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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Archive for November 2012

Geheimagent Marcuse

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„Das demokratische Amerika, das sich in einem militärisch ausgefochtenen Existenzkampf mit Hitlerdeutschland befand, finanzierte raffinierte, von emigrierten Intellektuellen durchdachte Gesellschaftsanalysen des Feindeslandes, mit denen man hoffte, den Krieg siegreich führen und danach das besiegte Land sinnvoll umgestalten zu können.“

Detlev Claussen

Es war in diesem Blog bislang viel von den Bewegungen der 60er Jahre die Rede, die ich hier immer als „anti-autoritäre“ Bewegungen bezeichnet habe. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn innerhalb dessen, was heute so unscharf als 68er-Bewegung bezeichnet wird, gab es durchaus Fraktionen, die man mit Fug und Recht als „pro-autoritär“ bezeichnen könnte. Und die mit den anti-autoritären Fraktionen regelmäßig im Clinch lagen. Innerhalb der Pro-Autoritären muß dann noch einmal unterschieden werden, nämlich zwischen der Fraktion der alten Linken und den diversen Grüppchen der Neuen Linken. Mit der autoritären Fraktion der alten Linken sind natürlich die Vertreter eines orthodoxen Marxismus-Leninismus gemeint, die nach der Pfeife Moskaus bzw. Ost-Berlins tanzten. Die Neo-Autoritären hingegen distanzierten sich zwar von Moskau, vertraten aber ebenfalls einen autoritären Marxismus-Leninismus, dem sie durch Beimischung von ein bißchen Trotzki, Mao oder Enver Hoxha eine leicht veränderte Geschmacksrichtung gaben.

Letzte Woche hatte ich darüber berichtet, wie Marcuse zur Hochzeit der Bewegung nicht nur aus dem Lager der Rechten angegriffen wurde, sondern auch von links. Daß ausgerechnet Daniel Cohn-Bendit, einer der antiautoritären Wortführer des Pariser Mai, dann 1969 auch Marcuse öffentlich zu attackieren versuchte, verwundert etwas. Eher hätte man ein derartige Vorgehen von Seiten der Marxisten-Leninisten erwartet. Zumindest der vom Spiegel kolportierte und von Cohn-Bendit später dementierte Vorwurf, Marcuse sei ein CIA-Agent, kam aus eben dieser Richtung.

In der Folge des Pariser Mai hatte Jurij Shukow am 30. Mai 1968 in der Pravda über Marcuse geschrieben:

„Vielsagende biographische Einzelheit: In der Kriegszeit arbeitete Marcuse im amerikanischen Nachrichtendienst, danach verbrachte er lange Jahre in dem sattsam bekannten »Russian Institute« in Harvard. Als Ergebnis dieser Tätigkeit erschien das antisowjetische Buch »Sowjet-Marxismus« – Marcuses »erster Bestseller«.“ ([4], S. 134)

Diese Information war immerhin sachlich richtig. 1942 hatte Marcuse begonnen, für die US-amerikanische Regierung zu arbeiten. Das lag unter anderem daran, daß das Anfang der 30er Jahre nach New York geflüchtete Frankfurter Institut für Sozialforschung praktisch aufgelöst worden war. Horkheimer und Adorno zogen nach Kalifornien, wo sie die Dialektik der Aufklärung verfaßten, während sich die restlichen Institutsmitglieder anderweitig umschauen mußten.

Anfang der 40er Jahre war die Finanzierung des Instituts für Sozialforschung und seiner Mitarbeiter immer prekärer geworden, doch gab es für die Fähigkeiten, die diese Mitarbeiter hatten, mit dem Kriegseintritt der USA einen realen Bedarf. Die USA hatten bis dahin keinen Auslandsgeheimdienst, auf den sie nun aber im Kampf gegen die Achsenmächte angewiesen waren. Und so wurde in kürzester Zeit das Office of Strategic Services (OSS) aus dem Boden gestampft. Das OSS übernahm operative Aufgaben, verfügte aber auch über eine große Forschungs- und Analyse-Abteilung („Research and Analysis Branch“). Für diese Abteilung wurden eine große Anzahl herausragender akademischer Wissenschaftler angeheuert. Die Leitung der für Deutschland und Österreich verantwortlichen Unterabteilung wurde Franz Neumann übertragen, der wie Marcuse zuvor Mitglied des Instituts für Sozialforschung gewesen war. Neumann hatte sich durch seine ausgezeichnete Analyse des nationalsozialistischen Herrschaftssystems, die 1942 erstmals unter dem Titel Behemoth veröffentlich worden war, für diesen Posten qualifiziert. Tatsächlich sollten dann über kurz oder lang eine ganze Reihe von Mitarbeitern des Instituts für das OSS arbeiten.

Marcuse legte allerdings noch einen kleinen Umweg ein. Ab Ende 1942 arbeitete er zunächst für das Office of War Information (OWI), eine Propagandabehörde, bei der auch Leo Löwenthal angestellt war:

„Innerhalb der Behörde tendierte man damals dazu, ideologische Differenzen unter den Teppich zu kehren; und obwohl Marcuse scheinbar keine Gelegenheit für das épater les bourgois ausgelassen hat, schätzten seine Kollegen seine ironische, ja sogar zynische Haltung. Das kam auch in seinen offiziellen Aufgaben zum Ausdruck, die er, nach Einschätzung des Abteilungsleiters, oft nicht ernst nahm.“ ([1], S. 113f)

1943 gelang Marcuse dann der Sprung von der Propagandabehörde OWI zum Nachrichtendienst OSS. Löwenthal bemerkte später etwas neidisch:

„Ich hätte auch viel lieber in dem »Office of Strategic Services« gearbeitet. Aber das hat aus persönlichen Gründen nicht geklappt. Da waren nun wirklich interessante Leute, z.B. Stewart Hughes, Karl Schorske, Felix Gilbert. Die haben interessante, auch historisch unterbaute Studien gemacht, während unsere Arbeit damals oft sehr kurzfristig und unmethodisch gewesen ist. Wir haben, glaube ich, weder großen Nutzen noch großen Schaden angerichtet.“ ([2], S. 112f)

Die Arbeit im OSS stellte durchaus kein Bruch mit Marcuses vorheriger Tätigkeit im Institut für Sozialforschung dar, sondern kann als effektive Fortsetzung des selben politischen Projektes gesehen werden:

