shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

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Jahresrückblick 2012

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Ich weiß, daß ich ein miserabler Blogger bin. Dieses Blog verstößt so ziemlich gegen alle etablierten Regeln, wie man ein Blog zu führen hat, um eine möglichst hohe Zahl von Klicks, Kommentaren und trackbacks zu bekommen. Und die Folgen bleiben ja nicht aus. Die Zahl der Leserinnen und Leser ist im Laufe dieses Jahres ziemlich gesunken; eine aktive Beteiligung in Form von Kommentaren gibt es praktisch überhaupt nicht mehr. Es wird also Zeit, Selbstkritik zu üben. Und so gehe ich, während sich das Jahr seinem Ende zuneigt, in mich und gestehe meine Sünden.

Um gleich mit der Kardinalsünde anzufangen, von der sich alle anderen Sünden ableiten lassen: Dieses Blog ist nicht subjektivistisch genug. Der Autor, der sich hinter dem albernen Pseudonym „Alter Bolschewik“ und sein Gesicht hinter einer Sturmhaube verbirgt, bringt sich so gut wie überhaupt nicht als Person in sein Blog ein. Als es vor knapp zwei Jahren los ging, erfuhr man wenigstens noch ein bißchen was über den Menschen hinter den Texten; doch damit war bereits nach der ersten Folge Schluß. Und seither wird (fast) jeden Freitag ein Text von ca. 8000 Zeichen ins Netz gestellt, ganz egal, ob die Sonne scheint oder ob’s regnet, ob der Autor gut gelaunt oder depressiv ist. Nur einmal dieses Jahr fiel der Text aus mit der lapidaren Begründung, es gäbe etwas zu feiern, ohne daß dem neugierigen Publikum mitgeteilt worden wäre, was denn nun der Anlaß der Freude war.

So geht das nicht, Herr Bolschewik! Wenn man eine dauerhafte Leserinnenbindung etablieren will, dann muß man dem Publikum auch etwas bieten. Und das Publikum giert nicht nach Exzerpten aus vierzig Jahre alten, modrig riechenden rororo-aktuell-Bändchen, sondern es will einen privilegierten Einblick in das Privatleben des Autors; und damit ist nicht die Information gemeint, daß er an seinen freien Abenden mit einem Glas Rotwein auf dem Sofa lümmelt und Texte liest, die vernünftigere Leute schon vor zwanzig Jahren ins Altpapier gegeben hätten. Die Leute wollen wissen, was Sie im Innersten bewegt. Sie wollen die Gründe wissen, warum Sie sich in schlechte Ausstellungen über Demonstrationen schleppen oder den Umtrieben längst vergessener Performance-„Künstler“ hinterherrecherchieren.

Und dann diese Sprache! Dieser überhebliche Gestus des distanzierten, allwissenden Autors. Literaturnachweise in einen Blog! Damit schließen Sie doch von vornherein jede Diskussion aus! Können Sie nicht, wie andere Blogger auch, frisch von der Leber weg schreiben, was Ihre Meinung zu diesem oder jenem Thema ist, nach Möglichkeit bitte einseitig zugespitzt, aber ohne irgendwelche Angaben allgemein nachvollziehbarer Gründe? Da könnte man dann wenigstens wirklich kommentieren, zustimmend („You made my day, Alter Bolschewik!“) oder ablehnend („Ich werde Sie nie mehr lesen!“). Aber so? Begreifen Sie nicht, daß es beim Bloggen nicht um Recherche, sondern um Polarisierung geht? Nur ein Blog, das zwischen Freund und Feind einen klaren Trennungsstrich zieht, wird erfolgreich sein. Nehmen Sie sich doch die „Achse des Guten“ oder „Politically Incorrect“ zum Vorbild – das sind politische Blogs, wo die Luzi abgeht. Schreiben Sie sich hinter die Löffel: Es geht beim politischen Bloggen nicht um Erkenntnis, sondern darum, das längst ad nauseam Gesagte so zu formulieren, daß ein neuer Aufreger daraus wird.

Aber was machen Sie? Nehmen wir nur mal eines der wenigen Beispiele, wo Sie im vergangenen Jahr tatsächlich ein Thema aufgegriffen haben, das die „Netzgemeinde“ bewegt hat, den skandalösen Prozeß gegen die drei Mitglieder der Band Pussy Riot. Statt gehörig zu polarisieren rekonstruieren Sie oberlehrerhaft eine Tradition politisch-künstlerischen Protestes in Kirchen, die fast hundert Jahre zurückreicht. Wer will so etwas denn wissen? Es geht um das Hier und Jetzt, um Aktualität. „Echtzeit“ – haben Sie davon überhaupt schon einmal gehört? Wen interessieren denn Internetdebatten von vor zwei Wochen noch? Und da kommen Sie mit Geschichten, die mehr als vierzig Jahre zurückliegen!

Was soll ich dazu sagen? Ich weiß, diese Vorwürfe sind nur allzu berechtigt. Und ein paar kommen noch dazu: Die Texte sind zu lang. Wer hat denn Zeit, einem Gedankengang über mehrere Seiten hinweg zu folgen. Und dann auch noch in Fortsetzungen: Elf (!) Folgen von April bis Juli über Henri Lefebvre. Und Marcuse ist jetzt schon vierzehn Folgen lang Thema, ohne daß ein Ende abzusehen wäre. Es kann doch nicht Sinn und Zweck eines Blogs sein, daß hier ellenlange Abhandlungen in Fortsetzungen veröffentlicht werden. Kein Wunder, daß die Leserinnen in Scharen (ok, zugegeben, es waren nie Scharen) davonlaufen! Selbst wenn es nur um ein kleines Heftchen wie die Broschüre über das Elend im Studentenmilieu geht, muß man das fünf Folgen lang ertragen.

