shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Kritik des Leistungsprinzips

with 14 comments

„Nirgends zeigt sich Eros mehr als der Todfeind des Bestehenden als in dem unzerstörbaren Wunsch nach der Ewigkeit der Lust: der Kampf um die freie Zeit ist in der Tat der Kampf ums Ganze.“

Herbert Marcuse, Jenseits des Realitätsprinzips

Zu Beginn des neuen Jahres will ich noch einmal auf Marcuses Thesen, die er in Eros and Civilization entwickelt hat, zurückkommen. Auch wenn ich mich diesem Buch schon einmal kurz gewidmet habe: Eine Auseinandersetzung mit den wesentlichen Kategorien dieses Werkes scheint mir, nicht nur für das Verständnis von Marcuse, sondern für das Verständnis der antiautoritären Bewegungen allgemein, von zentraler Bedeutung zu sein.

Beginnen wir mit der Kategorie des Fortschritts. Ähnlich wie bei Adorno und Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung war bei Marcuse der Fortschritt eine äußerst ambivalente Kategorie. Einig waren sich die kritischen Theoretiker darin, daß der Fortschritt der Produktivkräfte, der doch die zunehmende Befriedigung menschlicher Bedürfnisse erst erlauben sollte, zugleich mit einem Anwachsen von Herrschaft erkauft wird – eine zeitgemäße Interpretation der Marx/Engelschen Formulierung von der Geschichte als einer Geschichte von Klassenkämpfen.

In der Marxschen Theorie wird der Fortschritt der Produktivkräfte dadurch in Gang gesetzt, daß die herrschenden Klassen ein Mehrprodukt aus den Beherrschten herauspressen. Wie das geschieht, unterscheidet die ökonomischen Gesellschaftsformationen. Ist es einmal unmittelbarer Zwang, wie etwa in antiken Sklavenhaltergesellschaften, so sind es in der Neuzeit die Gesetze des Marktes, die die Kapitaleigentümer gegenüber den abhängig Beschäftigten privilegieren. Wenn man aber, so die optimistische These von Marx, der kapitalistischen Produktionsweise ihre spezifisch kapitalistische Hülle abstreifen würde, dann würde der materielle Fortschritt in den Dienst der Allgemeinheit gestellt werden können.

Die kritischen Theoretiker erkannten, daß es so einfach nicht sein konnte, daß dem Fortschritt, den die gesellschaftliche Arbeit unter dem Zwang der Klassenverhältnisse gemacht hat, diese Verschwisterung mit der Herrschaft nicht äußerlich ist. Fortschritt und Herrschaft bilden eine dialektische Einheit, bei der die Marxsche Metaphorik von Hülle und Kern nicht wirklich greift. Der Fortschritt selbst, nicht nur seine Monopolisierung durch herrschende Klassen, wurde ihnen zum Gegenstand der Kritik. Sowohl bei Horkheimer/Adorno wie bei Marcuse geht es um eine Dekonstruktion des nicht nur von bürgerlichen Apologeten vertretenen, sondern auch in der Arbeiterbewegung weit verbreiteten Fortschrittsglaubens. Unterschiede gab es jedoch in der Herangehensweise. Horkheimer und Adorno entfalten ihre Kritik spekulativ, indem sie von der bestimmten Form der Rationalität ausgehen, die dem rein technischen Fortschritt zu Grunde liege. Es ist – ganz verkürzt – das bereits in dieser Rationalität liegende Herrschaftsverhältnis gegenüber der Natur selbst, das sich auch in den gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen niederschlägt.

Bei Marcuse hingegen spielt dieses Vernunftverhältnis zur äußeren Natur, die Rationalität naturwissenschaftlicher Kategorienbildung, keine entscheidende Rolle. Er bezieht sich eher auf das ältere, Marxsche Konzept des notwendigen äußeren Zwangs, das er allerdings mit den kulturkritischen Spekulationen des späten Freud kombiniert. Mit Freud geht Marcuse davon aus, daß es zwei zentrale Triebe gibt, die das menschliche Verhalten steuern: Den erotischen Trieb und den Todestrieb. Der erotische Trieb – der Marcuse zufolge nicht mit dem Sexualtrieb verwechselt werden darf – zielt vor allem auf unmittelbare Lustgewinnung. Der Todestrieb – oder besser: Nirvanatrieb – strebt hingegen einen spannungslosen Zustand an, wie ihn das Kind ursprünglich im Mutterleib erlebt hatte. Diese beiden Triebe, darin ist sich Marcuse mit Freud einig, sind dem Fortschritt grundsätzlich feindlich gesonnen, denn dieser zielt eben nicht auf Triebbefriedigung, sondern fordert Triebaufschub.

