shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Free Pussy Riot – Jetzt erst recht! (2)

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„Die Panik der Machthaber – die sich in ihrer lächerlich exzessiven brutalen Reaktion zeigt – ist somit völlig gerechtfertigt. Pussy Riot werden, je brutaler jene agieren, ein immer wichtigeres Symbol werden.“

Slavoj Žižek

Langsam dämmert einigen auch hierzulande, daß die feministische Gruppe Pussy Riot nicht ganz so harmlos ist, wie man sich das wohl gewünscht hätte. Am 20. August hatte die Politikredaktion der FAZ wohl endgültig genug von der ausführlichen und ausgewogenen Berichterstattung Kerstin Holms im Feuilleton und plazierte auf der Titelseite einen Kommentar mit dem Titel Ein weiterer Sieg Putins ([4]). Der Autor, Michael Ludwig, vertrat darin die These, daß die Aktion von Pussy Riot die russische Opposition gespalten und damit Putins innenpolitische Macht gestärkt habe, trotz des Imageschadens im Ausland. Da ich kein Kenner der innenpolitischen Situation Russlands bin, kann ich das nicht wirklich beurteilen, würde aber, aus meiner Kenntnis der Dynamik sozialer Bewegungen eher darauf setzen, daß es sich um einen Pyrrhus-Sieg handelt. Doch man muß dem Autor zugute halten, daß seine Argumentation einigermaßen sachlich und rational nachvollziehbar war.

Offensichtlich war das aber nicht genug. Und so wurde ein gewisser Moritz Gathmann beauftragt, der Leserschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung die Augen zu öffnen, was Pussy Riot wirklich sind: Die russische Reinkarnation der RAF. Und für diesen ausgemachten Schwachsinn stellte ihm die Redaktion die kompletten Seiten 2 und 3 zur Verfügung ([2]). Einen Kommentar dazu erspare ich mir, Klaus Jarchow hat das in seinem Blog Stilstand bereits kompetent erledigt (dort findet sich auch der Verweis darauf, wo Gathmann den größten Teil seines Machwerkes abgeschrieben hat).

Die Gegner von Pussy Riot spüren allerdings instinktiv – und da sind sie wohl einem großen Teil der Sympathisantinnen einen Schritt voraus – daß es tatsächlich um mehr geht als einfach nur um Meinungs- und Kunstfreiheit, um „bürgerliche Werte“. Ich hatte letzte Woche bereits darauf hingewiesen, daß das herausragende Erkennungsmerkmal von Pussy Riot, ihre Strickmasken, auf eine feministische Symboltradition zurückverweisen, die in den künstlerischen Avantgardebewegungen zu Beginn des 20. Jahrhundert wurzelt. Musidora repräsentierte im Kostum von Irma Vep den Angriff auf die bürgerlichen Werte.

Bei Pussy Riot wird diese Symbolik zeitgenössisch verfremdet: An die Stelle der schwarzen Seidenmaskierung Musidoras als Irma Vep treten die quietschbunten Neonfarben des Pussy-Riot-Outfits. Die Verwendung von Strick- oder Häkelmützen verweisen ironisch auf die klassische weibliche Handarbeitstradition, während das brutale Hineinschneiden der Löcher für Augen und Mund diese Heim- und Herdidylle konterkarieren. Mit ihren Kleidern und Strumpfhosen distanzieren sie sich von einem puritanischen Feminismus, der sich von der eigenen Geschlechtlichkeit distanziert, und signalisieren stattdessen einen souveränen Umgang mit dem eigenen Frau-Sein.

Damit ist schon das äußere Erscheinungsbild von Pussy Riot ein Symbol, das einen antipatriarchalen Gestus vermittelt. Und dieses Symbol ist unabhängig von identifizierbaren Personen. Es kann von Frauen auf der ganzen Welt kopiert werden und damit zu einem universalen Träger neo-feministischer Utopien werden. Weil dieser visuelle Stil so einfach zu kopieren ist, sind auf der ganzen Welt Frauen im Pussy Riot-Outfit auf die Straße gegangen, um ihren Protest öffentlich zu machen. Und dabei ging es eben nicht nur um Solidarität, sondern auch um Selbstermächtigung, nicht nur um Aktionen für die inhaftierten Frauen, sondern auch um Aktionen für einen selbst, darum, aus der Zuschauerrolle auszubrechen und selbst Akteurin zu werden.