Dabei fallen mir diese Textmassen noch nicht einmal besonders leicht. Ich bin ein langsamer und umständlicher Schreiber. Allein an der Abfassung einer einzigen Folge sitze ich rund vier Stunden – reines Schreiben, wohlgemerkt, die Lektüre noch gar nicht mit eingerechnet. Andere schicken schnell über Twitter 140 Zeichen raus und haben 40.000 Follower, während dieses Blog an manchen Tagen gerade einmal 13 Zugriffe hat, wovon die meisten dann noch auf irgendwelche jahrealten Einträge gehen, die überhaupt nicht von mir sind.

Kurz und gut: Als Blogger bin ich ein Versager. Ich müßte kurz, witzig, aktuell und subjektiv schreiben, dann hätte ich vielleicht eine Chance auf dem Markt der Aufmerksamkeit. Aber so, wie das hier abläuft, wird das nie etwas.

Doch um ganz ehrlich zu sein: Mich juckt das nicht besonders. Nicht, daß ich nicht gerne viele Leserinnen und Leser hätte, stolz darauf wäre, wenn meine Kommentarsektion von lebhaften Debatten nur so überquellen würde. Ich freue mich ehrlich über jede und jeden, die oder der hier vorbeischaut und sich gut unterhalten oder zumindest informiert fühlt. Aber daraufhin lege ich meine Texte nicht aus.

Mein Ziel ist ehrgeiziger: Zu verstehen, was die antiautoritäre Revolte der 60er Jahre war. Nicht, was sie sich einbildete, zu sein, sondern was sie tatsächlich war:

„So wenig man das, was ein Individuum ist, nach dem beurteilt, was es sich selbst dünkt, ebenso wenig kann man eine solche Umwälzungsepoche aus ihrem Bewusstsein beurteilen, sondern muss vielmehr dies Bewusstsein aus den Widersprüchen des materiellen Lebens, aus dem vorhandenen Konflikt zwischen gesellschaftlichen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen erklären.“ ([3], S. 9)

Was nicht heißt, wie das vulgärmarxistisch oft genug gedeutet wurde, daß man ignorieren könnte, was die Menschen in einer solchen Umwälzungsepoche gedacht haben. Das Bewußtsein ist keine vernachlässigbare Instanz, sie ist dem menschlichen Handeln wesentlich. Gesellschaftsverändernde Praxis läßt sich nicht unvermittelt auf die Widersprüche zwischen den Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen zurückführen. Diese Widersprüche müssen, um menschliches Handeln zu bestimmen zu können, ins Bewußtsein treten. Nur treten sie eben nicht als das, was sie sind, ins Bewußtsein; nicht als bloßer Reflex. Erfahrung ist nie unmittelbar, sondern immer vermittelt. Vermittelt durch vorhergehende Erfahrungen, aber vor allem durch vorgängige Diskurse, die es überhaupt erst erlauben, Erfahrungen zu machen. Das Neue kann nie als unvermittelt Neues gedacht werden, sondern zunächst immer nur im Lichte des Alten. Deshalb ist es der Erfahrung des Neuen immanent, daß die Sachverhalte selbst verkannt werden: „Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden.“ ([2], S. 115) Erst allmählich sickert das Neue in die bestehenden Diskurse ein, transformiert diese und macht das Neue als Neues für das Denken transparent. Gehandelt wird immer unter falschen Voraussetungen.

Und so wissen bis heute nicht, was die antiautoritäre Revolte der 60er Jahre wirklich war. Wir interpretieren sie – zumindest wenn wir sie politisch ernst nehmen und nicht als popkulturelles Oberflächen-Phänomen abtun – immer noch weitgehend in der Tradition der Arbeiterbewegung. Damit wird aber das eigentlich Neue an dieser Revolte verfehlt. Zumindest ist das meine persönliche Überzeugung. Und deshalb versuche ich hier, die historischen Erfahrungen dieser Epoche und die Diskurse, die sie begleitet haben, in ihrer gegenseitigen Durchdringung zu rekonstruieren. Denn wie wollen wir die Umwälzungen unserer Zeit richtig mißverstehen, wenn wir noch nicht einmal die Mißverständnisse der vergangenen Epoche begriffen haben? Deshalb schreibe ich dieses Blog, auf meine langsame und umständliche Art, als eine große Materialsammlung, die ich hoffentlich in den nächsten Jahren zu einem mehr oder minder kohärenten Ganzen zusammenführen kann. Als Blog mag das nicht allzuviel taugen, aber mir macht es Spaß, und den wenigen Leserinnen und Lesern hoffentlich auch.

Und so danke ich meinen Leserinnen und Lesern für ihre Aufmerksamkeit und hoffe, daß Sie mir auch im nächsten Jahr gewogen bleiben.