Von Freud wird die Genese dieses Triebaufschubes in einen Mythos verpackt, den von der Brüderhorde, die den tyrannischen Vater erschlägt. Dies sei der historisch/mythische Punkt, von dem aus die Internalisierung der Macht, ihr Einwandern in die Psyche der Menschen, ihren Weg genommen habe:

„Sie haßten den Vater, der ihrem Machtbedürfnis und ihren sexuellen Ansprüchen so mächtig im Wege stand, aber sie liebten und bewunderten ihn auch. Nachdem sie ihn beseitigt, ihren Haß befriedigt und ihren Wunsch nach Identifizierung mit ihm durchgesetzt hatten, mußten sich die dabei überwältigten zärtlichen Regungen zur Geltung bringen. Es geschah in der Form der Reue, es entstand ein Schuldbewußtsein, welches hier mit der gemeinsam empfundenen Reue zusammenfällt. Der Tote wurde nun stärker, als der Lebende gewesen war.“ ([1], S. 197)

Die Macht, die zum Triebverzicht zwingt, ist nicht mehr nur eine äußere – der tyrannische Vater –, sondern eine innere, die sich in Form von Tabuvorschriften manifestiert, die sich aus der Sühne für den Mord ergeben. Von nun an muß sich der zivilisatorische Fortschritt nicht mehr allein auf Gewalt stützen, sondern hat, in Form des Über-Ichs, einen mächtigen Verbündeten in der Psyche des Menschen selbst. Das wiederum ist die Voraussetzung dafür, daß sich ein sogenanntes Realitätsprinzip gegen das Lust- und das Nirvanaprinzip durchsetzen kann.

Doch die libidinöse Energie, die nun von Tabuvorschriften gehemmt wird, verschwindet nicht einfach. Sie muß anderweitig kanalisiert werden. Und eine Weise, wie die gehemmte Triebenergie in neue Bahnen gelenkt werden kann, ist die Arbeit. Die erotische Energie wird auf die genitale Sexualität im Dienste der Fortpflanzung eingeschränkt, der energetische Überschuß, der darin nicht aufgeht, soll hingegen in der Arbeit abgebaut werden. Erst diese Triebbändigung erlaut es, gesellschaftlichen Reichtum jenseits der unmittelbaren Bedürfnisse anzuhäufen. Einerseits wird der Drang zur unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung gehemmt, andererseits sorgt der Abfluß libidinöser Energien in die Arbeit dafür, daß die Produktivität steigt. Heute würde man das eine win-win-Situation nennen.

Im Laufe der menschlichen Entwicklung (Marcuse ist da nicht sehr präzise) entwickelt sich daraus das, was Marcuse das „Leistungsprinzip“ nennt. Dieses verinnerlichte Leistungsprinzip führt dazu,

„daß das Leben als Arbeit erlebt und gelebt, daß die Arbeit selbst Lebensinhalt wird. Arbeit wird als gesellschaftlich nützliche, notwendige, aber nicht unbedingt individuell befriedigende, individuell notwendige Arbeit begriffen. Das gesellschaftliche Bedürfnis und das individuelle Bedürfnis treten auseinander, und dies wahrscheinlich um so mehr, je mehr die Industriegesellschaft unter dem Fortschrittsprinzip sich entwickelt. Mit anderen Worten: die Arbeit, die zum eigentlichen Leben wird, ist entfremdete Arbeit. Sie wäre zu definieren als eine, die den Individuen ihre menschlichen Fähigkeiten und Bedürfnisse zu erfüllen verweigert und die eine Befriedigung, wenn überhaupt, immer nur beiläufig oder nach der Arbeit gewährt.“ ([4], S. 427)

Wir haben hier eine Dialektik, die der von Horkheimer und Adorno beschriebenen ähnelt. Diese hatten in der Dialektik der Aufklärung zu zeigen versucht, wie technische Rationalität in ihr Gegenteil umschlägt, in barbarische Irrationalität: „die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.“ ([2], S. 25) Marcuse sieht eine ähnliche, aber doch davon deutlich unterschiedene Dialektik am Werk: Dasjenige, was überhaupt erst wirklich menschlichen, nicht nur animalischen Genuß ermöglicht, die Steigerung der Produktivität, zerstört durch die notwendige Triebunterdrückung die Fähigkeit, den ganzen geschaffenen Reichtum tatsächlich zu genießen. Es werden unermessliche Produktivkräfte angehäuft, aber in diesem Prozeß verlieren die Menschen das Vermögen, diesen Reichtum sinnvoll nutzen zu können. Leistung und Wachstum werden selbst zu Fetischen, statt daß sie bestenfalls als bloße Mittel erkannt werden.