Es kommt aber noch eine andere symbolische Ebene hinzu. Das ganze Blasphemie-Getöse der orthodoxen Kirche versuchte ja nur davon abzulenken, daß die Aktion in der Christ-Erlöser-Kathedrale keineswegs glaubensfeindlich war. Die Aussagen der Angeklagten im Prozeß, sie hätten keineswegs beabsichtigt, die Gefühle von Gläubigen zu verletzen, sind durchaus glaubwürdig. Denn worum ging es? Um eine Fürbitte! Unter Umgehung patriarchaler Autorität wandten sich die Frauen direkt an die Gottesmutter Maria mit der Bitte, Russland von Putin zu erlösen. Es war eben kein satanistischer Akt, wie die orthodoxe Kirche kontrafaktisch behauptete; vielmehr wurde eines der wenigen weiblichen Symbole der Kirche gegen die patriarchale Autorität mobilisiert.

Dabei spielt es keine Rolle, ob die Akteurinnen selbst an die Existenz einer Gottesmutter, die ihr Gebet erhören könnte, glauben oder nicht. Entscheidend ist, daß die orthodoxe Kirche daran glauben muß. Das Gebet konfrontiert den korrupten Patriarchen Kirill, den Unterstützer Putins mit der Reinheit und Unschuld Marias. Somit griff das Gebet von Pussy Riot das symbolische Universum der orthodoxen Kirche von innen an. Maria wurde in der Auseinandersetzung zum Gegensymbol, zum Stachel im Fleisch der orthodoxen Kirche.

Tatsächlich taucht die Mariensymbolik im Verlauf des Prozesses immer wieder auf. Zu Beginn der ganzen Affäre wurde immer wieder betont, daß zwei der Angeklagten Mütter mit kleinen Kindern seinen, was die Mariensymbolik zu ihren Gunsten mobilisierte. Inzwischen versuchen die Gegner, diese sehr effektive Symbolik anzugreifen, indem sie Nadjeschda Tolokonnikowa als üble Rabenmutter hinzustellen versuchen. Ich maße mir hier auf der rein faktischen Ebene gar kein Urteil an (im Gegensatz zu Moritz Gathmann, der deswegen Tolokonnikowa mit Ulrike Meinhof vergleicht ([2], S. 2)), sondern weise nur darauf hin, daß hier jenseits der Faktenebene vor allem ein Kampf um Symbole ausgetragen wird.

Ein Höhepunkt dieses Kampfes war sicherlich, als Madonna – die amerikanische Sängerin, nicht die Gottesmutter – sich während eines Konzertes in Moskau mit Pussy Riot solidarisch erklärte und sich für die Rechte von Schwulen und Lesben in Russland einsetzte (letzteres brachte ihr eine Anzeige wegen „homosexueller Propaganda“ ein, was seit diesem Jahr in Russland strafbar ist). Danach sang sie, den Schriftzug „Pussy Riot“ auf den nackten Rücke gemalt, Like a Virgin.

Doch die schönste Verbindung des Madonnen-Themas mit Pussy Riot gelang dem Nowosibirsker Künstler Artjom Loskutow, der in drei Reklame-Lichtboxen seine Pussy-Riot-Ikonen ausstellte. Unnötig zu erwähnen, daß diese von der Polizei beschlagnahmt wurden und ihn der Metropolit der russisch-orthodoxen Kirche wegen „Verletzung religiöser Gefühle“ anzeigte.

„Der Künstler erklärte mit Nachdruck, mit seinem Bild habe er niemand beleidigen wollen. Im Gegenteil, seine Pseudo-Ikonen hätten vielmehr den übergeordneten Wert von Mutter und Kind und zugleich das Zusammenkommen unterschiedlicher Gruppen vergegenwärtigen sollen, damit diese einander nicht bekriegen.“ ([1])

Man versteht also, warum Kirche und Staat in Rußland derart gegen Pussy Riot vorgehen. Es geht um viel mehr als nur um Meinungsfreiheit. Hier ist ein Kampf um die symbolische Ordnung in Gang. Dem autoritär-patriarchalen status quo, repräsentiert durch den Macho Putin und den Patriarchen Kirill setzt Pussy Riot die Symbolik einer antiautorität-feministischen Utopie entgegen. Die Zeit wird zeigen, ob es dieser gelingt, die Symbolik der Macht dauerhaft ins Wanken zu bringen.

