shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Ästhetische Theorie (3)

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„Entscheidend war das Scheitern der deutschen Revolution, das meine Freunde und ich eigentlich schon 1921, wenn nicht sogar noch früher, mit der Ermordung von Karl und Rosa erlebt haben.“

Herbert Marcuse im Gespräch mit Jürgen Habermas, 1977

Nachdem der letztwöchige Beitrag einiges an (schriftlichen und mündlichen) Kommentaren nach sich zog, ändere ich jetzt den ursprünglichen Plan, um einige Erläuterungen zu letzter Woche nachzuschicken. Eigentlich wollte ich mit dem erwähnten Text nur die Auseinandersetzungen vorbereiten, die um 1968 herum unter der Parole einer „engagierten“ oder „politischen“ Kunst geführt wurden. In diesen Auseinandersetzungen wurden Positionen eingenommen, die eigentlich schon deutlich älter waren und bis in die ästhetischen Auseinandersetzungen aus der ersten Jahrhunderthälfte zurückreichten. Doch bevor ich auf diese Tradition eingehe, zunächst ein paar grundsätzliche Bemerkungen.

Es ist mir bewußt, daß dieses Blog teilweise daran krankt, daß es ein work in progress ist, von dem ich selbst nicht unbedingt weiß, wo es hinführen wird. Meiner Untersuchung dessen, was die antiautoritären Bewegungen der 60er und 70er Jahre waren, liegen einige Hypothesen zugrunde, die ich im empirischen Material wiederfinden zu hoffe. Und während ich das Material für die Texte hier sichte, ändern sich natürlich auch die Ausgangshypothesen selbst wieder. Das ist leider unvermeidbar, denn ein Blog ist nun einmal kein vollständig durchgearbeitete Werk. Vermeidbar ist allerdings, daß diese Hypothesenbildung und -umbildung nur in meinem Kopf stattfindet, und nicht explizit in den Texten, in denen ich bestenfalls einige Andeutungen fallen lasse. Das macht die Lektüre manchmal nicht unbedingt verständlich. Ich will deshalb zumindest eine der Hypothesen, die sich für mich beim Schreiben herausgebildet und verdichtet haben, explizit machen.

Ich glaube, daß die Bewegungen, als sie Ende der 50er Jahre entstanden, nach Modellen suchten, wie sie ihren Protest in mehr oder minder stringenter Weise artikulieren konnten. Zu diesem Zweck griffen sie auf Theorien zurück, die im wesentlichen in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen entstanden. Mit anderen Worten: Die Nachkriegsgeneration holte sich wesentliche Inspirationen von der Zwischenkriegsgeneration. Und so wurden Theoretiker wie Henri Lefebvre oder Herbert Marcuse in doch recht fortgeschrittenem Alter auf einmal in politische Bewegungen verwickelt, deren unklarem Suchen nach Perspektiven sie wenigstens zeitweise Richtung und Ziel weisen konnten.

Dabei muß man sich allerdings darüber im klaren sein (und die Bewegungen waren sich das damals nicht), daß die Bedingungen, unter denen die Theorien entstanden, die sie nun aufzugreifen versuchten, ziemlich andere waren als die, unter denen sie ihren eigenen Aufstand probten. Das führte zu einer Verzerrung dieser aufgegriffenen Theorien, die teilweise bis in die Absurdität führten, gerade weil die historische Fundierung der Theorieversatzstücke, die in den 60er Jahren aufgegriffen wurden, schlicht ignoriert wurde.

Insofern bin ich letzte Woche zu kurz gesprungen: Um die Debatten über die „Politisierung“ der Kunst zu verstehen, wie sie ab der zweiten Hälfte der 60er Jahre geführt wurden, muß man nicht nur verstehen, auf welche Debatten in den 20er und 30er Jahren diese zurückgriffen. Das habe ich letzte Woche versucht darzustellen. Wichtig ist allerdings auch, in welchem Kontext diese Debatten zwischen den beiden Weltkriege standen. Nur so, denke ich, läßt sich verstehen, warum die Wiederaufnahme dieser Debatten in den 60er und 70er Jahren äußerst skurrile Blüten treiben konnte.

Ich will deshalb in dieser Folge noch einmal in die Zwischenkriegszeit zurückkehren, um die Situation zu skizzieren, in der die unterschiedlichen Versuche, die Rolle der Kunst für die Revolution zu bestimmen, aufkamen.

