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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Antisemitische Wurzeln des deutschen Terrorismus?

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„Man übertreibt nicht, wenn man Kraushaars Buch epische Qualitäten zuspricht.“

Lorenz Jäger in der FAZ vom 21. Februar 2013

Es gibt einiges, wofür ich mich entschuldigen muß. Zum einen gibt es, aus aktuellem Anlaß, einen Themenwechsel hier im Blog – die Serie zur Ästhetischen Theorie Marcuses wird kurzfristig unterbrochen. Zum anderen muß ich mich dafür entschuldigen, daß ich drei Tage zu spät bin. Das eine hat allerdings mit dem anderen zu tun, denn der Grund für die Verspätung liegt am Gegenstand für den Themenwechsel. Dieser hat nämlich 875 Seiten, die erst einmal gelesen sein wollten. Es handelt sich dabei um Wolfgang Kraushaars eben erschienenes Buch, das ein Zitat von Dieter Kunzelmann als Titel trägt: »Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?«. Und im Untertitel wird marktschreierisch angekündigt, worum es in dem Buch angeblich gehe, nämlich um „die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus“.

Um es gleich von vornherein zu sagen: Der Untertitel ist ein ziemlicher Etikettenschwindel. Von den rund 700 Textseiten (der Rest besteht aus Anmerkungen, Kurzbiographien, eine Chronologie und zwei Registern) beschäftigen sich noch nicht einmal ein Viertel mit den „Wurzeln des deutschen Terrorismus“. Über drei Viertel des Buches haben ausschließlich den palästinensischen Terror der frühen 70er Jahre zum Thema. Doch nicht nur das: Das klägliche knappe Viertel des Buches, das sich mit dem „deutschen Terrorismus“ abgibt, ist auch noch teilweise wortwörtlich aus Kraushaars Buch Die Bombe im jüdischen Gemeindehaus von 2005 kopiert – nicht referiert, paraphrasiert, nein: einfach kopiert (vgl. etwa [2], S.332ff mit [1], 127ff). Allzu viel Neues über „die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus“ bekommt man also für seine 35€ nicht geboten.

Doch das ist nicht das einzige Manko dieses Wälzers. Hinzu kommen eklatante handwerkliche Mängel, die noch zu thematisieren sein werden. Der schwerste Vorwurf ist allerdings inhaltlicher Art. Kraushaar stellt nämlich die schwerwiegende These auf, daß deutsche Linksradikale, die Tupamaros München, am abscheulichsten antisemitischen Anschlag, den es je in der Geschichte der BRD gegeben hat, beteiligt gewesen seien. Auf ihr Konto gehe der Brandanschlag auf ein jüdisches Altenheim im Jahr 1970, bei dem sieben Überlebende der Shoah ums Leben gekommen sind. Die Belege, die Kraushaar dafür hat, sind allerdings mehr als dürftig, was er dadurch zu kaschieren versucht, daß er ein Feuerwerk von unendlich vielen Detailinformationen abbrennt, bis der Leser überhaupt nicht mehr weiß, wo ihm eigentlich der Kopf steht.

Das Buch handelt von einer Anschlagswelle palästinensischer Terroristen in der BRD im Jahr 1970, außerdem von einen ungeklärten Brandanschlag auf das Gebäude der Münchner Israelistischen Kultusgemeinde, bei dem sieben Menschen starben. Zudem geht es um eine Anschlagserie einer linksradikalen Gruppe, die sich Tupamaros München nennt. Und um die Geiselname einer palästinensischen Gruppe namens Schwarzer September während der Olympischen Spiele 1972 in München. Verwirrend? In der Tat, und Kraushaars Buch macht die Sache nicht weniger verwirrend. Ständig springt er von einem Thema zum anderen, hält keinerlei Chronologie ein, und erzeugt eine Konfusion, daß man am Ende überhaupt nicht mehr weiß, was denn wann überhaupt wo und wie passiert ist. Es empfiehlt sich deshalb, erst einmal die Handlungsstränge auseinanderzudividieren, die Kraushaar absichtsvoll ineinander verschlingt.

