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Ästhetische Theorie, Teil 8: Politisierung der Kunst

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„Das radikale Potential der Kunst kann nicht popularisiert werden, solange es den repressiven und aggressiven Bedürfnissen, die den Massen durch die Gesellschaft eingepflanzt werden, entgegensteht.“

Herbert Marcuse

Nach dem langen Exkurs zu den ästhetischen Auseinandersetzungen der 30er Jahre kehren wir wieder zurück zu den antiautoritären Bewegungen. Oder genauer: Was aus ihnen wurde, als sie in die Krise gerieten. Denn Marcuses erneute Auseinandersetzung mit Kunst und ihrer möglichen gesellschaftlichen Bedeutung fiel in die Zeit, als der Aufbruch der späten 60er Jahre in eine Sackgasse geraten war. Was ursprünglich durchaus heterogen, aber doch von einem weitgehenden gemeinsamen Selbstverständnis getragen war, zerfiel Anfang der 70er Jahren in eine Vielzahl divergierender Fraktionen. Es gab natürlich eine ganz Menge unterschiedlichster Spaltungslinien, doch die mir wesentlich erscheinende ist die zwischen antiautoritären und autoritären Gruppen.

Bislang hatte ich hier in diesem Blog penetrant von den „antiautoritären Bewegungen“ der 60er Jahre gesprochen, wenn von dem die Rede war, was gemeinhin fälschlich als „Studentenbewegung“ oder „68er-Bewegung“ bezeichnet wird. Ich denke, das trifft den Aufbruch ziemlich gut, obwohl natürlich auch schon in der Inkubationsphase der Bewegungen autoritäre Gruppen nicht unbeteiligt waren. So gab es im SDS einen nicht zu vernachlässigenden Flügel von „Traditionalisten“ – Anhänger der seit 1956 verbotenen KPD, die dort Unterschlupf gesucht hatten. Zur gleichen Zeit versuchten Trotzkisten, in SPD und Gewerkschaften Einfluß zu gewinnen. Doch all das hatte alles keine wirkliche gesellschaftliche Relevanz.

Während der Jahre der antiautoritäre Revolte, zwischen 1966 und 1969 spielten diese am Autoritarismus des leninistischen Parteimodells orientierten Gruppen keine nennenswerte Rolle – und wenn doch, dann höchstens so unrühmliche, wie die, den Einmarsch der sowjetischen Truppen in der Tschechoslowakei zu verteidigen. Doch als die Bewegungen 1969 zu stagnieren begannen, die ersten Anfangserfolge – die vor allem Aufmerksamkeitserfolge waren – nicht wiederholt werden konnten, wurde es notwendig, neue Strategien zu entwickeln. Oder besser: Überhaupt eine Strategie zu entwickeln, denn die bisherigen Erfolge verdankten sich ja nicht einer ausgeklügelten Strategie, sondern eher spontaner Eigendynamik.

Und in dieser Phase der Stagnation begannen autoritäre Modelle auf einmal eine ungesunde Attraktivität zu entwickeln. Im September 1968 wurde die verbotene KPD als DKP neu gegründet, im Dezember folgte dann mit der KPD/ML die erste einer Reihe von maoistischen K-Gruppen. Die Trotzkisten ließen sich auch nicht lumpen und organisierten sich als deutsche Sektion der lächerlichen „IV. Internationale“ unter dem Namen GIM. Und die Ironie der Geschichte wollte es, daß gerade diese orthodox marxistisch-leninistischen Gruppen zum Auffangbecken für Leute wurden, die sich in den Turbulenzen der anti-autoritären Bewegungen politisiert hatten.

Der Grund, warum ein solcher anachronistischer Unfug überhaupt plausibel scheinen konnte, waren die Septemberstreiks im Jahr 1969: Offensichtlich war die Arbeiterklasse doch nicht ganz so integriert, wie das noch ein, zwei Jahre zuvor den Anschein hatte. Daraus wurden dann aber völlig übereilt falsche Schlüsse gezogen, die von den Antiautoritären zurecht kritisiert wurden. Dutschke etwa äußerte sich damals Marcuse gegenüber sehr ungnädig über diejenigen,

„die meinen, die »neue Erscheinung der illegalen Streiks der Arbeiter« erfordere den unmittelbaren Aufbau einer typischen »bolschewistischen Kaderpartei«, um dem immer stärker werdenden Repressionsapparat des kapitalistischen Staates entgegentreten zu können. Die weiterhin subversive Seite universitären Lebens, Denkens und Handelns wird in den meisten dieser Freunde immer mehr abgetan als »kleinbürgerlicher Rest«. Ihre Unfähigkeit der subversiven Vermassung des universitär-gesellschaftlichen Widerspruchs ersetzen sie durch »bolschewistische Kaderpartei«, – so gerät das wohl nur zu richtige Moment des Aufbaus einer festen und variierenden Organisation gegen den noch immer wachsenden autoritären Staatsapparat in eine äußerst widersprüchliche Richtung.“ ([2], S. 199)

