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Archive for Oktober 2012

Die Marcuse Debatte in der deutschen Frauenbewegung

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„Ich bin der Auffassung, daß die Frauenbefreiungsbewegung (Women’s Liberation Movement) derzeit die vielleicht wichtigste und potentiell radikalste politische Bewegung ist.“

Herbert Marcuse, 1974

Wie bereits vor zwei Wochen gezeigt, begann die autonome Frauenbewegung in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1968. Bis sie allerdings bis an die Ränder der Republik vordrang, ging einige Zeit ins Land. Die erste Frauengruppe in Freiburg wurde erst im Oktober 1972 gegründet ([4], S. 14). Auch die Debatte mit Marcuse über dessen Vortrag Marxismus und Feminismus im Jahr 1976 kam eigentlich reichlich verspätet. Sie war bundesweit bereits Ende 1974 geführt worden, was unter anderem in der vom Sozialistischen Büro herausgegebenen Zeitschrift links dokumentiert wurde.

Im Oktober 1974 hatte die links den Vortrag, den Marcuse am 7. März 1974 auf Einladung des Center for Research on Woman an der Stanford University gehalten hatte, veröffentlicht. In der nächsten Nummer folgte ein freundliches Gespräch mit Marcuse ([5]), bei dem es sich eigentlich weniger um ein Gespräch handelte als vielmehr um die devote Nachfrage, ob er freundlicherweise den einen oder anderen Punkt seiner Argumentation etwas genauer erklären könne. In diesem Gespräch läßt Marcuses den Satz fallen, der ihm dann in der Freiburger Diskussion aber auch in einem späteren Beitrag in der links ([2]) vorgeworfen wird (ich werde in einem späteren Blogbeitrag noch einmal darauf zurückkommen):

„Ich habe immer den Wert der Privatheit ungeheuer hoch geschätzt und kann mir keine anständige Gesellschaft vorstellen, in der dieser Bereich des Privaten nicht beschützt würde.“ ([5], S. 10)

Der zweite Beitrag zum Thema hatte nicht direkt etwas mit Marcuse zu tun. In der Dezember-Ausgabe wurde ein Interview veröffentlicht, das Alice Schwarzer mit Simone Beauvoir geführt hatte und das bereits 1972 in der österreichischen Zeitschrift Neues Forum erschienen war ([1]). Wirklich interessant wurde es erst im Januar 1975, als sich eine Gruppe Berliner Frauen zu Wort meldete ([2]).

Interessant ist die Polemik der Berliner Frauen vor allem, weil sie zeigt, daß die Berlinerinnen schon damals den in der Hauptstadt immer noch virulenten hyperradikalen Gestus pflegten, der es ihnen erlaubte, Marcuses Argumentation souverän zu ignorieren. Stattdessen hoben sie darauf ab, daß er ein Mann sei und damit per se ein Unterdrücker, weshalb ihm nur eine ganz bestimmte Form der Rede zustünde:

„Wir behaupten, daß ein Mann, der einen ehrlichen Versuch unternimmt im Zusammenhang mit der Frauenunterdrückung sich zu engagieren, nur eines machen kann, wenn er glaubwürdig sein will: über Männer und ihre Art Frauen zu unterdrücken, ihre Unfähigkeit, außer unter Druck eine Selbstveränderung zu unterziehen, zu schreiben – aber nicht über Frauenkampf und Feminismus.“

Eine Auseinandersetzung mit den Positionen Marcuses selbst hingegen fand nicht statt, und zwar mit der lapidaren Begründung:

„Er fühlt sich scheinbar auf der Seite der Frauen, denn in der Frauenbewegung hat er eine neue Möglichkeit gefunden, die Lücke zu schließen und den Bogen zu spannen zwischen erotischem Prinzip und destruktiver Aggressivität vermittelt in der neuen Gesellschaft, in dem weiblichen Sozialismus. Die Frauenbewegung wird somit zum Objekt seiner theoretischen Auseinandersetzungen.“

Für die Berliner Frauen ist es völlig unerheblich, ob Marcuses Überlegung stichhaltig ist, daß die patriarchale Gesellschaft im Verlauf des Zivilisationsprozesses bestimmte Verhaltensweisen unterdrückt, als „weiblich“ abgespalten und einer bestimmten Bevölkerungsgruppe zugewiesen hat. Es wird allein das formale Argument ins Spiel gebracht, daß Marcuse die Frauenbewegung zum Objekt herabwürdige.

