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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Marxismus und Feminismus (2)

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Wir waren letzte Woche mitten in einem Gespräch stehen geblieben, das die Freiburger Frauengruppe 1976 mit Herbert Marcuse geführt hatte. Die Diskussion drehte sich gerade um die uns heute mehr als absurd anmutende Behauptung, die wohl auch in der Linken vertreten wurde, daß Frauen zur Solidarität unfähig seien, weil sie diese sofort verraten würden, wenn sie sich in einen Mann verliebten. Daran anschließend knüpfte sich eine Kritik an Marcuses Text über Marxismus und Feminusmus, da er dort die Flüchtigkeit von Liebesverhältnissen im Kapitalismus kritisiert. An dieser Stelle geht es nun weiter.


Gerda: Also sehen doch auch Sie ein Symptom in diesem Punkt.

Marcuse: Auch in der Solidarität mit Männern. [gehört noch zur vorherigen Antwort]

Gerda: Unter Umständen.

Marcuse: Haben Sie diesen Text da? Würden Sie so gut sein, das vorzulesen?

Gerda: Ja: „Ich glaube, man kann den Punkt der Bedrohung, jedenfalls so wie ich ihn sehe, ziemlich genau angeben, z.B. in einem Liebesverhältnis, wo die Frau, nicht der Mann, eines Tages sagt, ich habe jemand anderes gefunden. Frau oder Mann – auf Wiedersehen oder vielleicht auch nicht. Was ist das für eine Liebesbeziehung, wenn es dabei bleibt. Ist das einfach eine Reproduktion des Tauschverhältnisses in der Frauenbewegung. Man tauscht einen Partner gegen einen anderen aus. Das wäre die abstrakte Negation der bürgerlichen Moral, aber nicht deren Aufhebung. Ich möchte vielmehr demgegenüber fragen, ob es nicht einen Raum der Privatheit gibt, der nicht in dieser Weise erfaßt werden kann. Ob es nicht Probleme gibt, mit denen die Individuen, die unmittelbar betroffen sind, alleine fertig werden müssen, ohne darüber eine Diskussion anzustreben. »Morgen um acht ist hier eine Sitzung; wir diskutieren meine Probleme, die ich mit X habe.« Da ist irgendetwas falsch, das geht nicht. Ich werfe es als Frage auf. Ich habe immer den Wert der Privatheit ungeheuer hoch geschätzt und kann mir keine anständige Gesellschaft vorstellen, in der dieser Privatbereich nicht Geschützt würde.

Marcuse: Ich habe das als Frage aufgeworfen, auf die ich keine Antwort weiß. Der Text zielt auf das, was heute in der Establishment-Terminologie Promiskuität genannt wird. D.h., daß man als Befreiung empfindet, wenn man in einem Liebesverhältnis, daß offenbar ein wirkliches Liebesverhältnis war, eines schönen Tages sagt: „Ich habe was besseres gefunden, auf Wiedersehen“. Das scheint mir nicht gerade eine emanzipatorische Lösung zu sein. Da ich selbst die Lösung nicht habe, habe ich sie auch nie angedeutet. Aber jedenfalls ist das in keiner Weise zu verstehen als Identifizierung mit diesem Verein.

Margot: Nein, des glaube ich auch nicht, daß die Frage und daß Lesen dieses Textes darauf hinausgehen. Sondern, und auch die Gruppe, mit der Sie da diskutiert haben, spricht Sie darauf an, es geht auf diesen Moment der Privatheit, daß Sie also dann sagen, „es muß der Raum der Privatheit geschützt bleiben“ und Ihnen dann entgegengehalten wird in diesem Interview, daß ja gerade Privatheit für die Frauen gleichzusetzen ist mit Isolation, weil in diesem privaten Raum, in den sie ja verwiesen wird durch diese ganze Familienstruktur, sie keine Möglichkeit hat – sie ist ja die Schützerin gerade des Privatraums und hat darin auch zu bleiben – da herauszukommen. Und da sagen Sie dann zu diesem Privatheitsproblem, daraufhin ging das eben: „Ich kann mir nicht vorstellen…“ Die Frage lautet von diesen Interviewern daraufhin: „Bei uns ist Privatheit gleichzusetzen mit Isolation, mit Getrenntheit von den anderen. Oder gibt es die Möglichkeit, Privatheit kollektiv zu verstehen.“ Da sagen Sie zunächst, und darum bleibt das jetzt als offene Frage hier auch im Raum: „Ich weiß nicht, vielleicht ist die Diskussion mit Freunden eine Möglichkeit.“ Aber Sie bleiben dann auch in der weiteren Ausführung dabei, daß Konflikte auch kollektiv oder mit anderen letztendlich nicht lösbar sind. Und auf diesen Moment der Privatheit zielt die Frage hier jetzt eigentlich ab, ob man wirklich darauf bleiben muß.