Für die Zwischenkriegsgeneration war eine Erfahrung ganz entscheidend: Der Zusammenbruch der bürgerlichen Ordnung des 19. Jahrhunderts in den Materialschlachten des 1. Weltkriegs. Und für eine Minderheit dieser Generation kam noch eine zweite wesentliche Erfahrung hinzu. Diejenigen, die der Ansicht waren, daß das Grauen des imperialistischen Weltkriegs die siegreiche sozialistische Revolution nach sich ziehen müßte, wurden bitter enttäuscht. Warum, zur Hölle, blieb die Revolution in Rußland isoliert? Warum wurden nicht überall die morschen Trümmer der Vergangenheit weggeräumt und auf einer derartigen tabula rasa eine grundlegend neue Ordnung errichtet? Irgendetwas an den Marxschen Prognosen mußte grundlegend falsch oder zumindest unzureichend gewesen sein.

Offensichtlich dachte die Arbeiterklasse nicht im mindesten daran, in den Zentren der kapitalistischen Entwicklung die ihr prognostizierte Aufgabe wahrzunehmen. Doch warum? Die einfachste, von Lenin 1916 vorgetragene Erklärung war: Bestechung. Imperialistische Extraprofite dienten dazu, eine Arbeiteraristokratie mit guten Löhnen an das bestehende System zu binden. Das war natürlich eine äußerst grobschlächtige These, doch zumindest eines erkannte Lenin richtig, als er meinte, diese Arbeiteraristokratie sei

„in ihrer Lebensweise, nach ihrem Einkommen, durch ihre ganze Weltanschauung vollkommen verspießert.“ ([3], S. 198)

Zur gleichen Zeit als die Arbeiterklasse, der angebliche Garant der revolutionären Umwälzung, verspießerte und sich einem bürgerlichen Lebensstil anzunähern versuchte, vollzog sich gerade in der bürgerlichen Kultur ein grundlegender Wandel. Während die politische Revolution ausblieb, fand sie in Kunst und Kultur statt: Abstrakte Malerei, atonale Musik, DADA – das frühe 20. Jahrhundert war ein künstlerisches Experimentiertfeld, wie es das in der Geschichte der Kunst vorher nie gegeben hatte. Offenbar war der „Überbau“ der „Basis“ einige Schritte voraus. Die Kunst wandte sich gegen die Klasse, die sie hervorgebracht hatte. Insofern ist es kein Wunder, daß die radikalen Intellektuellen einiges an Hoffnung in die Kunst setzten, um das spießige Kulturideal der Arbeiterklasse aufzubrechen und sie auf den rechten revolutionären Pfad zurückzuführen.

Zeitgleich mit diesen Veränderungen in der „Hochkultur“ vollzog sich unaufhaltsam die Entstehung einer populären, ihrer Tendenz nach die Klassengrenzen überschreitenden Massenkultur. Mit Kino, Schallplatte und Radio standen zu Beginn des 20. Jahrhunderts völlig neue Technologien zur Verfügung, um kulturelle Inhalte an ein Massenpublikum zu vermitteln. Daß diese neuen Technologien und die damit entstehende Massenkultur einen entscheidenden Einfluß auf die Entwicklung dessen, was traditionell als Kunst galt, ausüben würde, war unstrittig. Schon die Entstehung der Photographie im 19. Jahrhundert hatte im Gegenzug weitreichende Veränderungen in der Malerei nach sich gezogen.

Zwischen der Massenkultur auf der einen Seite und avantgardistischen künstlerischen Innovationen auf der anderen Seite entstand ein Spannungsfeld, in dem sich die ästhetische Theorie grundsätzlich neu positionieren mußte. Von beiden Polen dieses Spannungsfeldes läßt sich mit Fug und Recht behaupten, daß sie die Art und Weise, wie wir die Welt erfahren, entscheidend verändert haben. Auch wenn das heute zu einer Leerfloskel verkommen ist, mit der sich belanglose Kunst zu legitimieren versucht: Damals rüttelte die künstlerische Avantgarde tatsächlich an unseren Wahrnehmungsgewohnheiten. Und auf der anderen Seite erlaubte es die Massenkultur, völlig neuartige Methoden zu entwickeln, mit denen die Massen aufgeklärt oder aber auch manipuliert werden konnten. Wenn die Situation für die Revolution also reif war, es aber an revolutionärem Bewußtsein mangelte, dann war es kein Wunder, daß Kunst und Kultur auch politisch zu heiß umkämpften Feldern wurden.

