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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Geheimagent Marcuse

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„Das demokratische Amerika, das sich in einem militärisch ausgefochtenen Existenzkampf mit Hitlerdeutschland befand, finanzierte raffinierte, von emigrierten Intellektuellen durchdachte Gesellschaftsanalysen des Feindeslandes, mit denen man hoffte, den Krieg siegreich führen und danach das besiegte Land sinnvoll umgestalten zu können.“

Detlev Claussen

Es war in diesem Blog bislang viel von den Bewegungen der 60er Jahre die Rede, die ich hier immer als „anti-autoritäre“ Bewegungen bezeichnet habe. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn innerhalb dessen, was heute so unscharf als 68er-Bewegung bezeichnet wird, gab es durchaus Fraktionen, die man mit Fug und Recht als „pro-autoritär“ bezeichnen könnte. Und die mit den anti-autoritären Fraktionen regelmäßig im Clinch lagen. Innerhalb der Pro-Autoritären muß dann noch einmal unterschieden werden, nämlich zwischen der Fraktion der alten Linken und den diversen Grüppchen der Neuen Linken. Mit der autoritären Fraktion der alten Linken sind natürlich die Vertreter eines orthodoxen Marxismus-Leninismus gemeint, die nach der Pfeife Moskaus bzw. Ost-Berlins tanzten. Die Neo-Autoritären hingegen distanzierten sich zwar von Moskau, vertraten aber ebenfalls einen autoritären Marxismus-Leninismus, dem sie durch Beimischung von ein bißchen Trotzki, Mao oder Enver Hoxha eine leicht veränderte Geschmacksrichtung gaben.

Letzte Woche hatte ich darüber berichtet, wie Marcuse zur Hochzeit der Bewegung nicht nur aus dem Lager der Rechten angegriffen wurde, sondern auch von links. Daß ausgerechnet Daniel Cohn-Bendit, einer der antiautoritären Wortführer des Pariser Mai, dann 1969 auch Marcuse öffentlich zu attackieren versuchte, verwundert etwas. Eher hätte man ein derartige Vorgehen von Seiten der Marxisten-Leninisten erwartet. Zumindest der vom Spiegel kolportierte und von Cohn-Bendit später dementierte Vorwurf, Marcuse sei ein CIA-Agent, kam aus eben dieser Richtung.

In der Folge des Pariser Mai hatte Jurij Shukow am 30. Mai 1968 in der Pravda über Marcuse geschrieben:

„Vielsagende biographische Einzelheit: In der Kriegszeit arbeitete Marcuse im amerikanischen Nachrichtendienst, danach verbrachte er lange Jahre in dem sattsam bekannten »Russian Institute« in Harvard. Als Ergebnis dieser Tätigkeit erschien das antisowjetische Buch »Sowjet-Marxismus« – Marcuses »erster Bestseller«.“ ([4], S. 134)

Diese Information war immerhin sachlich richtig. 1942 hatte Marcuse begonnen, für die US-amerikanische Regierung zu arbeiten. Das lag unter anderem daran, daß das Anfang der 30er Jahre nach New York geflüchtete Frankfurter Institut für Sozialforschung praktisch aufgelöst worden war. Horkheimer und Adorno zogen nach Kalifornien, wo sie die Dialektik der Aufklärung verfaßten, während sich die restlichen Institutsmitglieder anderweitig umschauen mußten.

Anfang der 40er Jahre war die Finanzierung des Instituts für Sozialforschung und seiner Mitarbeiter immer prekärer geworden, doch gab es für die Fähigkeiten, die diese Mitarbeiter hatten, mit dem Kriegseintritt der USA einen realen Bedarf. Die USA hatten bis dahin keinen Auslandsgeheimdienst, auf den sie nun aber im Kampf gegen die Achsenmächte angewiesen waren. Und so wurde in kürzester Zeit das Office of Strategic Services (OSS) aus dem Boden gestampft. Das OSS übernahm operative Aufgaben, verfügte aber auch über eine große Forschungs- und Analyse-Abteilung („Research and Analysis Branch“). Für diese Abteilung wurden eine große Anzahl herausragender akademischer Wissenschaftler angeheuert. Die Leitung der für Deutschland und Österreich verantwortlichen Unterabteilung wurde Franz Neumann übertragen, der wie Marcuse zuvor Mitglied des Instituts für Sozialforschung gewesen war. Neumann hatte sich durch seine ausgezeichnete Analyse des nationalsozialistischen Herrschaftssystems, die 1942 erstmals unter dem Titel Behemoth veröffentlich worden war, für diesen Posten qualifiziert. Tatsächlich sollten dann über kurz oder lang eine ganze Reihe von Mitarbeitern des Instituts für das OSS arbeiten.

