shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Familienfragen

leave a comment »

„Es ist richtig, daß Marcuse und Horkheimer mitunter zu einer Idyllisierung der bürgerlichen Sozialisation neigten und deren negative Momente überspielten.“

Stefan Breuer, Die Krise der Revolutionstheorie

Letzte Woche hatte ich eine Aporie aufgezeigt, die zwischen der feministischen Kritik der Privatheit und Marcuses Verteidigung derselben auftat. Zurecht kritisierte die feministischen Kritik die Familie, also die Privatsphäre par excellence, als den zentralen Ort patriarchaler Repression. Aber ebenso zurecht verteidigte Marcuse die Privatsphäre als einen Ort, der ein Refugium vor dem gesellschaftlichen Zugriff auf das Individuum darstelle.

Nun ließe sich diese Aporie natürlich recht einfach auflösen, indem man erklärte, daß zwischen Privatsphäre und Privatsphäre ein Unterschied bestehe. Die repressive patriarchale Kleinfamilie ist ja, zumindest auf den ersten Blick, nicht zwangsläufig das einzig mögliche Refugium für das Individuum, wo sich dieses den Zumutungen der Allgemeinheit entziehen kann. Insofern könnte man natürlich einfach sagen, daß Marcuse eine andere Privatheit meint als die der bürgerlichen Familie, von der er selbst sagt:

„Ich glaube, daß ohne die Aufhebung der nuklearen bürgerlichen Familie weder Frauenbefreiung noch überhaupt Befreiung möglich ist.“ ([4], S. 9)

Der Punkt aber ist, daß es dennoch die bürgerliche Familie ist, die von Marcuse (und auch den anderen Kritikern der Frankfurter Schule) als die Keimzelle individueller Rebellion ausgemacht wird:

„Früher war es die Familie, die den Einzelnen, gut oder schlecht, aufzog und erzog; die herrschenden Regeln und Werte wurden persönlich übermittelt und durch persönliche Schicksale umgebildet. […] Durch den Kampf mit Vater und Mutter als persönliche Zielscheibe für Liebe und Aggression trat die jüngere Generation mit Impulsen, Ideen und Bedürfnissen in die Gesellschaft ein, die weitgehend ihre eigenen waren. Infolgedessen waren ihre Über-Ich-Bildung, die verdrängenden Umformungen ihrer Impulse, ihr Triebverzicht und ihre Sublimierung höchst persönliche Erlebnisse. Gerade deswegen hinterließ ihre Anpassung schmerzliche Narben, und das Leben unter dem Leistungsprinzip bewahrte sich noch immer eine Sphäre des privaten Non-Konformismus.“ ([3], S. 86f)

Damit verkompliziert sich das Problem. Für Marcuse ist die bürgerliche Familie (des 19. Jahrhunderts) der Ort, an dem ödipale Konflikte ausgetragen werden. Und erst diese führen dazu, daß sich „reife“, selbständige Persönlichkeiten entwickeln, die zum Widerstand fähig sind. Aus dem Blickwinkel der kritischen Theorie (da steht Marcuse keineswegs allein) dient diese Austragung ödipaler Konflikte als eine Art Schutzimpfung gegen die direkte Unterwerfung unter die gesellschaftlichen Autoritäten. Wenn man so will, verkörperte die Familie eine bestimmte Form der Gegenmacht, eine Schutzzone gegen die absolutistische Autorität, die vom Bürgertum zäh erkämpft wurde. Diagnose der kritischen Theoretiker aber war, daß diese Schutzzone von einem unaufhaltsamen Erosionsprozeß bedroht ist. Der Verfall des liberalen Unternehmertums korrespondiert dem Zerfall der väterlichen Autorität und damit der Familie. Diese Schwächung der väterlichen Autorität verstärkt dann erneut den direkten Zugriff unmittelbar gesellschaftlicher Mächte auf das Individuum:

„Während in der bürgerlichen Blüteperiode zwischen Familie und Gesellschaft die fruchtbare Wechselwirkung stattfand, daß die Autorität des Vaters durch seine Rolle in der Gesellschaft begründet und die Gesellschaft mit Hilfe der patriarchalen Erziehung zur Autorität erneuert wurde, wird nunmehr die freilich unentbehrliche Familie ein Problem bloßer Regierungstechnik.“ ([1], S. 417)

Nun läge die Vermutung durchaus auf der Hand, daß der Niedergang der väterlichen Autorität auf der anderen Seite den Frauen Wege öffnen könnte zu einer weitergehenden Entfaltung ihrer Persönlichkeit. Was dann ein weitergehendes emanzipatorisches Potential hätte, weil Horkheimer – wie später auch Marcuse – konstatiert, daß die „Familie kraft der durch die Frau bestimmten menschlichen Beziehungen ein Reservoir von Widerstandskräften gegen die völlige Entseelung der Welt ausmacht und ein antiautoritäres Moment in sich enthält.“ ([1], S. 408)

Doch mit dieser Hoffnung ist es nicht weit her. Horkheimer konstatierte 1935:

„In doppelter Weise stärkt die familiale Rolle der Frau die Autorität des Bestehenden. Als abhängig von der Stellung und vom Verdienst des Mannes ist sie darauf angewiesen, daß der Hausvater sich den Verhältnissen fügt, unter keinen Umständen sich gegen die herrschende Gewalt auflehnt, sondern alles aufbietet, um in der Gegenwart vorwärtszukommen.Ein tiefes ökonomisches, ja, physiologisches Interesse verbindet die Frau mit dem Ehrgeiz des Mannes. Vor allem ist es ihr jedoch um die eigenen ökonomische Sicherheit und die ihrer Kinder zu tun.“ ([1], S. 409)

Selbst wenn diese Behauptung möglicherweise sachlich richtig ist, kommt sie, selbst unter Berücksichtigung der historischen Umstände, doch als Unverschämtheit daher. Die patriarchal gewollte ökonomische Abhängigkeit der Frauen, die sie vom gleichberechtigten Erwerb ihres Lebensunterhaltes ausschloß, wird hier den Tonfall eines moralischen Vorwurfs angeführt, der dann noch dadurch gesteigert wird, daß ein „physiologisches Interesse“ an der Aufrechterhaltung der familiären Machtstrukturen behauptet wird. Doch wollen wir hier nicht Horkheimers Mißgriffe Marcuse unterstellen.

Dennoch müssen wir festhalten, daß im Rahmen der Gesellschaftskritik, wie sie die kritische Theorie ab den 30er Jahren formulierte, Marcuses Verteidigung der Privatheit durch deren notwendige Verknüpfung mit der bürgerlichen Familienideologie reichlich problematisch ist, vor allem im Zusammenhang mit einer Kritik patriarchaler Herrschaftsstrukturen. Denn während die Familie ganz klar als Hort patriarchaler Machtausübung fungiert, ist dies bei den allgemeineren gesellschaftlichen Strukturen keineswegs zwangsläufig so.

Staatlicherseits herrscht in dieser Frage ein Pragmatismus, der den Frauen weitgehende individuelle Rechte zuzugestehen bereit ist, wenn dies ökonomisch opportun ist (um sie ihnen wieder zu entziehen, wenn sich das Blatt wendet). Das heißt nicht, daß die gesellschaftlichen Institutionen nicht durch ihre patriarchale Historie geprägt sind und die Durchsetzung von Veränderungen zugunsten weiblicher Gleichberechtigung ein zähes und mühseliges Geschäft ist. Doch prinzipiell sind hier Erfolge leichter zu erzielen als auf der individuellen Ebene. Konkret: Ein allgemeine Wahlrecht für Frauen war deutlich leichter durchzusetzen als ein Familienrecht, das eine wirkliche Gleichberechtigung der Frauen auf der familiären Ebene durchsetzte und die Frauen aus der auch juristisch festgeschrieben Abhängigkeit von ihrem Ehemanns befreite.

Wenn also Marcuses Verteidigung der Privatheit tatsächlich einen emanzipatorischen Sinn haben sollte, müßte sie sich, gegen Marcuse, gerade aus dieser Verstrickung in die repressiven, patriarichalen Familienstrukturen lösen – und nicht die bürgerliche Familie der liberalen Periode des Bürgertums als Utopie gegen den Zerfall der Privatsphäre im entwickelten Kapitalismus ins Feld führen.

Tatsächlich gab es mit der Kommune-Bewegung der 60er und 70er Jahre durchaus Ansätze, diese doch sehr abstrakten Vorstellungen in eine konkrete Lebenspraxis zu übersetzen. Allerdings standen diese paradoxerweise gerade nicht unter dem Motto einer Verteidigung der Privatsphäre, sondern im Gegenteil unter der Parole, das Private zum Politikum zu erklären. Doch das wird erst in einger Zeit Thema dieses Blogs werden.

Nächste Woche bohren wir noch tiefer in Marcuses Vorstellung von Privatheit herum, wenn wir die Ebene der Familie verlassen und uns auf die Ebene der direkten Zweierbeziehung konzentrieren. Freuen Sie sich also nächste Woche darauf, daß Marcuse erklärt:

„Wenn Tristan und Isolde, Romeo und Julia und ihresgleichen unvorstellbar sind als gesund verheiratete Paare, die sich produktiver Arbeit hingeben, so deshalb, weil ihre […] »Unproduktivität« die wesentliche Qualität dessen ist, wofür sie einstehen und sterben.“ ([2], S. 228)

Nachweise

[1] Horkheimer, M.: „Autorität und Familie“, in: Horkheimer, M., Gesammelte Schriften Bd. 3, Frankfurt 1985ff, S. 336 – 417.

[2] Marcuse, H.: „Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus“, in: Marcuse, H., Gesammelte Schriften Bd. 6, Springe 2004.

[3] Marcuse, H.: „Triebstruktur und Gesellschaft“, in: Marcuse, H., Gesammelte Schriften Bd. 5, Springe 2004.

[4] „Gespräch mit Herbert Marcuse“, in: links, Jg.5 (1974), Nr.60 (November 1974), S.9 – 10.

Advertisements

Written by alterbolschewik

9. November 2012 um 17:45

Veröffentlicht in Herbert Marcuse

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s