Kraushaars Geschichte beginnt im Sommer 1969. Zwischen dem 15. und dem 19. Juli fand im Ebrach, einem Städtchen zwischen Bamberg und Würzburg, ein „Knast-Camp“ statt. Anlaß dafür war, daß in der Justizvollzugsanstalt Ebrach der Münchner APO-Aktivist Reinhard Wetter einsaß, der wegen einiger lächerlichen Kleinigkeiten zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden war ([2], S. 320). Das Knastcamp, zu dem Leute aus München, Frankfurt, Hamburg und West-Berlin anreisten, erwies sich als ziemlicher Fehlschlag ([2], S. 330f). Eine Berliner Gruppe um Dieter Kunzelmann und Georg von Rauch fuhr in der Folge nach Jordanien, verübten vorher aber noch in München einen Molotow-Cocktail-Anschlag auf das Haus des Münchner Oberstaatsanwaltes Lossos. In Jordanien besuchten sie ein Camp der palästinenischen Guerillaorganisation Fatah, wo sie auch einmal ein bißchen mit Waffen herumspielen durften. Das ist der erste und spätestens aus Kraushaars Buch über die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus bekannte Handlungsstrang.

Beim zweiten Handlungsstrang handelt es sich um Kommandoaktionen einer palästinensischen Splittergruppe namens AOLP (Action Organisation for the Liberation of Palestine). Eine versuchte Flugzeugentführung auf dem Münchner Flughafen schlug am 10. Februar 1970 mit fatalen Folgen fehl, es waren ein Toter und mehrere Schwerverletzt zu beklagen ([2], S. 37ff); ein anderes Kommando der AOLP konnte eine Woche später auf dem Münchner Flughafen ohne Blutvergießen unschädlich gemacht werden ([2], S. 150ff).

Das dritte Ereignis fällt zwischen die beiden Kommandoaktion der AOLP. Am 13. Februar 1970 wurde auf das Gebäude der Israelitischen Kultusgemeinde München, das auch als Altenheim diente, ein Brandanschlag verübt ([2], S. 86ff). Der oder die Täter tränkten das gesamte Treppenhaus mit Benzin und zünden es an. Das Haus wurde zur Todesfalle für sieben Personen, die noch wenige Jahre zuvor der Vernichtung durch die Nationalsozialisten entkommen waren.

Der vierten Block springt wieder zurück zu den Palästinensern. Es handelt sich um zwei Anschläge der PFLP-GC (Popular Front for the Liberation of Palestine – General Command) am 21. Februar 1970. Mittels Paketbomben, deren Zünder mit Höhenmessern gekoppelt waren, sollten wohl zwei Flugzeuge der israelischen Fluggesellschaft El-Al zum Absturz gebracht werden. Die Pakete wurden aber auf Maschinen von Austrian Airlines bzw. Swissair umgeladen; das erste, von Frankfurt startende Flugzeug konnte nach der Explosion notlanden, ohne daß jemand verletzt wurde ([2], S. 169ff), das zweite hingegen, das von Zürich aus startete, stürzte ab und riß 47 Menschen in den Tod ([2], S. 173ff).

Zwei Tage darauf begann die „Frühjahrsoffensive“ der linksradikalen Terrorgruppe „Tupamaros München“. Am 23. Februar 1970 wurde mit Molotow-Cocktails ein Anschlag auf das Haus des Münchner Amtsgerichtsrates Weitl verübt, nachdem bereits am 31. Januar zwei Scheiben eingeworfen worden waren ([2], S. 166f). Gut zwei Wochen später wurden dann im Amtsgericht München zwei Brandsätze gefunden, deren Zünder sich jedoch als nicht funktionstüchtig herausstellten ([2], S. 167). Am 25. Mai wurden zwei Molotowcocktails gegen das Gebäude des Bayerischen Landeskriminalamtes geschleudert ([2], S. 368), was dann dem untergetauchten Fritz Teufel angelastet wurde, als dieser am 12. Juni verhaftet wurde ([2], S. 368). In der Folge kam es zu diversen Anschlägen, die als „Unterstützung“ für Fritz Teufel gedacht waren. Diese Anschlagsserie zog sich bis weit in das Jahr 1971 hinein.

Schließlich, und das ist er letzte Block terroristischer Aktivitäten, nahm ein palästinensisches Kommando, das sich Schwarzer September nannte und wohl der Fatah zuzuordnen war, während der olympischen Spiele 1972 israelische Sportler als Geiseln. Zwei der Israelis wurden sofort erschossen, als sie sich zur Wehr setzten, die restlichen Geiseln kamen bei einer dilettantischen Befreiungsaktion der Bayerischen Polizei ums Leben.