Dabei wurden, selbst innerhalb der radikalen Linken, die unterschiedlichsten Positionen eingenommen. Waren die neuen Massenmedien effektive Propagandainstrumente, um das verkümmerte Klassenbewußtsein der Arbeitermassen neu zu beleben? Oder handelte es sich dabei, um „Aufklärung als Massenbetrug“, wie später das Kapitel über Kulturindustrie in der Dialektik der Aufklärung ([2]) im Untertitel behaupteten sollte? Und was war mit der künstlerischen Avantgarde – war das nur ein Ausdruck bürgerlicher Dekadenz, wie die Stalinisten höhnten? Oder war gerade sie es, die durch ihre Schockwirkungen die einzige Chance auf die Durchbrechung des kapitalistischen Verblendungszusammenhangs bot?

Fragen über Fragen. Nächste Woche werde ich versuchen, diese Polarisierungen anhand von Walter Benjamins Aufsatz über Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit etwas zu präzisieren. Freuen Sie sich also darauf, daß Benjamin meint:

„Um neunzehnhundert hatte die technische Reproduktion einen Standard erreicht, auf dem sie nicht nur die Gesamtheit der überkommenen Kunstwerke zu ihrem Objekt zu machen und deren Wirkung den tiefsten Veränderungen zu unterwerfen begann, sondern sich einen eigenen Platz unter den künstlerischen Verfahrensweisen eroberte.“ ([1], S. 475)

Nachweise

[1] Benjamin, W.: „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (Zweite Fassung)“, in: Benjamin, W., Gesammelte Schriften Bd. I.2, Frankfurt a.M. 1980, S. 471 – 508.

[2] Horkheimer, M. & Adorno, T. W.: „Dialektik der Aufklärung“, in: Horkheimer, M., Gesammelte Schriften Bd. 5, Frankfurt 1985ff, S. 11 – 290.

[3] Lenin, W. I.: „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“, in: Lenin, W. I., Werke Bd. 22, Berlin 1955ff, S. 189 – 309.

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Written by alterbolschewik

25. Januar 2013 um 15:35

Veröffentlicht in Ästhetik

2 Antworten

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  1. Scharfsichtiger Beitrag, doch habe ich da einige kritische Anmerkungen.

    @“Ich glaube, daß die Bewegungen, als sie Ende der 50er Jahre entstanden, nach Modellen suchten, wie sie ihren Protest in mehr oder minder stringenter Weise artikulieren konnten. Zu diesem Zweck griffen sie auf Theorien zurück, die im wesentlichen in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen entstanden. Mit anderen Worten: Die Nachkriegsgeneration holte sich wesentliche Inspirationen von der Zwischenkriegsgeneration. Und so wurden Theoretiker wie Henri Lefebvre oder Herbert Marcuse in doch recht fortgeschrittenem Alter auf einmal in politische Bewegungen verwickelt, deren unklarem Suchen nach Perspektiven sie wenigstens zeitweise Richtung und Ziel weisen konnten.

    Dabei muß man sich allerdings darüber im klaren sein (und die Bewegungen waren sich das damals nicht), daß die Bedingungen, unter denen die Theorien entstanden, die sie nun aufzugreifen versuchten, ziemlich andere waren als die, unter denen sie ihren eigenen Aufstand probten. Das führte zu einer Verzerrung dieser aufgegriffenen Theorien, die teilweise bis in die Absurdität führten, gerade weil die historische Fundierung der Theorieversatzstücke, die in den 60er Jahren aufgegriffen wurden, schlicht ignoriert wurde.“