„Marcuse und Dutzende anderer linker Intellektueller begriffen, daß die tolerante, ja spontane Natur des OSS ihnen die Gelegenheit bieten würde, effektiv zu einem anti-faschistischen Bündnis beizutragen.
Hinzu kam außerdem, daß bestimmte »strukturelle« Affinitäten zwischen der Forschungs- und Analyse-Abteilung des OSS und dem Institut für Sozialforschung den Übergang möglicherweise erleichtert haben – ganz zu schweigen von der Überlappung des Personals. Die Forschungs- und Analyse-Abteilung war eine hochrangige, interdisziplinäre Gemeinschaft von Wissenschaftlern, die sich, wie die Mitglieder des Instituts, im Dienste eines ausdrücklich parteiischen gemeinsamen Zieles zusammengefunden hatten.“ ([1], S. 115)

Mit anderen Worten: Es ging darum, mit den Mitteln, die einem politischen Intellektuellen zur Verfügung stehen, so gut wie möglich zum Sturz des Nationalsozialismus beizutragen. Und innerhalb des Rahmens, den das OSS bot, war die Chance, daß die eigene intellektuelle Arbeit unmittelbar praktische Früchte tragen würde, um einiges höher als im Institut. Tatsächlich sind einige der Analysen, die Marcuse damals verfaßte, inzwischen in Band 5 der Nachgelassenen Schriften veröffentlicht und können als integraler Teil seines Gesamtwerkes gelesen werden ([3]). Insofern ist an Marcuses nachrichtendienstlicher Tätigkeit während des 2. Weltkrieges, anders als Shukow in seinem Pravda-Artikel suggerierte, nichts Verwerfliches, im Gegenteil.

Tatsächlich muß man Shukows Artikel in der Pravda als unmittelbare Reaktion auf einen traumatischen Schock gelesen werden – den Schock des Pariser Mai 1968, der die Kommunistische Partei Frankreichs völlig unvorbereitet getroffen hatte. Die sich selbst als „Avantgarde“ verstehende alte Linke Moskauer Prägung hatte die Entstehung der Neuen Linken völlig verschlafen oder bewußt ignoriert. Im Westen war seit seit Mitte der 60er Jahre klar, daß sich marginale, aber unübersehbare linke Bewegungen jenseits der kommunistischen Parteien entwickelten.

„Die Sowjetunion aber, die doch sonst in ihrer Presse jeden Streik und jede linke Demonstration ausgiebig würdigt, nahm bis Ende 1967/Anfang 1968 von diesen Vorgängen kaum Notiz.“ ([5], S. 18)

Auf einmal entsteht in Paris eine Massenbewegung, die mit einem Generalstreik das ganze Land lahmlegt und die „Avantgarde“ konnte dieser Massenbewegung nur mühsam hinterherhoppeln. So etwas mußte das Resultat einer besonders hinterhältigen Verschwörung des Imperialismus sein.

Freuen Sie sich deshalb nächste Woche darauf, wenn Jurij Shukow in einer glasklaren Analyse die perfide Rolle Marcuses aufdeckt:

„Es war erforderlich, alle Mittel einzusetzen bei dem Versuch, Unsicherheit und Verwirrung in die Reihen der Kämpfer gegen die alte Welt hineinzutragen und – und das ist das Wichtigste! – zu versuchen, die Jugend, vor allem die Studentenschaft, den tragenden Kräften der Arbeiterklasse entgegenzustellen.“ ([4], S. 134)

Nachweise

[1] Katz, B., Herbert Marcuse and the Art of Liberation, London 1982.

[2] Löwenthal, L. & Dubiel, H., Mitmachen wollte ich nie. Ein autobiographisches Gespräch, Frankfurt a.M. 1980.

[3] Marcuse, H.: „Feindanalysen“, in: Marcuse, H., Nachgelassene Schriften Bd. 5, Springe 1999ff.

[4] Shukow, J.: „Werwölfe. Der Pseudoprophet Marcuse und seine lärmenden Schüler“, in: Mehnert, K., Moskau und die Neue Linke, Stuttgart 1973, S. 133 – 136.

[5] Mehnert, K., Moskau und die Neue Linke, Stuttgart 1973.

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30. November 2012 at 17:36

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Angriffe auf Marcuse

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„Ich mag die Unterbrechungen hier. Sie erinnern mich an 1918 und 1919 und 1930. Ich fühle mich dadurch lebendiger.“

Herbert Marcuse während des Go-Ins bei seinem Vortrag am 17. Juni 1969 in Rom

In den letzten Wochen habe ich versucht, ein Licht auf die Debatte zu werfen, die Mitte der 70er Jahre zwischen Marcuse und der Frauenbewegung geführt wurde. Diese Debatte wurde, bei aller Kritik, im wesentlichen freundschaftlich und solidarisch geführt – vielleicht mit Ausnahme des Beitrags aus dem Berliner Frauenzentrum ([1]). Ende der 60er Jahre waren die Auseinandersetzung mit Marcuse allerdings auf deutlich aggressivere Art und Weise ausgetragen worden. Dabei verwundert nicht sonderlich, daß Marcuse zunächst von rechts vehement attackiert wurde.

Barry Katz sammelte einige dieser Angriffe und faßte sie folgendermaßen:

„Es wurde behauptet, Marcuses Werk diene »als Aktions-Manifest für Straßenschläger«, daß es »eine neo-Sorelsche Ermunterung zur Gewalt« sei; er propagiere angeblich eine Tyrannenherrschaft »einer kleinen Elite von Individuen, die gelernt haben, rational zu denken« und die dann allen anderen die Tolerierung entziehen würden, »die gegen das, was die neue herrschende Klasse als progressiv ansieht, opponieren«.“ ([2], S. 173)

Das waren noch die „intellektuellen“ Anwürfe gegen Marcuse. In dem Maße, in dem seine Bekanntheit aufgrund seiner Medienpräsenz stieg, in dem Maße wurden die Attacken immer dämlicher und immer aggressiver.

„Er war der neue »Apostel des Chaos«, »ein verdrossener, Haß verspritzender alter Mann«, der »praktisch davor steht, Anarchie zu predigen, und zur Zerstörung unserer Form von Demokratie anspornt«.“ ([2], S. 174)

Daß ein derartig berüchtigter anarchistischer Agitator dann bestimmte politisch und geistig zurückgebliebene Teile der amerikanischen Öffentlichkeit aufschreckte, ist kein Wunder. Ein Anwalt der reaktionären Veteranenorganisation American Legion, Harry L. Foster, forderte eine „großangelegte Untersuchung des Dr. Marcuse“ (zit. nach [2], S. 174) und brachte dann $20.000 auf, um der Universität von San Diego, wo Marcuse zu dieser Zeit lehrte, dessen Lehrvertrag abzukaufen. Unterstützt wurde er dabei von Senator Jack Schrade, einem Lokalpolitiker namens John Stull und einem auch heute noch bekannten, späteren Präsidenten der USA:

„Auf einer etwas offizielleren Ebene teilte Gouverneur Ronald Reagan der Verwaltung der University of California mit, daß Marcuse unqualifiziert für die Lehre sei, während die beiden rechtslastigen Volksvertreter forderten, daß die Universität den Vertrag mit dem aufwieglerischen Kommunisten auflösen solle. Die Verteidigung möge sich nicht davon beeinflussen lassen, daß Mr. Fosters Interpretation der Marcuseschen theoretischen Positionen sich allein auf einen feindseligen und unzutreffenden Kommentar im San Diego Union gründete, daß sich Senator Schrades kritische Analyse aus »Meinungen, die mir zugetragen wurden« ableiteten, und daß des Abgeordneten Stulls Studien von Marcuses Werk nicht weiter gingen als bis zu Berichte über »seine öffentlichen Stellungnahmen«.“ ([2], S. 174f)

Marcuse reagierte darauf in der einzig angemessenen Weise:

„Ich werde angesichts dieser Anschuldigungen das machen, was sie verdienen: Nichts.“ (Los Angeles Times vom 19. Juli 1968, zitiert nach: [2], S. 175)

Diese administrativen Versuche, einen kritischen Philosophen mundtot zu machen, erscheinen heute so lächerlich, wie sie es damals schon waren. Der Kanzler der Universität, William McGill, der von Foster offensichtlich genervt wurde, schrieb diesem schließlich:

„Wir sind völlig bereit, ihre Ansichten anzuhören und ernsthaft zu berücksichtigen, aber Sie müssen verstehen, daß wir verpflichtet sind, jedem Versuch, die Integrität unseres Urteils über wissenschaftliche Kompetenz zu beeinflussen, Widerstand zu leisten. […] Sie können sich gerne das Recht herausnehmen, mich für unsere Entscheidung, wie immer diese ausfallen mag, verantwortlich zu machen, aber bis dahin ersuche ich Sie, damit aufzuhören, Druck ausüben zu wollen. Bei so etwas neige ich dazu, auf stur zu schalten.“ ([4])

Doch dies war nicht die einzige Ebene, auf der Marcuse angegriffen wurde. Am 1. Juli 1968 erhielt er einen ersten Drohbrief:

„Marcuse du bist ein sehr dreckiger kommunistischer Hund. Du hast 72 Stunden, um die Vereinigten Staaten zu verlahsen [sic; im Original: to live], und dann werden wir dich umbringen.“ (zit. nach [2] , S. 175)

Weitere briefliche und telefonische Morddrohungen – inklusive solche des Ku-Klux-Klans – folgten. Marcuse selbst nahm das Ganze nicht so furchtbar ernst, tauchte aber auf Drängen seiner Frau vorsichtshalber unter – im Sommerhaus Leo Löwenthals.

Angriffe von rechts war Marcuse also durchaus gewohnt. Etwas anderes waren die Attacken von links, die 1969 erfolgten. Am 17. Juni 1969 sollte Marcuse in Rom einen Vortrag mit dem Titel „Andere Menschen in einer anderen Dimension“ halten. Doch das Teatro Eliseo wurde dann zum Schauplatz einer Auseinandersetzung, über die Marcuse – laut Spiegel – sagen sollte:

„Es war die stürmischste Nacht meines Lebens.“ ([5], S. 108)

Was war los gewesen? Eine Gruppe von wohl rund 200 ultralinken Vollidioten hatte sich offensichtlich vorgenommen, angesichts der „Autorität“ Marcuse ein „antiautoritäres“ Exempel zu statuieren. Offensichtlich waren sie dann aber doch nicht so antiautoritär, daß sie sich diese Aktion ohne eine eigene Führerfigur getraut hätten. Und den hatten sie gefunden in Person des damals noch „roten Dany“, Daniel Cohn-Bendit.

Cohn-Bendit war eine Symbolfigur des Pariser Mai 1968 gewesen, den die Situationisten schon damals recht treffend einschätzten:

„Von ungenügender Intelligenz, unklar informiert über die theoretischen Probleme der Epoche durch die Vermittlung anderer, geschickt genug, um ein Publikum von Studenten zu unterhalten, offen genug, um auf der Ebene der politischen Manöver der Linken einen weißen Fleck zu bilden, geschmeidig genug, um mit ihren Verantwortlichen Kompromisse schließen zu können, war er ein ehrlicher Revolutionär, wenn auch ohne Genie.“ ([6], S. 26)

Abgesehen vom Schluß beschreibt das sehr recht treffend das intellektuelle und politische Profil Cohn-Bendits, das dann später für eine bescheidene Karriere als Europaabgeordneter der GRÜNEN ausreichen sollte. Dieser „ehrliche Revolutionär“ versuchte nun mit seinen Genossen, den Vortrag Marcuses zu stören. Wenn man dem Spiegel trauen darf (und eigentlich darf man das nicht, wie wir gleich sehen werden), spielte sich die Auseinandersetzung zunächst auf folgendem, mit obiger Charakterisierung konsistentem Niveau ab:

„Dann rief der zur Zeit bestverdienende Berufsrevolutionär Daniel Cohn-Bendit auf französisch von einer der Emporen: »Marcuse, warum kommst du in die Theater der Bourgeoisie?« Marcuse konterte lautstark: »Sprich deutsch!« und erklärte: »Ich bin hier, weil man mich eingeladen hat. Die Kommunistische Partei hat mich nicht gebeten zu reden. Ich gehe dahin, wo ich kann.«“ ([5] , S. 108)

So weit, so dämlich und wahrscheinlich leider recht repräsentativ für so manches Go-In der damaligen Zeit. Dann aber soll, wieder laut dem Spiegel, Cohn-Bendit gerufen haben: »Herbert, sag uns, warum dich der CIA bezahlt.“ ([5], S. 108) Tatsächlich war das Gerücht, Marcuse sei ein CIA-Agent, in der jüngsten Vergangenheit gestreut worden – allerdings von einer Fraktion der Linken, mit der Cohn-Bendit nun wirklich nichts am Hut hatte. Von Marcuse später mit dieser Behauptung des Spiegels konfrontiert, stellte Cohn-Bendit unmißverständlich klar, daß er so etwas nie behauptet habe ([3], S. 195).

Doch wer streute dieses Gerücht? Und warum? Seien Sie gespannt darauf, wenn nächste Woche L. L. Matthias behauptet:

„Marcuse war der Verbindungsmann zwischen diesem Wisner und Reinhard Gehlen, jenem ehemaligen Chef des Nazi-Geheimdienstes, der nach 1945 die Fronten wechselte und seine Tätigkeit in den Dienst der Vereinigten Staaten stellte.“ (zit. nach [7], S. 11)

Nachweise

[1] Frauen aus dem Frauenzentrum Berlin, „Warum wir Frauen uns nicht zum philosophischen Prinzip degradieren lassen oder – traue keinem Mann“, in: links, Jg.6 (1975), Nr.62 (Januar 1975), S.21.