Soweit also diese kurze Zusammenstellung der terroristischen Aktivitäten, die Kraushaar in seinem Buch thematisiert: Ein Brandanschlag deutscher Linksradikaler im Zusammenhang einer Justizkampagne im Sommer 1969, zwei versuchte Flugzeugentführungen der AOLP, ein Brandanschlag unbekannter Täter auf ein jüdisches Altenheim, zwei Bombenanschläge der PFLP-GC auf Flugzeuge mit dem Ziel Israel, eine Serie von vor allem gegen die Justiz gerichteten Brand- und Bombenanschlägen der Tupamaros München und schließlich eine Geiselnahme während der Olympischen Spiele 1972.

Die spannende Frage ist nun: Was haben diese Terrorakte miteinander zu tun? Wenn man Kraushaars Suggestionen folgen will, dann hängt alles mit allem zusammen. Sucht man allerdings nach tatsächlichen Verbindungen, dann wird es außerordentlich dünn. Die Bombenanschläge der PFLP-GC kann man gleich streichen: Der Zusammenhang mit München ist fadenscheinig, die eigentliche Basis der Attentäter ist Frankfurt. Auch die Entführungsversuche der AOLP haben mit München nur so viel zu tun, daß sie im Transit auf dem Münchner Flughafen stattfanden. Irgendwelche Zusammenhänge mit der linksradikalen Szene in München behauptet noch nicht einmal Kraushaar. Diese beiden Themenkomplexe können also getrost vernachlässigt werden – und damit mindestens die Hälfte des Buches.

Bleibt also zunächst die Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen der Geiselnahme des Schwarzen Septembers während der Olympiade und den Aktivitäten der Tupamaros München gibt, was Kraushaar suggeriert. Und dann stellt sich noch die andere, schwerwiegendere Frage: Ist der Brandanschlag auf das jüdische Altenheim Teil der von den Tupamaros München verübten Brand- und Bombenanschläge zwischen 1969 und 1971? Denn genau das ist die verwegene Behauptung Wolfgang Kraushaars. Schauen wir also am nächsten Freitag genauer zu, was von folgender Behauptung zu halten ist:

„Es spricht vieles dafür, dass das gruppeninterne Wissen der Münchner Tupamaros nicht nach außen weitergegeben worden ist. Das dürfte bis auf den heutigen Tag immer noch zu gefährlich sein. Das Risiko, wegen Mitwisser- oder Mittäterschaft in einem Mordfall mit siebenfacher Todesfolge angeklagt zu werden, war und ist zu hoch. Vermutlich ist es das größte Geheimnis, das sie für sich bewahrt haben.“ ([2], S. 689)

Nachweise

[1] Kraushaar, W., Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus, Hamburg 2005.

[2] Kraushaar, W., »Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?« München 1970: Über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus, Reinbek 2013.

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Written by alterbolschewik

11. März 2013 um 17:01

2 Antworten

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  1. Um das Alles noch verworrener zu machen:Ich ging bisher davon aus, dass die Aktionen der Tupamaros München von den Tupamaros Westberlin begangen wurden, die kurze Zeit später in der Bewegung 2. Juni, begründet von Georg von Rauch, Bommy Baumann und Ina Siepmann aufgingen.

    che2001

    11. März 2013 at 23:00

    • Nee, das war eine durchaus eigene Truppe um Fritz Teufel, der von Berlin nach München gewechselt war. Andere Mitglieder waren wohl Irmgard Möller, die damals die Freundin von Teufel war und später dann bei der RAF landete. Weitere prominente Figuren sind Alois Aschenbrenner und Ulrich Enzensberger. Kraushaar versucht aber auf Teufel komm‘ heraus, die Tupamaros München mit Kunzelmann und den Tupamaros Berlin in einen engen Zusammenhang zu bringen, um die Berliner Bombe im Jüdischen Gemeindehaus mit dem Brandanschlag in München kurzzuschalten. Aber dafür hat er nicht den Hauch eines Belegs – bei den Münchner Anschlägen ging es nie auch nur im leisten um Palästina, sondern immer nur gegen die Justiz. Ausnahme ist ein Anschlag auf Fahrzeuge der US-Army, aber dazu liefert Kraushaar keine weiteren Informationen, geschweige denn ein Bekennerschreiben, daß den Anschlag irgendwie mit Israel in Verbindung brächte. Mit anderen Worten: Es gibt also keinerlei belegbaren Zusammenhang zwischen den Anschlägen der Tupamaros München mit dem palästinensischen „Befreiungskampf“.

      alterbolschewik

      11. März 2013 at 23:11


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