shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Archive for März 2013

Der Beginn der Eskalation

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„Though this be madness, yet there is method in’t.“

Shakespeare, Hamlet, Akt 2, Szene 2

Bereits in den letzten beiden Folgen zu Wolfgang Kraushaars Buch über die angeblichen antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus dürfte klar geworden sein, daß Kraushaar keineswegs seriös arbeitet. Von den suggerierten Zusammenhängen zwischen verschiedenen palästinensischen Terroranschlägen Anfang der 70er Jahre und den Aktivitäten der linksradikalen Münchner Szene blieb unter dem Strich nichts, aber auch gar nichts übrig. Und damit kommen wir zum letzten und entscheidenden Punkt, nämlich den Brandanschlag auf das Gebäude der Münchner Israelitischen Kultusgemeinde am 13. Februar 1970. Dieser Anschlag, bei dem sieben Menschen ums Leben kamen, war zweifellos ein antisemitisches Verbrechen. Wenn sich also tatsächlich ein Zusammenhang zwischen den Aktionen der Tupamaros München und diesem Brandanschlag herstellen ließe, dann hätte Kraushaar zweifellos recht, wenn er von den „antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus“ redet. Die Frage ist nur: Gelingt es ihm, irgendwelche Indizien – von Beweisen wollen wir gar nicht reden – zusammenzutragen, die einen solchen Zusammenhang möglich, vielleicht sogar plausibel erscheinen lassen?

Die kurze Antwort auf diese Frage ist ganz einfach: Nein. Kraushaar kann keinerlei Hinweise dafür vorbringen, die darauf hindeuten würden, daß die Tupamaros München diesen Anschlag geplant hätten. Seine einzige Quelle, die überhaupt einen Zusammenhang zwischen den Tupamaros München und dem Brandanschlag herstellt, belegt im besten Fall, daß in den Kreisen der Tupamaros möglicherweise bekannt war, wer den Anschlag verübt hat. Da es sich bei dieser Quelle um Kraushaars einziges belastbares Beweisstück handelt, soll es hier gleich am Anfang zitiert werden. Es ist eine Aussage des ehemaligen RAF-Mitglieds Gerhard Müller, der bei Vernehmungen am 13. April 1976 folgendes zu Protokoll gab:

„Bei dem Besuch der MÖLLER in Frankfurt in der Wohnung Inheidener Straße trat ich hinzu, als diese im Korridor der Wohnung mit der ENSSLIN ein Gespräch führte. Es ging dabei um den Brandanschlag auf das jüdische Altenheim in München. Aus dem Gespräch entnahm ich, daß beide wußten, wer den Anschlag durchgeführt hatte. Ich erinnere mich noch an die Bemerkung der ENSSLIN: »Diese Arschlöcher! Gut, daß diese Sache den Neo-Nazis untergeschoben wurde.« Nähere Einzelheiten über dieses Gespräch sind mir nicht mehr in Erinnerung: ich weiß lediglich noch, daß ich damals davon ausging, daß die Täter zum näheren Bekanntenkreis der MÖLLER gehörten.“ (zit. nach [1], S. 598f)

Gehen wir einmal davon aus, daß sich die Begebenheit wirklich so zutrug – die Glaubwürdigkeit Gerhard Müllers ist, wie Kraushaar selbst zugibt ([1], S. 599), nicht unumstritten – und setzen wir zudem voraus, daß Müller sich sechs Jahre nach dem Anschlag und vier Jahre nach dem Gespräch darüber noch richtig erinnert, dann belegt seine Aussage nur, daß Irmgard Möller – die 1970 zu den Tupamaros München gehört hatte – offensichtlich wußte, wer den Anschlag verübt hatte. Das heißt aber weder, daß der Anschlag von den Tupamaros verübt worden wäre, noch daß sie einen solchen Anschlag gutgeheißen hätten. Im Gegenteil: Die Bezeichnung der Attentäter als „Arschlöcher“ zeigt recht deutlich, daß eine solche Aktion keineswegs zum Gruppenkonsens des linksradikalen terroristischen Untergrunds Anfang der 70er Jahre gehörte.

Bevor ich darauf eingehe, was tatsächlich zum Gruppenkonsens gehörte und was eben nicht, sind allerdings einige grundsätzliche Bemerkungen angebracht. Wenn ich im folgenden zu zeigen versuche, daß die Aktionen der Tupamaros München keinen antisemitischen Hintergrund hatten, will ich damit keinesfalls diese Aktionen harmloser machen, als sie es waren. Es handelte sich dabei um durch nichts zu rechtfertigende terroristische Akte, bei denen die Gefährdung von Menschenleben durchaus billigend in Kauf genommen wurden; die Tatsache, daß niemand ernsthaft verletzt wurde, ist nur glücklichen Zufällen geschuldet. Und es zeugt durchaus von einer moralisch ziemlich bedenklichen Geisteshaltung, wenn das später mit Nonchalance abgetan wird, wie das die Berliner Haschrebellen Ralf Reinders und Roland Fritsch 1995 machten. In ihrem nostalgischen Erinnerungsbuch Die Bewegung 2. Juni äußern sie sich über einen der Anschläge der Tupamaros München so, als ob so etwas das Normalste von der Welt sei:

„Es gab auch einmal in München einen Anschlag auf einen Richter, wo die Bullen danach einen Toten gesucht habe. Die waren der Meinung, daß der nicht mehr leben konnte. Die Kollegen hatten dem Richter dort fünf Liter Benzin in den Keller gekippt und auch mit einem Kohlenanzünder entzündet. Die Hand war noch nicht einmal wieder am Fenster, da flog der ganze Keller schon auseinander. Aber glücklicherweise ist dem Attentäter nichts passiert, weil er hinter einem Mauervorsprung stand.“ ([2], S. 42)