Marcuse: Eines der Momente – wie gesagt – ich habe mir das als Frage aufgeworfen; ich habe dafür keine Lösung. Das Ganze steht im Zusammenhang der Entgegnung auf Begriffaussagen, wie eine freie Gesellschaft als total konfliktlose Gesellschaft vorschwebt. Und ich habe immer wieder betont, daß auch die freieste Gesellschaft von einer bestimmten – sehr bestimmten Art von Konflikten nicht loskommen kann, und daß die Idee des Sozialismus als konfliktlos in jedem Sinn eine falsche Idee ist. In diesem Zusammenhang steht [Husten] … der Privatsphäre, aber keinesfalls beschränkt auf die Frauen; das würde genau so gut auf die Männer passen.

Margot: Des Problem ist nur, wenn Sie diese Konflikte hier tatsächlich im Privatbereich stehen lassen, daß das ja gerade der Bereich ist, in dem Frauen in ganz enormem Maße unterdrückt werden. Formal im öffentlichen Bereich ist eine Gleichberechtigung beispielsweise innerhalb des Kapitalismus relativ leichter zu erreichen als gerade in diesem Privatbereich. Wir wenden uns auch nicht gegen die Aussage, daß eine Gesellschaft ohne Konflikte nicht denkbar ist, wenigstens ich kann mir das auch nicht konkret vorstellen. Aber warum müssen diese Konflikte ausgerechnet – so wie sie zumindesten in Ihrer Aussage hier stehen – in dem privaten Bereich stehen bleiben.

Marcuse: Sie müssen nicht im Privaten stehenbleiben sobald die Gesellschaft den Antagonismus zwischen Privat und Gesellschaftlichem überwunden hat, d.h. eine Privatsphäre bewahren kann, ohne diese Sphäre als Sphäre der Isolierung zu wahren. Aber das ist wiederum eine Sache der Zukunft.

Gerda: Es ist aber auch sehr interessant, daß Sie in dem entsprechenden Zitat gerade sagen, Sie können sich keine anständige Gesellschaft vorstellen ohne den Raum der Privatheit. Was anständig ist bestimmt die Norm. Und was unanständig ist, das spielt sich auf der Rückseite dieser Norm ab. Was unanständig ist, das führt ein Schattendasein mit Dunkelziffern. Aber deshalb ist dieser Teil des Lebens nicht unwahr, er ist auch Realität. Und ich glaube, daß wir viel ehrlicher wären in unserem gesellschaftlichen Miteinander, wenn wir diese Dunkelziffer und diese Schattenseite nicht auf der Rückseite dessen was gut ist, leben müßten, wenn wir nicht Sündenböcke brauchten, die dieses Böse tragen. Und ich finde es vor allen Dingen ganz katastrophal, was sich auf dieser Dunkelseite unserer Gesellschaft abspielt, nämlich: weil man darüber nicht spricht, kann z.B. in der Verborgenheit – ich will nur ein Problem aufwerfen – Gewalt gegen Frauen stattfinden; die Frauen schämen sich, daß sie in der Ehe geschlagen werden oder irgendetwas erleben und sagen es nicht. Wäre das bekannt, so würde sich eine Frauenbefreiung sich schon ganz anders durchgesetzt haben, Oder am allerschlimmsten ist es dort, wo sich das, was man nicht tut und worüber man nicht spricht, im Gesetz verfestigt, wo also die Norm ihre Verfestigung im Gesetz erfährt, wie z.B. beim § 218. Ich bin überzeugt davon, könnten Frauen über diese Dinge sprechen, ständen sie nicht mit einem Fuß in Zuchthaus, wenn sie sagen, was sich da wirklich abspielt, dann wäre der § 218 in Deutschland längst vom Tisch. Aber da man ja riskiert, ins Gefängnis zu kommen, wenn irgendeine Äußerung über das, was wirklich wahr ist, gemacht wird, so verfestigt sich dieser Paragraph in doppelter Richtung. Und natürlich wirkt die Gesellschaft nach außen unerhört anständig. Und wir sind eine wunderbar soziale Gesellschaft. Aber was sich auf der Rückseite als Unanständigkeit abspielt, das ist doch nur eine verlogene Moral, das ist doch nicht die Realität.