[2] Katz, B., Herbert Marcuse and the Art of Liberation, London 1982.

[3] Marcuse, H.: „Briefwechsel mit Rudi Dutschke“, in: Marcuse, H., Nachgelassene Schriften Bd. 4, Springe 1999ff, S. 185 – 253.

[4] McGill, W. J.: „Brief an Harry L. Foster“, URL: http://libraries.ucsd.edu/historyofucsd/newsreleases/1968/19681217.html, abgerufen am 23. November 2012.

[5] Redaktioneller Beitrag, „Herbert Marcuse – Obszöne Welt“, in: Der Spiegel, Jg.23 (1969), Nr.27 (30. Juni 1969), S.108 – 109.

[6] Viénet, R., Wütende und Situationisten in der Bewegung der Besetzungen, Hamburg 1977.

[7] Berliner Extra-Dienst, 4. Juni 1969: „USA: Schwere Vorwürfe gegen Herbert Marcuse“, S.10 – 11.

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23. November 2012 at 16:50

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Eros und Zivilisation

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„Die Organisation der Sexualität weist die Grundzüge des Leistungsprinzips und seiner Organisierung in der Gesellschaft auf.“

Herbert Marcuse, Eros and Civilization (1955)

Letzte Woche ging es um das zwiespältige Verhältnis zur bürgerlichen Familie, das nicht nur Marcuse sondern die ganze Frankfurter Schule kennzeichnete. Ihrem kritischen Marxismus ging es ja, im Gegensatz zur leninistischen Orthodoxie, primär um das emanzipierte Individuum, nicht um das Kollektiv der Klasse. Und für dieses Individuum stellte aus ihrer Sicht die Familie einen Schutzraum gegen die Ansprüche des Kollektivs dar. Der von ihnen konstatierte Verfall der bürgerlichen Familie im 20. Jahrhundert lieferte dann die Individuen dem unvermittelten Zugriff der gesellschaftlichen Instanzen aus, ohne daß sie gegen diese Übergriffe mentale Resistenzen entwickeln konnten. Und das galt ihrer Ansicht nach für alle technologisch fortgeschrittenen Industriegesellschaften, egal ob sie faschistisch, kommunistisch oder parlamentarisch-demokratisch verfaßt waren: Ordneten die einen die Individuen terroristisch dem Kollektiv unter, so die anderen mit subtileren Manipulationsmechanismen wie Massenmedien und Werbung.

In dieser Einschätzung unterschied sich Marcuse nicht von seinen Kollegen aus dem Institut für Sozialforschung, mit denen er diese Thesen anläßlich der Studien über Autorität und Familie in den 30er Jahren gemeinsam entwickelt hatten. Doch anders als etwa Horkheimer und Adorno kam Marcuse auch in der Nachkriegszeit immer wieder auf diese Fragestellung zurück, erweiterte sie allerdings um eine entscheidende Tiefenschicht. Die Studien über Autorität und Familie hatten sich im wesentlichen um den institutionellen Charakter der Familie gekümmert, ihre Rolle als Vermittlungsinstanz zwischen Individuum und Gesellschaft. Praktisch völlig ausgeklammert blieb dabei die eigentliche Basis dieser Institution, das erotische Verhältnis zwischen Mann und Frau. Die bürgerliche Kleinfamilie ist eben nicht nur die Institution, die für die Sozialisierung des gesellschaftlichen Nachwuchses auf einem bestimmten Stand der Produktivkräfte verantwortlich ist. Sie ist auch die historisch-spezifische Form, in der die bürgerliche Gesellschaft versucht, die sexuelle Triebenergie in von ihr sanktionierte Bahnen zu lenken.

Und genau dieses der Familie als Institution zu Grunde liegende sexuelle Verhältnis wird für Marcuse ab den 50er Jahren zu einem zentralen Thema. In Eros and Civilization aus dem Jahr 1955, seinem wohl wichtigsten Werk, geht es ganz zentral um die Frage, in wieweit es eine gesellschaftlich notwendige Unterdrückung und Sublimierung sexueller Triebenergie geben muß und in wieweit diese überflüssig ist.

Mit Freud geht Marcuse davon aus, daß die menschliche Rasse nicht überlebt hätte und so etwas wie zivilisatorischer Fortschritt – bei aller Problematik dieses Begriffes – nicht hätte stattfinden können, ohne eine Unterdrückung libidinöser Energien. Wenn sich nicht das „Realitätsprinzip“ gegen das „Lustprinzip“ hätte behaupten können, dann hätte es keinen wie auch immer prekären historischen Fortschritt gegeben.

„Kultur ist in erster Linie Fortschritt in der Arbeit – d.h. Arbeit für die Beschaffung und Mehrung der lebensnotwendigen Dinge. Diese Arbeit bietete normalerweise keine Befriedigung an sich; für Freud ist sie unlustvoll, schmerzlich.“ ([3], S. 74)

Im Prinzip akzeptiert Marcuse diese Diagnose Freuds, zumindest was die Vergangenheit betrifft:

„Die Arbeit, die die materielle Basis der Kultur und Zivilisation geschaffen und vergrößert hat, war in erster Linie mühselige Arbeit, entfremdete Arbeit, schmerzlich und elend – und ist es noch. Die Verrichtung solcher Arbeit dürfte kaum individuelle Bedürfnisse und Neigungen befriedigen.“ ([3], S. 77)

Doch dies ist für Marcuse keine grundsätzliche anthropologische Notwendigkeit, wie für Freud und die meisten seiner Nachfolger:

„Entschieden gibt es eine Art von Arbeit, die ein hohes Maß an libidinöser Befriedigung gewährt, die in ihrer Ausübung erfreulich ist. Künstlerische Arbeit, wo sie echt ist, scheint aus einer verdrängungslosen Triebkonstellation zu erwachsen und verdrängungslose Ziele und Zwecke anzustreben.“ ([3], S. 77)

Doch diese von Marcuse ins Feld geführte Möglichkeit nicht-entfremdeter Arbeit sei hier nur am Rande erwähnt, um die Differenz zwischen Marcuse und Freud deutlich zu machen. Für unseren Zusammenhang viel entscheidender ist, daß im Rahmen dieses zwielichtigen Fortschrittsprozesses es nicht nur zu einer zeitlichen Trennung von Lust und Arbeit kommt. Ein analoger Prozeß der räumlichen Eingrenzung der Libido begleitet die Einschränkung sexueller Lust:

„Die Libido wird in einem Teil des Körpers konzentriert, wodurch fast der ganze übrige Körper zum Gebrauch als Arbeitsinstrument frei wird. Die zeitliche Reduzierung der Libido wird durch ihre räumliche Beschränkung ergänzt.“ ([3], S. 48)

Sexualität hat der Fortpflanzung zu dienen und wird im historischen Verlauf auf ihre genitale, heterosexuelle Variante reduziert, während jede andere Form sexueller Lust mit Tabus und Schuldgefühlen besetzt wird. Alles, was sich dieser gesellschaftlichen Eingrenzung widersetzt, wird tabuisiert:

„Die gesellschaftsbildende Organisation des Sexualtriebs belegt praktisch alle Manifestationen, die nicht der Fortpflanzungsfunktion dienen oder sie vorbereiten, mit dem Tabu der Perversionen.“ ([3], S. 49)

Entfremdete Arbeit und Tabuisierung der nicht auf Fortpflanzung gerichteten Lust bedingen einander gegenseitig. Und diese Gleichung gilt für Marcuse auch umgekehrt:

„Die Perversionen scheinen ein promesse de bonheur [Glücksversprechen] zu bieten, das größer ist als die »normale« Sexualität.“ ([3], S. 49)

Eine freie Sexualität, die sich den gesellschaftlichen Tabus entziehen, die im Dienste der entfremdeten Arbeit stehen, ist für Marcuse eine Grundvoraussetzung individueller und gesellschaftlicher Emanzipation. Das heißt nun nicht, daß – wie Marcuse in den antiautoritären Bewegungen oft verkürzt wurde – wahlloses Herumgevögel bereits ein Angriff auf das Establishment wäre. Vulgäre sexuelle Provokation war ihm ein Gräuel:

„Die Verwendung von Ausdrücke aus dem genitalen und analen Bereich, die zum Ritual linksradikalen Sprachgebrauchs geworden ist (die »obligatorische« Verwendung von »fuck«, »shit«), ist eine Herabsetzung der Sexualität. Wenn ein Radikaler sagt: »Fuck Nixon«, verknüpft er das Wort für die höchste genitale Befriedigung mit dem höchsten Repräsentanten des regierenden Establishments; wer die Produkte des Feindes als »shit« bezeichnet, übernimmt die bürgerliche Verdammung der Analerotik.“ ([2], S. 82f)

Stattdessen wäre das Ziel für Marcuse eher eine Ausweitung der Erotisierung menschlichen Handelns über die unmittelbare Sexualität hinaus – etwa durch eine Organisation der Arbeit, die dem Lustprinzip eben nicht diamentral entgegengesetzt wäre. Doch dies genauer auszuführen würde weit über das Thema des heutigen Blogbeitrags hinausführen – ich muß deshalb in dieser Frage auf später vertrösten.

Hier geht nur darum zu erklären, warum Marcuse gegenüber den Feministinnen so sehr auf der Privatsphäre beharrte, und zwar über die bürgerliche Kleinfamilie hinaus. Der eigentliche Witz – oder die Tragödie, wie man’s nimmt – an der Sache ist, daß Sexualität durch massive gesellschaftliche Eingriffe, durch eine Vielfalt von Tabuisierungen im Dienste der herrschenden Ordnung reglementiert ist. Sie ist eben nicht „Privatsache“, sondern die Gesellschaft regelt sehr genau, was „normal“ und was „pervers“ ist.

Und in diesem Kontext muß, glaube ich, Marcuses Aussage im Gespräch mit der links verstanden werden. Dabei wurde er von der Interviewpartnerin gefragt, ob gegen „private“ Beziehungsprobleme nicht die Solidarität in Frauengruppen eine mögliche Lösung wäre, worauf Marcuses mit einer Gegenfrage antwortete:

„Ich möchte vielmehr demgegenüber fragen, ob es nicht einen Raum der Privatheit gibt, der nicht in dieser Weise erfaßt werden kann. Ob es nicht Probleme gibt, mit denen die Individuen, die unmittelbar betroffen sind, alleine fertig werden müssen, ohne darüber eine Diskussion anzustrengen: Morgen um acht ist hier eine Sitzung, wir diskutieren meine Probleme, die ich mit x habe. Da ist irgend etwas falsch, das geht nicht. Ich werfe es als Frage auf.“ ([4], S. 10)

Marcuses Furcht ist ganz offensichtlich, daß damit eine neue Form des Hineinregierens von außen in erotische Beziehungen durchgesetzt würde, die zu einer neuen Form repressive Moral gerinnen kann. Damit würde erneut das emanzipatorische Potential, das in der Befreiung der Libido von gesellschaftlicher Tabuisierung liegen kann, verschüttet. Das heißt nicht, daß Marcuse nicht die Problematik gesehen hätte – doch durch äußeren Gruppenzwang sind für ihn Probleme in erotischen Beziehungen nicht zu lösen.

Nächste Woche werden wir uns zumindest vorläufig von diesem Themenkomplex verabschieden und uns dem Verhältnis Marcuses zur orthodoxen Linken widmen. Freuen Sie sich also darauf, daß Stefan Breuer angesichts Robert Steigerwalds Marcuse-Kritik erklärt:

„Steigerwalds Polemik atmet den Geist der Moskauer Prozesse.“ ([1], S. 269)

Nachweise

[1] Breuer, S., Die Krise der Revolutionstheorie, Frankfurt a.M. 1977.

[2] Marcuse, H.: „Konterrevolution und Revolte“, in: Marcuse, H., Gesammelte Schriften Bd. 9, Springe 2004, S. 7 – 128.

[3] Marcuse, H.: „Triebstruktur und Gesellschaft“, in: Marcuse, H., Gesammelte Schriften Bd. 5, Springe 2004.

[4] „Gespräch mit Herbert Marcuse“, in: links, Jg.5 (1974), Nr.60 (November 1974), S.9 – 10.

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16. November 2012 at 18:40

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Familienfragen

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„Es ist richtig, daß Marcuse und Horkheimer mitunter zu einer Idyllisierung der bürgerlichen Sozialisation neigten und deren negative Momente überspielten.“

Stefan Breuer, Die Krise der Revolutionstheorie

Letzte Woche hatte ich eine Aporie aufgezeigt, die zwischen der feministischen Kritik der Privatheit und Marcuses Verteidigung derselben auftat. Zurecht kritisierte die feministischen Kritik die Familie, also die Privatsphäre par excellence, als den zentralen Ort patriarchaler Repression. Aber ebenso zurecht verteidigte Marcuse die Privatsphäre als einen Ort, der ein Refugium vor dem gesellschaftlichen Zugriff auf das Individuum darstelle.

