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Die Marcuse Debatte in der deutschen Frauenbewegung

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„Ich bin der Auffassung, daß die Frauenbefreiungsbewegung (Women’s Liberation Movement) derzeit die vielleicht wichtigste und potentiell radikalste politische Bewegung ist.“

Herbert Marcuse, 1974

Wie bereits vor zwei Wochen gezeigt, begann die autonome Frauenbewegung in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1968. Bis sie allerdings bis an die Ränder der Republik vordrang, ging einige Zeit ins Land. Die erste Frauengruppe in Freiburg wurde erst im Oktober 1972 gegründet ([4], S. 14). Auch die Debatte mit Marcuse über dessen Vortrag Marxismus und Feminismus im Jahr 1976 kam eigentlich reichlich verspätet. Sie war bundesweit bereits Ende 1974 geführt worden, was unter anderem in der vom Sozialistischen Büro herausgegebenen Zeitschrift links dokumentiert wurde.

Im Oktober 1974 hatte die links den Vortrag, den Marcuse am 7. März 1974 auf Einladung des Center for Research on Woman an der Stanford University gehalten hatte, veröffentlicht. In der nächsten Nummer folgte ein freundliches Gespräch mit Marcuse ([5]), bei dem es sich eigentlich weniger um ein Gespräch handelte als vielmehr um die devote Nachfrage, ob er freundlicherweise den einen oder anderen Punkt seiner Argumentation etwas genauer erklären könne. In diesem Gespräch läßt Marcuses den Satz fallen, der ihm dann in der Freiburger Diskussion aber auch in einem späteren Beitrag in der links ([2]) vorgeworfen wird (ich werde in einem späteren Blogbeitrag noch einmal darauf zurückkommen):

„Ich habe immer den Wert der Privatheit ungeheuer hoch geschätzt und kann mir keine anständige Gesellschaft vorstellen, in der dieser Bereich des Privaten nicht beschützt würde.“ ([5], S. 10)

Der zweite Beitrag zum Thema hatte nicht direkt etwas mit Marcuse zu tun. In der Dezember-Ausgabe wurde ein Interview veröffentlicht, das Alice Schwarzer mit Simone Beauvoir geführt hatte und das bereits 1972 in der österreichischen Zeitschrift Neues Forum erschienen war ([1]). Wirklich interessant wurde es erst im Januar 1975, als sich eine Gruppe Berliner Frauen zu Wort meldete ([2]).

Interessant ist die Polemik der Berliner Frauen vor allem, weil sie zeigt, daß die Berlinerinnen schon damals den in der Hauptstadt immer noch virulenten hyperradikalen Gestus pflegten, der es ihnen erlaubte, Marcuses Argumentation souverän zu ignorieren. Stattdessen hoben sie darauf ab, daß er ein Mann sei und damit per se ein Unterdrücker, weshalb ihm nur eine ganz bestimmte Form der Rede zustünde:

„Wir behaupten, daß ein Mann, der einen ehrlichen Versuch unternimmt im Zusammenhang mit der Frauenunterdrückung sich zu engagieren, nur eines machen kann, wenn er glaubwürdig sein will: über Männer und ihre Art Frauen zu unterdrücken, ihre Unfähigkeit, außer unter Druck eine Selbstveränderung zu unterziehen, zu schreiben – aber nicht über Frauenkampf und Feminismus.“

Eine Auseinandersetzung mit den Positionen Marcuses selbst hingegen fand nicht statt, und zwar mit der lapidaren Begründung:

„Er fühlt sich scheinbar auf der Seite der Frauen, denn in der Frauenbewegung hat er eine neue Möglichkeit gefunden, die Lücke zu schließen und den Bogen zu spannen zwischen erotischem Prinzip und destruktiver Aggressivität vermittelt in der neuen Gesellschaft, in dem weiblichen Sozialismus. Die Frauenbewegung wird somit zum Objekt seiner theoretischen Auseinandersetzungen.“

Für die Berliner Frauen ist es völlig unerheblich, ob Marcuses Überlegung stichhaltig ist, daß die patriarchale Gesellschaft im Verlauf des Zivilisationsprozesses bestimmte Verhaltensweisen unterdrückt, als „weiblich“ abgespalten und einer bestimmten Bevölkerungsgruppe zugewiesen hat. Es wird allein das formale Argument ins Spiel gebracht, daß Marcuse die Frauenbewegung zum Objekt herabwürdige.

Dem entgegnete eine Münchner Frauengruppe, die ebenfalls mit Marcuse dessen Text diskutiert hatte, völlig zurecht:

„Der Einwand von Frauen aus dem Berliner Frauenzentrum […], daß es sich bei Marcuses Beitrag wieder einmal um eine männliche Subsumtionsreflexion handele, geht deshalb am Inhalt der Thesen vorbei, weil in diesem Einwand selbst die abstrakte Negation wiederholt wird, die Marcuse mit dem Begriff des weiblichen Sozialismus zu überwinden glaubte. Nicht daß gegen den Begriffsimperialismus der Genossen keine Kritik bzw. Aggression angebracht wäre – doch bleibt diese Kritik banal, wenn sie nicht am Inhalt selbst geführt wird. Ansonsten besteht die Gefahr, gegen jeden Theoretisierungsversuch den Männlichkeitsverdacht auszusprechen (auch innerhalb der eigenen Reihen, der Frauen).“ ([3])