Dem entgegnete eine Münchner Frauengruppe, die ebenfalls mit Marcuse dessen Text diskutiert hatte, völlig zurecht:

„Der Einwand von Frauen aus dem Berliner Frauenzentrum […], daß es sich bei Marcuses Beitrag wieder einmal um eine männliche Subsumtionsreflexion handele, geht deshalb am Inhalt der Thesen vorbei, weil in diesem Einwand selbst die abstrakte Negation wiederholt wird, die Marcuse mit dem Begriff des weiblichen Sozialismus zu überwinden glaubte. Nicht daß gegen den Begriffsimperialismus der Genossen keine Kritik bzw. Aggression angebracht wäre – doch bleibt diese Kritik banal, wenn sie nicht am Inhalt selbst geführt wird. Ansonsten besteht die Gefahr, gegen jeden Theoretisierungsversuch den Männlichkeitsverdacht auszusprechen (auch innerhalb der eigenen Reihen, der Frauen).“ ([3])

Kurz, die Debatte über Marcuses Thesen zum Feminismus war 1976 bereits einige Jahre alt, als die Freiburger Frauen in die Diskussion einstiegen. Einige Gründe für diese Nachzüglerdebatte lassen sich angeben: Daß die Diskussion noch einmal aufgerollt wurde, war zweifellos dem äußeren Umstand geschuldet, daß Marcuse seiner alten Universität einen Besuch abstattete. Zum anderen lag das aber auch daran, daß die Freiburger Frauenbewegung in den Anfangsjahren sich weniger mit feministischer Theorie beschäftigt hatte als vielmehr ganz handfest praktisch agierte:

„So gründeten sich Ende 1973 Arbeitsgruppen, die sich mit ihren Aktivitäten nach außen wendeten: eine Gruppe beschäftigte sich mit Stadtteilarbeit, eine andere plante weitere Aktionen zum § 218, eine Gruppe Medizinstudentinnen konzentrierte sich auf die frauenmedizinische Problematik, eine Öffentlichkeitsgruppe nahm Kontakt zu Frauengruppen in anderen Städten auf, sammelte Bücher, Zeitungen und Zeitschriften und machte die Frauengruppe über einen einmal wöchentlich in der Mensa der Universität aufgestellten Büchertisch in Freiburg bekannt.“ ([4], S. 17)

Zudem waren diese Jahre durch den Kampf gegen das Atomkraftwerk in Wyhl bestimmt – bei dem die Badische Fraueninitiative eine wesentliche Rolle spielte:

„Die Badische Fraueninitiative wurde bis auf eine Handvoll Frauen aus Freiburg aus dem universitären Umfeld […] ausschließlich von Frauen aus den Dörfern in und um den Kaiserstuhl getragen. Es war »keine Frauenbewegung im üblichen Sinn« […] sondern überschritt auch in sozialstruktureller Hinsicht die Grenzen, in denen Frauenbewegung in Freiburg sich damals weitgehend abspielte.“ ([4] , S. 20)

So waren die ersten Jahre der Freiburger Frauenbewegung durch eine Vielzahl von Aktivitäten geprägt, doch öffentliche Diskussionen über feministische Theorie gehörten eher nicht zum Repertoire der Aktivistinnen. Nicht, daß keine Öffentlichkeitsarbeit geleistet worden wäre. Noch im April 1976 wurde im vollbesetzten Audimax vor 1200 Zuhörerinnen und Zuhörern ein Tribunal gegen den § 218 durchgeführt. Doch die Marcuse-Veranstaltung einige Monate später geriet, zumindest in der subjektiven Auffassung der Veranstalterinnen, zum Fiasko:

„Die Studenten der Fachschaft Philosophie hatten im SS 1976 den damals schon 80jährigen Altvater der Linken eingeladen. Auf Initiative von Gerda Weiler wollten die Frauen die Gelegenheit nutzen, ihre Kritik an seinem 1974 erschienenen Aufsatz »Marxismus und Feminismus« und insbesondere an seiner darin vertretenen Androgynitätsthese zu artikulieren. Sie hatten an eine Insider-Diskussion am runden Tisch im Vorfeld der weiteren Veranstaltungen mit Marcuse gedacht, erfuhren aber erst zwei Tage vorher, daß dafür eine Podiumsdiskussion in der Universität vorgesehen sei. Darauf überhaupt nicht vorbereitet und durchweg völlig ungeübt in derartigen öffentlichen Auftritten, gelang es den Frauen nie so recht, ihr Anliegen verständlich zu machen. Die Diskussion vor ca. 100 Erschienenen verlief ziemlich chaotisch (wobei auch Klaus Theweleit seine destruktiv machohafte Rolle spielte) und wurde von der Gruppe anschließend als heilsame Erfahrung im Umgang mit einer bestimmten Art von Öffentlichkeit gewertet.“ ([4], S. 33)

Lesen Sie nächste Woche weiter, wenn wir genauer auf den Inhalt von Marcuses Vortrag eingehen und die im Vorfeld diskutierte Kritik der Freiburger Frauengruppe darstellen. Freuen Sie sich also darauf, daß Marcuses Lob der Privatheit von Gerda Weiler mit folgenden Worten kritisiert wird:

„Frauen erfahren ihre Unterdrückung gerade im privaten Bereich. Es ist daher absurd, eine feministische Revolution anstreben zu wollen unter Aufrechterhaltung der Forderung nach Privatheit.“

Nachweise

[1] Beauvoir, S. & Schwarzer, A., „Feminismus und Klassenkampf“, in: links, Jg.5 (1974), Nr.61 (Dezember 1974), S.14 – 16.

[2] Frauen aus dem Frauenzentrum Berlin, „Warum wir Frauen uns nicht zum philosophischen Prinzip degradieren lassen oder – traue keinem Mann“, in: links, Jg.6 (1975), Nr.62 (Januar 1975), S.21.