Mit dieser Kritik am Leistungsprinzip rannte Marcuse, angesichts einer Gesellschaft des Überflusses, in den 60er Jahren bei der Nachkriegsgeneration offene Türen ein. Eine Gesellschaft, in der die Belohnung für sinnlose Leistung ein ebenso sinnloser Konsum sein sollte, erschien ihnen, die in der Zeit des Wirtschaftswunders aufgewachsen waren, selbst sinnlos. Beatniks, Gammler, Hippies, Provos: Das waren die ersten Symptome dafür, daß die Geltung des Leistungsprinzips nicht absolut sein konnte. Und so begann eine Suche nach Alternativen, die man aus heutiger Sicht belächeln mag. Vom Zen-Buddismus bis zur Landkommune wurden Lebensentwürfe entwickelt, die sich jenseits des Leistungsprinzips verorten wollten.

Davon ist nicht viel übrig geblieben – was möglicherweise ein Grund dafür ist, daß Marcuse in aktuellen politischen Diskussionen überhaupt keine Rolle mehr spielt. Im Gegenteil: Das Leistungsprinzip wird an Orten mit Zähnen und Klauen verteidigt, wo man solches nicht erwartet hätte. Ausgerechnet im Blog von Don Alphonso, der ja immer als personifizierte Verweigerung des Leistungsprinzip auftritt, wurde jüngst das hohe Lied der Leistung gesungen. Anlaß dafür war der Text einer Berliner Bloggerin, die in einem mild ironischen Blogbeitrag nach einer Festanstellung suchte (nachdem sie wohl die Möglichkeit, in der FAZ ein bezahltes Profiblog zu führen, grandios versemmelt hat). Ich kenne diese Bloggerin nicht, und was ich inzwischen über sie weiß, würde mich auch nicht dazu animieren, mit ihr ein Bier trinken zu wollen. Aber die Kübel an Gülle, die Don Alphonso und seine Kommentatoren über sie ausschütteten, sind – vorsichtig ausgedrückt – erstaunlich. Der Don selbst gab die Marschrichtung vor:

„Anstrengen gehört am Anfang mit dazu, und wer gut ist, hört nicht einfach auf – das ist etwas, das man sich in kreativen Berufen wirklich nicht leisten kann, nirgendwo.“

und die Hetzmeute in der Kommentarsektion folgte ihm, und zwar bis in Abgründe, die an Widerlichkeit kaum zu überbieten sind:

„Ich glaube sogar, die betreffende Dame würde hier in München fündig werden. In Unterföhring [Münchner Straßenstrich, AB] suchen sie doch genau solche Gestalten…“

Je weniger das Leistungsprinzip tatsächlich darüber entscheidet, ob jemand einen guten Job hat und sich die eine oder andere Annehmlichkeit leisten kann, die der Kapitalismus für treue Arbeitssklaven bereithält, umso mehr ist offensichtlich das Bedürfnis vorhanden, dieses Leistungsprinzip mit Zähnen und Klauen zu verteidigen. Diejenigen, die der Meinung sind, es „geschafft“ zu haben, versuchen sich mit solchen Angriffen einzureden, daß es ausschließlich ihre eigenen Leistungen gewesen seien, der sie ihre gesellschaftliche Position verdanken. Die eigene Krupperei wird als Talisman geschwenkt, der einen vor den Unwägbarkeiten kapitalistischer Ökonomie schützen soll. Auf mich wirkt das wie ein Abwehrzauber, der die Bestätigung dafür liefern soll, daß man, wenn man sich nur immer brav an die Spielregeln hält und die geforderte Leistung bringt, davor gefeit sei, sich irgendwann einmal auf Hartz IV-Niveau wiederzufinden. Und das ist mindestens so naiv wie die angefeindete Suche nach einer Festanstellung und würde den selben Spott verdienen.

Doch genug mit derart unangenehmen Zumutungen der Gegenwart. Nächste Woche gehen wir wieder zurück in die 60er Jahre und schauen uns die falsche Aufhebung des Leistungsprinzips, die repressive Entsublimierung an. Freuen Sie sich also darauf, wenn Marcuse schreibt:

„Die Revolution der Liebe, die gewaltlose Revolution, stellt keine ernsthafte Bedrohung dar; die herrschenden Mächte sind mit den Kräften der Liebe stets gut fertig geworden.“ ([3], S. 111)

Nachweise

[1] Freud, S., Totem und Tabu, Frankfurt a.M. 1991.

