shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Wir haben sie so geliebt, die Revolution

with one comment

„1968 fing der Planet Feuer, wie auf ein weltweites Zeichen hin. In Paris wie in Berlin, in Rom oder Turin wurden die Straße und der Pflasterstein Symbol einer Generation im Aufstand.“

Daniel Cohn-Bendit, Wir haben sie so geliebt, die Revolution

1986, knapp zwanzig Jahre nach dem Höhepunkt der antiautoritären Revolte, veröffentlichte Daniel Cohn-Bendit, ein Buch mit dem Titel, den ich mir für diesen Beitrag ausgeliehen habe. Darin zieht er, in Form von Interviews mit einer Reihe ehemaliger Aktivistinnen und Aktivisten, eine Art Bilanz aus den Zeiten des Aufruhrs. Diese Bilanz fällt, naturgemäß, ernüchternd aus. Von der „Revolution“ ist Mitte der 80er Jahre mehr viel übriggeblieben. Ob Kommunen, Arbeiteragitation oder bewaffneter Kampf: Alle Versuche, den Elan der Bewegungen aus den 60er Jahren in eine grundlegende Transformation der Gesellschaft zu überführen, sind mehr oder minder gescheitert. Aus dem Maximalprogramm der Revolution wurde das Minimalprogramm der Demokratie:

„Die Revolution als Idee ist heute aus den Köpfen unserer Zeitgenossen verschwunden. Wir haben uns dem demokratischen Formalismus untergeordnet. Aber von welcher Demokratie reden wir?
Für mich bedeutet Demokratie auch die Möglichkeit, die alltäglichen Beziehungen zwischen den Menschen zu verbessern, zwischen Männern und Frauen, zwischen Frauen und Kindern, sie soll aufklären und helfen, den Alltag zu meistern.“ ([1], S. 181)

Und als ob dieses jämmerliche Geschwätz nicht peinlich genug wäre, fügte Cohn-Bendit noch hinzu:

„Ohne Zweifel ist ein solches Demokratieverständnis für mich ein Grund dafür, aktiv in einer Partei zu arbeiten, den GRÜNEN in der Bundesrepublik.“ ([1], S. 181)

War die Vorstellung von der Revolution wirklich nur ein großes Hirngespinst, ein kapitaler, wenn auch vielleicht historisch notwendiger Fehler? Und ist die Konsequenz, die aus der Erkenntnis dieses Fehlers zu ziehen ist, wirklich die parlamentarische Demokratie? Was, wenn man sich dieser Konsquenz verweigert? Schon einige Jahre zuvor hatte Cohn-Bendit in einem Nachwort zum Buch des RZ-Aussteigers Hans-Joachim Klein in schlechtem Deutsch geschrieben:

„Das Bedürfnis auf radikale subjektive Veränderung, heraus aus dem autoritären Mief der kleinbürgerlichen Mittelmäßigkeit […] fand sein Äquivalent in dem Mythos von der Revolution, dem utopischen Ort von Aufstand und apokalyptischer Veränderung. […] Ein jeder mußte nur konsequent genug sein, radikal, und wir würden es alle gemeinsam schaffen. So bekamen leere Begriffe wie Solidarität plötzlich einen warmen, lebendigen Inhalt, und selbst vorher verhaßte Begriffe wie »Disziplin« und »Organisation« bekamen durch das Beiwort »revolutionär« wieder einen Sinn – man mußte eben Opfer bringen. Und so eröffnete sich die Büchse der Pandorra [sic].“ ([2]. S.228f)

Mit der Büchse der Pandora meinte Cohn-Bendit den bewaffneten Kampf. Ultimative Konsequenz aus dem Mythos der Revolution war für Cohn-Bendit der Terrorismus, der sinnlose Krieg einer Minderheit gegen den Staat. Dem mußte Einhalt geboten werden:

„Die nicht enden wollende Todesspirale, die von den Kleinkriegsstrategen auf beiden Seiten, Staat wie Guerilla, als unabänderlich, unverhinderbar dargestellt wird, kann nur durch einen den Kreislauf transzendierenden Standpunkt unterbrochen werden: den humanitären.“ ([2], S. 230)

Hier klingen, dies nur nebenbei bemerkt, schon Ende der 70er Jahre die „humanitären“ Interventionen an, für die die GRÜNEN unter Joschka Fischer dann berüchtigt werden sollten. Doch zurück zum Argument: Es ist zweifellos richtig, daß eine ganze Reihe hochgradig hirnrissiger Experimente in den 70er Jahren darauf zurückgingen, daß man den Begriff der Revolution zu sehr an bestimmte historische Erscheinungsformen gekoppelt hatte, an den Sturm auf die Bastille, den Sturm auf’s Winterpalais. Eine derartige revolutionäre Situation aber war in den kapitalistischen Zentren in den 60er Jahren zu keiner Zeit gegeben. Genausowenig stand ein Neuerwachen proletarischen Klassenbewußtseins oder die konkrete Option der Rätedemokratie auf der Tagesordnung. Das Proletariat, die Revolution und die Räte waren zunächst einmal nur historische Mythen. Aber Mythen, die etwas bewegten, die einen bestimmten Inhalt hatten.

Als solche waren sie symbolisch zu verstehen: In ihnen artikulierten sich, in Form unklarer Bilder, die eigentlichen Bedürfnisse, für die den Protagonisten der Bewegung andere Bilder und Symbole fehlten.