    —– Es kommt da noch eine ganz andere Komponente dazu, ich nenne sie die antimperialistische. Die antikolionalen Befreiungskämpfe brachten neue TheoretikerInnen ins Rennen, wie Fanon, Guevara, Ben Bella, Davis, Nkrumah oder Senghaas und Wallerstein. Die Emanzipationsbewegung der „Dritten Welt“ wirkte sich auf die antiautoritäre Bewegung einerseits aus als Perspektiverweiterung, andererseits als eine Auflösung bisheriger Identifikationsmuster: Nicht mehr die im Ost-West-Konflikt fixierte Parteinahme für ein „Lager“, sondern die Perspektive der Äquidistanz-der Trikont, d.h. die revolutionären Bewegungen der Kontinente Südamerika, Afrika und Asien-rückte als Vorbild in den Mittelpunkt. Die ganze Guerrilla-Romantik der 67er und Folgenden ist nur vor dem Hintergrund verständlich, dass von einem Weltbild ausgegangen wurde, das sich sehr vergröbert so beschreiben lässt: Die westliche Arbeiterklasse ist objektiv ein Kleinbürgertum, da sie bis zum ärmsten Obdachlosen von der Ausbeutung des Trikont profitiert. Eine revolutionäre Perspektive ist damit nur als weltrevolutionär denkbar, was bedeutet, dass nur Klassenkämpfe in den armen Ländern oder Revolutionen dort eine Befreinungsperspektive aufzeigen. Die Aufgabe der revolutionären Kräfte in den Metropolen wäre es demzufolge, hauptsächlich die Aufstandsbekämpfung im Trikont zu behindern, was von Friedensbewegung bis Stadtguerrilla reichen kann. Ohne diesen Hintergrund ist das Spektrum von RAF bis Graswurzelrevolution nicht begreifbar,.

    che2001

    26. Januar 2013 at 0:10

    • Kritische Anmerkungen sind immer willkommen, ja, ich lechze danach.

      Ich gebe Dir völlig recht, hätte meinerseits da aber auch noch eine Anmerkung, um das Ganze zu präzisieren. Wobei ich sagen muß, auch das gehört erst einmal in den Stapel meiner Hypothesen, die noch genauer verifiziert werden müßten. Ich glaube, es gibt innerhalb der Entwicklung der Bewegungen einen radikalen Bruch in der Wahrnehmung der trikontinentalen Bewegungen. Und zwar betrifft dieser Bruch gerade die von Dir beschriebene Identifizierung. Für die BRD ist dieser Bruch 1967 anzunehmen, wahrscheinlich mit dem 2. Juni. Auch davor wurde natürlich der Imperialismus kritisiert, bis hin zur praktischen Agitation – die Tschombé-Demonstration vom 18. Dezember 1964 ist da ein ganz entscheidendes Datum. Und auch die Auseinandersetzungen um Vietnam wurden bereits vor diesem Bruch vehement geführt, 1966 fand in Frankfurt der erste Vietnam-Kongreß des SDS mit Marcuse als Hauptredner statt. Dieser Kongreß hatte jedoch eine ganz andere Atmosphäre und Zielsetzung als der Vietnam-Kongreß von 1968. Vor diesem Bruch wurde die Auseinandersetzung mit dem Imperialismus vor allem kritisch geführt, es ging gegen die imperialistische Einmischung der USA in Belange von Ländern, wo sie sich nicht einzumischen hatten. Dieser kritische Antiimperialismus wurde dann mit einem Schlag durch einen identifikatorischen Antiimperialismus ersetzt. Man kritisierte nicht mehr nur die US-amerikanische Massaker, sondern identifizierte sich mit den Methoden und Zielvorstellungen des Vietcong – was in der früheren Phase so nicht der Fall war.

      Diese zweite Phase des Antiimperialismus, die identifikatorische, wurde in der Tat durch Leute wie Che Guevara oder Fanon vermittelt. Die erste Phase hingegen, die des kritischen Antiimperialismus, wurde eher durch Autoren wie Baran/Sweezy mit ihrem Monopolkapital-Buch geprägt – und damit sind wir wieder bei Autoren der Zwischenkriegsgeneration. Baran und Sweezy waren beide Jahrgang 1910; und sie waren während des Weltkriegs wie Marcuse beim OSS. Mit anderen Worten: Meine Arbeitshypothese wäre, daß auch der Antiimperialismus zumindest in seiner Anfangsphase ebenfalls durch Theorien der Zwischenkriegsgeneration vermittelt war. Erst danach gewinnt das dann diese ganz anders geartete Dynamik, die Du in Deinem Kommentar korrekt beschreibst

      alterbolschewik

      26. Januar 2013 at 20:04


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