[2] Horkheimer, M. & Adorno, T. W.: „Dialektik der Aufklärung“, in: Horkheimer, M., Gesammelte Schriften Bd. 5, Frankfurt 1985ff, S. 11 – 290.

[3] Marcuse, H.: „Konterrevolution und Revolte“, in: Marcuse, H., Gesammelte Schriften Bd. 9, Springe 2004, S. 7 – 128.

[4] Marcuse, H.: „Die Idee des Fortschritts im Lichte der Psychoanalyse“, in: Adorno, T. W. & Dirks, W. (Hg.), Freud in der Gegenwart, Frankfurt a.M. 1957, S. 425 – 441.

Advertisements

Written by alterbolschewik

4. Januar 2013 um 16:57

14 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Ich wurde inzwischen von anderer Stelle auf den Artikel von Herrn Meyer („Don Alphonso“) hingewiesen. Herr Meyer ist so unsouverän, keine Kommentare von mir zuzulassen. Was nun mein Scheitern bei der FAZ mit dem „Leistungsprinzip“ zu tun haben soll, ist mir unklar. Für mich war das ganz normales Nicht-Verstehen zwischen Onlinern und Offlinern.

    Aber wenns Meyer (Alphonso) der arme Mann, den hier in Berlin – vielleicht ja mit Recht – niemand mochte, nötig hat – bitteschön.

    Warum nochmal wollten Sie kein Bier mit mir trinken?

    Julia Seeliger

    4. Januar 2013 at 19:02

    • Shit, Bersarin hat mir bereits die Klugscheißerei mit dem Weintrinken weggeschnappt, weshalb ich jetzt inhaltlich antworten muß. Drei Gründe, warum ich glaube, daß ein gemütliches Zusammensein, bei welchem alkoholischen Getränk auch immer, eher unharmonisch verlaufen würde:

      • Die parteipolitische Ausrichtung. Zunächst im besonderen: Die Grünen verabscheue ich fast so sehr wie die FDP und die Piraten betrachte ich äußerst skeptisch. Und im allgemeinen: Ich bezweifle, daß wirkliche gesellschaftliche Veränderung überhaupt durch Parteipolitik, egal welcher Partei, initiiert werden kann. In sofern sind mir Leute, die sich parteipolitisch engagieren, grundsätzlich suspekt.
      • Ich gehöre auch zu den „Offlinern“, die das Internet nicht verstehen. Ich liege lieber mit einem Buch auf dem Sofa als daß ich mit jemandem in der Kneipe sitze, der oder die ständig auf dem Smartphone die Mails checkt, tweets absetzt und die „Freunde“ auf facebook in „Echtzeit“ über die letzte Getränkebestellung informiert. Das mag ein Vorurteil sein, aber so stelle ich mir hier in der Provinz das Leben der digitalen Bohème in der Hauptstadt vor. Und es wäre mir eher unangenehm, mit so jemandem in der Öffentlichkeit gesehen zu werden.
      • Während die vorigen Punkte eher unzulässige Schlüsse vom Allgemeinen auf die individuelle Person sind, bezieht sich der letzte Punkt auf die Kommentare – soweit ich sie gelesen habe – in Ihrem Blog. Ich spüre da oft eine latente Aggressivität, die mir nicht besonders sympathisch ist.

      Was den anderen Punkt betrifft: Das mit dem Leistungsprinzip war gar nicht auf das reale Scheitern des FAZ-Blogs bezogen, dessen faktische Gründe mich eigentlich gar nicht interessieren. Das war von mir wahrscheinlich ungeschickt formuliert, ich wollte nur den Kontext mitliefern, in dem die Don Alphonsosche Forderung nach Leistung, Leistung, Leistung stand. Wobei ich – dies nur am Rande – Bersarin recht geben würde: Wenn man ein solches Angebot bekommt und es annimmt, dann sollte man sich auch wirklich reinknien und alle Register ziehen. Aber darum ging und geht es mir überhaupt nicht; mir ging es eigentlich nur um die Don Alphonso-Seite, wo ein Arbeitsethos verteidigt und verlangt wird, das ich für ziemlich anachronistisch halte und das durchaus im Gegensatz zu dem steht, was der Don (dessen Texte ich, wie ich gestehen muß, meist schätze) so propagiert.