Und nächste Woche ist wieder Schluß mit lustig, es geht weiter mit Marcuse. Freuen Sie sich also darauf, daß er schreibt:

„Das Lustprinzip muß durch das »Realitätsprinzip« ersetzt werden, wenn die Menschengesellschaft von der Tierstufe zur Stufe des Menschenwesens fortschreiten soll.“ ([1], S. 430)

Nachweise

[1] Marcuse, H.: „Die Idee des Fortschritts im Lichte der Psychoanalyse“, in: Adorno, T. W. & Dirks, W. (Hg.), Freud in der Gegenwart, Frankfurt a.M. 1957, S. 425 – 441.

[2] Marx, K.: „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, in: Marx, K. & Engels, F., Werke Bd. 8, Berlin 1956ff, S. 111 – 207.

[3] Marx, K.: „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“, in: Marx, K. & Engels, F., Werke Bd. 13, Berlin 1956ff, S. 3 – 160.

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Written by alterbolschewik

28. Dezember 2012 at 16:11

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

Sowjet-Marxismus

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„Die Entwicklung der sozialistischen Produktion vermehrte weiterhin das materielle und technische Potential, während sie das menschliche Potential unterdrückte.“

Herbert Marcuse, Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus

Die frühen 50er Jahre waren für Marcuse eine – mit Verlaub – beschissene Zeit. Seine Frau Sophie, mit der er seit 1924 verheiratet war, erkrankte unheilbar an Krebs. Die Spannungen im State Department, die sich zwischen den wenigen verbliebenen Linken wie Marcuse und dem antikommunistischen Mainstream aufbauten, wurden immer ausgeprägter. Versuche, in Deutschland eine wissenschaftliche Stelle zu bekommen, scheiterten. 1950 ließ er sich beurlauben, um einen Lehrauftrag an der Washington School of Psychiatry anzunehmen (die Vorlesungen, die er damals hielt, sollten die Basis für Eros and Civilization bilden, das 1955 erschien). Am 8. Februar 1951 starb Sophie Marcuse.

Nach ihrem Tod verließ Marcuse endgültig das State Department. 1952/53 war er Senior Fellow am Russian Institute an der Columbia Universität, das von seinem ehemaligen OSS-Kollegen Geroid T. Robinson gegründet worden war. 1954/55 wechselte er an das Russian Research Center nach Harvard, das vom ehemaligen Chef der Forschungs- und Analysesektion des OSS, William L. Langer geleitet wurde. Resultat dieser Forschungsarbeiten war sein Buch über Die Gesellschaftslehere des sowjetischen Marxismus ([1]). Erst 1955 erhielt er dann endlich einen Ruf an die Brandeis University in der Nähe von Boston.

Anders als Eros and Civilization ist das Sowjet-Marxismus-Buch eher der Notwendigkeit des Broterwerbs geschuldet als dem dringenden Bedürfnis, fundamentale theoretische Fragen zu klären. Dennoch ist das Buch keineswegs lustlos hingeschlampt. Denn es stellt die für jeden Marxisten ganz entscheidende Frage, was denn eigentlich in der Sowjetunion schief gelaufen ist. Und zwar unter der Prämisse, daß die emanzipatorischen Ziele der Oktoberrevolution keineswegs nur ein ideologischer Deckmantel waren, unter dem sich eine machtbesessenen Clique um Lenin an die Macht putschte.

Wie andere Autoren auch, die nicht an die Perfidie einer kleinen Gruppe von Verschwörern glaubten, sondern von der Wirksamkeit historischer Notwendigkeiten überzeugt waren, erklärte Marcuse die Deformation und schließlich Pervertierung des Sozialismus in der UdSSR durch die Notwendigkeit, den Sozialismus in einem Land aufzubauen. Und dies nicht nur in einem Land, sondern zudem in einem Land, das weitgehend agrarisch geprägt war und wo die Industrialisierung noch in den Kinderschuhen steckte. Um das Land, nachdem eine Revolution in den kapitalistischen Zentren ausgeblieben war, am eigenen Schopf aus dem Schlamassel zu ziehen, war eine forcierte Steigerung der Produktivität notwendig, und diese konnte nur mit Gewalt durchgesetzt werden. Soweit bewegte sich Marcuse mit seiner Interpretation der Sowjethistorie im üblichen Rahmen marxistischer Deutungsversuche für das Geschehen in der Sowjetunion.

Als Marxist kritisiert Marcuse nicht den Versuch der Produktivkraftentwicklung als solcher – wo die Mittel zur Befriedigung elementarer Bedürfnisse fehlen, ist schlecht gegen ökonomisches Wachstum zu argumentieren. Interessanterweise ignoriert er aber völlig die üblichen Kritikpunkte am Stalinismus. Völlig beiseite gelassen wird von ihm die Stalinismuskritik trotzkistischer Provenienz, daß die Produktivkraftentwicklung von einer kleinen Kaste von Bürokraten zur Verwirklichung partikularer Zwecke monopolisiert wurde. Aber auch die andere gängig Kritik, die der exzessiven Gewalt, die die forcierte Industrialisierung begleitet hat, taucht praktisch nicht auf. Der stalinistische Terror ist für Marcuse kein Thema.

