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Lob und Kritik der Privatsphäre

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„Ich habe immer den Wert der Privatheit ungeheuer hoch geschätzt und kann mir keine anständige Gesellschaft vorstellen, in der dieser Bereich des Privaten nicht beschützt würde.“

Herbert Marcuse

Zwei zentrale Punkte bestimmten die Auseinandersetzungen, die Mitte der 70er Jahre mit Herbert Marcuse über dessen Vortrag Marxismus und Feminismus geführt wurden: Einerseits dessen Verteidigung der Privatheit, andererseits die Position des Sprechers, das heißt, die Tatsache, daß mit Marcuse ein Mann über die Frauenbewegung schreibt. Ich glaube, daß diese beiden Punkte durchaus miteinander zusammenhängen. Und daß in der Debatte Probleme aufscheinen, die tief im Selbstverständnis der antiautoritären Bewegungen wurzeln und bis heute nicht gelöst sind. Es wird nicht ganz einfach sein, diesen Komplex aufzudröseln, weshalb ich mich im heutigen Beitrag zunächst einmal auf Marcuses Lob der Privatheit beschränken werde.

Beginnen wir vom Standpunkt der Gegenseite aus, demjenigen der Frauen. Diese hatten ab 1968ff die Schnauze gestrichen voll vom Mackergehabe der männlichen politischen „Avantgarde“. Helke Sander hatte bereits auf der berühmten SDS-Delegiertenkonferenz im September 1968 thematisiert, daß die notwendige Selbst-Veränderung der „Revolutionäre“ ausbleibe,

„nämlich dadurch, daß man einen bestimmten Bereich des Lebens vom Gesellschaftlichen abtrennt, ihn tabuisiert, indem man ihm den Namen Privatleben gibt. […] Die Trennung zwischen Privatleben und gesellschaftlichem Leben wirft die Frau immer zurück in den individuell auszutragenden Konflikt ihrer Isolation.“ ([5], S. 39)

Die Beteiligung an politischen Kampagnen, die nichts mit der Lebenswirklichkeit der Frauen zu tun haben, war für Sander zurecht nichts anderes als eine „Scheinemanzipation“ ([5], S. 40). Und sie erklärte wahre Emanzipation nur für möglich,

„wenn die ins Privatleben verdrängten gesellschaftlichen Konflikte artikuliert werden, damit sich dadurch die Frauen solidarisieren und politisieren.“ ([5], S. 40)

Das Konzept des „Privatlebens“ hatte sich, gerade im Kontext der antiautoritären Bewegungen, als dezidiert antiemanzipatorisch herausgestellt. Das gründete im Anspruch der Bewegungen, daß sich die angestrebte Umwälzung der Gesellschaft nicht allein auf die Institutionen beschränken sollte. Der vor allem auf die gesellschaftlichen Institutionen zielende Ansatz zur Gesellschaftsveränderung gehörte in die Vorstellungswelt der „alten“ Linken: Zunächst, so wurde propagiert, werden in der Revolution die repressiven Institutionen des Kapitalismus und das Privateigentum an Produktionsmitteln abgeschafft – was die grundlegenden gesellschaftlichen Widersprüche beseitigt sollte. Alle anderen Widersprüche – so die Theorie – würden sich dann auf die Dauer schon von selbst erledigen.

Daß das so nicht funktionierte, hatte das Beispiel der Sowjetunion den antiautoritären Rebellen der 60er Jahre deutlich gezeigt. Die menschliche Emanzipation war in ihrer Perspektive nur möglich, wenn der Prozeß der politischen Umwälzung gleichzeitig ein Prozeß war, in dem die Individuen sich selbst veränderten. Individuelle und gesellschaftliche Emanzipation mußten im Selbstverständnis der Antiautoritären Hand in Hand gehen, sonst war die Sache von vornherein verloren. Marcuse selbst war gerade in dieser Frage ein wichtiger Stichwortgeber für die Bewegungen:

„[K]eine qualitative gesellschaftliche Veränderung, kein Sozialismus [ist] ohne die Entwicklung einer neuen Rationalität und Sinnlichkeit bei den Individuen selbst möglich: kein radikaler gesellschaftlicher Wandel ohne radikalen Wandel der Individuen, die seine Träger sind.“ ([3], S. 53)

Von den Aktivisten wurde dies so interpretiert, daß es keine entpolitisierte Sphäre der Privatheit geben sollte, die den Ansprüchen der antiautoritären Moral entzogen war. „Das Private ist politisch“ war der Slogan, in dem sich dieser Anspruch konzentrierte. Marcuse allerdings sah das völlig anders. Das eben angeführte Zitat geht folgendermaßen weiter:

„Solche individuelle Befreiung bedeutet jedoch ein Überwinden des bürgerlichen Individuums […] und gleichzeitig eine Wiederherstellung jener Dimension des Ichs, der Privatheit, die einst von der bürgerlichen Kultur geschaffen wurde.“ ([3], S. 53f)

Das erscheint mehr als paradox. Die individuelle Emanzipation als Wiederherstellung der bürgerlichen Privatheit? Marcuse hatte gute Gründe für diese Haltung, Gründe, die den deutlich jüngeren Aktivisten in ihrem Überschwang fremd waren. Für Marcuse war das 20. Jahrhundert ein groß angelegter Angriff auf die Individualität. Das gilt natürlich insbesondere für die totalitären Systeme. Aber nicht nur Faschismus und Stalinismus hatten versucht, direkt in das Privatleben der Individuen einzugreifen, auch in den westlichen Demokratien kommt es, wenn man Marcuse folgt, zu einer Gleichschaltung der Individuum mit dem gesellschaftlichen Ganzen, nur daß die Methoden subtiler sind:

„Eine solche Gleichschaltung kann durch Terror, durch die standardisierenden Tendenzen der »Massenkultur« oder durch eine Kombination beider erreicht werden. […] Am Ende des Gleichschaltungsprozesses jedoch, nachdem die Konformität erfolgreich hergestellt wurde, ist die Auswirkung auf die Hierarchie der Werte tendenziell die gleiche: die individuelle Denk- und Gewissensfreiheit scheint ihren unabhängigen und unbedingten Wert zu verlieren und in der Vereinheitlichung von privatem und öffentlichem Dasein unterzugehen.“ ([1], S. 200)

Marcuses Verteidigung der Privatheit hängt somit eng mit der Gesellschaftskritik in seinem wohl bekanntesten Buch, dem Eindimensionalen Menschen, zusammen. Wo dem Individuum seine Privatsphäre genommen wird, wird ihm auch der Ort genommen, von dem aus es eine kritische Position gegenüber dem Ganzen der Gesellschaft einnehmen kann. Die technische Zivilisation bringt, weitgehend unabhängig von der jeweils politischen Organisation der Gesellschaft, einen Expansionsdrang hervor, der auf die Kolonialisierung des privaten Lebensraumes abzielt:

„Der Drang nach mehr »Lebensraum« macht sich nicht nur in internationaler Aggressivität geltend, sondern auch innerhalb der Nation. Hier ist die Expansion in allen Formen der Zusammenarbeit, des Gemeinschaftslebens und Vergnügens in den Innenraum der Privatsphäre eingedrungen und hat praktisch die Möglichkeit jener Isolierung ausgeschaltet, in der das Individuum, allein auf sich zurückgeworfen, denken, fragen und etwas herausfinden kann.“ ([2], S. 255)

Diese vor nun beinahe ein halbes Jahrhundert formulierte Kritik an der Kolonialisierung der Privatsphäre ist leider aktueller denn je. Mobilfunk und Internet verwischen die Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit in einer Weise, die Marcuse selbst in seinen finstersten Alpträumen sich nicht hätte ausdenken können. Insofern ist Marcuses Verteidigung der Privatsphäre als eines Raumes, der vor der gesellschaftlichen Gleichschaltung geschützt werden muß, nur allzu berechtigt.

Aber ebenso berechtigt ist die feministische Kritik, daß gerade der private Raum par excellence, die Familie, der Ort ist, an dem die Unterdrückung der Frauen institutionalisierte Gestalt angenommen hat. Dabei muß man nicht einmal auf das Extrem der häusliche Gewalt verweisen, das ganz „normale“ Funktionieren der Familie reicht völlig aus. Für Frauen ist die als Familie organisierte Privatsphäre eben kein Refugium vor den Zumutungen der Gesellschaft. Ein solcher Rückzugsort ist die Familie nur für den Familienvater. Für die Hausfrau und Mutter ist sie ein Gefängnis, dem zu entkommen auch heute nicht einfach ist und damals beinahe unmöglich war. Man muß sich einfach klarmachen, daß zu dem Zeitpunkt, als diese Debatte geführt wurde, immer noch das Familien- und Eherecht von 1953 Gültigkeit besaß:

„Danach ist die Frau in erster Linie zur Haushaltsführung, der Mann zum finanziellen Unterhalt der Familie verpflichtet. Die Ehefrau darf nur dann berufstätig sein, wenn sie dadurch ihre familiären Verpflichtungen nicht vernachlässigt; wenn die Einkünfte des Mannes für den Familienunterhalt nicht reichen, ist sie aber verpflichtet zu arbeiten. Im Beruf oder Geschäft des Mannes muß sie mitarbeiten, »soweit dies nach den Verhältnissen, in denen die Ehegatten leben, üblich ist.« Für diese Mitarbeit innerhalb des Üblichen bekommt sie nichts.“ ([4])

Der von Marcuse mit guten Gründen geforderte Verteidigung der Privatssphäre steht also auf der anderen Seite die ebenso berechtigte Forderung der Frauen gegenüber, diesem Gefängnis entkommen zu können.

Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn diese Aporie noch einmal dadurch verschärft wird, daß Marcuse meint:

„Mit dem Sieg des Staates über die erotische Gefahrenzone würde die öffentliche Kontrolle individueller Bedürfnisse abgeschlossen.“ ([1], S. 229)

Nachweise

[1] Marcuse, H.: „Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus“, in: Marcuse, H., Gesammelte Schriften Bd. 6, Springe 2004.

[2] Marcuse, H.: „Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft“, in: Marcuse, H., Gesammelte Schriften Bd. 7, Springe 2004.

[3] Marcuse, H.: „Konterrevolution und Revolte“, in: Marcuse, H., Gesammelte Schriften Bd. 9, Springe 2004, S. 7 – 128.

[4] Die Zeit, 15. Oktober 1976: „Hausfrauenehe abgeschafft“ (von Münch, E. M.), S.65.

[5] Sander, H.: „Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS (1968)“, in: Lenz, I. (Hg.), Die Neue Frauenbewegung in Deutschland, Wiesbaden 2009, S. 38 – 43.

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Written by alterbolschewik

2. November 2012 um 16:23

Veröffentlicht in Herbert Marcuse

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