      alterbolschewik

      5. Januar 2013 at 11:31

  2. @ Julia Seeliger
    Was das Bloggen betrifft: Ich schreibe auf meinem eigenen, privaten Blog; die Möglichkeit, für die FAZ einen Blog zu machen, bot sich mit nicht; bei mir erscheint im Schnitt einmal pro Woche ein Text – wenn nicht sogar mehr. Ich arbeite jeden Tag 8 Stunden in einem Bereich, der mit Schreiben, Ästhetik, Journalismus nichts zu tun hat. Es ist dieses Schreiben meine Freizeit und ich reiße mir dafür den Hintern auf, betreibe es im Grunde fast professionell – zumindest halte ich manche meiner Beiträge für deutlich besser als vieles, was ich so im deutschen Fäuleton finde. Betriebe ich dieses Schreiben, diesen Blog nun auch noch beruflich und spielte das Medienspiel: Ein Mann will nach oben (an die Futtertröge, ans Geld, was auch immer, zutreffendes bitte einsetzen), dann müßte ich schon etwas mehr Einsatz zeigen, als einen Beitrag pro Monat zu verfassen.

    Don Alphonsos Text haut teils in die neoliberale Kerbe der Leistungselite, die es ja auch im Bereich der Kunst und auf dem Feld der Edelfedern gibt. Aber es bleibt dennoch dabei: Schreiben ist Arbeit. Da hat der Mann recht. Allerdings: im Bereich der Berufseinsteiger muß es nicht in Prekariatsverhältnissen geschehen. Andererseits haben Zeitungen wie die taz nicht viel Geld zur Verfügung. Dennoch: in den Medien gibt es nichts für lau. Insofern praktiziere ich das, was man die große Verweigerung nennt. Mir ist der Preis ganz einfach zu hoch. Auch ich säße gerne auf irgend einem Uni-Lehrstuhl mit 5-Zimmer-Altbauwohnung nähe Arkonaplatz oder Zionskirche. Hat alles nicht sollen sein. Und so kannst Du Dich trösten: Es geht vielen wie Dir. Und in den Professoren- oder Journalistenärschen sitzen immer schon fünf bis sechs Personen drinnen, die da hineinkrochen – da nützt das Krichen nüscht, wie der Berliner sagt.

    Vielleicht solltest Du ein wenig philosophische Gelassenheit entwickeln, einem Brotberuf nachgehen oder eben von wenig Geld leben und dabei das Schreiben als einen Zweck an sich selbst sehen.

    Und nebenbei: Wenn ich einen Blog bei der FAZ bekäme: ich schriebe mir dafür die Finger wund, und zwar nicht aus dem Leistungsdenken, sondern aus dem Schreib-Ehrgeiz heraus. Diese Tätigkeit hat etwas mit Eros und Leidenschaft zu tun. [Und aus diesem Grunde betreibe ich auch meinen Blog. Trotz einer privaten Krise vor einem Jahr. Gerade deshalb] Insofern muß ich Don Alphonso im Tenor seiner Kritik recht geben. Seine Affirmation des Bestehenden, die da mitschwingt, teile ich freilich nicht.

    Zu Deinem Text drüben bei Dir im Blog kommentiere ich Dir noch etwas – sofern die Laune es zuläßt und ich am Thema nicht die Lust verliere.

    Ich würde übrigens auch kein Bier mit Dir trinken wollen. Was allerdings daran liegt, daß ich nur Wein in mich hineinschütte, z.B. in der „Weinerei“ in der Griebenowstraße.

    @ Alter Bolschewik
    Du siehst: Traffic und Kommentare kommen immer und auch durch solche Bezüge. Da kann selbst ich noch etwas lernen. Ich werde nächstens einen Aufruf starten.

    Bersarin

    5. Januar 2013 at 10:33

  3. Hmhm … ja, ich bin doch gar nicht mehr bei den Grünen 😉

    Ich hab in meinem FAZ-Blog am Anfang gern geschrieben, auch zu kontroversen Themen. Aber manchmal stirbt der Eros eben, wegen der genannten Kommunikationsprobleme, auch wegen anderer Dinge drumherum, und dann ist der Kopf leer. Wenn man dann von dem Geld eigentlich leben will, wird es fatal.

    Wie auch immer. Dieser „Don Alphonso“ scheint ein ziemliches Problem zu haben, ich weiß nicht, was ihn umtreibt. In Berlin ist ihm vielleicht etwas schlimmes passiert, seitdem rantet er, zB hier. Das ist ja eine ähnliche Richtung. In meinem Blog schrieb ich, er sei Stil WELT, nur schlechter.