Marcuse: Ja gewiß, aber alles, was Sie jetzt sagen, bezieht sich auf die bestehende Gesellschaft und nicht auf das, was eine anständge Gesellschaft sein muß.

Gerda: Also, was ist anständige Gesellschaft, um diese Problematik mal zu sagen. Ist zum Beispiel eine anständige Gesellschaft eine Gesellschaft, in der man nur nicht weiß, daß Männer Frauen schlagen? Ist eine anständige Gesellschaft die, in der man nicht weiß, daß Frauen nach Holland fahren?

Marcuse: Sicher nicht.

Gerda: Oder ist eine anständige Gesellschaft die, in der das überhaupt nicht mehr geschieht?

Marcuse: Die, in der das überhaupt nicht mehr geschieht.

Gerda: Und wie ist sie erreichbar?

Marcuse: Das iat nun wieder eine ganz andere Frage.

Beifall und Mißfallen. Eine Frau beklagt sich, daß die Diskussion in so kleinem Kreis stattfindet und wünscht, daß auch alle anderen Hörer in den Themenkreis eingeweiht werden, damit sich alle an der Diskussion beteiligen können.

Dagmar: Das sieht so aus, daß wir uns also in einer Arbeitsgruppe mit diesem Artikel Marxismus und Feminismus und den Interviews und was da sonst noch an Material vorliegt, intensiv beschäftigt haben, und daß wir also cirka 10 Fragenkomplexe rausgesucht haben und uns da besonders eingehend damit beschäftigt haben und versuchen, dieses jetzt auch wirklich durchzudiskutieren. Ich meine, wenn irgend jemand noch besondere Fragen dazu hat, kann er ja gerne noch da mitreden, aber wir sind natürlich auch daran interessiert, das speziell jetzt hier durchzusprechen.

Die Frau wünscht Stichworte als Anhaltspunkte.

Margot: Ich meine, wir haben eigentlich diesen Fragenkreis, den können wir gleich nochmal nennen, schon hier in Andeutungen überall angesprochen und insofern glaube ich, läßt sich das jetzt ziemlich leicht machen, daß auch von woandersher Fragen oder Ergänzungen bzw. Meinungen dazu kommen können. Wir können das mal eben nennen: Das erste war die Ausgangsfrage = das Verhältnis von Patriarchat und Kapitalismus. Das zweite beschäftigt sich – und das ist noch relativ am wenig­sten angesprochen, da wäre uns noch vielleicht daran gelegen, eine Frage als Einladung da hineinzubringen – mit der Frage nach Frauen als dem revolutionären Potential, nach der Frage, wieso Revolutionen dazu tendieren, zu pervertieren. Hier allerdings jetzt als Hinweis, weil uns das in der Gruppe selber passiert ist, nicht jetzt auf allgemeine Revolutionstheorien bezogen, sondern vor allem auf Emanzipationsbewegungen, von Frauen ausgehend; denn sonst kommt man ins Uferlose. Dann haben wir die Frage, die in dem Aufsatz drankommt: feministische Qualitäten als philosophisches Prinzip, weil da häufig davon gesprochen wird, wenn weibliche Qualitäten kommen, dann sind die förderlich für einen guten Sozialismus. Dieser Ausdruck des weiblichen Sozialismus. Wir haben dann die drei Fragen der Privatheit, der Sexualität, der Solidarität, und was im Hintergrund steht, die Frage des Androgynismus, also der Verschmelzung dieser zunächst einmal polaren antithetisch gesetzten männlichen und weiblichen Qualitäten, daß das so nicht gut ist aufrecht zu erhalten, sondern daß man eine neue menschliche Qualität gewissermaßen entwickeln müsse, die aus der Verschmelzung – ich sage es mal grob – der positiven Seiten dieser beiden antithetischen Qualitäten entstehen. Das wäre der Androgynismus. Innerhalb dieser Fragen kommen natürlich die ganzen Ohnmachtsfragen der Sexualität, der Frau als Politikum. Ich glaube, ich brauche das jetzt nicht im einzelnen genau zu erläutern, weil da sicherlich Vorstellungen bei den Einzelnen vorhanden sind. Aber vielleicht können wir nur noch einmal und zwar im Anschluß vielleicht an die gestrige Diskussion – damit das nochmal mit aufgegriffen wird – diese Frage des revolutionären Potentials nur mit hineinstellen, ohne dann weiter selbst darauf einzugeben. Gestern ging es ja in der Diskussion um die Möglichkeiten der linken Bewegung, und unsere Frage stellt sich dann da, wie von Marcuse gesagt wird, die Frauen seien eigentlich das, nach ihren potentiellen Möglichkeiten sei in der Frauenbewegung das revolutionäre Potential vorhanden, das er sich jetzt denken kann. Welche Möglichkeit hätte eigentlich dieses revolutionäre Potential der Frauen innerhalb einer gesamten linken Bewegung? Das nur als Frage hineingestellt.

