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Sowjet-Marxismus

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„Die Entwicklung der sozialistischen Produktion vermehrte weiterhin das materielle und technische Potential, während sie das menschliche Potential unterdrückte.“

Herbert Marcuse, Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus

Die frühen 50er Jahre waren für Marcuse eine – mit Verlaub – beschissene Zeit. Seine Frau Sophie, mit der er seit 1924 verheiratet war, erkrankte unheilbar an Krebs. Die Spannungen im State Department, die sich zwischen den wenigen verbliebenen Linken wie Marcuse und dem antikommunistischen Mainstream aufbauten, wurden immer ausgeprägter. Versuche, in Deutschland eine wissenschaftliche Stelle zu bekommen, scheiterten. 1950 ließ er sich beurlauben, um einen Lehrauftrag an der Washington School of Psychiatry anzunehmen (die Vorlesungen, die er damals hielt, sollten die Basis für Eros and Civilization bilden, das 1955 erschien). Am 8. Februar 1951 starb Sophie Marcuse.

Nach ihrem Tod verließ Marcuse endgültig das State Department. 1952/53 war er Senior Fellow am Russian Institute an der Columbia Universität, das von seinem ehemaligen OSS-Kollegen Geroid T. Robinson gegründet worden war. 1954/55 wechselte er an das Russian Research Center nach Harvard, das vom ehemaligen Chef der Forschungs- und Analysesektion des OSS, William L. Langer geleitet wurde. Resultat dieser Forschungsarbeiten war sein Buch über Die Gesellschaftslehere des sowjetischen Marxismus ([1]). Erst 1955 erhielt er dann endlich einen Ruf an die Brandeis University in der Nähe von Boston.

Anders als Eros and Civilization ist das Sowjet-Marxismus-Buch eher der Notwendigkeit des Broterwerbs geschuldet als dem dringenden Bedürfnis, fundamentale theoretische Fragen zu klären. Dennoch ist das Buch keineswegs lustlos hingeschlampt. Denn es stellt die für jeden Marxisten ganz entscheidende Frage, was denn eigentlich in der Sowjetunion schief gelaufen ist. Und zwar unter der Prämisse, daß die emanzipatorischen Ziele der Oktoberrevolution keineswegs nur ein ideologischer Deckmantel waren, unter dem sich eine machtbesessenen Clique um Lenin an die Macht putschte.

Wie andere Autoren auch, die nicht an die Perfidie einer kleinen Gruppe von Verschwörern glaubten, sondern von der Wirksamkeit historischer Notwendigkeiten überzeugt waren, erklärte Marcuse die Deformation und schließlich Pervertierung des Sozialismus in der UdSSR durch die Notwendigkeit, den Sozialismus in einem Land aufzubauen. Und dies nicht nur in einem Land, sondern zudem in einem Land, das weitgehend agrarisch geprägt war und wo die Industrialisierung noch in den Kinderschuhen steckte. Um das Land, nachdem eine Revolution in den kapitalistischen Zentren ausgeblieben war, am eigenen Schopf aus dem Schlamassel zu ziehen, war eine forcierte Steigerung der Produktivität notwendig, und diese konnte nur mit Gewalt durchgesetzt werden. Soweit bewegte sich Marcuse mit seiner Interpretation der Sowjethistorie im üblichen Rahmen marxistischer Deutungsversuche für das Geschehen in der Sowjetunion.

Als Marxist kritisiert Marcuse nicht den Versuch der Produktivkraftentwicklung als solcher – wo die Mittel zur Befriedigung elementarer Bedürfnisse fehlen, ist schlecht gegen ökonomisches Wachstum zu argumentieren. Interessanterweise ignoriert er aber völlig die üblichen Kritikpunkte am Stalinismus. Völlig beiseite gelassen wird von ihm die Stalinismuskritik trotzkistischer Provenienz, daß die Produktivkraftentwicklung von einer kleinen Kaste von Bürokraten zur Verwirklichung partikularer Zwecke monopolisiert wurde. Aber auch die andere gängig Kritik, die der exzessiven Gewalt, die die forcierte Industrialisierung begleitet hat, taucht praktisch nicht auf. Der stalinistische Terror ist für Marcuse kein Thema.

Letzteres ist wahrscheinlich der Grund für die leider nur angedeutete Kritik Žižeks an Marcuses Sowjet-Marxismus Buch, die ich bereits letzte Woche angeführt habe ([2]). Die perverse Triebdynamik totalitärer Herrschaft, deren Analyse bei Žižek immer wieder einmal angerissen wird, meines Wissens nach aber nie zusammenhängend ausgeführt wurde (von systematisch will ich bei Žižek gar nicht reden), fehlt bei Marcuse völlig. Tatsächlich ist mir ziemlich unklar, wie Marcuse den stalinistischen Terror überhaupt einschätzte. Er scheint ihm jedenfalls keine zentrale Bedeutung für das Verständnis des Sowjetmarxismus beigemessen zu haben. Möglich ist, daß er den Terror fünf Jahre nach Stalins Tod als eine überwundene und abgeschlossene Phase der sowjetischen Entwicklung angesehen hat.