    Inhaltlich bin ich ja, als Fan von „Sozialstaat“, sogar irgendwie bei ihm. Natürlich muss eingezahlt werden, und so prekäre Lebensweisen sind gewissermaßen unsolidarisch, wenn es anders ginge. Aber wenn er doch nur auch die höhere Besteuerung höherer Einkommen und von Vermögen etc mal fordern würde! Aber so bleibt es doch billigste Sarrazin’sche Hetze gegen die „soziale Hängematte“, und sowas ist dann eher so, naja.

    (Theoretiker kenne ich leider wenige, so dass ich mich an dieser Debatte leider nicht richtig beteiligen kann)

    Julia Seeliger

    5. Januar 2013 at 14:02

    • Das mit den Grünen ist ja schon mal ein Pluspunkt. Und die freundliche Diskussion hier auch, insofern könnte ich mir das mit dem Bier noch mal überlegen ;-).

      Da Don Alphonso hier nicht das eigentliche Thema ist, erlaube ich mir, nicht näher auf gewisse Absonderlichkeiten wie seine irrationale Berlin-Phobie einzugehen. Nur um das eigentliche Thema noch einmal ins Gedächtnis zu rufen: Mir ging es nicht um Seeliger vs. Meyer, sondern um das Leistungsprinzip und seine psychische Verinnerlichung. Diese Verinnerlichung führt dann, wenn sie in Frage gestellt wird, bei gewissen Menschen offensichtlich zu wütenden Reaktionen. Das weist darauf hin, daß diese Identifikation mit dem Leistungsprinzip offensichtlich ein ziemlich schmerzhafter Prozeß ist. Und die Gewalt, die man in diesem Prozeß erfährt, wird dann, zumindest verbal an diejenigen weitergegeben, die sich – aus welchen Gründen auch immer, dieser Unterwerfung verweigern oder sie nicht nötig haben. Die Aggressivität, die Ihr ironisches Stellengesuch heraufbeschworen hat, zeigt doch recht deutlich, daß es als Projektionsfläche dient, um die eigenen Frustrationen ausagieren zu können. Ironie bei der ganzen Sache: Gerade Don Alphonso nutzt ja oft genug genau diesen Mechanismus aus, um seine Gegner zur Weißglut zu reizen, indem er sich als jemanden stilisiert, der nur dem Müßiggang verpflichtet sei und nur so zum Spaß blogge.

      Wie dem auch sei: Ich wünsche Ihnen auf jeden Fall viel Erfolg bei der Stellensuche. Wahrscheinlich kommen Sie, so wie die Gesellschaft organisiert ist, dabei nicht darum herum, sich das Leistungsprinzip zu eigen machen zu müssen. Aber das ist kein Grund zu Häme oder Aggressionen, sondern höchstens zur Trauer, daß es offensichtlich, bei allem Reichtum dieser Gesellschaft, nicht gelingt, die gesellschaftliche Arbeit so zu organisieren, damit derartiges nicht notwendig ist.

      alterbolschewik

      5. Januar 2013 at 21:45

  4. Hallo Sohn,

    du meintest, ich solle mich an das System halten und nicht bei dir anrufen, sondern einen Kommentar verfassen wenn ich was zu sagen hätte, was ich hiermit tue.
    Über Julias Reizblog möchte ich mich nicht weiter äußern. Ich habe noch einmal den Blog von Don Alfonso gelesen und kann ihm nur zustimmen. Amüsiert hat mich, dass er auch schon mal körperlich gearbeitet hat. Das erinnert mich sehr an deinen einmaligen Putzjob. Du weißt, wenn dein Vater nicht seine Hand über dich gehalten hätte, wärst du heute um einige Fabrikarbeitererfahrungen reicher.
    Ganz neu verfüge ich jetzt über viel freie Zeit und kann mich mit Vergnügen an dem Reden über des Kaisers neue Kleider beteiligen. Die Techniken dazu muss ich noch lernen. Vielleicht ist es auch nicht notwendig und es fällt nicht auf, dass ich die Terminologie nicht beherrsche. Es gibt Gott sei Dank Wikipedia, um wenigstens einige Anspielungen in den Blogs und Kommentaren zu verstehen.
    Wo nehmen erwachsene Menschen die im Arbeitsleben stehen nur die Zeit und Motivation her, sich so ausführlich zu äußern. Julias Blog ist offensichtlich keine gezielte Bewerbung für einen Job. Trotzdem sind viele darauf eingestiegen und haben sich Gedanken gemacht und sich Zeit für einen Kommentar genommen.
    Falls Julia nochmals hier hereinschaut: Gruß aus dem tiefsten Süden. Dass mein Sohn wegen dem Bier eine Rolle rückwärts gemacht hat, können Sie sich hoch anrechnen. Er ist nun mal oft ein arroganter …. Bursche.