Marcuse legte allerdings noch einen kleinen Umweg ein. Ab Ende 1942 arbeitete er zunächst für das Office of War Information (OWI), eine Propagandabehörde, bei der auch Leo Löwenthal angestellt war:

„Innerhalb der Behörde tendierte man damals dazu, ideologische Differenzen unter den Teppich zu kehren; und obwohl Marcuse scheinbar keine Gelegenheit für das épater les bourgois ausgelassen hat, schätzten seine Kollegen seine ironische, ja sogar zynische Haltung. Das kam auch in seinen offiziellen Aufgaben zum Ausdruck, die er, nach Einschätzung des Abteilungsleiters, oft nicht ernst nahm.“ ([1], S. 113f)

1943 gelang Marcuse dann der Sprung von der Propagandabehörde OWI zum Nachrichtendienst OSS. Löwenthal bemerkte später etwas neidisch:

„Ich hätte auch viel lieber in dem »Office of Strategic Services« gearbeitet. Aber das hat aus persönlichen Gründen nicht geklappt. Da waren nun wirklich interessante Leute, z.B. Stewart Hughes, Karl Schorske, Felix Gilbert. Die haben interessante, auch historisch unterbaute Studien gemacht, während unsere Arbeit damals oft sehr kurzfristig und unmethodisch gewesen ist. Wir haben, glaube ich, weder großen Nutzen noch großen Schaden angerichtet.“ ([2], S. 112f)

Die Arbeit im OSS stellte durchaus kein Bruch mit Marcuses vorheriger Tätigkeit im Institut für Sozialforschung dar, sondern kann als effektive Fortsetzung des selben politischen Projektes gesehen werden:

„Marcuse und Dutzende anderer linker Intellektueller begriffen, daß die tolerante, ja spontane Natur des OSS ihnen die Gelegenheit bieten würde, effektiv zu einem anti-faschistischen Bündnis beizutragen.
Hinzu kam außerdem, daß bestimmte »strukturelle« Affinitäten zwischen der Forschungs- und Analyse-Abteilung des OSS und dem Institut für Sozialforschung den Übergang möglicherweise erleichtert haben – ganz zu schweigen von der Überlappung des Personals. Die Forschungs- und Analyse-Abteilung war eine hochrangige, interdisziplinäre Gemeinschaft von Wissenschaftlern, die sich, wie die Mitglieder des Instituts, im Dienste eines ausdrücklich parteiischen gemeinsamen Zieles zusammengefunden hatten.“ ([1], S. 115)

Mit anderen Worten: Es ging darum, mit den Mitteln, die einem politischen Intellektuellen zur Verfügung stehen, so gut wie möglich zum Sturz des Nationalsozialismus beizutragen. Und innerhalb des Rahmens, den das OSS bot, war die Chance, daß die eigene intellektuelle Arbeit unmittelbar praktische Früchte tragen würde, um einiges höher als im Institut. Tatsächlich sind einige der Analysen, die Marcuse damals verfaßte, inzwischen in Band 5 der Nachgelassenen Schriften veröffentlicht und können als integraler Teil seines Gesamtwerkes gelesen werden ([3]). Insofern ist an Marcuses nachrichtendienstlicher Tätigkeit während des 2. Weltkrieges, anders als Shukow in seinem Pravda-Artikel suggerierte, nichts Verwerfliches, im Gegenteil.

Tatsächlich muß man Shukows Artikel in der Pravda als unmittelbare Reaktion auf einen traumatischen Schock gelesen werden – den Schock des Pariser Mai 1968, der die Kommunistische Partei Frankreichs völlig unvorbereitet getroffen hatte. Die sich selbst als „Avantgarde“ verstehende alte Linke Moskauer Prägung hatte die Entstehung der Neuen Linken völlig verschlafen oder bewußt ignoriert. Im Westen war seit seit Mitte der 60er Jahre klar, daß sich marginale, aber unübersehbare linke Bewegungen jenseits der kommunistischen Parteien entwickelten.

„Die Sowjetunion aber, die doch sonst in ihrer Presse jeden Streik und jede linke Demonstration ausgiebig würdigt, nahm bis Ende 1967/Anfang 1968 von diesen Vorgängen kaum Notiz.“ ([5], S. 18)

Auf einmal entsteht in Paris eine Massenbewegung, die mit einem Generalstreik das ganze Land lahmlegt und die „Avantgarde“ konnte dieser Massenbewegung nur mühsam hinterherhoppeln. So etwas mußte das Resultat einer besonders hinterhältigen Verschwörung des Imperialismus sein.

Freuen Sie sich deshalb nächste Woche darauf, wenn Jurij Shukow in einer glasklaren Analyse die perfide Rolle Marcuses aufdeckt:

„Es war erforderlich, alle Mittel einzusetzen bei dem Versuch, Unsicherheit und Verwirrung in die Reihen der Kämpfer gegen die alte Welt hineinzutragen und – und das ist das Wichtigste! – zu versuchen, die Jugend, vor allem die Studentenschaft, den tragenden Kräften der Arbeiterklasse entgegenzustellen.“ ([4], S. 134)

Nachweise

[1] Katz, B., Herbert Marcuse and the Art of Liberation, London 1982.

[2] Löwenthal, L. & Dubiel, H., Mitmachen wollte ich nie. Ein autobiographisches Gespräch, Frankfurt a.M. 1980.

[3] Marcuse, H.: „Feindanalysen“, in: Marcuse, H., Nachgelassene Schriften Bd. 5, Springe 1999ff.

[4] Shukow, J.: „Werwölfe. Der Pseudoprophet Marcuse und seine lärmenden Schüler“, in: Mehnert, K., Moskau und die Neue Linke, Stuttgart 1973, S. 133 – 136.

[5] Mehnert, K., Moskau und die Neue Linke, Stuttgart 1973.

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Written by alterbolschewik

30. November 2012 um 17:36

Veröffentlicht in Herbert Marcuse

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