Das Symbol des Proletariats repräsentierte nicht so sehr den konkreten Malocher in der Fabrik, sondern vielmehr eine Form materialer Kreativität, die im realen kapitalistischen Alltag immer mehr verkümmerte. Die Verweigerung entfremdeter Arbeit, wie sie von den Gammlern der 60er Jahre bis hin zu den alternativen Aussteigern der 70er und auch noch frühen 80er Jahre praktiziert wurde, erhielt im Symbol des revolutionären Proletariats eine Form, die der individuelle Verweigerung eine kollektive Perspektive gab.

Das Symbol der Räte stand für eine nicht nur formale, sondern tatsächlich inhaltliche Demokratie. Verantwortung sollte nicht nur delegiert werden, sondern man hoffte, jeden und jede in wesentliche Entscheidungsprozesse von persönlichem Belang mit einzubeziehen. In Cohn-Bendits Rede vom „demokratischen Formalismus“ ist noch ein leises Echo dieses kritischen Potentials, das im Symbol der Räte aufbewahrt ist, zu vernehmen, um dann in den Metamorphosen der GRÜNEN Partei endgültig zum Verstummen gebracht zu werden.

Das mächtigste dieser Symbole war allerdings das Symbol der Revolution. Es stand, als Symbol, eben nicht dem „Humanitären“ diametral entgegen. Es repräsentiert vielmehr die zutiefst humane Einsicht, daß eine Organisation der Gesellschaft auf Basis der kapitalistischen Produktionsweise nicht tragbar ist. Daß diese Ordnung zutiefst inhuman ist und grundlegend verändert werden muß, während bloß kosmetische Korrekturen die Misere nur verlängern.

Das Problem dieser Symbole war nur, daß sie nicht als offene Fragen, sondern schon als Antworten begriffen wurden. Und die daraus gezogenen Konsequenzen nicht als Experimente mit offenem Ausgang, sondern als klare Rezepte. Doch die Rätselnatur derartiger Symbole erlaubt keine Eindeutigkeit, keine klaren Handlungsanweisungen. Weil aber diese spezielle Natur der Symbole verkannt wurde, entstanden eine Unzahl miteinander konkurrierender Interpretationen. Was nicht schlecht gewesen wäre, wenn diese nicht mit einem dogmatischen Ausschließlichkeitsanspruch aufgetreten wären. Dieser führte dann dazu, daß die Bewegungen nicht mehr nach außen, auf den Rest der Gesellschaft einwirkten, sondern sich in sinnlose interne Debatten und Auseinandersetzungen verstrickten.

Dieser Kleinkrieg der linksradikalen Sekten hatte zur Folge, daß die Symbole selbst entwertet wurden, ihr eigentlich vernünftiger Inhalt über Bord flog. An die Stelle der revolutionären Phraseologie der Sekten trat entweder die Resignation oder, noch schlimmer, die Phraseologie der geläuterten Radikalen, die auf einmal die parlamentarische Demokratie für sich entdeckten. Das Kind war mit dem Bade ausgeschüttet worden.


Ab nächste Woche geht es völlig anders weiter. In den nächsten Wochen will ich mich mit einem Philosophen beschäftigen, der wie kein zweiter die Bewegungen inspiriert hat. Und ich hoffe, an sein Werk keine so dummen Fragen zu stellen wie Habermas im Jahr 1977:

„HABERMAS: Jetzt kommen wir zur Einschätzung der Studentenbewegung. Inwieweit kann man heute noch ähnliche Erwartungen an die Studenten als organisationsfähige Gruppe knüpfen, wie wir das alle 1967/69 getan haben? Ist das empirisch noch zu halten?
MARCUSE: Haben wir das alle getan? Haben Sie und habe ich angenommen, daß das die Revolution war?
HABERMAS: Nein, weiß Gott nicht.
MARCUSE: Na also.“ ([3], S. 59)

Nachweise

[1] Cohn-Bendit, D., Wir haben sie so geliebt, die Revolution, Berlin und Wien 2001.

[2] Klein, H.-J., Rückkehr in die Menschlichkeit. Appell eines ausgestiegenen Terroristen, Reinbek 1979.

[3] Marcuse, H.; Habermas, J.; Lubasz, H. & Spengler, T.: „Theorie und Politik“, in: Gespräche mit Herbert Marcuse, Frankfurt a.M. 1996, S. 9 – 62.

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Written by alterbolschewik

7. September 2012 um 13:19

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

Eine Antwort

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  1. Was die Revolution aus Sicht der revoltierenden Studierenden, Lehrlinge und SchülerInnen damals möglich erscheinen ließ war nicht nur die eorme Dynamik der subjektiven Veränderung, der Selbst-Entwicklung bei den Subjekten, sondern die Gleichzeitigkeit eines Krieges, dessen Verlust durch die USA sich abzeichnete mit dem Eintreten des Nahostkonflikts in eine neue Phase, Black Power und der antiautoritären Revolte sowie der an diese Gleichzeitigkeit geknüpften Popularität von Domino- und Focus-Theorie, die beide darauf hinausliefen, dass aus drei, vier, vielen Vietnams ,postkolonialen Aufständen, der schwarzen Bewegung und der Frauenbewegung sowie Jugend- und Studirevolten die Weltrevolution hervorgehen könne. Nicht zu vergessen der Faktor, den Kiesinger umtrieb: China, China, China.

    Und das führte dann dazu, dass revoltierende junge Leute in den urbanen Zentren Los Angeles, London, Paris, Berlin, Frankfurt, Zagreb, Tokio oder auch Freiburg, Göttingen, Mönchengladbach und Bremerhaven sich selbst Identitäten borgten und sich so fühlten, als ob das Sich Rumprügeln mit der Polizei das Gleiche sei, wie der Partisan, der mit dem Maschinengewehr ums Überleben kämpft.

    che2001

    8. September 2012 at 18:14


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