    Mutter

    Mutter

    8. Januar 2013 at 13:40

    • Naja, es ist ja nicht so, daß ich nicht arbeiten würde, nur um Fabrikarbeit bin ich herumgekommen (was möglicherweise wirklich ein Fehler war). Du übrigens, wenn ich das richtig sehe, auch.

      Die Fabrikerfahrung des Don hat mich ebenfalls schon immer amüsiert, die bringt er mit schöner Regelmäßigkeit an (so wie seine Erfahrungen mit der Staatsmacht im Taxöldner Forst).

      Daß Du Dich wunderst, daß Menschen mit Beruf die Zeit finden, in blogs zu kommentieren: Das ist überhaupt kein Wunder. Wenn ich die Klickzahlen zwischen Wochenende und Werktagen vergleiche, dann wird ziemlich deutlich, daß die meisten Leser blogs während der Arbeitszeit lesen.

      Was meine Arroganz betrifft: Im Gegensatz zu den meisten anderen social media Nutzern bin ich im Netz deutlich höflicher und zuvorkommender als im richtigen Leben. Wenn ich zu jemandem unhöflich sein will, dann mache ich das von Angesicht zu Angesicht, wo mir der andere dann auch gegen das Schienbein treten kann.

      alterbolschewik

      8. Januar 2013 at 14:33

  5. Der Berlin-Hass des Don speist sich aus einem regelrechten Kulturschock, den er erfahren hatte, als er dort anderthalb Jahre arbeitete. Da, wo er herkommt, in Oberbayern, gibt es keine kompletten Stadtviertel, wo sich in jeder Straße Graffity an Hauswänden befinden, es gibt auch keinen Sperrmüll auf den Straßen. Es sieht eher überall so gelackt aus wie bei den Hackeschen Höfen. Für Don ist ganz Berlin ein Slum.

    Und zum Anderen verspottet er die „digitale Boheme“ dort.

    che2001

    8. Januar 2013 at 17:04

    • Das mit Berlin hat ja auch was von einem running gag. Ich weiß echt nicht, ob das wirklich ernst gemeint ist oder ob er das aus purer Lust an der Provokation macht. Wahrscheinlich von beidem etwas.

      Warum er die „Digitale Boheme“ so haßt, erschließt sich mir allerdings nicht wirklich. Natürlich haben die eine sehr beschränkte Weltsicht, die durch ihr Umfeld noch verstärkt wird. Aber beim Don ist das ja genau das selbe, nur ist das Umfeld ein anderes. Aber man haßt ja in der Regel auch nicht das, was einem völlig fremd ist, sondern das, was einem zu ähnlich ist und in dem man sich selbst und die eigenen schlechten Eigenschaften gespiegelt sieht.

      alterbolschewik

      9. Januar 2013 at 9:31

  6. Na ja, ich sag´s mal so: es gibt nirgendwo anders eine ganze szene von leuten, die de facto nichts anderes sind als Langzeitstudierende mit Praktika in Redaktionen Werbeagenturen bzw. Arbeitslose oder Prekäre die das vorher gewesen sind und für sich in Anspruch nehmen, eine kommende Medienelite zu sein, ja, ihren Anspruch auf einen Job in einer Redaktion oder an der Uni wie ein Menschenrecht handeln. „Die sollen mal lieber ans Fließband gehen oder auf den Bau!“ ist eine vielgehörte Äußerung über solche Leute. Nicht, dass ich in den Chor einstimme, aber Verständnis für diese Anspruchshaltung habe ich auch nicht.

    che2001

    10. Januar 2013 at 15:06

    • Klar, sone Typen kenne ich auch. Ich weiß ja nicht, wie es früher in Göttingen war, aber in Freiburg kenne ich das auch aus den 80er Jahren. Da war’s halt nicht die „digitale Bohème“, sondern die „linke Szene“, aber der mit intellektueller Dürftigkeit gepaarte Dünkel war der selbe. Mit ein paar halbverdauten Brocken Foucault und Lyotard führten sie sich auf, als hätten sie die Weisheit mit Löffeln gefressen. Besonders anfällig waren die Soziologiestudenten, weil dort die Diskrepanz zwischen dem bescheidenen intellektuellen Niveau des Fachs und der stolz zur Schau getragenen Selbstüberschätzung besonders eklatant war. Aber über solche Leute hat man sich doch nicht aufgeregt, sondern lustig gemacht. Ohne den Bohei, den der Don um die „digitale Bohème“ macht, wäre mir die nicht mal aufgefallen. Selbst einen Sascha Lobo kenne ich nur durch Don Alphonso.

