ ([1], S. 82)

Und sie begannen nicht nur, ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. Sie gingen als Suffragetten auf die Straße und reklamierten das Wahlrecht für sich. Sie forderten, nicht länger von dern Universitäten ausgeschlossen zu bleiben sollten, und proklamierten, daß auch ihnen das Recht auf eine angemessen Bildung zustünde. Mit anderen Worten, das traditionelle männliche Selbstbild geriet ins Wanken. Und es war die Aufgabe der Kunst, für diese Ängste die richtigen Bilder zu finden, in diesem Fall die neue populäre Kunst des Kinos.

Und so beutete Louis Feuillade zusammen mit Musidora in Les Vampires diese männliche Angst vor der anwachsenden Macht der Frauen kongenial aus, indem sie mit Irma Vep das perfekte Symbol für die Bedrohung der männlichen Herrschaft schufen: Maskiert und im hautengen Seidentrikot, die Arme in die Seiten gestemmt, war Musidora ein perfektes Emblem für die Veränderungen im Machtverhältnis der Geschlechter.

Dazu paßte, daß die Darstellerin Musidora im realen Leben durchaus diesem neuen weiblichen Rollenbild einer selbstbewußten, dominanten Frau entsprach. Sie verkehrte in den Kreisen der Surrealisten, schrieb und inszenierte Theaterstücke und drehte ihre eigenen Filme.

Das maskierte Gesicht mit den großen, glühenden Augen ist also keineswegs eine Erfindung von Pussy Riot, sondern speist sich aus der Tradition feministischer Symbole. Wie weit das bewußt geschieht, wie weit das Unterbewußte oder Zufälle hier eine Rolle spielen, ist kaum zu sagen: Symbole scheren sich nicht um solche Fragen, sondern schweifen durch den semantischen Raum und werden zu Zeiten und an Orten auf einmal wieder wirkungsmächtig, wo das niemand erwartet hätte. Und wer das nicht glaubt, sondern meint, Musidora und Irma Vep seien längst vergessen, sei durch das Graffiti auf einer New Yorker U-Bahn, das der englischsprachigen Wikipedia-Artikel zu Musidora dokumentiert, eines besseren belehrt.

Nächste Woche wird es um den neuen Kontext gehen, in dem Pussy Riot dieses Symbol wieder zu neuer Wirkung gebracht haben. Freuen Sie sich also darauf, wenn Jekaterina Samuzewitsch erklärt:

„Mit unserer Aufführung haben wir es gewagt, das visuelle Bild der orthodoxen Kultur ohne den Segen des Patriarchen mit der Protestkultur in Verbindung zu bringen.“ ([2], S. 23)

Nachweise

[1] Callahan, V., Zones of Anxiety – Movement, Musidora and the Crime Serials of Louis Feuillade, Detroit 2005.

[2] Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19. August 2012: „Keine Reue – aus den Schlußplädoyers von Pussy Riot“ (Samuzewitsch, J.; Aljochina, M. & Tolokonnikowa, N.), S.23.

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Written by alterbolschewik

24. August 2012 um 15:55

Veröffentlicht in Meinungsfreiheit, Punk

2 Antworten

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  1. Ein klasse Posting, da habe ich jetzt Dinge gelernt, von denen ich noch nie gehört hatte. Und eine konsequente Einordnung von Pussy Riot in die Traditionslinien der Avantgarde.

    che2001

    27. August 2012 at 16:22

    • Freut mich, vor allem da es ja Dein Blog war, das mich zum Schreiben angeregt hat.

      alterbolschewik

      27. August 2012 at 19:45


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