Nächste Woche kehren wir aber wieder zurück in die 60er Jahre, wenn es um eine ganz anderes symbolisches Ensemble geht, um die symbolische Dimension von Proletariat, Räten und Revolution. Freuen Sie sich also erneut auf Henri Lefebvre, wenn dieser meint:

„Es reicht hinzuhören, um zu entdecken, was sich in den Köpfen fand unter der Herrschaft des esoterischen Schrifttums: das Beste und das Schlechteste, ein Haufen Fragen ohne Antworten, von tiefgreifenden und lächerlichen Argumenten, von scheinbarer und wirklicher Kühnheit, von gutem und schlechtem Gewissen. Im verbalen Delirium rollt ein großes Psychodrama ab, oder eher, geht ein umfassender Prozeß sozialer Therapeutik vor sich, eine ideologische Kur für Intellektuelle und Nicht-Intellektuelle, die endlich zusammenkommen.“ ([3], S. 107)

Nachweise

[1] Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. August 2012: „Eine Ikone für „Pussy Riot““ (kho [Kerstin Holm]), S.32.

[2] Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26. August 2012: „Lady Suppenhuhn“ (Gathmann, M.), S.2 – 3.

[3] Lefebvre, H., Aufstand in Frankreich – Zur Theorie der Revolution in den hochindustrialisierten Ländern (VoltaireHandbuch 7), Frankfurt a.M. und Berlin 1969.

[4] Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. August 2012: „Ein weiterer Sieg Putins“ (Ludwig, M.), S.1.

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Written by alterbolschewik

31. August 2012 um 16:21

Veröffentlicht in Medien, Punk

5 Antworten

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  1. Zunächst einmal: Schönen Dank für deinen Text, A.B.!!

    Gefreut habe ich mich auch darüber, hier zu entdecken, dass du den Jarchow liest. Scheinbar gibt es eine besondere Affinität zwischen rationalen Altmarxisten (so nenne ich dich einfach mal – hoffentlich kränke ich dich damit nicht) und echten Linksliberalen.

    Ich muss mir allerdings erst einmal einen vernünftigen Reim darauf machen.

    P.S.
    Viele Grüße!

    John Dean

    2. September 2012 at 10:50

    • Nichts zu danken. Das Ganze war für mich auch ein Versuch, Lefebvres kryptische Symbol-Theorie, die ich vor ein paar Wochen sehr abstrakt referiert habe, in der tatsächlichen politischen Analyse von Massenphänomenen fruchtbar zu machen. Und dadurch selbst wieder ein besseres Verständnis für die Theorie bekommen habe.
      Und ich glaube zumindest, daß dieser Ansatz brauchbarer ist als Verschwörungstheorien, die ein CIA-Komplott vermuten.

      Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß ich den Jarchow erst entdeckt habe, als ich zu dem unsäglichen Machwerk in der FAS gegoogelt habe; aber er steht bei mir jetzt fest auf der Leseliste.

      alterbolschewik

      2. September 2012 at 11:25

  2. Für mich gehört es zu den Widersprüchen bei dieser Angelegenheit, dass der russische Staatsapparat (u.a. auch das russische Fernsehen) die Sache so in die Öffentlichkeit getragen (!) und vertreten hat. Das wirkt auf mich wie ein Einschüchterungsversuch, bei dem dem Putin weniger gewogenen Teil des russischen Volkes die Harke gezeigt werden soll.

    Aber auch dann, wenn das der passende Reim für das staatliche Vorgehen sein sollte – dann wirkt es doch irgendwie wie ein Verzweiflungsakt eines sterbenden Bären, der ahnt, dass er der Rotte (u.a. via Internet) nicht mehr entkommen wird. Jedenfalls erkläre ich es mir so, dass das sehr rigide Vorgehen des russischen Staates (inkl. Schauprozess) auch mit der Angst des russischen Staatsapparates (mithin: alles Kontrollfreaks) vor dem ist, was ihnen im Internet entgegen tritt. Immerhin (Tunesien, Ägypten & Co) entwickelt sich das zunehmend zu einem politischen Machtfaktor, der sich zunehmend seiner eigenen Stärke bewusst wird.