Letzteres ist wahrscheinlich der Grund für die leider nur angedeutete Kritik Žižeks an Marcuses Sowjet-Marxismus Buch, die ich bereits letzte Woche angeführt habe ([2]). Die perverse Triebdynamik totalitärer Herrschaft, deren Analyse bei Žižek immer wieder einmal angerissen wird, meines Wissens nach aber nie zusammenhängend ausgeführt wurde (von systematisch will ich bei Žižek gar nicht reden), fehlt bei Marcuse völlig. Tatsächlich ist mir ziemlich unklar, wie Marcuse den stalinistischen Terror überhaupt einschätzte. Er scheint ihm jedenfalls keine zentrale Bedeutung für das Verständnis des Sowjetmarxismus beigemessen zu haben. Möglich ist, daß er den Terror fünf Jahre nach Stalins Tod als eine überwundene und abgeschlossene Phase der sowjetischen Entwicklung angesehen hat.

Die einzig andere mögliche Erklärung für diese Auslassung ist meines Erachtens ein Methodenproblem. Möglicherweise ist Marcuses Ansatz einer strikt immanente Kritik für diesen blinden Fleck verantwortlich. Indem er in seinem Buch die Sowjet-Ideologie ernst nimmt und anhand ihrer inneren Widersprüche seine Kritik entfaltet, gerät der konkrete Terror außerhalb seines Blickwinkels. Der Terror ist tatsächlich nicht innerhalb sowjetmarxistischen Diskurses zu greifen, sondern begleitet diesen als ein düsterer Schatten, der aber innerhalb der Ideologie selbst bestenfalls durch seine Abwesenheit den Diskurs strukturiert. Am nächsten kommt Marcuse diesem Phänomen noch dort, wo er die stereotypen Verlautbarungen der Sowjetideologie charakterisiert:

„Die ritualisierte Sprache hält am ursprünglichen Inhalt der Marxschen Theorie als an einer Wahrheit fest, die gegen allen Beweis des Gegenteils geglaubt und verordnet werden muß: die Menschen müssen handeln, fühlen und denken, als ob ihr Staat die Wirklichkeit jener von der Ideologie proklamierten Vernunft, Freiheit und Gerechtigkeit wäre, und das Ritual soll ein solches Verhalten gewährleisten.“ ([1], S. 96)

Die Vermutung liegt nahe, daß ein Begreifen des stalinistischen Terrors an diesem Zwang, das offenkundig Unwahre glauben zu müssen, anzusetzen hätte. Doch diesen Weg beschritt Marcuse nicht; seine Kritik blieb immanent (was ein nicht unbedingt vorteilhaftes Licht auf die Methode der immanenten Kritik selbst wirft).

Wie dem auch immer sei: Marcuses Kritik machte sich nicht an den 30er Jahren, am stalinistischen Terror fest. Die Sowjetunion, die er kritisierte, ist diejenige der nachstalinschen Ära, als es so scheinen mochte, als ob der Osten in Sachen Produktivkraftentwicklung mit dem Westen tendenziell gleichziehen könnte, ja, die Chance bestand, daß die Kommandowirtschaft im Osten sich dem Westen zumindest ökonomisch als überlegen erweisen würde. Doch selbst wenn dem so wäre, so ist Marcuses Argumentation, selbst wenn die Sowjetunion sich als das ökonomisch erfolgreichere System herausstellen würde, wäre dies eine zutiefst problematische Entwicklung. Dazu müssen wir allerdings die Argumentationsebene wechseln.

Beschäftigte sich der erste Teil von Marcuses Buch weitgehend mit den Widersprüchen, die der Aufbau des Sozialismus in einem einzelnen und zudem noch ökonomisch rückständigen Land mit sich brachte, konzentriert sich der zweite Teil auf die kommunistische Ethik und Moral. Wie wirken die gesellschaftlichen Entwicklungen auf diejenigen ein, denen sie ja dienen sollen, nämlich auf die Individuen?

Marcuses Kritik richtete sich im zweiten Teil seines Buches auf die Rolle des Individuums, wie sie im Rahmen des Sowjetideologie definiert wird. Die „naturwüchsige“ kapitalistische Entwicklung, wie sie im Westen stattgefunden hatte, benötigte zu ihrer Entfaltung noch das eigenständige – und eigensinnige – Individuum. Dieses Individuum, um das es Marcuse im innersten Kern seiner Theorie geht, ist aber bedroht durch die Veränderungen der kapitalistischen Produktionsverhältnisse selbst. In dem Maße, in dem der Kapitalismus in sein staatsmonopolistisches Stadium eintritt, in dem Maße wird auch das eigenverantwortliche Individuum obsolet. Die eigentliche Perversion des Sowjetmarxismus ist nun für Marcuse, daß mit der forcierten Industrialisierung eine kollektivistische Moral und Ethik gepredigt wird, die dem eigentlichen kommunistischen Ziel diametral entgegengesetzt ist. Denn es sollte ja im Kommunismus gerade nicht darum gehen, das Individuum im Allgemeinen aufgehen zu lassen – das besorgt der Kapitalismus von ganz alleine; sondern es sollte darum gehen, jedem Individuum den Raum und die Mittel zur Verfügung zu stellen, in dem sich alle seine Kräfte und Fähigkeiten entwickeln können. Und zwar sollte diese Entfaltung nicht wieder im Dienste eines höheren, allgemeinen Zwecks vonstatten gehen, vielmehr sollte es sich um das freie Spiel der menschlichen Wesenskräfte handeln.