Was für ein Glück aber auch, daß dem Attentäter nichts passiert ist! Ich will hier unter keinen Umständen diese Verrohung, die Anfang der 70er Jahre die Auseinandersetzung mit vermeintlichen oder tatsächlichen politischen Gegnern prägte, unter den Teppich kehren. Und es ist dringend notwendig, sich von dem Mythos zu verabschieden, die eher anarchistisch-hedonistisch ausgerichteten terroristischen Gruppen wie die Tupamaros Berlin oder München hätten im Gegensatz etwa zur RAF eine irgendwie akzeptable Form militanten „Widerstandes“ repräsentiert. Tatsächlich ging es auch bei diesen Gruppen von Anfang an und völlig sinnloserweise immer um Leben und Tod, wurde eine Eskalation der Gewalt vorangetrieben, die einen fassungslos zurückläßt.

Dennoch ist es – und sei es nur im Dienste der historischen Wahrheit – wichtig, Kraushaars Antisemitismus-Vorwürfe als unbegründet zurückzuweisen. Der deutsche Terrorismus in der Folge von 68 wurzelt eben nicht im Antisemitismus (auch wenn er schnell einen antisemitischen Seitentrieb ausbildete). Kraushaar macht es sich viel zu einfach. Denn selbst wenn der Antisemitismus-Vorwurf zuträfe, erklärte er nichts. Er ist eine ahistorische Pseudoerklärung, ein MacGuffin, der einem die Arbeit abnehmen soll, Aktionen wie die der Tupamaros München tatsächlich in ihrem historischen Kontext zu begreifen.

Und dieser Kontext ist bei den Aktionen der Tupamaros München mit Händen zu greifen, man muß sich nur die Anschlagsziele der Jahre 1969 und 1970 anschauen: Bei den Zielen der ganzen Angriffe handelte es sich so gut wie immer um Polizei und Justiz (die Ausnahmen werden noch thematisiert werden).

Tatsächlich gehörte der staatliche Repressionsapparat von Anfang an zu den propagandistisch wirkungsvollsten Angriffszielen der außerparlamentarischen Opposition. Das hatte zunächst als provokative Bloßstellung begonnen: Die frühen Auseinandersetzungen der Berliner Kommune I mit Polizei und Justiz hatten einen anarchistischen Witz, der die Autoritäten schwach und hilflos erscheinen ließen. So hatte die Blamage der Berliner Polizei und Justiz angesichts des Puddingattentats der APO und insbesondere der Kommune I 1967 einen Propagandaerfolg sondergleichen beschert. Ähnlich öffentlichkeitswirksam verliefen die in Freisprüchen endenden Prozesse anläßlich einiger satirischer Flugblätter, in denen ein (echter) Kaufhausbrand in Brüssel als Aktion von Vietnam-Aktivisten fingiert wurde, die den saturierten Bürgern ein authentisches Vietnam-Gefühl nahebringen wollten. Indem sie Polizei und Justiz der Lächerlichkeit preisgaben, war es der Kommune I gelungen, Sympathien weit außerhalb der Gruppe der eigentlichen Aktivisten zu wecken.

Doch diese Art der öffentlichkeitswirksamen Provokation hatte sich Ende 1969, Anfang 1970 totgelaufen. Statt sich im Licht der Medien sonnen zu können, wurden immer mehr Genossen tatsächlich zu empfindlichen Strafen verurteilt. Ein besonders krasser Fall war der des Münchner Aktivisten Reinhard Wetter. Dieser war wegen einiger Lappalien zu acht Monaten Gefängnis verurteilt worden. Um Solidaritätsaktionen zu vermeiden, sollte Wetter seine Strafe nicht in München, sondern in der fränkischen Pampa verbüßen – in Ebrach. Das bot dann dem militanten Untergrund, der sich gerade zu formieren begann, den Anlaß, im Sommer 1969 zu einer Roten Knastwoche in Ebrach aufzurufen. Dort traf sich dann praktisch alles, was später im deutschen Linksterrorismus Rang und Namen haben sollte.

Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn es hier um das Knastcamp und seine Folgen geht. Und im Gegensatz zu den Besuchern des Knastcamps müssen Sie gar nicht so viel mitbringen, denn diese wurden aufgefordert:

„MITBRINGEN: farbe, papierrollen, handabzugsmaschinen, musikinstrumente, kinder, kleinere zelte, DECKEN, SCHLAFSÄCKE, LUFTMATRATZEN, streichhölzer, kamera, filme, pinsel, proviant, hasch, streichhölzer, trips, wasserfeste kleidung für waldspaziergänge, ölfarbe, plakafarbe, fotoapparate, tonbandgeräte, steinschleudern, granatwerfer, viel farbe, ärzte, verbandszeug, wassereimer, KOCHTÖPFE, messer, häftlingskleidung (blaue arbeitshose- und jacke), bereitschaftspolizeiuniform, saugpostpapier, richterroben, streichhölzer, spraydosen, knaller, megaphone, lautsprecheranlage (von den frankfurtern), busse, sportgeräte (bälle), undsoweiter“ ([3], S. 8)

Nachweise

[1] Kraushaar, W., »Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?« München 1970: Über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus, Reinbek 2013.

[2] Reinders, R. & Fritsch, R., Die Bewegung 2. Juni. Gespräche über Haschrebellen, Lorenz-Entführung, Knast, Berlin 4. Auflage 2003.