[3] Münchner Frauengruppen: „Was ist Weiblichkeit? Protokoll zur Diskussion Münchner Frauengruppen mit Herbert Marcuse, Starnberg 1974“, in: Freiburger Frauengruppe (Hg.), Reader zur Marcuse-Diskussion, Freiburg o.J. (1976).

[4] Poppenhusen, M., Viel bewegt – nichts verrückt?, Freiburg i.Br. 1992.

[5] „Gespräch mit Herbert Marcuse“, in: links, Jg.5 (1974), Nr.60 (November 1974), S.9 – 10.

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Written by alterbolschewik

26. Oktober 2012 at 15:27

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Hinweis für die treuen Leserinnen und Leser

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Mir ist heute nicht danach, einen Text zu verfassen. Mir ist nach feiern. Und das werde ich tun…

Bis nächste Woche.

Written by alterbolschewik

19. Oktober 2012 at 15:29

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Die Entstehung der autonomen Frauenbewegung

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„Genossen, eure Veranstaltungen sind unerträglich.“

Helke Sanders, 1968

Mit dem Gespräch der Freiburger Frauengruppe, das diese im Jahr 1976 mit Herbert Marcuse geführt hat und das die letzten vier Folgen dieses Blogs gefüllt hat, betreten wir Neuland, und zwar in mehrerlei Hinsicht. Zum einen soll dieses Gespräch natürlich einen Auftakt bilden für die Beschäftigung mit Herbert Marcuse. Marcuse mag vielleicht nicht der bedeutendste Theoretiker der sogenannten „Frankfurter Schule“ gewesen sein, er hatte aber sicherlich den unmittelbarsten Einfluß auf die Protestbewegungen der 60er und 70er Jahre. Und es waren vor allem seine Thesen aus Eros and Civilization (etwas unglücklich als Triebstruktur und Gesellschaft ([2]) übersetzt) und Der eindimensionale Mensch ([3]), die das Selbstverständnis der antiautoritären Revolte entscheidend prägten – viel mehr als die Schriften von Horkheimer und Adorno.

Und Marcuses Theorien beeinflußten nicht nur die antiautoritären Protestbewegungen, sondern sie wiesen auch schon zum Teil über sie hinaus – was die in den letzten vier Wochen dokumentierte Debatte deutlich macht. Denn auch mit der Thematisierung der Frauenbewegung betritt dieses Blog nun Neuland. Ging es hier bislang zumeist um die Entstehung der antiautoritären Bewegungen, sind wir mit dieser Diskussion aus dem Jahr 1976 mitten in den – zum damaligen Zeitpunkt schon weit fortgeschrittenen – Zerfallsprozeß der Bewegungen hineingesprungen.

Der Scheitelpunkt ist sicherlich in den Jahren 1968/69 zu suchen. Bis dahin war die Tendenz der Bewegungen darauf hin ausgerichtet, die eigene Basis zu verbreitern. „Politisierung“ war das Schlagwort, das diesen Versuch eines quantitativen und auch qualitativen Wachstums der Bewegungen beschrieben sollte. Trotz aller gelegentlich auch scharf geführten Auseinandersetzungen verstand man sich, wenn auch diffus, als eine große Bewegung, eben als außerparlamentarische Opposition.

Doch der Erfolg der Bewegungen, die Verbreitung antiautoritärer Ideen in die Breite der Gesellschaft, holte die Bewegungen selbst ein. Die Bewegungen waren zu schnell gewachsen, als daß die theoretische und organisatorische Reife mit diesem Wachstum hätte Schritt halten können. Der Zerfallsprozeß, der mit den Jahren 1968/69 einsetzte, hat eine ganze Reihe von Gründen (die irgendwann einmal in diesem Blog Thema sein werden). Ein wesentlicher soll uns heute interessieren: Innerhalb der Bewegungen selbst wurden – wie sollte es auch anders sein – Mechanismen reproduziert, die den lauthals verkündeten emanzipatorischen Ansprüchen diametral entgegenstanden.

Auf der 23. Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) im September 1968 wurde genau diese Problematik angesprochen:

„Wir stellen fest, dass der SDS innerhalb seiner Organisation ein Spiegelbild der gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse ist.“ ([4], S. 39)

Diejenige, die das konstatierte, war Helke Sanders vom Berliner Aktionsrat zur Befreiung der Frauen. In ihrer Rede kritisierte sie entschieden, daß die ganze Politik des SDS völlig verkürzt sei,

„nämlich dadurch, daß man einen bestimmten Bereich des Lebens vom Gesellschaftlichen abtrennt, ihn tabuisiert, indem man ihm den Namen Privatleben gibt.“ ([4], S. 39)

Und sie nannte auch die Gründe dafür:

„Diese Tabuisierung hat zur Folge, daß das spezifische Ausbeutungsverhältnis, unter dem die Frauen stehen, verdrängt wird, wodurch gewährleistet wird, daß die Männer ihre alte, durch das Patriarchat gewonnene Identität noch nicht aufgeben müssen.“ ([4], S. 39)

Doch Sanders Rede – die überhaupt nur gegen Widerstand durchgesetzt werden konnte – konnte den Genossen keine Reaktion entlocken. Sie sahen überhaupt nicht, daß Diskussionsbedarf bestand:

„Da meldete sich artig eine Genossin [Sigrid Damm-Rüger] im prallen Umstandskleid, dem Frankfurter Studenten-Idol Hans-Jürgen Krahl eine Zwischenfrage zu stellen. Ob er nichts zur Unterdrückung der Frau in der Gesellschaft und insbesondere im SDS zu sagen habe, wollte sie wissen. Ehe der vielwissende Krahl noch hilflos mit den Schultern zucken konnte, antwortete sie für ihn, attestierte ihm autoritäre Ignoranz und nestelte dabei an einer Einkaufstasche. Sie hielt etwas Rotes in der Rechten, schleuderte dem wortgewandten Mann am Mikrophon erst den Satz entgegen „Du bist objektiv ein Agent des Klassenfeinds“ und dann ein paar Tomaten. Eine der Früchte traf den überraschten Krahl voll, die übrigen zerplatzten am – ausschließlich von maskulinen Genossen okkupierten – Präsidiumstisch.“ ([1])

Die Methoden der antiautoritären Revolte mußten gegen deren eigene Anführer gerichtet werden, damit sich diese nicht verhielten wie die Autoritäten, die man bislang als Gegner identifizierte. Und so wurde der Tomatenwurf von Sigrid Damm-Rüger zur Initialzündung der autonomen Frauenbewegung.

Würde man allerdings die Intervention von Sanders und Rüger auf die Kritik an den SDS-Autoritäten und den Tomatenwurf reduzieren, wie das im Rückblick leider viel zu oft getan wird, würde man das Beste verfehlen. Denn die Kritik von Sanders blieb keineswegs bei der abstrakten Negation stehen. Den größten Teil ihrer Rede verwandte sie darauf, das politische Konzept des Aktionsrates für die Befreiung der Frauen vorzustellen. Und dieses verweist – wenn auch implizit – wieder auf Herbert Marcuse zurück.

Der Aktionsrat konzentrierte sich – was heute verblüffen mag – in seiner Arbeit hauptsächlich auf Frauen mit Kindern:

„Bei ihnen sind die Aggressionen am stärksten und ist die Sprachlosigkeit am geringsten. […] Da die Bereitschaft zur Solidarisierung und Politisierung bei den Frauen mit Kindern am größten ist, weil sie den Druck am meisten spüren, haben wir uns in der praktischen Arbeit bisher auf ihre Konflikte konzentriert.“ ([4], S. 40)

Daraus resultierte die Idee der Kinderläden. Diese sollten eben nicht allein die Frauen mit Kindern entlasten, indem sie die Kinderbetreuung und -erziehung kollektivierten. Sondern mindestens ebenso wichtig war es, Sinn und Zweck der Erziehung zu verändern:

„Da die politischen Frauen ein Interesse daran haben, ihre Kinder eben nicht mehr nach dem Leistungsprinzip zu erziehen, war die Konsequenz die, daß wir den Anspruch der Gesellschaft, daß die Frau die Kinder zu erziehen hat, zum ersten mal ernst nehmen. Und zwar in dem Sinne, daß wir uns weigern, unsere Kinder weiterhin nach den Prinzipien des Konkurrenzkampfes und Leistungsprinzips zu erziehen, von denen wir wissen, daß auf ihrer Erhaltung die Voraussetzung zum Bestehen des kapitalistischen Systems überhaupt beruht.“ ([4], S. 41f)

Hier haben wir den direkten Anknüpfungspunkt an die Theorien von Marcuse. Diese Kritik des Leistungsprinzips und der diesem innewohnenden psychischen Unterdrückungsmechanismen geht auf dessen antiautoritäre Freudinterpretation in Eros and Civilization zurück. Daß sich Herrschaft nicht allein auf äußere Institutionen stützt, sondern sich direkt in die Psyche der Unterworfenen einnistet, ist eine der wesentlichen Einsichten der kritischen Theorie. Und Marcuse war derjenige, der diese Einsicht in einer Form präsentiert hatte, die von der entstehenden Frauenbewegung aufgenommen werden konnte.

Freuen Sie sich also nächste Woche darauf, daß wir diese Verbindung von Marcuse zur Frauenbewegung genauer untersuchen und uns fragen, ob die Kritik der Freiburger Frauengruppe berechtigt ist, wenn sie behauptet, daß mit Marcuse

„ein Mann theoretisch über Frauen verfügt, der gleichwohl deren Befreiung auf seine Fahne schreibt.“

Nachweise

[1] Die Zeit, 20. September 1968: „Was denn nun, Genossen?“ (Hermann, K.), S.2.

[2] Marcuse, H.: „Triebstruktur und Gesellschaft“, in: Marcuse, H., Gesammelte Schriften Bd. 5, Springe 2004.

[3] Marcuse, H.: „Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft“, in: Marcuse, H., Gesammelte Schriften Bd. 7, Springe 2004.

[4] Sanders, H.: „Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS (1968)“, in: Lenz, I. (Hg.), Die Neue Frauenbewegung in Deutschland, Wiesbaden 2009, S. 38 – 43.