Doch statt die Emanzipation des Individuums zu fördern wird im Rahmen des Sowjetideologie bis in die intimsten Bereiche des individuellen Lebens eingegriffen. Marcuse belegt, daß innerhalb der offiziellen sowjetischen Ideologie

„Liebe, Verantwortung, Familienmoral und selbst Glück Pflichten gegenüber dem Staate sind. […] Liebe soll eher zu einer Notwendigkeit als zum Reflex der Freiheit im Reich der Notwendigkeit werden.“ ([1], S. 226f)

Und genau dies ist die Scharnierstelle, die Marcuses Kritik des Sowjetmarxismus mit den zivilisationskritischen Thesen aus Eros and Civilization verbindet. Doch damit werden wir uns dann im neuen Jahr beschäftigen.

Nächste Woche wird es einen Jahresrückblick geben. Freuen Sie sich also darauf, daß der Alte Bolschewik gesteht:

„Ich weiß, daß ich ein miserabler Blogger bin.“

Nachweise

[1] Marcuse, H.: „Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus“, in: Marcuse, H., Gesammelte Schriften Bd. 6, Springe 2004.

[2] Rasmussen, E. D. & Žižek, S.: „Liberation Hurts: An Interview with Slavoj Žižek“, URL: http://www.electronicbookreview.com/thread/endconstruction/desublimation, abgerufen am 14. Dezember 2012.

Written by alterbolschewik

21. Dezember 2012 at 16:43

Veröffentlicht in Herbert Marcuse

Ein kalter Krieger?

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„Und wenn der Ernst Bloch »hypothetisch« nicht mehr zwischen Lübke und mir unterscheiden kann, ist das wohl nur der Senilität zuzuschreiben.“

Herbert Marcuse in einem Brief an Ernst Fischer, 1. August 1969

In den letzten beiden Wochen wurde erklärt, warum Marcuse im Dienste des US-amerikanischen State Departments zwischen 1943 und 1947 als politischer Analyst arbeitete. Seine Aufgabe bestand darin, Nazi-Deutschland zu studieren und um daraus Schlüsse für die Entnazifizierung zu ziehen. Doch 1947 traten die USA mit der Truman-Doktrin in Kalten Krieg ein. Wäre es da nicht Zeit gewesen, endgültig den Hut zu nehmen?

Zumindest Ernst Bloch war dieser Meinung, als er an die Zeit schrieb:

„Ernst Fischer und ich sind darin einig, dass Marcuse möglicherweise aus mangelndem Ueberblick und Einblick in eine völlig veränderte Situation sich immer noch im Kampf gegen Fascismus wähnte und für die internationale Aufklärung und Demokratisierung Deutschlands einstand, als diese löblichen Bestrebungen nach dem »Fulton speech« Churchills völlig ihren Sinn umkehrten und amerikanische Phraseologie für den Kalten Krieg wurden!“ ([1])

Fischer selbst schrieb:

„Von der moralischen und politischen Integrität Herbert Marcuses überzeugt, habe ich im Privatgespräch erwogen, ob es nicht möglich sei, dass er den Augenblick nicht erkannte, da eine gegen Hitler-Deutschland gerichtete Tätigkeit in den Kalten Krieg umschlug.“ ([2])

Und in einem persönlichen Brief an Marcuse schlug er vor:

„Ich will Ihnen nichts suggerieren – aber wäre es nicht doch zweckmäßig, eine Erklärung abzugeben, ungefähr: ich habe selbstverständlich diese und diese Arbeit im Kampfe gegen Hitler-Deutschland geleistet und möglicherweise den Augenblick versäumt, mich auf meine rein wissenschaftliche Arbeit zurückzuziehen.“ ([6], S. 196)

Auf dieses Ansinnen reagierte Marcuse zurecht stinksauer:

„Meine Tätigkeit bestand in der wirklich unbeirrbaren Anstrengung, immer wieder auf die globalen Folgen der Truman-Acheson Politik hinzuweisen, gegen die Remilitarisierung Deutschlands, die Renazifizierung, gegen den blinden Antikommunismus vorstellig zu werden. Nur eine völlige Unkenntnis der damaligen amerikanischen Verhältnisse kann zu der Ansicht verleiten, daß eine solche Arbeit damals im State Department nicht möglich war, folglich meine Tätigkeit mit der Unterstützung der offiziellen Politik zu identifizieren.“ ([6], S. 196)

Tatsächlich hätte ein Blick in Marcuses 1958 erschienene Schrift über Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus jeden darüber belehren können, daß Marcuse wirklich nichts von einem kalten Krieger an sich hatte. Im Vorwort zur zweiten Auflage zitiert er genüßlich die Angriffe sowohl von sowjetischer wie von westlicher Seite, die ihn jeweils als einen Apologeten des anderen Systems schmähten, um dann festzustellen:

„Ich sehe in diesen Widersprüchen den Hinweis darauf, daß ich bei dem Versuch, mich von der Propaganda des Kalten Krieges freizumachen und eine relativ objektive Analyse zu bieten, die auf einer begründeten Interpretation historischer Entwicklungen beruht, einigen Erfolg hatte.“ ([4], S. 11)

In der Tat war diese immanente Kritik der Sowjet-Ideologie die Frucht von Marcuses Forschungen ab 1947: Zunächst innerhalb des State Departments, dann ab 1952 am Russian Institute der Columbia University und schließlich 1954/55 am Russian Research Center der Harvard University. Insofern hatten die absurden Anschuldigungen von L. L. Matthias einen kleinen Kern von historischer Wahrheit: Ab 1947 arbeitete Marcuse intensiv an einer Kritik des Sowjet-Marxismus. Doch diese Kritik hatte überhaupt nichts mit der Kommunismus-Hysterie des Kalten Krieges zu tun, ganz im Gegenteil.