[3] Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen, „Kommt zur Roten Knastwoche nach Ebrach!“, in: agit883, Jg.1 (1969), Nr.22 (10. Juli 1969), S.8.

Written by alterbolschewik

29. März 2013 at 18:00

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Roma

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Langsam wird das hier ziemlich schlampig. Diese Woche gibt es schon wieder keinen Text. Und die Entschuldigung dafür ist ziemlich lahm: Ich bin im Urlaub. Ich hatte zwar gedacht, daß ich hier in Rom immer mal wieder Zeit (und Lust) hätte, ein paar Zeilen in den Laptop zu hacken. Doch dieses Bedürfnis stellte sich leider nicht ein – und so habe ich Kraushaars fetten Wälzer völlig umsonst nach Italien mitgeschleppt.

Zum Ausgleich gibt es zwei Bilder aus dem Palazzo Barberini. Nicht nur ist es heute möglich, endlich einmal den alten Bolschewiken in voller Größe und en face kennenzulernen. Zudem können auch diejenigen, die schon immer einmal die Hand sehen wollten, die die Texte hier im Blog verfaßt, den (leider gescheiterten) Versuch bewundern, dem versteinerte Wappentier der Barberini Leben einzuhauchen.

Written by alterbolschewik

22. März 2013 at 17:20

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Die „Sprengung“ der Olympiade

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„Auf der Olympiade passiert was.“

Georg von Rauch, 1970

Letzten Montag hatte ich dargestellt, daß Wolfgang Kraushaar in seinem Buch über die angeblichen antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus versucht, sechs unterschiedliche terroristische Akte zwischen 1969 und 1972 in einen Zusammenhang zu bringen. Drei davon sind palästinenischen Gruppen zuzuschreiben: Versuchte Flugzeugentführungen die auf das Konto der AOLP gingen, Bombenanschläge auf Flugzeuge durch die PFLP und die Geiselnahme israelischer Sportler bei der Olympiade 1972 durch die Gruppe Schwarzer September. Nicht von palästinensischen Organisationen zu verantworten sind der Brandanschlag auf das Haus des Münchener Oberstaatsanwaltes Lossos, der von durchreisenden Berliner Linkradikalen verübt wurde, und die „Frühjahrsoffensive“ der Tupamaros München, eine Serie von Brand- und Bombenanschlägen die sich gegen Gebäude und Personen der Münchner Polizei und Justiz richteten. Und schließlich ist da noch der ungeklärte Brandanschlag auf das Altenheim der Israelitischen Gemeinde München.

Wenn Kraushaar recht hätte, dann hingen diese Terrorakte eng miteinander zusammen. Doch die einzige wirkliche Klammer, die Kraushaar anzubieten hat, ist ein gewisser örtlicher Zusammenhang – München. Wobei ich bereits gezeigt habe, daß die Angriffe der AOLP und der PFLP auf den Flugverkehr nur in einen sehr losen Zusammenhang mit der Stadt München und in keinem Zusammenhang mit der Münchener linksradikalen Szene standen. Mehr als eine zeitliche Koinzidenz mit den ersten Anschlägen der Tupamaros München und dem Brandanschlag auf das Altenheim kann selbst Kraushaar nicht behaupten.

Anders sieht es mit der Geiselnahme während der Olympiade aus; hier versucht er tatsächlich, einen realen Zusammenhang zwischen der Geiselnahme der israelischen Sportler und Aktivitäten der Münchener Szene herzustellen. Tatsächlich war die Münchener Olympiade ein Ereignis, das dort schon sehr frühzeitig thematisiert wurde.

Bereits während der Olympiade von 1968 in Mexico City wurde in München ein Komitee zur Verhinderung der Olympischen Spiele von 1972 gegründet. Unmittelbarer Anlaß war ein Massaker der mexikanischen Armee an friedlichen Demonstranten im Vorfeld der Spiele von 1968. Um ein Maximum an publizistischer Aufmerksamkeit für die Gründung dieses Komitees zu bekommen, wurde eine Sprengung des Olympia-Turms angekündigt ([3], S. 476ff). Die ca. 30 erschienen Aktivisten fuhren allerdings nur mit dem Fahrstuhl in das Restaurant des im Frühjahr eröffneten Turmes. Dort erklärten sie die Gründung ihres Komitees mit den Worten:

„Wir lassen es nicht zu, dass man Leistungsfanatiker und Sportidioten pauschal als die Jugend der Welt bezeichnet“ ([1])

Ein Poster, das Fritz Teufel in langer Unterhose und dekorativ antikisierenden Sandalen zeigt „geht weg wir warme Semmeln“ ([1]). Doch was jedem denkenden Menschen direkt ist Auge fällt, der ironisch-spielerische Gestus des Ganzen, wird von Kraushaar in Frage gestellt:

„Mit seinem antiautoritären Gestus kam Teufel jedenfalls bei vielen jungen Leuten an. Er schien sich – nach dem Motto provokativ, aber harmlos – ganz treu geblieben zu sein. Die Lacher hatte er schon immer auf seiner Seite.
Doch eines seiner Hauptanliegen dürfte bereits zu dieser Zeit darin bestanden haben, die in München bevorstehenden Olympischen Spiele umzufunktionieren oder gar in einem keineswegs nur übertragenen Sinne zu sprengen.“ ([3], S. 483f)