Written by alterbolschewik

12. Oktober 2012 at 16:11

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Marxismus und Feminismus (4)

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Vierter und letzter Teil des Gesprächs über die Frauenbewegung, das im Jahr 1976 von der Freiburger Frauengruppe mit Herbert Marcuse geführt wurde. Das Typoskript ist etwas lückenhaft, weil auf der Tonbandaufnahme wohl nicht alles zu verstehen war und das Publikum gegen Ende der Veranstaltung etwas unruhig wurde. Ich habe gelegentlich versucht, sinnvoll zu ergänzen. Die Kürzung gleich am Anfang ist so im Typoskript.


Hörer: Ich habe die ganze Zeit während der Diskussion das Gefühl von etwas Schematischem, was da abläuft, und zwar hauptsächlich wegen der Begriffe, mit denen ich sehr wenig anfangen kann. Das fängt schon mal patriarchalisch an, wenn festgestellt wird, daß der Kapitalismus … [Es folgen weitere Ausführungen des philologischen Fanatikers, die nicht zum Thema gehören] …; die Definitionen kommen ja vollkommen beliebig.

Marcuse: Nein, die sind nicht beliebig. Eine Definition ist nie beliebig, und wenn sie beliebig ist, ist sie keine Definition.

Gerda: Weil wir gerade bei der Definition von Begriffen sind, da möchte ich doch ganz gerne auf einen Begriff zurückkommen, der vorhin von außen aufgebracht wurde, nämlich den Begriff der Entfremdung. Und der Beitrag, den Sie gebracht haben, ist meines Erachtens nicht genügend beantwortet worden, und bei diesem Begriff möchte ich mich ganz gerne nochmal ansiedeln. Der Entfremdungsbegriff als Entfremdung von Arbeit, der könnte vielleicht etwas modifiziert werden, wenn wir darüber nachdenken. Sie haben Überlegungen angestellt, wie Frauen Männer für diesen Entfremdungsbegriff sensibilisieren könnten. Ich möchte da noch einen zweiten Gedanken reinbringen. Wie können Frauen eigentlich für ihre eigene Entfremdung sensibilisiert werden? Wenn nämlich Frauen nur auf ihre weibliche Rolle hin motiviert und sozialisiert werden, wenn sie auch in der Begegnung mit dem Manne immer wieder nur dazu angehalten werden, Weiblichkeit zu entfalten. Sowie sie sich allerdings als Gesamtpersönlichkeit entwickeln, wird das abgeblockt. Zumindest ich sehe das so und bin mir dabei vollkommen bewußt, daß ich hier einen anderen Begriff bringe, einen anderen Entfremdungsbegriff, nämlich den Begriff der Entfremdung von der Gesamtmenschlichkeit hin auf: Ich darf nur Frau sein, ich wirke nur, wenn ich charmant bin, wenn ich nett angezogen bin und so weiter. Was auf der anderen Seite natürlich auch bedeutet, daß nur der Mann, der wirklich männlich wirkt und seine Gefühle unterdrückt, ein richtiger Mann ist. Und das ist ein ganz anderer Entfremdungsbegriff und ich frage Sie, ob es nicht notwendig ist, daß wir diesen Entfremdungsbegriff sehr ernst nehmen, und ob nicht der neue Mensch wirklich der androgyne Mensch ist, der frei ist, seine Gesamtpersönlichkeit zu entfalten. Dann fällt natürlich vielleicht weg, was Sie die ach so schöne Anderheit nennen, mit der die Menschen, Mann und Frau, einander begegnen, und die wir doch gar recht missen können. Aber vielleicht ist die Anderheit die von Mensch zu Mensch ausreichend genug, nämlich die vom voll entwickelten Menschen zum voll entwickelten und voll entfalteten anderen Menschen. Warum müssen wir die Frau so auf die Frau sozialisieren und den Mann so unerhört auf den Manne hin sozialisieren. Mir reicht die Anderheit von Mensch zu Mensch, und ich finde es sehr notwendig, diesen neuer Begriff einzuführen: Entfremdung vom Selbst und nicht mehr nur Entfremdung von der Arbeit.

Marcuse: Ja, das ist noch nicht einmal ein neuer Begriff, der Begriff ist schon… Die Entfremdung bezieht sich nicht nur auf die Arbeit. Die Entfremdung geht von der entfremdeten Arbeit aus auf, was Marx die Veräußerung des ganzen Selbsts nennt. Das heißt, daß der Mensch, der wirklich ein Leben in entfremdeter Arbeit verbringen muß, eben sein Selbst verloren hat, sich von seinem Selbst entfremdet hat, weil er nicht die individuellen menschlichen Fähigkeiten und Qualitäten voll entwickeln kann. Das Ziel wäre in der Tat eine Gesellschaft, die in dem Sinn androgyn genannt werden kann, weil in jedem Individuum in dieser Gesellschaft die Synthese dieser beiden Qualitäten verwirklicht ist.

Gerda: Dieser beiden, männlicher und weiblicher?

Marcuse: Ja.

