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Angriffe auf Marcuse

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„Ich mag die Unterbrechungen hier. Sie erinnern mich an 1918 und 1919 und 1930. Ich fühle mich dadurch lebendiger.“

Herbert Marcuse während des Go-Ins bei seinem Vortrag am 17. Juni 1969 in Rom

In den letzten Wochen habe ich versucht, ein Licht auf die Debatte zu werfen, die Mitte der 70er Jahre zwischen Marcuse und der Frauenbewegung geführt wurde. Diese Debatte wurde, bei aller Kritik, im wesentlichen freundschaftlich und solidarisch geführt – vielleicht mit Ausnahme des Beitrags aus dem Berliner Frauenzentrum ([1]). Ende der 60er Jahre waren die Auseinandersetzung mit Marcuse allerdings auf deutlich aggressivere Art und Weise ausgetragen worden. Dabei verwundert nicht sonderlich, daß Marcuse zunächst von rechts vehement attackiert wurde.

Barry Katz sammelte einige dieser Angriffe und faßte sie folgendermaßen:

„Es wurde behauptet, Marcuses Werk diene »als Aktions-Manifest für Straßenschläger«, daß es »eine neo-Sorelsche Ermunterung zur Gewalt« sei; er propagiere angeblich eine Tyrannenherrschaft »einer kleinen Elite von Individuen, die gelernt haben, rational zu denken« und die dann allen anderen die Tolerierung entziehen würden, »die gegen das, was die neue herrschende Klasse als progressiv ansieht, opponieren«.“ ([2], S. 173)

Das waren noch die „intellektuellen“ Anwürfe gegen Marcuse. In dem Maße, in dem seine Bekanntheit aufgrund seiner Medienpräsenz stieg, in dem Maße wurden die Attacken immer dämlicher und immer aggressiver.

„Er war der neue »Apostel des Chaos«, »ein verdrossener, Haß verspritzender alter Mann«, der »praktisch davor steht, Anarchie zu predigen, und zur Zerstörung unserer Form von Demokratie anspornt«.“ ([2], S. 174)

Daß ein derartig berüchtigter anarchistischer Agitator dann bestimmte politisch und geistig zurückgebliebene Teile der amerikanischen Öffentlichkeit aufschreckte, ist kein Wunder. Ein Anwalt der reaktionären Veteranenorganisation American Legion, Harry L. Foster, forderte eine „großangelegte Untersuchung des Dr. Marcuse“ (zit. nach [2], S. 174) und brachte dann $20.000 auf, um der Universität von San Diego, wo Marcuse zu dieser Zeit lehrte, dessen Lehrvertrag abzukaufen. Unterstützt wurde er dabei von Senator Jack Schrade, einem Lokalpolitiker namens John Stull und einem auch heute noch bekannten, späteren Präsidenten der USA:

„Auf einer etwas offizielleren Ebene teilte Gouverneur Ronald Reagan der Verwaltung der University of California mit, daß Marcuse unqualifiziert für die Lehre sei, während die beiden rechtslastigen Volksvertreter forderten, daß die Universität den Vertrag mit dem aufwieglerischen Kommunisten auflösen solle. Die Verteidigung möge sich nicht davon beeinflussen lassen, daß Mr. Fosters Interpretation der Marcuseschen theoretischen Positionen sich allein auf einen feindseligen und unzutreffenden Kommentar im San Diego Union gründete, daß sich Senator Schrades kritische Analyse aus »Meinungen, die mir zugetragen wurden« ableiteten, und daß des Abgeordneten Stulls Studien von Marcuses Werk nicht weiter gingen als bis zu Berichte über »seine öffentlichen Stellungnahmen«.“ ([2], S. 174f)

Marcuse reagierte darauf in der einzig angemessenen Weise:

„Ich werde angesichts dieser Anschuldigungen das machen, was sie verdienen: Nichts.“ (Los Angeles Times vom 19. Juli 1968, zitiert nach: [2], S. 175)

Diese administrativen Versuche, einen kritischen Philosophen mundtot zu machen, erscheinen heute so lächerlich, wie sie es damals schon waren. Der Kanzler der Universität, William McGill, der von Foster offensichtlich genervt wurde, schrieb diesem schließlich:

„Wir sind völlig bereit, ihre Ansichten anzuhören und ernsthaft zu berücksichtigen, aber Sie müssen verstehen, daß wir verpflichtet sind, jedem Versuch, die Integrität unseres Urteils über wissenschaftliche Kompetenz zu beeinflussen, Widerstand zu leisten. […] Sie können sich gerne das Recht herausnehmen, mich für unsere Entscheidung, wie immer diese ausfallen mag, verantwortlich zu machen, aber bis dahin ersuche ich Sie, damit aufzuhören, Druck ausüben zu wollen. Bei so etwas neige ich dazu, auf stur zu schalten.“ ([4])

Doch dies war nicht die einzige Ebene, auf der Marcuse angegriffen wurde. Am 1. Juli 1968 erhielt er einen ersten Drohbrief:

„Marcuse du bist ein sehr dreckiger kommunistischer Hund. Du hast 72 Stunden, um die Vereinigten Staaten zu verlahsen [sic; im Original: to live], und dann werden wir dich umbringen.“ (zit. nach [2] , S. 175)

Weitere briefliche und telefonische Morddrohungen – inklusive solche des Ku-Klux-Klans – folgten. Marcuse selbst nahm das Ganze nicht so furchtbar ernst, tauchte aber auf Drängen seiner Frau vorsichtshalber unter – im Sommerhaus Leo Löwenthals.