Um dieses ahnungsvolle Geraune zu begründen, beruft sich Kraushaar auf zwei Interviews, die Teufel Anfang 1970 gab, und zwar dem WDR und der Münchener Abendzeitung. Dort soll er Kraushaar zufolge erklärt haben, daß es seine Absicht sei, die Olympischen Spiele zu verhindern ([3], S. 339). Außerdem überraschte er den Interviewer des WDRs damit, daß er die Erwartung zum Ausdruck brachte, daß er wohl noch mehrere Jahre im Gefängnis verbringen werde. Dieser hakte nach:

„Aber warum glauben Sie, daß Sie noch mehrere Jahre im Gefängnis verbringen werden?
Wahrscheinlich nicht wegen der Sachen, die man mir bis jetzt anhängt, sondern wegen der Sachen, die in Zukunft laufen werden.
Zum Beispiel?
Darüber möchte ich jetzt wenig sagen.“ (Monitor, 16. Februar 1970)

Damit bezieht sich Teufel sicherlich nicht auf die Olympiade, sondern auf die geplanten Anschläge während der kurz bevorstehenden „Frühjahrsoffensive“ der Tupamaros München. Daß er mehr als zweieinhalb Jahre vor der Olympiade irgendwelche konkreten Planungen für militante Aktionen während des Sportereignisses gehabt hätte, erscheint recht unwahrscheinlich.

Ebenso unwahrscheinlich ist es, daß hinter einer noch älteren Bemerkung Georg von Rauchs konkrete Pläne zu vermuten sind. Dieser hatte während der Reise nach Jordanin im August 1969, also mehr als drei Jahre vor der Olympiade, geschrieben:

„unser spätester Rückkehr-Termin ist die Olympiade 72 in München“ (zit. nach [3], S. 486)

Daraus läßt sich bestenfalls ableiten, daß wahrscheinlich vage irgendwelche Aktionen zur Olympiade ins Auge gefaßt worden waren. Tatsächlich phantasierte sich von Rauch dann im Frühjahr 1970, während er in Untersuchungshaft saß, eine Aktion während der Olympiade zusammen und brachte diese zu Papier:

„Bei der Fahnenhissung fallen die ersten Schüsse. Wenn die Polizei schießt, schießen wir zurück. Wir haben alle Waffen. […] Nach dem Sturm auf das Olympiadorf herrscht Chaos in der Stadt. Überall werden neue Kommunen gebildet.“ (zit. nach [3], S. 488f)

Diese Knastphantasie belegt zweierlei: Zum einen, daß von Rauch mindestens so durchgeknallt war wie Kunzelmann. Und zum anderen, aufgrund des völlig phantastischen Szenarios (der Höhepunkt ist dann die Sprengung amerikanischer Kriegsschiffe in deutschen Häfen), daß es gerade keine konkreten Pläne für die Olympiade gab. Was Kraushaar aber nicht daran hindert, trotzdem eine Linie von Teufel über Georg von Rauch zu Kunzelmann zur PLO zu konstruieren:

„Denkbar ist überdies, dass Kunzelmann den Palästinensern überhaupt den Anstoß vermittelt hat, sich mit dem Großthema Olympia 1972 zu befassen.“ ([3], S. 488)

Klar, die PLO brauchte Kunzelmann, um auf die Idee zu kommen, israelische Sportler während der Olympischen Spiele als Geiseln zu nehmen. Selbst die wohlwollende Besprechung von Kraushaars Buch in der FAZ merkt an:

„Dass Dieter Kunzelmann den Palästinensern überhaupt erst den Gedanken eines Überfalls auf die Olympischen Spiele eingeflüstert haben könnte, wie Kraushaar es nahelegen will, überzeugt am Ende wenig. Jedenfalls dürften die PLO, al Fatah, die PFLP und wie ihre Ableger noch hießen, auf das Motiv der linksalternativen deutschen Olympia-Kritik »Ablehnung des Leistungsdrucks« – nur mit einem Lächeln reagiert haben.“ ([2])

In der realen Welt besorgten sich die palästinensischen Geiselnehmer dann Unterstützung aus einer ganz anderen Ecke – nicht bei Linksradikalen, sondern bei Neonazis ([4]). Und das ist im Gegensatz zu Kraushaars Konstruktionen keine Spekulation. Doch für Kraushaar ist dieses Detail noch nicht einmal der Erwähnung wert.

Damit sollte deutlich geworden sein, daß es Kraushaar trotz aller Bemühungen nicht gelingt, den dritten von ihm thematisierte Terrorakt der Palästinenser in einen wie auch immer gearteten Zusammenhang mit den Tupamaros München zu bringen. Um es auf den Punkt zu bringen: Er hat er überhaupt nichts in der Hand, was die Tupamaros München mit der mehr als dubiosen Palästina-„Solidarität“, wie sie etwa Kunzelmann in Berlin propagierte, in Verbindung brächte.

Und doch sollen, wenn man Kraushaar glauben will, die Tupamaros München ein jüdisches Altenheim angesteckt und den Tod von sieben Menschen verursacht haben. Schauen wir also nächste Woche zu, ob Kraushaar wirklich über Argumente und Quellen verfügt, mit denen er die folgende Behauptung stützen kann:

„Der Brandanschlag trägt jedenfalls die Handschrift der ersten in der Bundesrepublik gegründeten terroristischen Gruppierung.“ ([3], S. 16)

Nachweise

[1] Gerstenberg, G.: „Flusslandschaft 1968: Alternative Szene“, URL: http://protest-muenchen.sub-bavaria.de/artikel/357, abgerufen am 15. März 2013.

[2] FAZ, 21. Februar 2013: „Doch wo sind die Brandstifter geblieben?“ (Jäger, L.).

[3] Kraushaar, W., »Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?« München 1970: Über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus, Reinbek 2013.