      alterbolschewik

      10. Januar 2013 at 22:55

  7. Na ja, wenn man in Berlin wohnt, dann erlebt man dieses Schwachmatentum, das Dampfgeplaudere, die Hohlphrasen, mit denen mache hier ihr Geld verdienen (wollen), dieses Gelabere, diesen ganzen Hype schon sehr nahe mit. Keine Party, auf der nicht irgend eine/r in Medien macht, Künstlerin oder Künstler vorgibt zu sein. Und alle sind kreativ. Wie singt es Rainald Grebe in seinem Lied „Prenzlauer Berg“: „Alle sehen gleich aus. Irgendwie individuell“.

    Ches Beitrag bringt es auf den Punkt. Wer, wie Seeliger derart einen Blog bei der FAZ versemmelt und wie im Falle Hohmann nicht korrekt recherchiert, sollte keine Journalistin werden. Ich persönlich habe übrigens nichts gegen Julia Seeliger. Teils finde ich sie sogar lustig, sie hat Humor und ist sympathisch, und ich würde mich mit ihr hemmungslos betrinken wollen,da ich einen Faible für eigenwillige Frauen habe.

    Ich finde es auch nicht weiter schlimm, als „digitale Bohème“ (mal so als Schlagwort gebraucht) zu leben. Aber wer diesen Stil wählt, sollte wenigstens das Jammern einstellen. Es gibt in diesem Bereich nun einmal wenige Jobs und nichts ist dort umsonst. Journalismus bedeutet viel Arbeit und nicht bloß, irgendwelche Texte oder belanglose Bücher zu schreiben.

    Und leider sind Typen wie Sascha Lobo (als pars pro toto genommen, um es an Namen festzumachen) eine Pest, die sich immer mehr ausbreitet. Belanglosigkeiten, die gravitätisch auftreten und sich ein Subjekt-Branding verpassen. Mit Heidegger gesprochen könnte man auch sagen: Hier wird das Nichts zum Thema.

    Bersarin

    11. Januar 2013 at 12:22

    • Dem stimme ich ja allem zu. Meine Sichtweise ist nur, sagen wir mal, etwas dialektischer. Ich finde eine Kritik (nicht Deine oder Ches) an solchen Leuten vom Standpunkt gutsituierten bürgerlichen Mittelstandes aus – „Hätten sie doch ‚was Anständiges gelernt, dann hätten sie auch ein Häuschen im Grünen mit Frau, Kindern, Hund und Auto“ – ebenso abstoßend. Und wenn dann noch, wie beim Kommmentatorenstadl Don Alphonsos, bis unter die Gürtellinie gehende Häme hinzukommt, wenn eine Person aus dieser angegriffenen Gruppe das Scheitern seines eigenen Lebensentwurfes eingesteht, dann werde ich stinkig. Da wird eine „Schwäche“ des „Gegners“ gnadenlos ausgenutzt, um ihn fertigzumachen und sich bei der Gelegenheit selbst noch auf die Schulter zu klopfen.

      Wobei ich, wenn ich ehrlich bin, auch mitgemacht hätte, wenn es um Sascha Lobo gegangen wäre.

      alterbolschewik

      11. Januar 2013 at 15:46

  8. Um das nochmal auszuwälzen: Diese Art eitler, aufgeblasener Irgendwasmitmedienoderitdampflaberer ist in Berlin dermaßen omnipräsent, dass eine der längsten Straßen Berlins, die Kastanienallee, ihretwegen umgangssprachlich Castingallee genannt wird. Und Sascha Lobo ist da bei weitem keiner der Schlimmsten. Ich erlebte da mal einen Pleite gegangenen Unternehmer, der so arm war, dass er Berlin nicht hätte verlassen können wg. kein Geld für ein Wochenendticket, aber in Versace-Armani-Prada-Klamotten sich auf dem Sofa drapierte in der Pose einer Rodin-Statue und über die Schönmheit des Scheiterns daherschwadronierte.

    che2001

    12. Januar 2013 at 19:12


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s