Angriffe von rechts war Marcuse also durchaus gewohnt. Etwas anderes waren die Attacken von links, die 1969 erfolgten. Am 17. Juni 1969 sollte Marcuse in Rom einen Vortrag mit dem Titel „Andere Menschen in einer anderen Dimension“ halten. Doch das Teatro Eliseo wurde dann zum Schauplatz einer Auseinandersetzung, über die Marcuse – laut Spiegel – sagen sollte:

„Es war die stürmischste Nacht meines Lebens.“ ([5], S. 108)

Was war los gewesen? Eine Gruppe von wohl rund 200 ultralinken Vollidioten hatte sich offensichtlich vorgenommen, angesichts der „Autorität“ Marcuse ein „antiautoritäres“ Exempel zu statuieren. Offensichtlich waren sie dann aber doch nicht so antiautoritär, daß sie sich diese Aktion ohne eine eigene Führerfigur getraut hätten. Und den hatten sie gefunden in Person des damals noch „roten Dany“, Daniel Cohn-Bendit.

Cohn-Bendit war eine Symbolfigur des Pariser Mai 1968 gewesen, den die Situationisten schon damals recht treffend einschätzten:

„Von ungenügender Intelligenz, unklar informiert über die theoretischen Probleme der Epoche durch die Vermittlung anderer, geschickt genug, um ein Publikum von Studenten zu unterhalten, offen genug, um auf der Ebene der politischen Manöver der Linken einen weißen Fleck zu bilden, geschmeidig genug, um mit ihren Verantwortlichen Kompromisse schließen zu können, war er ein ehrlicher Revolutionär, wenn auch ohne Genie.“ ([6], S. 26)

Abgesehen vom Schluß beschreibt das sehr recht treffend das intellektuelle und politische Profil Cohn-Bendits, das dann später für eine bescheidene Karriere als Europaabgeordneter der GRÜNEN ausreichen sollte. Dieser „ehrliche Revolutionär“ versuchte nun mit seinen Genossen, den Vortrag Marcuses zu stören. Wenn man dem Spiegel trauen darf (und eigentlich darf man das nicht, wie wir gleich sehen werden), spielte sich die Auseinandersetzung zunächst auf folgendem, mit obiger Charakterisierung konsistentem Niveau ab:

„Dann rief der zur Zeit bestverdienende Berufsrevolutionär Daniel Cohn-Bendit auf französisch von einer der Emporen: »Marcuse, warum kommst du in die Theater der Bourgeoisie?« Marcuse konterte lautstark: »Sprich deutsch!« und erklärte: »Ich bin hier, weil man mich eingeladen hat. Die Kommunistische Partei hat mich nicht gebeten zu reden. Ich gehe dahin, wo ich kann.«“ ([5] , S. 108)

So weit, so dämlich und wahrscheinlich leider recht repräsentativ für so manches Go-In der damaligen Zeit. Dann aber soll, wieder laut dem Spiegel, Cohn-Bendit gerufen haben: »Herbert, sag uns, warum dich der CIA bezahlt.“ ([5], S. 108) Tatsächlich war das Gerücht, Marcuse sei ein CIA-Agent, in der jüngsten Vergangenheit gestreut worden – allerdings von einer Fraktion der Linken, mit der Cohn-Bendit nun wirklich nichts am Hut hatte. Von Marcuse später mit dieser Behauptung des Spiegels konfrontiert, stellte Cohn-Bendit unmißverständlich klar, daß er so etwas nie behauptet habe ([3], S. 195).

Doch wer streute dieses Gerücht? Und warum? Seien Sie gespannt darauf, wenn nächste Woche L. L. Matthias behauptet:

„Marcuse war der Verbindungsmann zwischen diesem Wisner und Reinhard Gehlen, jenem ehemaligen Chef des Nazi-Geheimdienstes, der nach 1945 die Fronten wechselte und seine Tätigkeit in den Dienst der Vereinigten Staaten stellte.“ (zit. nach [7], S. 11)

Nachweise

[1] Frauen aus dem Frauenzentrum Berlin, „Warum wir Frauen uns nicht zum philosophischen Prinzip degradieren lassen oder – traue keinem Mann“, in: links, Jg.6 (1975), Nr.62 (Januar 1975), S.21.

[2] Katz, B., Herbert Marcuse and the Art of Liberation, London 1982.

[3] Marcuse, H.: „Briefwechsel mit Rudi Dutschke“, in: Marcuse, H., Nachgelassene Schriften Bd. 4, Springe 1999ff, S. 185 – 253.

[4] McGill, W. J.: „Brief an Harry L. Foster“, URL: http://libraries.ucsd.edu/historyofucsd/newsreleases/1968/19681217.html, abgerufen am 23. November 2012.

[5] Redaktioneller Beitrag, „Herbert Marcuse – Obszöne Welt“, in: Der Spiegel, Jg.23 (1969), Nr.27 (30. Juni 1969), S.108 – 109.

[6] Viénet, R., Wütende und Situationisten in der Bewegung der Besetzungen, Hamburg 1977.

[7] Berliner Extra-Dienst, 4. Juni 1969: „USA: Schwere Vorwürfe gegen Herbert Marcuse“, S.10 – 11.

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Written by alterbolschewik

23. November 2012 um 16:50

Veröffentlicht in Herbert Marcuse

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