[4] Redaktioneller Beitrag, „Olympia-Attentat 1972 – Palästinensische Terroristen kooperierten mit deutschen Neonazis“, in: Der Spiegel, Jg.66 (2012).

Written by alterbolschewik

15. März 2013 at 18:43

Antisemitische Wurzeln des deutschen Terrorismus?

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„Man übertreibt nicht, wenn man Kraushaars Buch epische Qualitäten zuspricht.“

Lorenz Jäger in der FAZ vom 21. Februar 2013

Es gibt einiges, wofür ich mich entschuldigen muß. Zum einen gibt es, aus aktuellem Anlaß, einen Themenwechsel hier im Blog – die Serie zur Ästhetischen Theorie Marcuses wird kurzfristig unterbrochen. Zum anderen muß ich mich dafür entschuldigen, daß ich drei Tage zu spät bin. Das eine hat allerdings mit dem anderen zu tun, denn der Grund für die Verspätung liegt am Gegenstand für den Themenwechsel. Dieser hat nämlich 875 Seiten, die erst einmal gelesen sein wollten. Es handelt sich dabei um Wolfgang Kraushaars eben erschienenes Buch, das ein Zitat von Dieter Kunzelmann als Titel trägt: »Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?«. Und im Untertitel wird marktschreierisch angekündigt, worum es in dem Buch angeblich gehe, nämlich um „die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus“.

Um es gleich von vornherein zu sagen: Der Untertitel ist ein ziemlicher Etikettenschwindel. Von den rund 700 Textseiten (der Rest besteht aus Anmerkungen, Kurzbiographien, eine Chronologie und zwei Registern) beschäftigen sich noch nicht einmal ein Viertel mit den „Wurzeln des deutschen Terrorismus“. Über drei Viertel des Buches haben ausschließlich den palästinensischen Terror der frühen 70er Jahre zum Thema. Doch nicht nur das: Das klägliche knappe Viertel des Buches, das sich mit dem „deutschen Terrorismus“ abgibt, ist auch noch teilweise wortwörtlich aus Kraushaars Buch Die Bombe im jüdischen Gemeindehaus von 2005 kopiert – nicht referiert, paraphrasiert, nein: einfach kopiert (vgl. etwa [2], S.332ff mit [1], 127ff). Allzu viel Neues über „die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus“ bekommt man also für seine 35€ nicht geboten.

Doch das ist nicht das einzige Manko dieses Wälzers. Hinzu kommen eklatante handwerkliche Mängel, die noch zu thematisieren sein werden. Der schwerste Vorwurf ist allerdings inhaltlicher Art. Kraushaar stellt nämlich die schwerwiegende These auf, daß deutsche Linksradikale, die Tupamaros München, am abscheulichsten antisemitischen Anschlag, den es je in der Geschichte der BRD gegeben hat, beteiligt gewesen seien. Auf ihr Konto gehe der Brandanschlag auf ein jüdisches Altenheim im Jahr 1970, bei dem sieben Überlebende der Shoah ums Leben gekommen sind. Die Belege, die Kraushaar dafür hat, sind allerdings mehr als dürftig, was er dadurch zu kaschieren versucht, daß er ein Feuerwerk von unendlich vielen Detailinformationen abbrennt, bis der Leser überhaupt nicht mehr weiß, wo ihm eigentlich der Kopf steht.

Das Buch handelt von einer Anschlagswelle palästinensischer Terroristen in der BRD im Jahr 1970, außerdem von einen ungeklärten Brandanschlag auf das Gebäude der Münchner Israelistischen Kultusgemeinde, bei dem sieben Menschen starben. Zudem geht es um eine Anschlagserie einer linksradikalen Gruppe, die sich Tupamaros München nennt. Und um die Geiselname einer palästinensischen Gruppe namens Schwarzer September während der Olympischen Spiele 1972 in München. Verwirrend? In der Tat, und Kraushaars Buch macht die Sache nicht weniger verwirrend. Ständig springt er von einem Thema zum anderen, hält keinerlei Chronologie ein, und erzeugt eine Konfusion, daß man am Ende überhaupt nicht mehr weiß, was denn wann überhaupt wo und wie passiert ist. Es empfiehlt sich deshalb, erst einmal die Handlungsstränge auseinanderzudividieren, die Kraushaar absichtsvoll ineinander verschlingt.

Kraushaars Geschichte beginnt im Sommer 1969. Zwischen dem 15. und dem 19. Juli fand im Ebrach, einem Städtchen zwischen Bamberg und Würzburg, ein „Knast-Camp“ statt. Anlaß dafür war, daß in der Justizvollzugsanstalt Ebrach der Münchner APO-Aktivist Reinhard Wetter einsaß, der wegen einiger lächerlichen Kleinigkeiten zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden war ([2], S. 320). Das Knastcamp, zu dem Leute aus München, Frankfurt, Hamburg und West-Berlin anreisten, erwies sich als ziemlicher Fehlschlag ([2], S. 330f). Eine Berliner Gruppe um Dieter Kunzelmann und Georg von Rauch fuhr in der Folge nach Jordanien, verübten vorher aber noch in München einen Molotow-Cocktail-Anschlag auf das Haus des Münchner Oberstaatsanwaltes Lossos. In Jordanien besuchten sie ein Camp der palästinenischen Guerillaorganisation Fatah, wo sie auch einmal ein bißchen mit Waffen herumspielen durften. Das ist der erste und spätestens aus Kraushaars Buch über die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus bekannte Handlungsstrang.

