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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Ein kalter Krieger?

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„Und wenn der Ernst Bloch »hypothetisch« nicht mehr zwischen Lübke und mir unterscheiden kann, ist das wohl nur der Senilität zuzuschreiben.“

Herbert Marcuse in einem Brief an Ernst Fischer, 1. August 1969

In den letzten beiden Wochen wurde erklärt, warum Marcuse im Dienste des US-amerikanischen State Departments zwischen 1943 und 1947 als politischer Analyst arbeitete. Seine Aufgabe bestand darin, Nazi-Deutschland zu studieren und um daraus Schlüsse für die Entnazifizierung zu ziehen. Doch 1947 traten die USA mit der Truman-Doktrin in Kalten Krieg ein. Wäre es da nicht Zeit gewesen, endgültig den Hut zu nehmen?

Zumindest Ernst Bloch war dieser Meinung, als er an die Zeit schrieb:

„Ernst Fischer und ich sind darin einig, dass Marcuse möglicherweise aus mangelndem Ueberblick und Einblick in eine völlig veränderte Situation sich immer noch im Kampf gegen Fascismus wähnte und für die internationale Aufklärung und Demokratisierung Deutschlands einstand, als diese löblichen Bestrebungen nach dem »Fulton speech« Churchills völlig ihren Sinn umkehrten und amerikanische Phraseologie für den Kalten Krieg wurden!“ ([1])

Fischer selbst schrieb:

„Von der moralischen und politischen Integrität Herbert Marcuses überzeugt, habe ich im Privatgespräch erwogen, ob es nicht möglich sei, dass er den Augenblick nicht erkannte, da eine gegen Hitler-Deutschland gerichtete Tätigkeit in den Kalten Krieg umschlug.“ ([2])

Und in einem persönlichen Brief an Marcuse schlug er vor:

„Ich will Ihnen nichts suggerieren – aber wäre es nicht doch zweckmäßig, eine Erklärung abzugeben, ungefähr: ich habe selbstverständlich diese und diese Arbeit im Kampfe gegen Hitler-Deutschland geleistet und möglicherweise den Augenblick versäumt, mich auf meine rein wissenschaftliche Arbeit zurückzuziehen.“ ([6], S. 196)

Auf dieses Ansinnen reagierte Marcuse zurecht stinksauer:

„Meine Tätigkeit bestand in der wirklich unbeirrbaren Anstrengung, immer wieder auf die globalen Folgen der Truman-Acheson Politik hinzuweisen, gegen die Remilitarisierung Deutschlands, die Renazifizierung, gegen den blinden Antikommunismus vorstellig zu werden. Nur eine völlige Unkenntnis der damaligen amerikanischen Verhältnisse kann zu der Ansicht verleiten, daß eine solche Arbeit damals im State Department nicht möglich war, folglich meine Tätigkeit mit der Unterstützung der offiziellen Politik zu identifizieren.“ ([6], S. 196)

Tatsächlich hätte ein Blick in Marcuses 1958 erschienene Schrift über Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus jeden darüber belehren können, daß Marcuse wirklich nichts von einem kalten Krieger an sich hatte. Im Vorwort zur zweiten Auflage zitiert er genüßlich die Angriffe sowohl von sowjetischer wie von westlicher Seite, die ihn jeweils als einen Apologeten des anderen Systems schmähten, um dann festzustellen:

„Ich sehe in diesen Widersprüchen den Hinweis darauf, daß ich bei dem Versuch, mich von der Propaganda des Kalten Krieges freizumachen und eine relativ objektive Analyse zu bieten, die auf einer begründeten Interpretation historischer Entwicklungen beruht, einigen Erfolg hatte.“ ([4], S. 11)

In der Tat war diese immanente Kritik der Sowjet-Ideologie die Frucht von Marcuses Forschungen ab 1947: Zunächst innerhalb des State Departments, dann ab 1952 am Russian Institute der Columbia University und schließlich 1954/55 am Russian Research Center der Harvard University. Insofern hatten die absurden Anschuldigungen von L. L. Matthias einen kleinen Kern von historischer Wahrheit: Ab 1947 arbeitete Marcuse intensiv an einer Kritik des Sowjet-Marxismus. Doch diese Kritik hatte überhaupt nichts mit der Kommunismus-Hysterie des Kalten Krieges zu tun, ganz im Gegenteil.