Hörerin: Es gibt ja auch schon Männergruppen, die versuchen, sich eben von der Mannrolle zu emanzipieren. Zum Beispiel der Volker Pilgrim, der hat ja auch mal hier einen Vortrag gehalten. Das fand ich sehr interessant. Die Männer sind ja genauso eingeengt in ihrer Rolle, ihrem ewig männlichen… Und das ja auch oft genug nicht ausüben können; und dadurch werden sie vielleicht auch oft so aggressiv. Von daher gäbe es vielleicht die Möglichkeit einer Zusammenarbeit. Die Befürchtung, daß die Männer von dem Männlichen loskommen, auch sich zu schämen, eben Gefühle zu haben und sie zu zeigen, Sensibilität zu haben und zu zeigen, nicht nur Künstler, sondern überhaupt, die Künstler, die dürfen ja noch…

Hörer: Ich möchte mich gleich anschließen und habe ein paar kurze Fragen warum man eigentlich jetzt eine eigenständige Frauenbewegung wirklich für so notwendig hält – es ist vielleicht ein bißchen provokativ hier – aber ich würde das genauso übertragen auf Männerbewegungen; denn wir haben gestern Abend auch gesagt, daß es eben notwendig ist, die Solidarität, wenn wir zu einer neuen Gesellschaft kommen müssen. Und das ist eben nicht nur die Solidarität zwischen den Frauen oder der Frauen untereinander oder der Männer untereinander, sondern gerade, wenn man diese Rollen angehen will, also diese Gefühle, die eben jeweils das eine Geschlecht zeigen darf oder das andere nicht zeigen darf. Der eine verhält sich so und der andere so, und in gewisser Weise würde ich auch sagen, es sind sowohl Mann als auch Frau eben unterdrückt, wenn sich das auch ganz anders äußert in der Praxis hinterher. Aber kann man wirklich sagen, daß es so sinnvoll ist, daß sich jeder jetzt hinsetzt, genau wie vielleicht andere bestimmte politische Gruppen und jeder macht das jetzt für sich, jeder hat vielleicht seine private Befreiung oder so. Oder jeder kämpft einerseits vielleicht gegen das böse System und dann noch gegen das andere Geschlecht.

Marcuse: Ich würde sagen, die Frauenbewegung als separate Bewegung ist notwendig, wo es noch, und das ist, soweit ich sehen kann, wohl überall, eine besondere Repression der Frau gibt. Das heißt, nicht nur die Ausbeutung im Haus und im Haushalt, sondern darüber hinaus bei arbeitenden Frauen die Ausbeutung in den Betrieben. Zweitens ist sie notwendig, weil eben in dem Kampf gegen diese Ausbeutung notwendigerweise auch die in der patriarchalischen Gesellschaft unterdrückten oder wiederum ausgebeuteten Qualitäten zur Entfaltung kommen oder zur Entfaltung kommen könnten. Aber die Frage, die mir genau so wichtig scheint und die ich gerne beantwortet hätte, wenn ich sie beantworten könnte ist: Wie ist es zu erklären, daß in diesem Stadium heute die Frauenbewegung eine immerhin so wichtige Rolle spielt? Ich glaube, das ist eine der Fragen, deren Beantwortung uns auch irgendwie helfen würde, die Eigenständigkeit der Frauenbewegung näher zu bestimmen. Es hat natürlich vereinzelte Frauenbewegungen immer schon gegeben, aber die Frauenbewegung als, sagen wir mal ruhig: potentielle politisch aktive und organisierte Massenbewegung, warum entsteht sie in diesem Stadium der Entwicklung des Kapitalismus? Das ist meiner Meinung nach eine wichtige Frage und nicht nur eine Frage, die sich auf der historischen Ebene stellt.
Das heißt, meiner Meinung nach, wenn ich das noch hinzufügen darf, weil eben die kapitalistische Gesellschaft eine Entwicklungsstufe erreicht hat, in der Ziele, die früher nicht verwirklicht werden konnten, nun in der Tat zu realen Möglichkeiten geworden sind. Aber das müßte natürlich ausgeführt werden.