    Und Pussy Riot ließen sich auch als Speerspitze genau eben dieses erwachenden, staatskritischen Machtfaktors verstehen – von Seiten des russischen Repressionsapparates jedenfalls. Das Verhängnis von Pussy Riot war auch weniger der provokante Auftritt in der Kirche, sondern mehr der provokante Erfolg des Videos bei Youtube…

    Armes Russland. Provokant war es für die Vertreter des Autoritativen wohl auch, dass dieser Protest von engagierten russischen Frauen kam, die im System Putin einfach nur „hübsch“ zu sein haben, während sie den Mund halten. Und auch diesem russischen Chauvinismus verweigerten sich die Aktivistinnen.

    Man könnte fast denken, Putin und seine autoritativen Freunde ahnen nicht, wie vollendet absurd sie bei ihrem Kampf gegen Pussy Riot wirken. Aber, und das überrascht noch mehr, sie fühlen sich von den Aktionsformen von Pussy Riot zweifellos angegriffen. Ich würde sogar sagen, das sehr harte Urteil gegen Pussy Riot ist, und das ist ein Treppenwitz, zugleich ein vollständiger Sieg dieser Band gegen den russischen Staat, mithin ein wichtiger Meilenstein zur Delegitimation des Systems unter Putin.

    Mit ihren Masken haben die Aktivistinnen von Pussy Riot dem System Putin die Maske vom Kopf gezogen!

    John Dean

    2. September 2012 at 16:22

    • Dem würde ich zustimmen, würde aber hinzusetzen, daß das die Angelegenheit nur im inner-russischen Kontext beschreibt. Zusätzlich stellt sich aber die Frage, wie es zu dieser weitgehenden Solidarisierung im Ausland kam. Ungerechtigkeiten und übertriebene Repression gibt es massenhaft, aber selten gibt es eine derartige Solidarisierungswelle.

      Zum einen hast Du sicherlich recht, daß das Internet dabei eine wichtige Rolle gespielt hat (auch wenn ich den ersten Bericht über die Aktion, noch vor der Verhaftung der drei Angeklagten, in der FAZ gelesen habe; das ist der wirklich ausgezeichneten Berichterstattung von Kerstin Holm zu verdanken). Aber das ist nur das Medium, das die Information transportiert. Die Aktionen von Voina, die jetzt immer fälschlich mit Pussy Riot in einen Topf geworfen werden, waren auch im Internet präsent, hätten meines Erachtens nach aber niemals diese Solidaritätswelle auslösen können, selbst wenn die Aktivisten verhaftet worden wären. Es gab in den letzten Jahren genügend Repression gegen Künstler in Russland, ohne daß das größere Wellen geschlagen hätte.

      Pussy Riot haben meines Erachtens auch beim westlichen Publikum einen Nerv getroffen, eine emotionale Identifikation in Gang gesetzt, die über die abstrakte Empörung angesichts der juristischen Unverhältnismäßigkeit hinausgeht. Eigentlich müßte man – und vor allem frau – darüber reden, was genau die Punkte sind, die es erlauben, daß sich jemand in den Frauen von Pussy Riot selbst wiedererkennt, was die Sehnsüchte und Ängste sind, die sich darin widerspiegeln, welcher sich selbst noch nicht bewußte Haß auf bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse sich in der Solidarisierung zu artikulieren versucht.

      Du hast, glaube ich, nicht zu unrecht auf die Bewegungen in Nordafrika verwiesen, man könnte auch auf Occupy oder Anonymous verweisen. Ich bin überzeugt, daß es momentan eine junge Generation gibt, die noch nach Ausdrucksmöglichkeiten sucht, um ihre Unzufriedenheit mit den Verhältnissen zu artikulieren. Und Pussy Riot sind möglicherweise ein Symbol in einem sich in Entstehung befindenden Zeichensystem, in dem sich diese subjektive Unzufriedenheit in Zukunft objektiviert.

      alterbolschewik

      3. September 2012 at 15:47

  3. Wenn Nadeschda Tolokonnikowa im grünen Tankshirt mit No Pasaran! – Aufdruck im Angeklagtenstand die geballte Faust hebt, dann ist das

    1) eine Rebellionsgeste, wie sie seit Black Power niemand mehr im Fernsehen gesehen hat
    2) sexy
    3) angesichts des Muts vor Richterstühlen anrührend.

    Popkulturell sowas wie Viva Maria, Gudrun Ensslin vor Gericht, den Weiberräten und Che Guevara, alles in Einem.

    che2001

    8. September 2012 at 18:21


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