Die Fragestellung, von der Marcuse ausging, war nicht die des Kalten Krieges. Deren ideologische Formulierung, die die us-amerikanischen Hegemonieansprüche kaschieren sollte, lautete nämlich: Wie kann die „Freiheit des Westens“ gegen den „Totalitarismus“ des Ostens geschützt werden? Marcuses Ausgangspunkt war ein ganz anderer: Welche Rolle kann die Sowjetunion dabei spielen, eine Faschisierung des Westens aufzuhalten? Zumindest war das die Frage in einem Thesenpapier, das Marcuse im Jahr 1947 an Max Horkheimer schickte. Und man kann gleich sagen, daß Marcuse in dieser Hinsicht nichts von der Sowjetunion und den von dieser abhängigen kommunistischen Parteien erwartete:

„Die kommunistischen Parteien sind (heute) nicht revolutionswillig und insofern nicht revolutionsfähig, aber sie sind die einzige anti-kapitalistische Klassenorganisation des Proletariats und insofern die (heute) einzige mögliche Basis der Revolution. Sie sind aber auch gleichzeitig die Werkzeuge der sowjetischen Politik und als solche (heute) revolutionsfeindlich.“ ([5], S. 127)

Ganz im Gegensatz zu den Kalten Kriegern der CIA sah Marcuse das Problem der Sowjetunion gerade nicht darin, daß diese die Revolution vorbereiten würde, sondern daß sie das gerade nicht tat. Im Gegensatz zur Paranoia der McCarthy-Zeit, die überall kommunistische Verschwörungen zum Umsturz der bestehenden Ordnung witterte, sah Marcuse sehr klar (und mit Bedauern), daß aus dieser Ecke keine revolutionäre Veränderung drohte. Genau dies (ohne das Bedauern) schrieb er auch 1949 in seinem Bericht Potentials of World Communism für das State Department. Darin heißt es etwa für die West-Zonen Deutschlands:

„Als heimische gesellschaftliche Kraft ist der Kommunismus in der West-Zone des besetzen Deutschlands in einem derartigen Grad zerfallen, daß er als reale Macht mit Unterstützung durch die Bevölkerung ohne jede Bedeutung ist.“ (zit. nach [3], S. 133)

Er warnt vielmehr im Gegenteil:

„Es scheint wahrscheinlich, daß in einer neuerlichen ökonomischen Krise die verarmten und deklassierten Schichten der Bevölkerung erneut lieber einer neo-faschistischen als einer kommunistischen Bewegung folgen würden.“ (zit. nach [3], S. 133f)

Marcuses Kritik an der Sowjetunion war also immer eine Kritik von links, auch während seiner Zeit im State Department. Und genau dies machte ihn ja für die Neue Linke so attraktiv: Hier war jemand, der das ideologische Patt des Kalten Krieges aufzubrechen in der Lage war. Schon 1947 schrieb er, es sei notwendig,

„rücksichtslos und ohne jede Maskierung gegen beide Systeme Stellung zu nehmen, die orthodox marxistische Lehre beiden gegenüber ohne Kompromiß zu vertreten.“ ([5], S. 127)

Insofern ist es etwas überheblich von Slavoj Žižek zu behaupten, die Kritische Theorie hätte sich nicht mit dem Stalinismus auseinandergesetzt. Marcuses Buch über den Sowjetmarxismus läßt sich nicht einfach vom Tisch wischen, indem man ohne weitere Begründung behauptet, es sei „völlig leidenschaftslos und sehr seltsam“ ([7]).

Wir werden uns deshalb nächste Woche Marcuses Kritik des Stalinismus etwas genauer anschauen. Freuen Sie sich also darauf, wenn Marcuse von der Voraussetzung ausgeht,

„daß der Sowjetmarxismus (d.h. Leninismus, Stalinismus und nachstalinistische Tendenzen) keine bloße Ideologie ist, die vom Kreml propagiert wird, um seine Politik zu rationalisieren und zu rechtfertigen, sondern daß er in verschiedenen Formen die Realitäten der sowjetischen Entwicklungen ausdrückt.“ ([4], S. 23)

Nachweise

[1] Bloch, E.: „Leserbrief an die Zeit 32/1969“, in: Peter-Erwin Jansen und Redaktion »Perspektiven« (Hg.), Zwischen Hoffnung und Notwendigkeit, Frankfurt a.M. 1999, S. 56.

[2] Fischer, E.: „Leserbrief an die Zeit 32/1969“, in: Peter-Erwin Jansen und Redaktion »Perspektiven« (Hg.), Zwischen Hoffnung und Notwendigkeit, Frankfurt a.M. 1999, S. 56.

[3] Katz, B., Herbert Marcuse and the Art of Liberation, London 1982.

[4] Marcuse, H.: „Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus“, in: Marcuse, H., Gesammelte Schriften Bd. 6, Springe 2004.

[5] Marcuse, H.: „33 Thesen“, in: Marcuse, H., Nachgelassene Schriften Bd. 5, Springe 1999ff, S. 126 – 139.

[6] Marcuse, H. & Dutschke, R.: „Briefwechsel“, in: Marcuse, H., Nachgelassene Schriften Bd. 4, Springe 1999ff, S. 185 – 253.

[7] Rasmussen, E. D. & Žižek, S.: „Liberation Hurts: An Interview with Slavoj Žižek“, URL: http://www.electronicbookreview.com/thread/endconstruction/desublimation, abgerufen am 14. Dezember 2012.

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Written by alterbolschewik

14. Dezember 2012 um 12:49

Veröffentlicht in Herbert Marcuse

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