Hörer: Zu dieser Privatheit wollte ich Sie mal was fragen. Da sehe ich vielleicht eine Antwort auf Ihre Frage, warum das da relativ gut klappt. Die Beantwortung liegt daran, daß eben dort die Privatheit oder so, der Privatbereich aufgelöst worden ist. Und was ich in dieser Privatheit sehe – ich muß den Begriff trotzdem verwenden, ich hab keinen anderen – auf der einen Seite ist es ein äußerst positiver Begriff; denn ich würde sagen, wenn beispielsweise meine Mutter sich gegenüber meinem Vater ein Recht rausnehmen würde, also sagen würde, hier, das mach ich heute Abend, das geht dich nichts an. Das ist jetzt hier mein Privatbereich, das bin ich; dann wäre das ein äußerst, also in meiner Familie ein unheimliches Ereignis, ein äußerst positives Ereignis für meine Mutter. Das heißt, gegenüber der Unterdrückung eine Privatheit zu beanspruchen, irgendwo zu sagen: Ich fühle jetzt das und das, und das ist jetzt meine Sache, und ich lasse mich jetzt hier nicht irgendwie überfahren oder so. In dieser Hinsicht halte ich den Moment der Privatheit für ein äußerst progressives Moment. Aber innerhalb einer Gruppe oder einer Frauenbewegung, sagen wir mal, also ich habe jetzt da wenig Erfahrung… Ich stelle mir vor, wenn diese Frauen zusammen sind und über ihre Fragen sprechen, wirklich sprechen und auch wirklich die Probleme lösen werden, da hat auch die Privatheit dann, wenn einer auf sie besteht und sagt, ich lasse euch so weit vor, aber weiter nicht, hier ist eine Grenze, hier ist meine Privatsphäre, da hätte das dann doch einen negativen, einen hemmenden Effekt. Es gibt einen positiven Charakter der Privatheit, sich durchzusetzen und einmal zu merken, daß ich mich dagegenstellen kann, für mich im Seminar, für meine Mutter vielleicht gegen den Druck meines Vaters. Aber in der Frauenbewegung, in der Solidarität mit Freunden, wo ich mich aussprechen will, wo man an seinen tiefsten Fragen rührt, hat das einen äußerst negativen Charakter, wenn nicht einen hemmenden, und ich meine, vielleicht ist in der Richtung eine Lösung auf Ihre Frage zu finden und ich möchte Sie nochmal bitten, mir zu erklären, warum diese Privatheit ein wichtiges Element in einer anständigen Gesellschaft sein soll. Ich meine, daß sie notwendig ist, die Privatheit durchzusetzen an vielen Stellen gegenüber dem öffentlichen Leben, da ist es mir klar; aber wenn man von der Utopie redet, daß Sie da auch noch auf Privatheit beharren, das deprimiert mich ein bißchen.

Marcuse: Ich finde, wir sollten genau darüber noch etwas reden. Das scheint mir der zentrale Punkt hier zu sein. Was die Familie anbetrifft, bin ich mit Ihnen einig. Ich glaube, das haben wir mehr oder weniger geklärt. Warum aber soll es außerhalb der Familie eine Sphäre geben, die nicht offen ist oder für die gesellschaftliche Durchdringung nicht offen sein sollte. Ich würde mehrere Faktoren andeuten. Wenn die Autonomie des Individuums irgendeinen Sinn haben soll und behalten soll, auch in der freien Gesellschaft – die sozialistische Gesellschaft soll ja angeblich ein Verein freier Menschen, das heißt autonomer Individuen sein –, dann muß diese Autonomie des Individuums auch im Individuum und durch das Individuum realisiert werden. Mit anderen Worten: Die Privatsphäre, die ich mir auch in einer freien Gesellschaft nicht als aufgegeben vorstellen kann (aufgehoben wohl, aber nicht als aufgegeben), ist die Sphäre, in der sich das Individuum wehrt gegen das Eindringen von Organisationen in seine Intimsphäre. Es gibt Dinge, die das Individuum mit sich selbst abzumachen hat, und mit sich selbst meint, mit sich selbst und mit denen, die er in Solidarität und autonom für notwendig hält, sich ihnen zu öffnen. Aber daraus ein gesellschaftliches Prinzip zu machen und zu sagen, es darf überhaupt nichts geben, wofür ich mich nicht vor irgendeiner Organisation, Gruppe oder was auch immer zu verantworten habe, das würde ich wiederum als eine Form des Totalitarismus betrachten.

Heidi: Ich wollte nochmal was anderes sagen, aber das hier irgendwie im Zusammenhang zu den beiden Fragen nach der Solidarität innerhalb der Linken und der Frauenbewegung und warum auch eigenständige Frauenbewegung notwendig ist. Ich muß ein ganz klein bißchen ausholen und meine eigenen Erfahrungen ins Spiel bringen. Ich ging vor ungefähr zehn Jahren in die linke Bewegung. Und da habe ich da ziemliche Hoffnungen hinein gesetzt, auch in die Beziehungen zwischen Mann und Frau. Doch nach Jahren war ich an einem absoluten totalen Nullpunkt. Ich war völlig zerstört, während es den Männern noch ganz gut ging. Und darum ist es für mich die Konsequenz, daß ich mich auf dieser Ebene mit Männern nicht auseinandersetzen werde, und mit Männern auch nicht leben werde und auch nicht will, auch seit zwei Jahren nicht mehr mit ihnen lebe, sondern wirklich nur mit Frauen. Denn ich habe gemerkt, daß ich von dem, was ich gebe, auch etwas zurückbekomme. Diese Erfahrung habe ich mit Männern nie gemacht, daß ich wirklich auch etwas bekomme, um selbst weiterzukommen. Das ist einfach die Sache, und ich glaube, diese Erfahrung haben viele Frauen gemacht, z.B. in linken Wohngemeinschaften oder in linken Gruppen. Ich bin da bestimmt nicht die einzige. Eine eigenständige Frauenbewegung ist eine wahnsinnig schöne Erfahrung.

Gerda: Auf Deine Frage möchte ich noch hinzufügen: Wenn Frauen grundsätzlich nur mit Männern solidarisch sein können, so können sie ihre Identitätsfindung ja auch wieder nur über den Mann herstellen. Wenn aber Frauen mit sich selbst identisch werden sollen, und das muß ja erst mal geschehen, ich muß ja erst mal wissen, wer ich bin, dann kann ich das nicht durch die Definition über den Mann und infolgedessen ist genauso, wie sich Männer durch Jahrtausende hindurch immer wieder in Jagdbünden oder sonstigen Männergruppen zusammengefunden haben, wo Frauen nicht Einlaß fanden, so ist ganz unbedingt zur Identitätsfindung der Frau eine Frauenbewegung nötig. Das geht gar nicht anders.