Nun ließe sich diese Aporie natürlich recht einfach auflösen, indem man erklärte, daß zwischen Privatsphäre und Privatsphäre ein Unterschied bestehe. Die repressive patriarchale Kleinfamilie ist ja, zumindest auf den ersten Blick, nicht zwangsläufig das einzig mögliche Refugium für das Individuum, wo sich dieses den Zumutungen der Allgemeinheit entziehen kann. Insofern könnte man natürlich einfach sagen, daß Marcuse eine andere Privatheit meint als die der bürgerlichen Familie, von der er selbst sagt:

„Ich glaube, daß ohne die Aufhebung der nuklearen bürgerlichen Familie weder Frauenbefreiung noch überhaupt Befreiung möglich ist.“ ([4], S. 9)

Der Punkt aber ist, daß es dennoch die bürgerliche Familie ist, die von Marcuse (und auch den anderen Kritikern der Frankfurter Schule) als die Keimzelle individueller Rebellion ausgemacht wird:

„Früher war es die Familie, die den Einzelnen, gut oder schlecht, aufzog und erzog; die herrschenden Regeln und Werte wurden persönlich übermittelt und durch persönliche Schicksale umgebildet. […] Durch den Kampf mit Vater und Mutter als persönliche Zielscheibe für Liebe und Aggression trat die jüngere Generation mit Impulsen, Ideen und Bedürfnissen in die Gesellschaft ein, die weitgehend ihre eigenen waren. Infolgedessen waren ihre Über-Ich-Bildung, die verdrängenden Umformungen ihrer Impulse, ihr Triebverzicht und ihre Sublimierung höchst persönliche Erlebnisse. Gerade deswegen hinterließ ihre Anpassung schmerzliche Narben, und das Leben unter dem Leistungsprinzip bewahrte sich noch immer eine Sphäre des privaten Non-Konformismus.“ ([3], S. 86f)

Damit verkompliziert sich das Problem. Für Marcuse ist die bürgerliche Familie (des 19. Jahrhunderts) der Ort, an dem ödipale Konflikte ausgetragen werden. Und erst diese führen dazu, daß sich „reife“, selbständige Persönlichkeiten entwickeln, die zum Widerstand fähig sind. Aus dem Blickwinkel der kritischen Theorie (da steht Marcuse keineswegs allein) dient diese Austragung ödipaler Konflikte als eine Art Schutzimpfung gegen die direkte Unterwerfung unter die gesellschaftlichen Autoritäten. Wenn man so will, verkörperte die Familie eine bestimmte Form der Gegenmacht, eine Schutzzone gegen die absolutistische Autorität, die vom Bürgertum zäh erkämpft wurde. Diagnose der kritischen Theoretiker aber war, daß diese Schutzzone von einem unaufhaltsamen Erosionsprozeß bedroht ist. Der Verfall des liberalen Unternehmertums korrespondiert dem Zerfall der väterlichen Autorität und damit der Familie. Diese Schwächung der väterlichen Autorität verstärkt dann erneut den direkten Zugriff unmittelbar gesellschaftlicher Mächte auf das Individuum:

„Während in der bürgerlichen Blüteperiode zwischen Familie und Gesellschaft die fruchtbare Wechselwirkung stattfand, daß die Autorität des Vaters durch seine Rolle in der Gesellschaft begründet und die Gesellschaft mit Hilfe der patriarchalen Erziehung zur Autorität erneuert wurde, wird nunmehr die freilich unentbehrliche Familie ein Problem bloßer Regierungstechnik.“ ([1], S. 417)

Nun läge die Vermutung durchaus auf der Hand, daß der Niedergang der väterlichen Autorität auf der anderen Seite den Frauen Wege öffnen könnte zu einer weitergehenden Entfaltung ihrer Persönlichkeit. Was dann ein weitergehendes emanzipatorisches Potential hätte, weil Horkheimer – wie später auch Marcuse – konstatiert, daß die „Familie kraft der durch die Frau bestimmten menschlichen Beziehungen ein Reservoir von Widerstandskräften gegen die völlige Entseelung der Welt ausmacht und ein antiautoritäres Moment in sich enthält.“ ([1], S. 408)

Doch mit dieser Hoffnung ist es nicht weit her. Horkheimer konstatierte 1935:

„In doppelter Weise stärkt die familiale Rolle der Frau die Autorität des Bestehenden. Als abhängig von der Stellung und vom Verdienst des Mannes ist sie darauf angewiesen, daß der Hausvater sich den Verhältnissen fügt, unter keinen Umständen sich gegen die herrschende Gewalt auflehnt, sondern alles aufbietet, um in der Gegenwart vorwärtszukommen.Ein tiefes ökonomisches, ja, physiologisches Interesse verbindet die Frau mit dem Ehrgeiz des Mannes. Vor allem ist es ihr jedoch um die eigenen ökonomische Sicherheit und die ihrer Kinder zu tun.“ ([1], S. 409)

Selbst wenn diese Behauptung möglicherweise sachlich richtig ist, kommt sie, selbst unter Berücksichtigung der historischen Umstände, doch als Unverschämtheit daher. Die patriarchal gewollte ökonomische Abhängigkeit der Frauen, die sie vom gleichberechtigten Erwerb ihres Lebensunterhaltes ausschloß, wird hier den Tonfall eines moralischen Vorwurfs angeführt, der dann noch dadurch gesteigert wird, daß ein „physiologisches Interesse“ an der Aufrechterhaltung der familiären Machtstrukturen behauptet wird. Doch wollen wir hier nicht Horkheimers Mißgriffe Marcuse unterstellen.

Dennoch müssen wir festhalten, daß im Rahmen der Gesellschaftskritik, wie sie die kritische Theorie ab den 30er Jahren formulierte, Marcuses Verteidigung der Privatheit durch deren notwendige Verknüpfung mit der bürgerlichen Familienideologie reichlich problematisch ist, vor allem im Zusammenhang mit einer Kritik patriarchaler Herrschaftsstrukturen. Denn während die Familie ganz klar als Hort patriarchaler Machtausübung fungiert, ist dies bei den allgemeineren gesellschaftlichen Strukturen keineswegs zwangsläufig so.

Staatlicherseits herrscht in dieser Frage ein Pragmatismus, der den Frauen weitgehende individuelle Rechte zuzugestehen bereit ist, wenn dies ökonomisch opportun ist (um sie ihnen wieder zu entziehen, wenn sich das Blatt wendet). Das heißt nicht, daß die gesellschaftlichen Institutionen nicht durch ihre patriarchale Historie geprägt sind und die Durchsetzung von Veränderungen zugunsten weiblicher Gleichberechtigung ein zähes und mühseliges Geschäft ist. Doch prinzipiell sind hier Erfolge leichter zu erzielen als auf der individuellen Ebene. Konkret: Ein allgemeine Wahlrecht für Frauen war deutlich leichter durchzusetzen als ein Familienrecht, das eine wirkliche Gleichberechtigung der Frauen auf der familiären Ebene durchsetzte und die Frauen aus der auch juristisch festgeschrieben Abhängigkeit von ihrem Ehemanns befreite.