Die Fragestellung, von der Marcuse ausging, war nicht die des Kalten Krieges. Deren ideologische Formulierung, die die us-amerikanischen Hegemonieansprüche kaschieren sollte, lautete nämlich: Wie kann die „Freiheit des Westens“ gegen den „Totalitarismus“ des Ostens geschützt werden? Marcuses Ausgangspunkt war ein ganz anderer: Welche Rolle kann die Sowjetunion dabei spielen, eine Faschisierung des Westens aufzuhalten? Zumindest war das die Frage in einem Thesenpapier, das Marcuse im Jahr 1947 an Max Horkheimer schickte. Und man kann gleich sagen, daß Marcuse in dieser Hinsicht nichts von der Sowjetunion und den von dieser abhängigen kommunistischen Parteien erwartete:

„Die kommunistischen Parteien sind (heute) nicht revolutionswillig und insofern nicht revolutionsfähig, aber sie sind die einzige anti-kapitalistische Klassenorganisation des Proletariats und insofern die (heute) einzige mögliche Basis der Revolution. Sie sind aber auch gleichzeitig die Werkzeuge der sowjetischen Politik und als solche (heute) revolutionsfeindlich.“ ([5], S. 127)

Ganz im Gegensatz zu den Kalten Kriegern der CIA sah Marcuse das Problem der Sowjetunion gerade nicht darin, daß diese die Revolution vorbereiten würde, sondern daß sie das gerade nicht tat. Im Gegensatz zur Paranoia der McCarthy-Zeit, die überall kommunistische Verschwörungen zum Umsturz der bestehenden Ordnung witterte, sah Marcuse sehr klar (und mit Bedauern), daß aus dieser Ecke keine revolutionäre Veränderung drohte. Genau dies (ohne das Bedauern) schrieb er auch 1949 in seinem Bericht Potentials of World Communism für das State Department. Darin heißt es etwa für die West-Zonen Deutschlands:

„Als heimische gesellschaftliche Kraft ist der Kommunismus in der West-Zone des besetzen Deutschlands in einem derartigen Grad zerfallen, daß er als reale Macht mit Unterstützung durch die Bevölkerung ohne jede Bedeutung ist.“ (zit. nach [3], S. 133)

Er warnt vielmehr im Gegenteil:

„Es scheint wahrscheinlich, daß in einer neuerlichen ökonomischen Krise die verarmten und deklassierten Schichten der Bevölkerung erneut lieber einer neo-faschistischen als einer kommunistischen Bewegung folgen würden.“ (zit. nach [3], S. 133f)

Marcuses Kritik an der Sowjetunion war also immer eine Kritik von links, auch während seiner Zeit im State Department. Und genau dies machte ihn ja für die Neue Linke so attraktiv: Hier war jemand, der das ideologische Patt des Kalten Krieges aufzubrechen in der Lage war. Schon 1947 schrieb er, es sei notwendig,

„rücksichtslos und ohne jede Maskierung gegen beide Systeme Stellung zu nehmen, die orthodox marxistische Lehre beiden gegenüber ohne Kompromiß zu vertreten.“ ([5], S. 127)

Insofern ist es etwas überheblich von Slavoj Žižek zu behaupten, die Kritische Theorie hätte sich nicht mit dem Stalinismus auseinandergesetzt. Marcuses Buch über den Sowjetmarxismus läßt sich nicht einfach vom Tisch wischen, indem man ohne weitere Begründung behauptet, es sei „völlig leidenschaftslos und sehr seltsam“ ([7]).

Wir werden uns deshalb nächste Woche Marcuses Kritik des Stalinismus etwas genauer anschauen. Freuen Sie sich also darauf, wenn Marcuse von der Voraussetzung ausgeht,

„daß der Sowjetmarxismus (d.h. Leninismus, Stalinismus und nachstalinistische Tendenzen) keine bloße Ideologie ist, die vom Kreml propagiert wird, um seine Politik zu rationalisieren und zu rechtfertigen, sondern daß er in verschiedenen Formen die Realitäten der sowjetischen Entwicklungen ausdrückt.“ ([4], S. 23)

Nachweise

[1] Bloch, E.: „Leserbrief an die Zeit 32/1969“, in: Peter-Erwin Jansen und Redaktion »Perspektiven« (Hg.), Zwischen Hoffnung und Notwendigkeit, Frankfurt a.M. 1999, S. 56.

[2] Fischer, E.: „Leserbrief an die Zeit 32/1969“, in: Peter-Erwin Jansen und Redaktion »Perspektiven« (Hg.), Zwischen Hoffnung und Notwendigkeit, Frankfurt a.M. 1999, S. 56.

[3] Katz, B., Herbert Marcuse and the Art of Liberation, London 1982.

[4] Marcuse, H.: „Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus“, in: Marcuse, H., Gesammelte Schriften Bd. 6, Springe 2004.

[5] Marcuse, H.: „33 Thesen“, in: Marcuse, H., Nachgelassene Schriften Bd. 5, Springe 1999ff, S. 126 – 139.

[6] Marcuse, H. & Dutschke, R.: „Briefwechsel“, in: Marcuse, H., Nachgelassene Schriften Bd. 4, Springe 1999ff, S. 185 – 253.