Hörerin: Ja, aber tritt nicht gerade dadurch hier eine ganze Menge Spaltung auf zwischen Männern und Frauen. Ich meine, das ist nur eine Frage. Aber gerade dadurch, daß man seine Identität jetzt plötzlich ganz anders findet als die Männer?

Gerda: Ja, aber zunächst mal muß ich doch wissen, wer ich bin!

Hörerin: … einem ganz anderen Faktor aus …

Hörerin: … sicher nicht, daß man eine Gesellschaft schafft wo eben dieser krasse Unterschied von Männern und Frauen nicht mehr da ist.

Leonie: Sicher, aber die Wege dahin, ne? [Im allgemeinen Gemurmel ist nichts mehr zu verstehen]

Gerda: Ich bin als unfertiger Mensch kein Partner. Ich muß erst mal mich selbst finden. [Gemurmel]

Hörer: Ich habe eine Frage hinsichtlich der eigenständigen Frauenbewegung. Die Frauenbewegung ist wohl innerhalb dieses Staates, der die Repression immer mehr verschärft, die einzige Bewegung, die effektiv auch wirklich Widerstand leistet, wo auch neue Menschen gewonnen werden können. Es werden Menschen über den Kreis der ursprünglich bestehenden Gruppen hinaus angesprochen, das ist ganz deutlich in den letzten Jahren der feministischen Bewegung. Im Rahmen von Organisationen, im Rahmen von fest bestehenden Gruppen gerade in der Frauenbewegung konnten wirklich neue Menschen gewonnen werden für die Idee der Veränderung der Gesellschaft. Und nun hatten Sie die Frage gestellt, wie das mit der Entwicklung des Kapitalismus zusammenhängt. Und da habe ich Sie nicht verstanden. Sie sprachen von einer Entwicklungsphase. Es würde mich interessieren, warum gerade im Moment so eine Entwicklung erfolgt. Ja, sicherlich, die Frage haben Sie gestellt, aber ich möchte fragen, ob Sie dazu was sagen können, weil mich das auch brennend interessiert.

Marcuse: Ich muß offen sagen: Ja, ich kann vielleicht dazu was sagen. Aber ich hätte es sehr vorgezogen, wenn jemand anderes anfangen würde. Warum muß ich immer?

Hörer: Ja, Sie haben doch wahrscheinlich auch…

Hörer: Na ja, vielleicht liegt es mit daran, daß unser Kapitalismus immer unmenschlicher wird, und daß der Lebensraum immer kleiner wird, und daß wir also jetzt langsam alle das Bedürfnis haben, jetzt was dagegen tun zu müssen, und alleine schaffen wir’s nicht.

Marcuse: Und daß in dieser Gesellschaft, das was als virile, als männliche Aggressivität, als Leistungsprinzip bezeichnet wird, immer irrationaler, immer destruktiver und immer wahnsinniger wird. In Anbetracht der Möglichkeiten einer – sagen wir mal Pazifizierung der Aggression und der realen Möglichkeit des Abbaus gesellschaftlicher Repression – das ist das Neue – und das hängt damit zusammen mit der technisch möglichen Eroberung der Kargheit des Mannes.

Hörerin: Was heißt denn das?

Marcuse: Das heißt, daß wenn wir nicht die kapitalistische Gesellschaft ändern, die heute noch die technischen und anderen Prozesse kontrolliert und beherrscht und andere, gleich repressive und aggressive Gesellschaftssysteme, die dasselbe tun, nicht die Möglichkeit besteht, Hunger und Elend auf der Welt im Ganzen zu beseitigen. Das ist heute das geschichtliche Novum. Und irgendwie setzt sich das durch, selbst wo es nicht ins Bewußtsein kommt, daß beinahe die ganze Gesellschaft organisiert ist gegen diese Möglichkeit, gegen die Realisierung dieser Möglichkeit.


Das Typoskript der Veranstaltungsniederschrift endet mit den Worten: „Die von mir erstellte Wiedergabe ist teilweise durch Husten, Beifall, Entrüstung gestört. Am besten wäre ein Vergleich durch gemeinsames Abhören des Tonbandes.“

Nach diesen vier Folgen mit dem Originalton der 70er Jahre wird nächste Woche der allwissende Erzähler wieder zurückkommen und einiges zu den Hintergründen und Folgen dieses Gesprächs berichten. Freuen Sie sich also darauf, daß der Alte Bolschewik aus einem Papier der Freiburger Frauengruppe zitiert, das mit den Worten beginnt:

„Weil ich selbst nach der Marcuse-Diskussion so total frustriert war, schien’s mir ganz nützlich, mal zu überlegen, warum das so schief gelaufen ist und was wir draus lernen können.“

Written by alterbolschewik

5. Oktober 2012 at 14:57

Veröffentlicht in Herbert Marcuse