Beim zweiten Handlungsstrang handelt es sich um Kommandoaktionen einer palästinensischen Splittergruppe namens AOLP (Action Organisation for the Liberation of Palestine). Eine versuchte Flugzeugentführung auf dem Münchner Flughafen schlug am 10. Februar 1970 mit fatalen Folgen fehl, es waren ein Toter und mehrere Schwerverletzt zu beklagen ([2], S. 37ff); ein anderes Kommando der AOLP konnte eine Woche später auf dem Münchner Flughafen ohne Blutvergießen unschädlich gemacht werden ([2], S. 150ff).

Das dritte Ereignis fällt zwischen die beiden Kommandoaktion der AOLP. Am 13. Februar 1970 wurde auf das Gebäude der Israelitischen Kultusgemeinde München, das auch als Altenheim diente, ein Brandanschlag verübt ([2], S. 86ff). Der oder die Täter tränkten das gesamte Treppenhaus mit Benzin und zünden es an. Das Haus wurde zur Todesfalle für sieben Personen, die noch wenige Jahre zuvor der Vernichtung durch die Nationalsozialisten entkommen waren.

Der vierten Block springt wieder zurück zu den Palästinensern. Es handelt sich um zwei Anschläge der PFLP-GC (Popular Front for the Liberation of Palestine – General Command) am 21. Februar 1970. Mittels Paketbomben, deren Zünder mit Höhenmessern gekoppelt waren, sollten wohl zwei Flugzeuge der israelischen Fluggesellschaft El-Al zum Absturz gebracht werden. Die Pakete wurden aber auf Maschinen von Austrian Airlines bzw. Swissair umgeladen; das erste, von Frankfurt startende Flugzeug konnte nach der Explosion notlanden, ohne daß jemand verletzt wurde ([2], S. 169ff), das zweite hingegen, das von Zürich aus startete, stürzte ab und riß 47 Menschen in den Tod ([2], S. 173ff).

Zwei Tage darauf begann die „Frühjahrsoffensive“ der linksradikalen Terrorgruppe „Tupamaros München“. Am 23. Februar 1970 wurde mit Molotow-Cocktails ein Anschlag auf das Haus des Münchner Amtsgerichtsrates Weitl verübt, nachdem bereits am 31. Januar zwei Scheiben eingeworfen worden waren ([2], S. 166f). Gut zwei Wochen später wurden dann im Amtsgericht München zwei Brandsätze gefunden, deren Zünder sich jedoch als nicht funktionstüchtig herausstellten ([2], S. 167). Am 25. Mai wurden zwei Molotowcocktails gegen das Gebäude des Bayerischen Landeskriminalamtes geschleudert ([2], S. 368), was dann dem untergetauchten Fritz Teufel angelastet wurde, als dieser am 12. Juni verhaftet wurde ([2], S. 368). In der Folge kam es zu diversen Anschlägen, die als „Unterstützung“ für Fritz Teufel gedacht waren. Diese Anschlagsserie zog sich bis weit in das Jahr 1971 hinein.

Schließlich, und das ist er letzte Block terroristischer Aktivitäten, nahm ein palästinensisches Kommando, das sich Schwarzer September nannte und wohl der Fatah zuzuordnen war, während der olympischen Spiele 1972 israelische Sportler als Geiseln. Zwei der Israelis wurden sofort erschossen, als sie sich zur Wehr setzten, die restlichen Geiseln kamen bei einer dilettantischen Befreiungsaktion der Bayerischen Polizei ums Leben.

Soweit also diese kurze Zusammenstellung der terroristischen Aktivitäten, die Kraushaar in seinem Buch thematisiert: Ein Brandanschlag deutscher Linksradikaler im Zusammenhang einer Justizkampagne im Sommer 1969, zwei versuchte Flugzeugentführungen der AOLP, ein Brandanschlag unbekannter Täter auf ein jüdisches Altenheim, zwei Bombenanschläge der PFLP-GC auf Flugzeuge mit dem Ziel Israel, eine Serie von vor allem gegen die Justiz gerichteten Brand- und Bombenanschlägen der Tupamaros München und schließlich eine Geiselnahme während der Olympischen Spiele 1972.

Die spannende Frage ist nun: Was haben diese Terrorakte miteinander zu tun? Wenn man Kraushaars Suggestionen folgen will, dann hängt alles mit allem zusammen. Sucht man allerdings nach tatsächlichen Verbindungen, dann wird es außerordentlich dünn. Die Bombenanschläge der PFLP-GC kann man gleich streichen: Der Zusammenhang mit München ist fadenscheinig, die eigentliche Basis der Attentäter ist Frankfurt. Auch die Entführungsversuche der AOLP haben mit München nur so viel zu tun, daß sie im Transit auf dem Münchner Flughafen stattfanden. Irgendwelche Zusammenhänge mit der linksradikalen Szene in München behauptet noch nicht einmal Kraushaar. Diese beiden Themenkomplexe können also getrost vernachlässigt werden – und damit mindestens die Hälfte des Buches.

Bleibt also zunächst die Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen der Geiselnahme des Schwarzen Septembers während der Olympiade und den Aktivitäten der Tupamaros München gibt, was Kraushaar suggeriert. Und dann stellt sich noch die andere, schwerwiegendere Frage: Ist der Brandanschlag auf das jüdische Altenheim Teil der von den Tupamaros München verübten Brand- und Bombenanschläge zwischen 1969 und 1971? Denn genau das ist die verwegene Behauptung Wolfgang Kraushaars. Schauen wir also am nächsten Freitag genauer zu, was von folgender Behauptung zu halten ist:

„Es spricht vieles dafür, dass das gruppeninterne Wissen der Münchner Tupamaros nicht nach außen weitergegeben worden ist. Das dürfte bis auf den heutigen Tag immer noch zu gefährlich sein. Das Risiko, wegen Mitwisser- oder Mittäterschaft in einem Mordfall mit siebenfacher Todesfolge angeklagt zu werden, war und ist zu hoch. Vermutlich ist es das größte Geheimnis, das sie für sich bewahrt haben.“ ([2], S. 689)

Nachweise

[1] Kraushaar, W., Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus, Hamburg 2005.

