shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Die Entstehung der autonomen Frauenbewegung

leave a comment »

„Genossen, eure Veranstaltungen sind unerträglich.“

Helke Sanders, 1968

Mit dem Gespräch der Freiburger Frauengruppe, das diese im Jahr 1976 mit Herbert Marcuse geführt hat und das die letzten vier Folgen dieses Blogs gefüllt hat, betreten wir Neuland, und zwar in mehrerlei Hinsicht. Zum einen soll dieses Gespräch natürlich einen Auftakt bilden für die Beschäftigung mit Herbert Marcuse. Marcuse mag vielleicht nicht der bedeutendste Theoretiker der sogenannten „Frankfurter Schule“ gewesen sein, er hatte aber sicherlich den unmittelbarsten Einfluß auf die Protestbewegungen der 60er und 70er Jahre. Und es waren vor allem seine Thesen aus Eros and Civilization (etwas unglücklich als Triebstruktur und Gesellschaft ([2]) übersetzt) und Der eindimensionale Mensch ([3]), die das Selbstverständnis der antiautoritären Revolte entscheidend prägten – viel mehr als die Schriften von Horkheimer und Adorno.

Und Marcuses Theorien beeinflußten nicht nur die antiautoritären Protestbewegungen, sondern sie wiesen auch schon zum Teil über sie hinaus – was die in den letzten vier Wochen dokumentierte Debatte deutlich macht. Denn auch mit der Thematisierung der Frauenbewegung betritt dieses Blog nun Neuland. Ging es hier bislang zumeist um die Entstehung der antiautoritären Bewegungen, sind wir mit dieser Diskussion aus dem Jahr 1976 mitten in den – zum damaligen Zeitpunkt schon weit fortgeschrittenen – Zerfallsprozeß der Bewegungen hineingesprungen.

Der Scheitelpunkt ist sicherlich in den Jahren 1968/69 zu suchen. Bis dahin war die Tendenz der Bewegungen darauf hin ausgerichtet, die eigene Basis zu verbreitern. „Politisierung“ war das Schlagwort, das diesen Versuch eines quantitativen und auch qualitativen Wachstums der Bewegungen beschrieben sollte. Trotz aller gelegentlich auch scharf geführten Auseinandersetzungen verstand man sich, wenn auch diffus, als eine große Bewegung, eben als außerparlamentarische Opposition.

Doch der Erfolg der Bewegungen, die Verbreitung antiautoritärer Ideen in die Breite der Gesellschaft, holte die Bewegungen selbst ein. Die Bewegungen waren zu schnell gewachsen, als daß die theoretische und organisatorische Reife mit diesem Wachstum hätte Schritt halten können. Der Zerfallsprozeß, der mit den Jahren 1968/69 einsetzte, hat eine ganze Reihe von Gründen (die irgendwann einmal in diesem Blog Thema sein werden). Ein wesentlicher soll uns heute interessieren: Innerhalb der Bewegungen selbst wurden – wie sollte es auch anders sein – Mechanismen reproduziert, die den lauthals verkündeten emanzipatorischen Ansprüchen diametral entgegenstanden.

Auf der 23. Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) im September 1968 wurde genau diese Problematik angesprochen:

„Wir stellen fest, dass der SDS innerhalb seiner Organisation ein Spiegelbild der gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse ist.“ ([4], S. 39)

Diejenige, die das konstatierte, war Helke Sanders vom Berliner Aktionsrat zur Befreiung der Frauen. In ihrer Rede kritisierte sie entschieden, daß die ganze Politik des SDS völlig verkürzt sei,

„nämlich dadurch, daß man einen bestimmten Bereich des Lebens vom Gesellschaftlichen abtrennt, ihn tabuisiert, indem man ihm den Namen Privatleben gibt.“ ([4], S. 39)

Und sie nannte auch die Gründe dafür:

„Diese Tabuisierung hat zur Folge, daß das spezifische Ausbeutungsverhältnis, unter dem die Frauen stehen, verdrängt wird, wodurch gewährleistet wird, daß die Männer ihre alte, durch das Patriarchat gewonnene Identität noch nicht aufgeben müssen.“ ([4], S. 39)

Doch Sanders Rede – die überhaupt nur gegen Widerstand durchgesetzt werden konnte – konnte den Genossen keine Reaktion entlocken. Sie sahen überhaupt nicht, daß Diskussionsbedarf bestand:

„Da meldete sich artig eine Genossin [Sigrid Damm-Rüger] im prallen Umstandskleid, dem Frankfurter Studenten-Idol Hans-Jürgen Krahl eine Zwischenfrage zu stellen. Ob er nichts zur Unterdrückung der Frau in der Gesellschaft und insbesondere im SDS zu sagen habe, wollte sie wissen. Ehe der vielwissende Krahl noch hilflos mit den Schultern zucken konnte, antwortete sie für ihn, attestierte ihm autoritäre Ignoranz und nestelte dabei an einer Einkaufstasche. Sie hielt etwas Rotes in der Rechten, schleuderte dem wortgewandten Mann am Mikrophon erst den Satz entgegen „Du bist objektiv ein Agent des Klassenfeinds“ und dann ein paar Tomaten. Eine der Früchte traf den überraschten Krahl voll, die übrigen zerplatzten am – ausschließlich von maskulinen Genossen okkupierten – Präsidiumstisch.“ ([1])

Die Methoden der antiautoritären Revolte mußten gegen deren eigene Anführer gerichtet werden, damit sich diese nicht verhielten wie die Autoritäten, die man bislang als Gegner identifizierte. Und so wurde der Tomatenwurf von Sigrid Damm-Rüger zur Initialzündung der autonomen Frauenbewegung.

Würde man allerdings die Intervention von Sanders und Rüger auf die Kritik an den SDS-Autoritäten und den Tomatenwurf reduzieren, wie das im Rückblick leider viel zu oft getan wird, würde man das Beste verfehlen. Denn die Kritik von Sanders blieb keineswegs bei der abstrakten Negation stehen. Den größten Teil ihrer Rede verwandte sie darauf, das politische Konzept des Aktionsrates für die Befreiung der Frauen vorzustellen. Und dieses verweist – wenn auch implizit – wieder auf Herbert Marcuse zurück.

Der Aktionsrat konzentrierte sich – was heute verblüffen mag – in seiner Arbeit hauptsächlich auf Frauen mit Kindern:

„Bei ihnen sind die Aggressionen am stärksten und ist die Sprachlosigkeit am geringsten. […] Da die Bereitschaft zur Solidarisierung und Politisierung bei den Frauen mit Kindern am größten ist, weil sie den Druck am meisten spüren, haben wir uns in der praktischen Arbeit bisher auf ihre Konflikte konzentriert.“ ([4], S. 40)

Daraus resultierte die Idee der Kinderläden. Diese sollten eben nicht allein die Frauen mit Kindern entlasten, indem sie die Kinderbetreuung und -erziehung kollektivierten. Sondern mindestens ebenso wichtig war es, Sinn und Zweck der Erziehung zu verändern:

„Da die politischen Frauen ein Interesse daran haben, ihre Kinder eben nicht mehr nach dem Leistungsprinzip zu erziehen, war die Konsequenz die, daß wir den Anspruch der Gesellschaft, daß die Frau die Kinder zu erziehen hat, zum ersten mal ernst nehmen. Und zwar in dem Sinne, daß wir uns weigern, unsere Kinder weiterhin nach den Prinzipien des Konkurrenzkampfes und Leistungsprinzips zu erziehen, von denen wir wissen, daß auf ihrer Erhaltung die Voraussetzung zum Bestehen des kapitalistischen Systems überhaupt beruht.“ ([4], S. 41f)

Hier haben wir den direkten Anknüpfungspunkt an die Theorien von Marcuse. Diese Kritik des Leistungsprinzips und der diesem innewohnenden psychischen Unterdrückungsmechanismen geht auf dessen antiautoritäre Freudinterpretation in Eros and Civilization zurück. Daß sich Herrschaft nicht allein auf äußere Institutionen stützt, sondern sich direkt in die Psyche der Unterworfenen einnistet, ist eine der wesentlichen Einsichten der kritischen Theorie. Und Marcuse war derjenige, der diese Einsicht in einer Form präsentiert hatte, die von der entstehenden Frauenbewegung aufgenommen werden konnte.

Freuen Sie sich also nächste Woche darauf, daß wir diese Verbindung von Marcuse zur Frauenbewegung genauer untersuchen und uns fragen, ob die Kritik der Freiburger Frauengruppe berechtigt ist, wenn sie behauptet, daß mit Marcuse

„ein Mann theoretisch über Frauen verfügt, der gleichwohl deren Befreiung auf seine Fahne schreibt.“

Nachweise

[1] Die Zeit, 20. September 1968: „Was denn nun, Genossen?“ (Hermann, K.), S.2.

[2] Marcuse, H.: „Triebstruktur und Gesellschaft“, in: Marcuse, H., Gesammelte Schriften Bd. 5, Springe 2004.

[3] Marcuse, H.: „Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft“, in: Marcuse, H., Gesammelte Schriften Bd. 7, Springe 2004.

[4] Sanders, H.: „Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS (1968)“, in: Lenz, I. (Hg.), Die Neue Frauenbewegung in Deutschland, Wiesbaden 2009, S. 38 – 43.

Advertisements

Written by alterbolschewik

12. Oktober 2012 um 16:11

Veröffentlicht in Herbert Marcuse

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s