Wenn also Marcuses Verteidigung der Privatheit tatsächlich einen emanzipatorischen Sinn haben sollte, müßte sie sich, gegen Marcuse, gerade aus dieser Verstrickung in die repressiven, patriarichalen Familienstrukturen lösen – und nicht die bürgerliche Familie der liberalen Periode des Bürgertums als Utopie gegen den Zerfall der Privatsphäre im entwickelten Kapitalismus ins Feld führen.

Tatsächlich gab es mit der Kommune-Bewegung der 60er und 70er Jahre durchaus Ansätze, diese doch sehr abstrakten Vorstellungen in eine konkrete Lebenspraxis zu übersetzen. Allerdings standen diese paradoxerweise gerade nicht unter dem Motto einer Verteidigung der Privatsphäre, sondern im Gegenteil unter der Parole, das Private zum Politikum zu erklären. Doch das wird erst in einger Zeit Thema dieses Blogs werden.

Nächste Woche bohren wir noch tiefer in Marcuses Vorstellung von Privatheit herum, wenn wir die Ebene der Familie verlassen und uns auf die Ebene der direkten Zweierbeziehung konzentrieren. Freuen Sie sich also nächste Woche darauf, daß Marcuse erklärt:

„Wenn Tristan und Isolde, Romeo und Julia und ihresgleichen unvorstellbar sind als gesund verheiratete Paare, die sich produktiver Arbeit hingeben, so deshalb, weil ihre […] »Unproduktivität« die wesentliche Qualität dessen ist, wofür sie einstehen und sterben.“ ([2], S. 228)

Nachweise

[1] Horkheimer, M.: „Autorität und Familie“, in: Horkheimer, M., Gesammelte Schriften Bd. 3, Frankfurt 1985ff, S. 336 – 417.

[2] Marcuse, H.: „Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus“, in: Marcuse, H., Gesammelte Schriften Bd. 6, Springe 2004.

[3] Marcuse, H.: „Triebstruktur und Gesellschaft“, in: Marcuse, H., Gesammelte Schriften Bd. 5, Springe 2004.

[4] „Gespräch mit Herbert Marcuse“, in: links, Jg.5 (1974), Nr.60 (November 1974), S.9 – 10.

Written by alterbolschewik

9. November 2012 at 17:45

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Lob und Kritik der Privatsphäre

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„Ich habe immer den Wert der Privatheit ungeheuer hoch geschätzt und kann mir keine anständige Gesellschaft vorstellen, in der dieser Bereich des Privaten nicht beschützt würde.“

Herbert Marcuse

Zwei zentrale Punkte bestimmten die Auseinandersetzungen, die Mitte der 70er Jahre mit Herbert Marcuse über dessen Vortrag Marxismus und Feminismus geführt wurden: Einerseits dessen Verteidigung der Privatheit, andererseits die Position des Sprechers, das heißt, die Tatsache, daß mit Marcuse ein Mann über die Frauenbewegung schreibt. Ich glaube, daß diese beiden Punkte durchaus miteinander zusammenhängen. Und daß in der Debatte Probleme aufscheinen, die tief im Selbstverständnis der antiautoritären Bewegungen wurzeln und bis heute nicht gelöst sind. Es wird nicht ganz einfach sein, diesen Komplex aufzudröseln, weshalb ich mich im heutigen Beitrag zunächst einmal auf Marcuses Lob der Privatheit beschränken werde.

Beginnen wir vom Standpunkt der Gegenseite aus, demjenigen der Frauen. Diese hatten ab 1968ff die Schnauze gestrichen voll vom Mackergehabe der männlichen politischen „Avantgarde“. Helke Sander hatte bereits auf der berühmten SDS-Delegiertenkonferenz im September 1968 thematisiert, daß die notwendige Selbst-Veränderung der „Revolutionäre“ ausbleibe,

„nämlich dadurch, daß man einen bestimmten Bereich des Lebens vom Gesellschaftlichen abtrennt, ihn tabuisiert, indem man ihm den Namen Privatleben gibt. […] Die Trennung zwischen Privatleben und gesellschaftlichem Leben wirft die Frau immer zurück in den individuell auszutragenden Konflikt ihrer Isolation.“ ([5], S. 39)

Die Beteiligung an politischen Kampagnen, die nichts mit der Lebenswirklichkeit der Frauen zu tun haben, war für Sander zurecht nichts anderes als eine „Scheinemanzipation“ ([5], S. 40). Und sie erklärte wahre Emanzipation nur für möglich,

„wenn die ins Privatleben verdrängten gesellschaftlichen Konflikte artikuliert werden, damit sich dadurch die Frauen solidarisieren und politisieren.“ ([5], S. 40)

Das Konzept des „Privatlebens“ hatte sich, gerade im Kontext der antiautoritären Bewegungen, als dezidiert antiemanzipatorisch herausgestellt. Das gründete im Anspruch der Bewegungen, daß sich die angestrebte Umwälzung der Gesellschaft nicht allein auf die Institutionen beschränken sollte. Der vor allem auf die gesellschaftlichen Institutionen zielende Ansatz zur Gesellschaftsveränderung gehörte in die Vorstellungswelt der „alten“ Linken: Zunächst, so wurde propagiert, werden in der Revolution die repressiven Institutionen des Kapitalismus und das Privateigentum an Produktionsmitteln abgeschafft – was die grundlegenden gesellschaftlichen Widersprüche beseitigt sollte. Alle anderen Widersprüche – so die Theorie – würden sich dann auf die Dauer schon von selbst erledigen.

