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Eros und Zivilisation

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„Die Organisation der Sexualität weist die Grundzüge des Leistungsprinzips und seiner Organisierung in der Gesellschaft auf.“

Herbert Marcuse, Eros and Civilization (1955)

Letzte Woche ging es um das zwiespältige Verhältnis zur bürgerlichen Familie, das nicht nur Marcuse sondern die ganze Frankfurter Schule kennzeichnete. Ihrem kritischen Marxismus ging es ja, im Gegensatz zur leninistischen Orthodoxie, primär um das emanzipierte Individuum, nicht um das Kollektiv der Klasse. Und für dieses Individuum stellte aus ihrer Sicht die Familie einen Schutzraum gegen die Ansprüche des Kollektivs dar. Der von ihnen konstatierte Verfall der bürgerlichen Familie im 20. Jahrhundert lieferte dann die Individuen dem unvermittelten Zugriff der gesellschaftlichen Instanzen aus, ohne daß sie gegen diese Übergriffe mentale Resistenzen entwickeln konnten. Und das galt ihrer Ansicht nach für alle technologisch fortgeschrittenen Industriegesellschaften, egal ob sie faschistisch, kommunistisch oder parlamentarisch-demokratisch verfaßt waren: Ordneten die einen die Individuen terroristisch dem Kollektiv unter, so die anderen mit subtileren Manipulationsmechanismen wie Massenmedien und Werbung.

In dieser Einschätzung unterschied sich Marcuse nicht von seinen Kollegen aus dem Institut für Sozialforschung, mit denen er diese Thesen anläßlich der Studien über Autorität und Familie in den 30er Jahren gemeinsam entwickelt hatten. Doch anders als etwa Horkheimer und Adorno kam Marcuse auch in der Nachkriegszeit immer wieder auf diese Fragestellung zurück, erweiterte sie allerdings um eine entscheidende Tiefenschicht. Die Studien über Autorität und Familie hatten sich im wesentlichen um den institutionellen Charakter der Familie gekümmert, ihre Rolle als Vermittlungsinstanz zwischen Individuum und Gesellschaft. Praktisch völlig ausgeklammert blieb dabei die eigentliche Basis dieser Institution, das erotische Verhältnis zwischen Mann und Frau. Die bürgerliche Kleinfamilie ist eben nicht nur die Institution, die für die Sozialisierung des gesellschaftlichen Nachwuchses auf einem bestimmten Stand der Produktivkräfte verantwortlich ist. Sie ist auch die historisch-spezifische Form, in der die bürgerliche Gesellschaft versucht, die sexuelle Triebenergie in von ihr sanktionierte Bahnen zu lenken.

Und genau dieses der Familie als Institution zu Grunde liegende sexuelle Verhältnis wird für Marcuse ab den 50er Jahren zu einem zentralen Thema. In Eros and Civilization aus dem Jahr 1955, seinem wohl wichtigsten Werk, geht es ganz zentral um die Frage, in wieweit es eine gesellschaftlich notwendige Unterdrückung und Sublimierung sexueller Triebenergie geben muß und in wieweit diese überflüssig ist.

Mit Freud geht Marcuse davon aus, daß die menschliche Rasse nicht überlebt hätte und so etwas wie zivilisatorischer Fortschritt – bei aller Problematik dieses Begriffes – nicht hätte stattfinden können, ohne eine Unterdrückung libidinöser Energien. Wenn sich nicht das „Realitätsprinzip“ gegen das „Lustprinzip“ hätte behaupten können, dann hätte es keinen wie auch immer prekären historischen Fortschritt gegeben.

„Kultur ist in erster Linie Fortschritt in der Arbeit – d.h. Arbeit für die Beschaffung und Mehrung der lebensnotwendigen Dinge. Diese Arbeit bietete normalerweise keine Befriedigung an sich; für Freud ist sie unlustvoll, schmerzlich.“ ([3], S. 74)

Im Prinzip akzeptiert Marcuse diese Diagnose Freuds, zumindest was die Vergangenheit betrifft:

„Die Arbeit, die die materielle Basis der Kultur und Zivilisation geschaffen und vergrößert hat, war in erster Linie mühselige Arbeit, entfremdete Arbeit, schmerzlich und elend – und ist es noch. Die Verrichtung solcher Arbeit dürfte kaum individuelle Bedürfnisse und Neigungen befriedigen.“ ([3], S. 77)

Doch dies ist für Marcuse keine grundsätzliche anthropologische Notwendigkeit, wie für Freud und die meisten seiner Nachfolger:

„Entschieden gibt es eine Art von Arbeit, die ein hohes Maß an libidinöser Befriedigung gewährt, die in ihrer Ausübung erfreulich ist. Künstlerische Arbeit, wo sie echt ist, scheint aus einer verdrängungslosen Triebkonstellation zu erwachsen und verdrängungslose Ziele und Zwecke anzustreben.“ ([3], S. 77)

Doch diese von Marcuse ins Feld geführte Möglichkeit nicht-entfremdeter Arbeit sei hier nur am Rande erwähnt, um die Differenz zwischen Marcuse und Freud deutlich zu machen. Für unseren Zusammenhang viel entscheidender ist, daß im Rahmen dieses zwielichtigen Fortschrittsprozesses es nicht nur zu einer zeitlichen Trennung von Lust und Arbeit kommt. Ein analoger Prozeß der räumlichen Eingrenzung der Libido begleitet die Einschränkung sexueller Lust:

„Die Libido wird in einem Teil des Körpers konzentriert, wodurch fast der ganze übrige Körper zum Gebrauch als Arbeitsinstrument frei wird. Die zeitliche Reduzierung der Libido wird durch ihre räumliche Beschränkung ergänzt.“ ([3], S. 48)