Die einzig andere mögliche Erklärung für diese Auslassung ist meines Erachtens ein Methodenproblem. Möglicherweise ist Marcuses Ansatz einer strikt immanente Kritik für diesen blinden Fleck verantwortlich. Indem er in seinem Buch die Sowjet-Ideologie ernst nimmt und anhand ihrer inneren Widersprüche seine Kritik entfaltet, gerät der konkrete Terror außerhalb seines Blickwinkels. Der Terror ist tatsächlich nicht innerhalb sowjetmarxistischen Diskurses zu greifen, sondern begleitet diesen als ein düsterer Schatten, der aber innerhalb der Ideologie selbst bestenfalls durch seine Abwesenheit den Diskurs strukturiert. Am nächsten kommt Marcuse diesem Phänomen noch dort, wo er die stereotypen Verlautbarungen der Sowjetideologie charakterisiert:

„Die ritualisierte Sprache hält am ursprünglichen Inhalt der Marxschen Theorie als an einer Wahrheit fest, die gegen allen Beweis des Gegenteils geglaubt und verordnet werden muß: die Menschen müssen handeln, fühlen und denken, als ob ihr Staat die Wirklichkeit jener von der Ideologie proklamierten Vernunft, Freiheit und Gerechtigkeit wäre, und das Ritual soll ein solches Verhalten gewährleisten.“ ([1], S. 96)

Die Vermutung liegt nahe, daß ein Begreifen des stalinistischen Terrors an diesem Zwang, das offenkundig Unwahre glauben zu müssen, anzusetzen hätte. Doch diesen Weg beschritt Marcuse nicht; seine Kritik blieb immanent (was ein nicht unbedingt vorteilhaftes Licht auf die Methode der immanenten Kritik selbst wirft).

Wie dem auch immer sei: Marcuses Kritik machte sich nicht an den 30er Jahren, am stalinistischen Terror fest. Die Sowjetunion, die er kritisierte, ist diejenige der nachstalinschen Ära, als es so scheinen mochte, als ob der Osten in Sachen Produktivkraftentwicklung mit dem Westen tendenziell gleichziehen könnte, ja, die Chance bestand, daß die Kommandowirtschaft im Osten sich dem Westen zumindest ökonomisch als überlegen erweisen würde. Doch selbst wenn dem so wäre, so ist Marcuses Argumentation, selbst wenn die Sowjetunion sich als das ökonomisch erfolgreichere System herausstellen würde, wäre dies eine zutiefst problematische Entwicklung. Dazu müssen wir allerdings die Argumentationsebene wechseln.

Beschäftigte sich der erste Teil von Marcuses Buch weitgehend mit den Widersprüchen, die der Aufbau des Sozialismus in einem einzelnen und zudem noch ökonomisch rückständigen Land mit sich brachte, konzentriert sich der zweite Teil auf die kommunistische Ethik und Moral. Wie wirken die gesellschaftlichen Entwicklungen auf diejenigen ein, denen sie ja dienen sollen, nämlich auf die Individuen?

Marcuses Kritik richtete sich im zweiten Teil seines Buches auf die Rolle des Individuums, wie sie im Rahmen des Sowjetideologie definiert wird. Die „naturwüchsige“ kapitalistische Entwicklung, wie sie im Westen stattgefunden hatte, benötigte zu ihrer Entfaltung noch das eigenständige – und eigensinnige – Individuum. Dieses Individuum, um das es Marcuse im innersten Kern seiner Theorie geht, ist aber bedroht durch die Veränderungen der kapitalistischen Produktionsverhältnisse selbst. In dem Maße, in dem der Kapitalismus in sein staatsmonopolistisches Stadium eintritt, in dem Maße wird auch das eigenverantwortliche Individuum obsolet. Die eigentliche Perversion des Sowjetmarxismus ist nun für Marcuse, daß mit der forcierten Industrialisierung eine kollektivistische Moral und Ethik gepredigt wird, die dem eigentlichen kommunistischen Ziel diametral entgegengesetzt ist. Denn es sollte ja im Kommunismus gerade nicht darum gehen, das Individuum im Allgemeinen aufgehen zu lassen – das besorgt der Kapitalismus von ganz alleine; sondern es sollte darum gehen, jedem Individuum den Raum und die Mittel zur Verfügung zu stellen, in dem sich alle seine Kräfte und Fähigkeiten entwickeln können. Und zwar sollte diese Entfaltung nicht wieder im Dienste eines höheren, allgemeinen Zwecks vonstatten gehen, vielmehr sollte es sich um das freie Spiel der menschlichen Wesenskräfte handeln.

Doch statt die Emanzipation des Individuums zu fördern wird im Rahmen des Sowjetideologie bis in die intimsten Bereiche des individuellen Lebens eingegriffen. Marcuse belegt, daß innerhalb der offiziellen sowjetischen Ideologie

„Liebe, Verantwortung, Familienmoral und selbst Glück Pflichten gegenüber dem Staate sind. […] Liebe soll eher zu einer Notwendigkeit als zum Reflex der Freiheit im Reich der Notwendigkeit werden.“ ([1], S. 226f)

Und genau dies ist die Scharnierstelle, die Marcuses Kritik des Sowjetmarxismus mit den zivilisationskritischen Thesen aus Eros and Civilization verbindet. Doch damit werden wir uns dann im neuen Jahr beschäftigen.

Nächste Woche wird es einen Jahresrückblick geben. Freuen Sie sich also darauf, daß der Alte Bolschewik gesteht:

„Ich weiß, daß ich ein miserabler Blogger bin.“

Nachweise

[1] Marcuse, H.: „Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus“, in: Marcuse, H., Gesammelte Schriften Bd. 6, Springe 2004.

[2] Rasmussen, E. D. & Žižek, S.: „Liberation Hurts: An Interview with Slavoj Žižek“, URL: http://www.electronicbookreview.com/thread/endconstruction/desublimation, abgerufen am 14. Dezember 2012.

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Written by alterbolschewik

21. Dezember 2012 um 16:43

Veröffentlicht in Herbert Marcuse

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