[2] Kraushaar, W., »Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?« München 1970: Über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus, Reinbek 2013.

Written by alterbolschewik

11. März 2013 at 17:01

Hinweis…

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für die treuen Leserinnen und Leser: Der Blogtext für diese Woche verzögert sich und wird Sonntag oder Montag erscheinen.

Written by alterbolschewik

8. März 2013 at 14:04

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

Ästhetische Theorie, Teil 8: Politisierung der Kunst

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„Das radikale Potential der Kunst kann nicht popularisiert werden, solange es den repressiven und aggressiven Bedürfnissen, die den Massen durch die Gesellschaft eingepflanzt werden, entgegensteht.“

Herbert Marcuse

Nach dem langen Exkurs zu den ästhetischen Auseinandersetzungen der 30er Jahre kehren wir wieder zurück zu den antiautoritären Bewegungen. Oder genauer: Was aus ihnen wurde, als sie in die Krise gerieten. Denn Marcuses erneute Auseinandersetzung mit Kunst und ihrer möglichen gesellschaftlichen Bedeutung fiel in die Zeit, als der Aufbruch der späten 60er Jahre in eine Sackgasse geraten war. Was ursprünglich durchaus heterogen, aber doch von einem weitgehenden gemeinsamen Selbstverständnis getragen war, zerfiel Anfang der 70er Jahren in eine Vielzahl divergierender Fraktionen. Es gab natürlich eine ganz Menge unterschiedlichster Spaltungslinien, doch die mir wesentlich erscheinende ist die zwischen antiautoritären und autoritären Gruppen.

Bislang hatte ich hier in diesem Blog penetrant von den „antiautoritären Bewegungen“ der 60er Jahre gesprochen, wenn von dem die Rede war, was gemeinhin fälschlich als „Studentenbewegung“ oder „68er-Bewegung“ bezeichnet wird. Ich denke, das trifft den Aufbruch ziemlich gut, obwohl natürlich auch schon in der Inkubationsphase der Bewegungen autoritäre Gruppen nicht unbeteiligt waren. So gab es im SDS einen nicht zu vernachlässigenden Flügel von „Traditionalisten“ – Anhänger der seit 1956 verbotenen KPD, die dort Unterschlupf gesucht hatten. Zur gleichen Zeit versuchten Trotzkisten, in SPD und Gewerkschaften Einfluß zu gewinnen. Doch all das hatte alles keine wirkliche gesellschaftliche Relevanz.

Während der Jahre der antiautoritäre Revolte, zwischen 1966 und 1969 spielten diese am Autoritarismus des leninistischen Parteimodells orientierten Gruppen keine nennenswerte Rolle – und wenn doch, dann höchstens so unrühmliche, wie die, den Einmarsch der sowjetischen Truppen in der Tschechoslowakei zu verteidigen. Doch als die Bewegungen 1969 zu stagnieren begannen, die ersten Anfangserfolge – die vor allem Aufmerksamkeitserfolge waren – nicht wiederholt werden konnten, wurde es notwendig, neue Strategien zu entwickeln. Oder besser: Überhaupt eine Strategie zu entwickeln, denn die bisherigen Erfolge verdankten sich ja nicht einer ausgeklügelten Strategie, sondern eher spontaner Eigendynamik.

Und in dieser Phase der Stagnation begannen autoritäre Modelle auf einmal eine ungesunde Attraktivität zu entwickeln. Im September 1968 wurde die verbotene KPD als DKP neu gegründet, im Dezember folgte dann mit der KPD/ML die erste einer Reihe von maoistischen K-Gruppen. Die Trotzkisten ließen sich auch nicht lumpen und organisierten sich als deutsche Sektion der lächerlichen „IV. Internationale“ unter dem Namen GIM. Und die Ironie der Geschichte wollte es, daß gerade diese orthodox marxistisch-leninistischen Gruppen zum Auffangbecken für Leute wurden, die sich in den Turbulenzen der anti-autoritären Bewegungen politisiert hatten.

Der Grund, warum ein solcher anachronistischer Unfug überhaupt plausibel scheinen konnte, waren die Septemberstreiks im Jahr 1969: Offensichtlich war die Arbeiterklasse doch nicht ganz so integriert, wie das noch ein, zwei Jahre zuvor den Anschein hatte. Daraus wurden dann aber völlig übereilt falsche Schlüsse gezogen, die von den Antiautoritären zurecht kritisiert wurden. Dutschke etwa äußerte sich damals Marcuse gegenüber sehr ungnädig über diejenigen,

„die meinen, die »neue Erscheinung der illegalen Streiks der Arbeiter« erfordere den unmittelbaren Aufbau einer typischen »bolschewistischen Kaderpartei«, um dem immer stärker werdenden Repressionsapparat des kapitalistischen Staates entgegentreten zu können. Die weiterhin subversive Seite universitären Lebens, Denkens und Handelns wird in den meisten dieser Freunde immer mehr abgetan als »kleinbürgerlicher Rest«. Ihre Unfähigkeit der subversiven Vermassung des universitär-gesellschaftlichen Widerspruchs ersetzen sie durch »bolschewistische Kaderpartei«, – so gerät das wohl nur zu richtige Moment des Aufbaus einer festen und variierenden Organisation gegen den noch immer wachsenden autoritären Staatsapparat in eine äußerst widersprüchliche Richtung.“ ([2], S. 199)