[7] Rasmussen, E. D. & Žižek, S.: „Liberation Hurts: An Interview with Slavoj Žižek“, URL: http://www.electronicbookreview.com/thread/endconstruction/desublimation, abgerufen am 14. Dezember 2012.

Written by alterbolschewik

14. Dezember 2012 at 12:49

Veröffentlicht in Herbert Marcuse

Als OSS-Analytiker gegen die Nazis

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„Wer Herbert Marcuse als »Agent des CIA« oder »Agent der Bourgeoisie« bezeichnet und dadurch mundtot zu machen versucht, hat den Boden verlassen, auf dem die Neue Linke politisch arbeitet.“

Rudi Dutschke und andere in einem Leserbrief an den Spiegel (1969)

Der Pravda-Artikel, den Jurij Shukow im Mai 1968 gegen Marcuse veröffentlichte, gab die offizielle Marschrichtung vor, die die moskautreue alte Linke künftig einschlagen würde: „Objektiv“ sei Marcuse ein Gegner des Kommunismus, da er mit seinen Theorien Verwirrung in die Reihen der anti-kapitalistischen Bewegungen trüge. Und weil er „objektiv“ ein Klassenfeind sei, mußte er das auch „subjektiv“ sein, so die Logik der stalinistischen Paranoia: Erklärlich sei sein „konterrevolutionäres“ Verhalten nur dadurch, daß er als Agent im Auftrag finsterer Mächte arbeite, im Auftrag des amerikanischen Imperialismus und im Dienste der CIA.

Was Shukow nur andeutete, wurde dann im Jahr darauf explizit formuliert. Im Bulletin des Fränkischen Kreises erschien ein Artikel über Marcuses Arbeit im US-amerikanischen State Department, den ein gewisser Prof. Dr. L. L. Matthias verantwortete. Der Herausgeber des Blättchens, der „Fränkische Kreis“, bezeichnete sich selbst als eine „freie Vereinigung von Angehörigen geistiger Berufe in der Bundesrepublik“, wobei es mit der „Freiheit“ nicht so ganz weit her war. Es handelte sich dabei de facto um eine der vielen Tarnorganisationen, die die KPD nach ihrem Verbot von 1956 gegründet hatte.

Der Artikel strotzte vor Halbwahrheiten, Unterstellungen und Lügen. Dabei beginnt die Darstellung zunächst völlig korrekt:

„Marcuse […] war während des Krieges Mitglied des Office of Strategic Services (OSS), einer Organisation, deren Aufgaben ursprünglich nur darin bestand, militärische und politische Daten über Hitler-Deutschland und seine Verbündeten zu beschaffen.“ (zit. nach [5] , S. 10)

Auf diese zutreffende Feststellung folgte dann aber eine glatte Lüge:

„Diesen Charakter verlor die OSS jedoch 1943, denn in diesem Jahr wurde die Tätigkeit dieser Organisation auf die Spionage in der Sowjetunion – mit oder ohne Wissen Roosevelts – ausgedehnt. Einer der führenden Kremlinologen jener Jahre war Herbert Marcuse.“ (zit. nach [5], S. 10)

Während seiner Zeit im OSS von 1943 bis 1945 hat Marcuse nie über die Sowjetunion gearbeitet; sein Themengebiet war ausschließlich Deutschland:

„Sein Augenmerk galt den Auswirkungen der Nazi-Ideologie in der Kunst, der Sexualität und der Arbeitswelt. […] Die Abteilung Europa und die Sektion Deutschland fertigte also Dossiers über politische und ideologische Zusammenhänge an und leitete sie an die geeigneten Stellen in der amerikanischen Politik und im Militär weiter. Während der Kriegsjahre änderte sich an dieser Aufgabenstellung kaum etwas.“ ([2], S. 46f)

Falls sich Marcuse zu dieser Zeit also mit der Sowjetunion und den von dieser abhängigen kommunistischen Parteien beschäftigte, dann höchstens in der Hinsicht, wie sie bei einem Wiederaufbau eines entnazifizierten Deutschlands von Nutzen sein konnten.

Matthias gibt auch zu, daß die Tätigkeit Marcuses während des Krieges durchaus nachvollziehbar gewesen sei, doch warum sei er, nach der deutschen Kapitulation, weiterhin im Staatsdienst geblieben? Vor allem, als nach dem Tod des eher linken Roosevelt der kalte Krieger Truman ans Ruder kam?

Die Antwort ist sehr einfach. Mit der Kapitulation Deutschlands war die Aufgabe, die sich Marcuse und seine Mitstreiter gesetzt hatten, keineswegs erledigt, sondern sie fing ja erst an: Wiederaufbau eines demokratischen Deutschlands unter Ausschaltung derjenigen, die den Nationalsozialismus getragen oder unterstützt hatten.