Kurz, die Debatte über Marcuses Thesen zum Feminismus war 1976 bereits einige Jahre alt, als die Freiburger Frauen in die Diskussion einstiegen. Einige Gründe für diese Nachzüglerdebatte lassen sich angeben: Daß die Diskussion noch einmal aufgerollt wurde, war zweifellos dem äußeren Umstand geschuldet, daß Marcuse seiner alten Universität einen Besuch abstattete. Zum anderen lag das aber auch daran, daß die Freiburger Frauenbewegung in den Anfangsjahren sich weniger mit feministischer Theorie beschäftigt hatte als vielmehr ganz handfest praktisch agierte:

„So gründeten sich Ende 1973 Arbeitsgruppen, die sich mit ihren Aktivitäten nach außen wendeten: eine Gruppe beschäftigte sich mit Stadtteilarbeit, eine andere plante weitere Aktionen zum § 218, eine Gruppe Medizinstudentinnen konzentrierte sich auf die frauenmedizinische Problematik, eine Öffentlichkeitsgruppe nahm Kontakt zu Frauengruppen in anderen Städten auf, sammelte Bücher, Zeitungen und Zeitschriften und machte die Frauengruppe über einen einmal wöchentlich in der Mensa der Universität aufgestellten Büchertisch in Freiburg bekannt.“ ([4], S. 17)

Zudem waren diese Jahre durch den Kampf gegen das Atomkraftwerk in Wyhl bestimmt – bei dem die Badische Fraueninitiative eine wesentliche Rolle spielte:

„Die Badische Fraueninitiative wurde bis auf eine Handvoll Frauen aus Freiburg aus dem universitären Umfeld […] ausschließlich von Frauen aus den Dörfern in und um den Kaiserstuhl getragen. Es war »keine Frauenbewegung im üblichen Sinn« […] sondern überschritt auch in sozialstruktureller Hinsicht die Grenzen, in denen Frauenbewegung in Freiburg sich damals weitgehend abspielte.“ ([4] , S. 20)

So waren die ersten Jahre der Freiburger Frauenbewegung durch eine Vielzahl von Aktivitäten geprägt, doch öffentliche Diskussionen über feministische Theorie gehörten eher nicht zum Repertoire der Aktivistinnen. Nicht, daß keine Öffentlichkeitsarbeit geleistet worden wäre. Noch im April 1976 wurde im vollbesetzten Audimax vor 1200 Zuhörerinnen und Zuhörern ein Tribunal gegen den § 218 durchgeführt. Doch die Marcuse-Veranstaltung einige Monate später geriet, zumindest in der subjektiven Auffassung der Veranstalterinnen, zum Fiasko:

„Die Studenten der Fachschaft Philosophie hatten im SS 1976 den damals schon 80jährigen Altvater der Linken eingeladen. Auf Initiative von Gerda Weiler wollten die Frauen die Gelegenheit nutzen, ihre Kritik an seinem 1974 erschienenen Aufsatz »Marxismus und Feminismus« und insbesondere an seiner darin vertretenen Androgynitätsthese zu artikulieren. Sie hatten an eine Insider-Diskussion am runden Tisch im Vorfeld der weiteren Veranstaltungen mit Marcuse gedacht, erfuhren aber erst zwei Tage vorher, daß dafür eine Podiumsdiskussion in der Universität vorgesehen sei. Darauf überhaupt nicht vorbereitet und durchweg völlig ungeübt in derartigen öffentlichen Auftritten, gelang es den Frauen nie so recht, ihr Anliegen verständlich zu machen. Die Diskussion vor ca. 100 Erschienenen verlief ziemlich chaotisch (wobei auch Klaus Theweleit seine destruktiv machohafte Rolle spielte) und wurde von der Gruppe anschließend als heilsame Erfahrung im Umgang mit einer bestimmten Art von Öffentlichkeit gewertet.“ ([4], S. 33)

Lesen Sie nächste Woche weiter, wenn wir genauer auf den Inhalt von Marcuses Vortrag eingehen und die im Vorfeld diskutierte Kritik der Freiburger Frauengruppe darstellen. Freuen Sie sich also darauf, daß Marcuses Lob der Privatheit von Gerda Weiler mit folgenden Worten kritisiert wird:

„Frauen erfahren ihre Unterdrückung gerade im privaten Bereich. Es ist daher absurd, eine feministische Revolution anstreben zu wollen unter Aufrechterhaltung der Forderung nach Privatheit.“

Nachweise

[1] Beauvoir, S. & Schwarzer, A., „Feminismus und Klassenkampf“, in: links, Jg.5 (1974), Nr.61 (Dezember 1974), S.14 – 16.

[2] Frauen aus dem Frauenzentrum Berlin, „Warum wir Frauen uns nicht zum philosophischen Prinzip degradieren lassen oder – traue keinem Mann“, in: links, Jg.6 (1975), Nr.62 (Januar 1975), S.21.

[3] Münchner Frauengruppen: „Was ist Weiblichkeit? Protokoll zur Diskussion Münchner Frauengruppen mit Herbert Marcuse, Starnberg 1974“, in: Freiburger Frauengruppe (Hg.), Reader zur Marcuse-Diskussion, Freiburg o.J. (1976).

[4] Poppenhusen, M., Viel bewegt – nichts verrückt?, Freiburg i.Br. 1992.

[5] „Gespräch mit Herbert Marcuse“, in: links, Jg.5 (1974), Nr.60 (November 1974), S.9 – 10.

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Written by alterbolschewik

26. Oktober 2012 um 15:27

Veröffentlicht in Herbert Marcuse

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