Doch ungeachtet des offenkundigen Anachronismus, den eine solche Art „revolutionärer“ Parteipolitik darstellte, strahlten diese Organisationen zeitweise durchaus eine gewissen Attraktivität aus. Die selbstgewählte Unterwerfung unter eine Parteilinie schien manchen offensichtlich masochistische Befriedigung zu verschaffen. Und zwar nicht nur orientierungslosen Jugendlichen, sondern erstaunlicherweise auch gehäuft in Künstlerkreisen. Besonders anfällig waren offenkundig Chansonniers, die sich dann irgendwann Liedermacher nannten, wohl um den handwerklichen Charakter ihres Tuns zu betonen und damit Verbundenheit zur Arbeiterklasse zu demonstrieren. Aber auch eine ganze Menge Literaten ließen sich auf einen Flirt mit autoritären Gruppen ein (Rockmusiker hingegen blieben weitgehend immun, wenn man einmal von solchen Unsäglichkeiten wie Floh de Cologne absieht).

Natürlich waren es nicht nur Masochismus und Dummheit, die zur Hinwendung an doktrinäre politische Gruppen führten. Tatsächlich standen Künstler, von denen viele mit den antiautoritären Bewegungen sympathisierten, unter ziemlichem politischen Druck. Walter Moßmann etwa berichtet über das Waldeck-Festival von 1968, als dort eine „Basisgruppe Waldeck“ mit der Forderung „Stellt die Gitarren in die Ecke und diskutiert!“ auftauchte:

„Nun brauchte man mich 1968 nicht aufzufordern, zu diskutieren, im Gegenteil, meine Freunde mussten mich gelegentlich stoppen, weil mein Diskussionseifer sowohl unerträglich als auch unergiebig war. Und wo und wann ich meine Gitarre hinzustellen habe, das wollte ich mir auch nicht sagen lassen. Das Flugblatt der Basisgruppe Waldeck geht weiter: »Das Waldeck-Festival hat keine politische Bedeutung mehr. Es hat sich zu einer Tagung für singende Fachidioten entwickelt. Sänger werden bei revolutionären Aktionen nicht mehr benötigt.« Ich glaube, das Wort »benötigt« hat mich am meisten aufgebracht. Da bläst sich ein Provinzpädagoge zum Kulturkommissar auf und dekretiert mit einem spitzlippigen »ö«, was benötigt wird und was nicht. Mag sein, dass der Unmusikalische keine Lieder benötigt. Ich benötige.“ ([3], S. 105)

Natürlich ist eine solche Aktion typisch für Zeiten, in denen Bewegungen stagnieren. Eine Gruppe spitzt die allgemein akzeptierten Forderungen so zu, daß sie absurd werden und tritt damit als Speerspitze der Bewegung auf, indem sie dort einen scheinbaren Konflikt provoziert, wo sie offene Türen einrennt. Denn natürlich funktionieren derartige Aktionen nur in einem Umfeld, wo die Forderungen der Störenfriede prinzipiell anerkannt sind; andernortes würde man sie einfach hochkant rauswerfen. Tatsächlich wurde die allgemeine Forderung, Kunst müsse sich aktiv in die aktuellen politischen Auseinandersetzungen einbringen, in Künstlerkreisen weitgehend geteilt.

Die Frage war nur, wie sollte Kunst politisch praktisch werden? Die Forderung der „Basisgruppe Waldeck“, einfach mit der Kunst aufzuhören und stattdessen zu diskutieren, war natürlich absurd. Doch auf die grundsätzliche Forderung, Kunst als politisches Kampfmittel einzusetzen, konnte man sich durchaus einigen. Die Frage war nur: Wie? Wie sollte man die Politisierung der Massen, die bislang quasi naturwüchsig vor sich gegangen war, mit Mitteln der Kunst weiter vorantreiben? Genau diese Frage wurde Anfang der 70er Jahre vehement gestellt.

Und um das Ergebnis vorwegzunehmen: Das Niveau der Diskussion war über weite Strecken absolut unterirdisch. Wir werden deshalb nächste Woche ein Schlammbad nehmen und uns in Diskussionszusammenhänge begeben, in denen der folgende Schwachsinn als Argument vorgetragen werden konnte:

„Der Formalismus in der Literaturbetrachtung führt nicht zu Untersuchungsergebnissen, die die kapitalistische Ordnung von Staat und Gesellschaft in Frage stellen. Sein Zweck besteht vielmehr darin, Instrument des bürgerlichen Klasseninteresses in der Bekämpfung der marxistischen Literaturtheorie zu sein.“ ([1], S. 164)

Nachweise

[1] Autorenkollektiv sozialistischer Literaturwissenschaftler Westberlin, Zum Verhältnis von Ökonomie, Politik und Literatur im Klassenkampf, Berlin 1971.

[2] Brief von Rudi Dutschke an Herbert Marcuse vom 1. Januar 1970 in: Marcuse, H., Nachgelassene Schriften, Bd.4, Springe 1999ff, S. 198 – 201.

[3] Moßmann, W., realistisch sein: das unmögliche verlangen, Berlin 2009.

Written by alterbolschewik

1. März 2013 at 17:29

Veröffentlicht in Ästhetik, Herbert Marcuse