Doch ungeachtet des offenkundigen Anachronismus, den eine solche Art „revolutionärer“ Parteipolitik darstellte, strahlten diese Organisationen zeitweise durchaus eine gewissen Attraktivität aus. Die selbstgewählte Unterwerfung unter eine Parteilinie schien manchen offensichtlich masochistische Befriedigung zu verschaffen. Und zwar nicht nur orientierungslosen Jugendlichen, sondern erstaunlicherweise auch gehäuft in Künstlerkreisen. Besonders anfällig waren offenkundig Chansonniers, die sich dann irgendwann Liedermacher nannten, wohl um den handwerklichen Charakter ihres Tuns zu betonen und damit Verbundenheit zur Arbeiterklasse zu demonstrieren. Aber auch eine ganze Menge Literaten ließen sich auf einen Flirt mit autoritären Gruppen ein (Rockmusiker hingegen blieben weitgehend immun, wenn man einmal von solchen Unsäglichkeiten wie Floh de Cologne absieht).

Natürlich waren es nicht nur Masochismus und Dummheit, die zur Hinwendung an doktrinäre politische Gruppen führten. Tatsächlich standen Künstler, von denen viele mit den antiautoritären Bewegungen sympathisierten, unter ziemlichem politischen Druck. Walter Moßmann etwa berichtet über das Waldeck-Festival von 1968, als dort eine „Basisgruppe Waldeck“ mit der Forderung „Stellt die Gitarren in die Ecke und diskutiert!“ auftauchte:

„Nun brauchte man mich 1968 nicht aufzufordern, zu diskutieren, im Gegenteil, meine Freunde mussten mich gelegentlich stoppen, weil mein Diskussionseifer sowohl unerträglich als auch unergiebig war. Und wo und wann ich meine Gitarre hinzustellen habe, das wollte ich mir auch nicht sagen lassen. Das Flugblatt der Basisgruppe Waldeck geht weiter: »Das Waldeck-Festival hat keine politische Bedeutung mehr. Es hat sich zu einer Tagung für singende Fachidioten entwickelt. Sänger werden bei revolutionären Aktionen nicht mehr benötigt.« Ich glaube, das Wort »benötigt« hat mich am meisten aufgebracht. Da bläst sich ein Provinzpädagoge zum Kulturkommissar auf und dekretiert mit einem spitzlippigen »ö«, was benötigt wird und was nicht. Mag sein, dass der Unmusikalische keine Lieder benötigt. Ich benötige.“ ([3], S. 105)

Natürlich ist eine solche Aktion typisch für Zeiten, in denen Bewegungen stagnieren. Eine Gruppe spitzt die allgemein akzeptierten Forderungen so zu, daß sie absurd werden und tritt damit als Speerspitze der Bewegung auf, indem sie dort einen scheinbaren Konflikt provoziert, wo sie offene Türen einrennt. Denn natürlich funktionieren derartige Aktionen nur in einem Umfeld, wo die Forderungen der Störenfriede prinzipiell anerkannt sind; andernortes würde man sie einfach hochkant rauswerfen. Tatsächlich wurde die allgemeine Forderung, Kunst müsse sich aktiv in die aktuellen politischen Auseinandersetzungen einbringen, in Künstlerkreisen weitgehend geteilt.

Die Frage war nur, wie sollte Kunst politisch praktisch werden? Die Forderung der „Basisgruppe Waldeck“, einfach mit der Kunst aufzuhören und stattdessen zu diskutieren, war natürlich absurd. Doch auf die grundsätzliche Forderung, Kunst als politisches Kampfmittel einzusetzen, konnte man sich durchaus einigen. Die Frage war nur: Wie? Wie sollte man die Politisierung der Massen, die bislang quasi naturwüchsig vor sich gegangen war, mit Mitteln der Kunst weiter vorantreiben? Genau diese Frage wurde Anfang der 70er Jahre vehement gestellt.

Und um das Ergebnis vorwegzunehmen: Das Niveau der Diskussion war über weite Strecken absolut unterirdisch. Wir werden deshalb nächste Woche ein Schlammbad nehmen und uns in Diskussionszusammenhänge begeben, in denen der folgende Schwachsinn als Argument vorgetragen werden konnte:

„Der Formalismus in der Literaturbetrachtung führt nicht zu Untersuchungsergebnissen, die die kapitalistische Ordnung von Staat und Gesellschaft in Frage stellen. Sein Zweck besteht vielmehr darin, Instrument des bürgerlichen Klasseninteresses in der Bekämpfung der marxistischen Literaturtheorie zu sein.“ ([1], S. 164)

Nachweise

[1] Autorenkollektiv sozialistischer Literaturwissenschaftler Westberlin, Zum Verhältnis von Ökonomie, Politik und Literatur im Klassenkampf, Berlin 1971.

[2] Brief von Rudi Dutschke an Herbert Marcuse vom 1. Januar 1970 in: Marcuse, H., Nachgelassene Schriften, Bd.4, Springe 1999ff, S. 198 – 201.

[3] Moßmann, W., realistisch sein: das unmögliche verlangen, Berlin 2009.

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Written by alterbolschewik

1. März 2013 um 17:29

Veröffentlicht in Ästhetik, Herbert Marcuse

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