Hörerin: Sie sprachen gestern im Vortrag von der Entfremdung durch die Arbeit, d.h, daß eben Menschen innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft von der Arbeit fremdbestimmt worden sind. Sie können sich nicht mit der Arbeit zum größten Teil identifizieren, sie wird ihnen zugeteilt, die Arbeitsbedingungen werden ihnen zugeteilt, sie können den Sinn und Zweck der Arbeit nicht einsehen, weil sie nur diesen Prozeß überhaupt nicht überschauen können. Sie können nicht bestimmen, was mit ihrem Produkt passiert, und vielleicht haben die Frauen, die ja viel mehr auf den Privatraum verwiesen waren, ihnen war erlaubt, Gefühle zu kultivieren, Männer hatten Gefühle zu unterdrücken, männlich oder was weiß ich. Frauen waren viel mehr darauf angewiesen, über persönliche Dinge zu sprechen. Vielleicht haben Frauen noch eine ganz andere Sensibilität für diese Fremdbestimmtheit und Unterdrücktheit, weil sie dadurch, daß sie in den Privatraum verwiesen worden waren, doch doch noch einen winzigen Bereich, die Möglichkeit, sich mit ihrer Person zu beschäftigen, dafür eine Sensibilität zu entwickeln, daß die Frauen die an die Männer weitergeben könnten. Sich darüber klar werden, was passiert eigentlich mit ihren, nicht, was in Wirklichkeit doch nur die weiterführende Verfremdung ist. Von daher könnte man sagen, daß vielleicht die Frauen eine Chance hätten, ein gewisses Potential zu bilden, einerseits unterdrückt, weil sie in den Privatbereich schon ganz lang verwiesen waren, nicht, Frauen, nich‘, Kinder, die drei „K“s. Auf der anderen Seite könnte… Daß daraus eine Chance erwächst. Der Mann, der von vornherein immer am Arbeitsplatz ist, konnte vielleicht gar nicht diese Sensibilität entwickeln.

Marcuse: Ja, aber die Frauen, die außerhalb der Privatsphäre jetzt noch full time arbeiten, die wird ja immer größer. Die Zahl der arbeitenden Frauen wächst ja ständig. Sie haben die Privatsphäre und außerdem die Entfremdung in der Arbeitssphäre.

Gleiche Hörerin: Aber auch nicht so lange, nicht, und dann Halbtagsjobs und…

Marcuse: Genauso lange, 8 Stunden, bei der Mehrheit.

Gleiche Hörerin: Aber nicht so viele Jahre, sie bekommen Kinder, gehen wieder raus aus dem Beruf.

Marcuse: Und wieder rein. Das macht’s noch schlimmer.

Gleiche Hörerin: Aber es gäbe vielleicht eine Möglichkeit…


An dieser Stelle vermerkt das Typoskript eine kleine Pause. Freuen Sie sich also darauf, daß es nächste Woche etwas strukturierter weitergeht, wenn Geli meint:

„Ich möchte nochmal anknüpfen im Zusammenhang mit der Frage der Revolution an Ihr Zwei-Stufen-Modell dieser Revolution.“

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Written by alterbolschewik

21. September 2012 um 12:42

Veröffentlicht in Herbert Marcuse

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