Sexualität hat der Fortpflanzung zu dienen und wird im historischen Verlauf auf ihre genitale, heterosexuelle Variante reduziert, während jede andere Form sexueller Lust mit Tabus und Schuldgefühlen besetzt wird. Alles, was sich dieser gesellschaftlichen Eingrenzung widersetzt, wird tabuisiert:

„Die gesellschaftsbildende Organisation des Sexualtriebs belegt praktisch alle Manifestationen, die nicht der Fortpflanzungsfunktion dienen oder sie vorbereiten, mit dem Tabu der Perversionen.“ ([3], S. 49)

Entfremdete Arbeit und Tabuisierung der nicht auf Fortpflanzung gerichteten Lust bedingen einander gegenseitig. Und diese Gleichung gilt für Marcuse auch umgekehrt:

„Die Perversionen scheinen ein promesse de bonheur [Glücksversprechen] zu bieten, das größer ist als die »normale« Sexualität.“ ([3], S. 49)

Eine freie Sexualität, die sich den gesellschaftlichen Tabus entziehen, die im Dienste der entfremdeten Arbeit stehen, ist für Marcuse eine Grundvoraussetzung individueller und gesellschaftlicher Emanzipation. Das heißt nun nicht, daß – wie Marcuse in den antiautoritären Bewegungen oft verkürzt wurde – wahlloses Herumgevögel bereits ein Angriff auf das Establishment wäre. Vulgäre sexuelle Provokation war ihm ein Gräuel:

„Die Verwendung von Ausdrücke aus dem genitalen und analen Bereich, die zum Ritual linksradikalen Sprachgebrauchs geworden ist (die »obligatorische« Verwendung von »fuck«, »shit«), ist eine Herabsetzung der Sexualität. Wenn ein Radikaler sagt: »Fuck Nixon«, verknüpft er das Wort für die höchste genitale Befriedigung mit dem höchsten Repräsentanten des regierenden Establishments; wer die Produkte des Feindes als »shit« bezeichnet, übernimmt die bürgerliche Verdammung der Analerotik.“ ([2], S. 82f)

Stattdessen wäre das Ziel für Marcuse eher eine Ausweitung der Erotisierung menschlichen Handelns über die unmittelbare Sexualität hinaus – etwa durch eine Organisation der Arbeit, die dem Lustprinzip eben nicht diamentral entgegengesetzt wäre. Doch dies genauer auszuführen würde weit über das Thema des heutigen Blogbeitrags hinausführen – ich muß deshalb in dieser Frage auf später vertrösten.

Hier geht nur darum zu erklären, warum Marcuse gegenüber den Feministinnen so sehr auf der Privatsphäre beharrte, und zwar über die bürgerliche Kleinfamilie hinaus. Der eigentliche Witz – oder die Tragödie, wie man’s nimmt – an der Sache ist, daß Sexualität durch massive gesellschaftliche Eingriffe, durch eine Vielfalt von Tabuisierungen im Dienste der herrschenden Ordnung reglementiert ist. Sie ist eben nicht „Privatsache“, sondern die Gesellschaft regelt sehr genau, was „normal“ und was „pervers“ ist.

Und in diesem Kontext muß, glaube ich, Marcuses Aussage im Gespräch mit der links verstanden werden. Dabei wurde er von der Interviewpartnerin gefragt, ob gegen „private“ Beziehungsprobleme nicht die Solidarität in Frauengruppen eine mögliche Lösung wäre, worauf Marcuses mit einer Gegenfrage antwortete:

„Ich möchte vielmehr demgegenüber fragen, ob es nicht einen Raum der Privatheit gibt, der nicht in dieser Weise erfaßt werden kann. Ob es nicht Probleme gibt, mit denen die Individuen, die unmittelbar betroffen sind, alleine fertig werden müssen, ohne darüber eine Diskussion anzustrengen: Morgen um acht ist hier eine Sitzung, wir diskutieren meine Probleme, die ich mit x habe. Da ist irgend etwas falsch, das geht nicht. Ich werfe es als Frage auf.“ ([4], S. 10)

Marcuses Furcht ist ganz offensichtlich, daß damit eine neue Form des Hineinregierens von außen in erotische Beziehungen durchgesetzt würde, die zu einer neuen Form repressive Moral gerinnen kann. Damit würde erneut das emanzipatorische Potential, das in der Befreiung der Libido von gesellschaftlicher Tabuisierung liegen kann, verschüttet. Das heißt nicht, daß Marcuse nicht die Problematik gesehen hätte – doch durch äußeren Gruppenzwang sind für ihn Probleme in erotischen Beziehungen nicht zu lösen.

Nächste Woche werden wir uns zumindest vorläufig von diesem Themenkomplex verabschieden und uns dem Verhältnis Marcuses zur orthodoxen Linken widmen. Freuen Sie sich also darauf, daß Stefan Breuer angesichts Robert Steigerwalds Marcuse-Kritik erklärt:

„Steigerwalds Polemik atmet den Geist der Moskauer Prozesse.“ ([1], S. 269)

Nachweise

[1] Breuer, S., Die Krise der Revolutionstheorie, Frankfurt a.M. 1977.

[2] Marcuse, H.: „Konterrevolution und Revolte“, in: Marcuse, H., Gesammelte Schriften Bd. 9, Springe 2004, S. 7 – 128.

[3] Marcuse, H.: „Triebstruktur und Gesellschaft“, in: Marcuse, H., Gesammelte Schriften Bd. 5, Springe 2004.

[4] „Gespräch mit Herbert Marcuse“, in: links, Jg.5 (1974), Nr.60 (November 1974), S.9 – 10.

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Written by alterbolschewik

16. November 2012 um 18:40

Veröffentlicht in Herbert Marcuse

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