„Es gab da ein großes Entnazifizierungsprogramm. Es wurden Listen aufgestellt, basierend auf exakter Forschung, Berichten und Lektüre der Presse und was immer sonst noch, von denen, die als Nazis nach dem Kriege zur Verantwortung gezogen werden sollten.“ ([3], S. 21)

Doch die Vorstellung, hier tatsächlich in einem antifaschistischen Sinn eingreifen zu können, erwies sich als trügerisch, wie Marcuse später resigniert feststellen mußte:

„Diejenigen, die wir z.B. als »ökonomische Kriegsverbrecher« an der ersten Stelle der Liste hatten, waren sehr bald wieder in den entscheidenden verantwortlichen Positionen der deutschen Wirtschaft wiederzufinden. Hier Namen zu nennen, ist sehr leicht.“ ([3],S. 21)

Matthias hingegen spinnt über Marcuses Aufgaben in der unmittelbaren Nachkriegszeit eine Räuberpistole zusammen, die es schon aufgrund ihrer Absurdität wert ist, ausführlich zitiert zu werden:

„Marcuse, der sich bereits in der OSS als Experte für kommunistische, insbesondere sowjetische Fragen legitimiert hatte, wurde nach Frankfurt am Main geschickt, um dort die Zentrale für die gesamte Spionagetätigkeit der Vereinigten Staaten in Westeuropa aufzubauen. Sein Titel lautete damals: Chief of the Central European Branch of the Office of Intelligence Research of the United States Department of State.“ (zit. nach [5], S. 10f)

In dieser Funktion sei er bei der Gründung der CIA 1947 von dieser übernommen worden und bis 1951 in Frankfurt geblieben. Das Ganze ist offensichtlich blühender Unsinn. Marcuse war in den Jahren, in denen er für das State Department gearbeitet hat (mit der CIA hatte er nie etwas zu tun), gerade einmal zweieinhalb Monate in Europa, nämlich von Mitte April bis Ende Juni 1947 ([1], S. 844, auch [2], S. 50). Und statt in dieser Zeit die CIA-Zentrale in Frankfurt aufzubauen fuhr er lieber nach Todtnauberg, um seinen alten Lehrer Heidegger mit dessen Engagement für die Nazis zu konfrontieren (dazu in einer späteren Folge dieses Blogs mehr). Und Chef der zentraleuropäischen Sektion war er zu diesem Zeitpunkt auch nicht, das war immer noch Stuart H. Hughes. Erst als dieser Ende 1947 den Bettel hinschmiß, weil die Arbeit der Sektion immer mehr von antikommunistischen Manövern im State Department behindert wurde, rückte Marcuse auf diesen Posten nach.

Matthias behauptet weiter, Marcuse hätte in Europa mit Frank Wisner zusammengearbeitet, einem durchgeknallten Antikommunisten, der später eine führende Rolle in der CIA spielen sollte:

„Marcuse war der Verbindungsmann zwischen diesem Wisner und Reinhard Gehlen, jenem ehemaligen Chef des Nazi-Geheimdienstes, der nach 1945 die Fronten wechselte und seine Tätigkeit in den Dienst der Vereinigten Staaten stellte.“ (zit. nach [5], S. 11)

Das kann, von der allgemeinen Unwahrscheinlichkeit des Ganzen einmal abgesehen, schon rein chronologisch nicht stimmen. Als Wisner Kontakt mit Gehlen aufnahm, nämlich im März 1945, war Marcuse, wie bereits erwähnt, noch in Washington. 1947 hingegen, als Marcuse tatsächlich in Deutschland war, saß Gehlen bereits wieder fest im Sattel. Zwischen Wisner und Marcuse gab es nur eine einzige Gemeinsamkeit: Sie waren beide Mitglieder des OSS. Das war aber auch schon alles. Wisner war operativer Agent und der südosteuropäischen Sektion zugeordnet, Marcuse war Analyst und gehörte zur zentraleuropäischen Sektion. Wahrscheinlich haben die beiden sich nie im Leben getroffen.

Tatsächlich kann man für das, was Matthias in seinem Artikel betreibt, durchaus ein historisches Analogon finden. Auf diese Art und Weise wurden in den Moskauer Prozessen die „Beweismittel“ zusammengeschustert, mit denen Stalin die Garde der Alten Bolschewiki als „feindliche Agenten“ entlarven und hinrichten ließ. Glaubwürdig waren derart haarsträubende Fabrikationen nur für diejenigen, die das glauben wollten. Man mußte den Kopf schon sehr tief in den Sand gesteckt haben, um das auch nur ansatzweise glaubwürdig zu finden.

Dennoch gab es solche Stimmen. Seien Sie also zurecht schockiert, wenn Ernst Bloch nächste Woche meint:

„Das macht ja einen schlimmen Vergleich mit Lübke möglich.“ ([4])

Nachweise

[1] Horkheimer, M.: „Briefwechsel 1941-1948“, in: Horkheimer, M., Gesammelte Schriften Bd. 17, Frankfurt 1985ff.

[2] Jansen, P.-E.: „Deutsche Emigranten in amerikansichen Regierungsinstitutionen“, in: Peter-Erwin Jansen und Redaktion »Perspektiven« (Hg.), Zwischen Hoffnung und Notwendigkeit, Frankfurt a.M. 1999, S. 39 – 55.

[3] Marcuse, H.; Habermas, J.; Lubasz, H. & Spengler, T.: „Theorie und Politik“, in: Gespräche mit Herbert Marcuse, Frankfurt a.M. 1996, S. 9 – 62.

[4] Neutert, N., „Ent oder weder. Mit Ernst Bloch im Café“, in: Die Zeit, Jg.22 (1969), Nr.30 (25. Juli 1969), S.30.

[5] Berliner Extra-Dienst, 4. Juni 1969: „USA: Schwere Vorwürfe gegen Herbert Marcuse“, S.10 – 11.

Written by alterbolschewik

7. Dezember 2012 at 14:47

Veröffentlicht in Herbert Marcuse