Daß das so nicht funktionierte, hatte das Beispiel der Sowjetunion den antiautoritären Rebellen der 60er Jahre deutlich gezeigt. Die menschliche Emanzipation war in ihrer Perspektive nur möglich, wenn der Prozeß der politischen Umwälzung gleichzeitig ein Prozeß war, in dem die Individuen sich selbst veränderten. Individuelle und gesellschaftliche Emanzipation mußten im Selbstverständnis der Antiautoritären Hand in Hand gehen, sonst war die Sache von vornherein verloren. Marcuse selbst war gerade in dieser Frage ein wichtiger Stichwortgeber für die Bewegungen:

„[K]eine qualitative gesellschaftliche Veränderung, kein Sozialismus [ist] ohne die Entwicklung einer neuen Rationalität und Sinnlichkeit bei den Individuen selbst möglich: kein radikaler gesellschaftlicher Wandel ohne radikalen Wandel der Individuen, die seine Träger sind.“ ([3], S. 53)

Von den Aktivisten wurde dies so interpretiert, daß es keine entpolitisierte Sphäre der Privatheit geben sollte, die den Ansprüchen der antiautoritären Moral entzogen war. „Das Private ist politisch“ war der Slogan, in dem sich dieser Anspruch konzentrierte. Marcuse allerdings sah das völlig anders. Das eben angeführte Zitat geht folgendermaßen weiter:

„Solche individuelle Befreiung bedeutet jedoch ein Überwinden des bürgerlichen Individuums […] und gleichzeitig eine Wiederherstellung jener Dimension des Ichs, der Privatheit, die einst von der bürgerlichen Kultur geschaffen wurde.“ ([3], S. 53f)

Das erscheint mehr als paradox. Die individuelle Emanzipation als Wiederherstellung der bürgerlichen Privatheit? Marcuse hatte gute Gründe für diese Haltung, Gründe, die den deutlich jüngeren Aktivisten in ihrem Überschwang fremd waren. Für Marcuse war das 20. Jahrhundert ein groß angelegter Angriff auf die Individualität. Das gilt natürlich insbesondere für die totalitären Systeme. Aber nicht nur Faschismus und Stalinismus hatten versucht, direkt in das Privatleben der Individuen einzugreifen, auch in den westlichen Demokratien kommt es, wenn man Marcuse folgt, zu einer Gleichschaltung der Individuum mit dem gesellschaftlichen Ganzen, nur daß die Methoden subtiler sind:

„Eine solche Gleichschaltung kann durch Terror, durch die standardisierenden Tendenzen der »Massenkultur« oder durch eine Kombination beider erreicht werden. […] Am Ende des Gleichschaltungsprozesses jedoch, nachdem die Konformität erfolgreich hergestellt wurde, ist die Auswirkung auf die Hierarchie der Werte tendenziell die gleiche: die individuelle Denk- und Gewissensfreiheit scheint ihren unabhängigen und unbedingten Wert zu verlieren und in der Vereinheitlichung von privatem und öffentlichem Dasein unterzugehen.“ ([1], S. 200)

Marcuses Verteidigung der Privatheit hängt somit eng mit der Gesellschaftskritik in seinem wohl bekanntesten Buch, dem Eindimensionalen Menschen, zusammen. Wo dem Individuum seine Privatsphäre genommen wird, wird ihm auch der Ort genommen, von dem aus es eine kritische Position gegenüber dem Ganzen der Gesellschaft einnehmen kann. Die technische Zivilisation bringt, weitgehend unabhängig von der jeweils politischen Organisation der Gesellschaft, einen Expansionsdrang hervor, der auf die Kolonialisierung des privaten Lebensraumes abzielt:

„Der Drang nach mehr »Lebensraum« macht sich nicht nur in internationaler Aggressivität geltend, sondern auch innerhalb der Nation. Hier ist die Expansion in allen Formen der Zusammenarbeit, des Gemeinschaftslebens und Vergnügens in den Innenraum der Privatsphäre eingedrungen und hat praktisch die Möglichkeit jener Isolierung ausgeschaltet, in der das Individuum, allein auf sich zurückgeworfen, denken, fragen und etwas herausfinden kann.“ ([2], S. 255)

Diese vor nun beinahe ein halbes Jahrhundert formulierte Kritik an der Kolonialisierung der Privatsphäre ist leider aktueller denn je. Mobilfunk und Internet verwischen die Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit in einer Weise, die Marcuse selbst in seinen finstersten Alpträumen sich nicht hätte ausdenken können. Insofern ist Marcuses Verteidigung der Privatsphäre als eines Raumes, der vor der gesellschaftlichen Gleichschaltung geschützt werden muß, nur allzu berechtigt.

Aber ebenso berechtigt ist die feministische Kritik, daß gerade der private Raum par excellence, die Familie, der Ort ist, an dem die Unterdrückung der Frauen institutionalisierte Gestalt angenommen hat. Dabei muß man nicht einmal auf das Extrem der häusliche Gewalt verweisen, das ganz „normale“ Funktionieren der Familie reicht völlig aus. Für Frauen ist die als Familie organisierte Privatsphäre eben kein Refugium vor den Zumutungen der Gesellschaft. Ein solcher Rückzugsort ist die Familie nur für den Familienvater. Für die Hausfrau und Mutter ist sie ein Gefängnis, dem zu entkommen auch heute nicht einfach ist und damals beinahe unmöglich war. Man muß sich einfach klarmachen, daß zu dem Zeitpunkt, als diese Debatte geführt wurde, immer noch das Familien- und Eherecht von 1953 Gültigkeit besaß:

„Danach ist die Frau in erster Linie zur Haushaltsführung, der Mann zum finanziellen Unterhalt der Familie verpflichtet. Die Ehefrau darf nur dann berufstätig sein, wenn sie dadurch ihre familiären Verpflichtungen nicht vernachlässigt; wenn die Einkünfte des Mannes für den Familienunterhalt nicht reichen, ist sie aber verpflichtet zu arbeiten. Im Beruf oder Geschäft des Mannes muß sie mitarbeiten, »soweit dies nach den Verhältnissen, in denen die Ehegatten leben, üblich ist.« Für diese Mitarbeit innerhalb des Üblichen bekommt sie nichts.“ ([4])

Der von Marcuse mit guten Gründen geforderte Verteidigung der Privatssphäre steht also auf der anderen Seite die ebenso berechtigte Forderung der Frauen gegenüber, diesem Gefängnis entkommen zu können.

Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn diese Aporie noch einmal dadurch verschärft wird, daß Marcuse meint:

„Mit dem Sieg des Staates über die erotische Gefahrenzone würde die öffentliche Kontrolle individueller Bedürfnisse abgeschlossen.“ ([1], S. 229)

Nachweise

[1] Marcuse, H.: „Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus“, in: Marcuse, H., Gesammelte Schriften Bd. 6, Springe 2004.

[2] Marcuse, H.: „Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft“, in: Marcuse, H., Gesammelte Schriften Bd. 7, Springe 2004.

[3] Marcuse, H.: „Konterrevolution und Revolte“, in: Marcuse, H., Gesammelte Schriften Bd. 9, Springe 2004, S. 7 – 128.

[4] Die Zeit, 15. Oktober 1976: „Hausfrauenehe abgeschafft“ (von Münch, E. M.), S.65.

[5] Sander, H.: „Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS (1968)“, in: Lenz, I. (Hg.), Die Neue Frauenbewegung in Deutschland, Wiesbaden 2009, S. 38 – 43.

Written by alterbolschewik

2. November 2012 at 16:23

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