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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Die „Sprengung“ der Olympiade

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„Auf der Olympiade passiert was.“

Georg von Rauch, 1970

Letzten Montag hatte ich dargestellt, daß Wolfgang Kraushaar in seinem Buch über die angeblichen antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus versucht, sechs unterschiedliche terroristische Akte zwischen 1969 und 1972 in einen Zusammenhang zu bringen. Drei davon sind palästinenischen Gruppen zuzuschreiben: Versuchte Flugzeugentführungen die auf das Konto der AOLP gingen, Bombenanschläge auf Flugzeuge durch die PFLP und die Geiselnahme israelischer Sportler bei der Olympiade 1972 durch die Gruppe Schwarzer September. Nicht von palästinensischen Organisationen zu verantworten sind der Brandanschlag auf das Haus des Münchener Oberstaatsanwaltes Lossos, der von durchreisenden Berliner Linkradikalen verübt wurde, und die „Frühjahrsoffensive“ der Tupamaros München, eine Serie von Brand- und Bombenanschlägen die sich gegen Gebäude und Personen der Münchner Polizei und Justiz richteten. Und schließlich ist da noch der ungeklärte Brandanschlag auf das Altenheim der Israelitischen Gemeinde München.

Wenn Kraushaar recht hätte, dann hingen diese Terrorakte eng miteinander zusammen. Doch die einzige wirkliche Klammer, die Kraushaar anzubieten hat, ist ein gewisser örtlicher Zusammenhang – München. Wobei ich bereits gezeigt habe, daß die Angriffe der AOLP und der PFLP auf den Flugverkehr nur in einen sehr losen Zusammenhang mit der Stadt München und in keinem Zusammenhang mit der Münchener linksradikalen Szene standen. Mehr als eine zeitliche Koinzidenz mit den ersten Anschlägen der Tupamaros München und dem Brandanschlag auf das Altenheim kann selbst Kraushaar nicht behaupten.

Anders sieht es mit der Geiselnahme während der Olympiade aus; hier versucht er tatsächlich, einen realen Zusammenhang zwischen der Geiselnahme der israelischen Sportler und Aktivitäten der Münchener Szene herzustellen. Tatsächlich war die Münchener Olympiade ein Ereignis, das dort schon sehr frühzeitig thematisiert wurde.

Bereits während der Olympiade von 1968 in Mexico City wurde in München ein Komitee zur Verhinderung der Olympischen Spiele von 1972 gegründet. Unmittelbarer Anlaß war ein Massaker der mexikanischen Armee an friedlichen Demonstranten im Vorfeld der Spiele von 1968. Um ein Maximum an publizistischer Aufmerksamkeit für die Gründung dieses Komitees zu bekommen, wurde eine Sprengung des Olympia-Turms angekündigt ([3], S. 476ff). Die ca. 30 erschienen Aktivisten fuhren allerdings nur mit dem Fahrstuhl in das Restaurant des im Frühjahr eröffneten Turmes. Dort erklärten sie die Gründung ihres Komitees mit den Worten:

„Wir lassen es nicht zu, dass man Leistungsfanatiker und Sportidioten pauschal als die Jugend der Welt bezeichnet“ ([1])

Ein Poster, das Fritz Teufel in langer Unterhose und dekorativ antikisierenden Sandalen zeigt „geht weg wir warme Semmeln“ ([1]). Doch was jedem denkenden Menschen direkt ist Auge fällt, der ironisch-spielerische Gestus des Ganzen, wird von Kraushaar in Frage gestellt:

„Mit seinem antiautoritären Gestus kam Teufel jedenfalls bei vielen jungen Leuten an. Er schien sich – nach dem Motto provokativ, aber harmlos – ganz treu geblieben zu sein. Die Lacher hatte er schon immer auf seiner Seite.
Doch eines seiner Hauptanliegen dürfte bereits zu dieser Zeit darin bestanden haben, die in München bevorstehenden Olympischen Spiele umzufunktionieren oder gar in einem keineswegs nur übertragenen Sinne zu sprengen.“ ([3], S. 483f)

Um dieses ahnungsvolle Geraune zu begründen, beruft sich Kraushaar auf zwei Interviews, die Teufel Anfang 1970 gab, und zwar dem WDR und der Münchener Abendzeitung. Dort soll er Kraushaar zufolge erklärt haben, daß es seine Absicht sei, die Olympischen Spiele zu verhindern ([3], S. 339). Außerdem überraschte er den Interviewer des WDRs damit, daß er die Erwartung zum Ausdruck brachte, daß er wohl noch mehrere Jahre im Gefängnis verbringen werde. Dieser hakte nach:

„Aber warum glauben Sie, daß Sie noch mehrere Jahre im Gefängnis verbringen werden?
Wahrscheinlich nicht wegen der Sachen, die man mir bis jetzt anhängt, sondern wegen der Sachen, die in Zukunft laufen werden.
Zum Beispiel?
Darüber möchte ich jetzt wenig sagen.“ (Monitor, 16. Februar 1970)

Damit bezieht sich Teufel sicherlich nicht auf die Olympiade, sondern auf die geplanten Anschläge während der kurz bevorstehenden „Frühjahrsoffensive“ der Tupamaros München. Daß er mehr als zweieinhalb Jahre vor der Olympiade irgendwelche konkreten Planungen für militante Aktionen während des Sportereignisses gehabt hätte, erscheint recht unwahrscheinlich.

Ebenso unwahrscheinlich ist es, daß hinter einer noch älteren Bemerkung Georg von Rauchs konkrete Pläne zu vermuten sind. Dieser hatte während der Reise nach Jordanin im August 1969, also mehr als drei Jahre vor der Olympiade, geschrieben:

„unser spätester Rückkehr-Termin ist die Olympiade 72 in München“ (zit. nach [3], S. 486)

Daraus läßt sich bestenfalls ableiten, daß wahrscheinlich vage irgendwelche Aktionen zur Olympiade ins Auge gefaßt worden waren. Tatsächlich phantasierte sich von Rauch dann im Frühjahr 1970, während er in Untersuchungshaft saß, eine Aktion während der Olympiade zusammen und brachte diese zu Papier:

„Bei der Fahnenhissung fallen die ersten Schüsse. Wenn die Polizei schießt, schießen wir zurück. Wir haben alle Waffen. […] Nach dem Sturm auf das Olympiadorf herrscht Chaos in der Stadt. Überall werden neue Kommunen gebildet.“ (zit. nach [3], S. 488f)

Diese Knastphantasie belegt zweierlei: Zum einen, daß von Rauch mindestens so durchgeknallt war wie Kunzelmann. Und zum anderen, aufgrund des völlig phantastischen Szenarios (der Höhepunkt ist dann die Sprengung amerikanischer Kriegsschiffe in deutschen Häfen), daß es gerade keine konkreten Pläne für die Olympiade gab. Was Kraushaar aber nicht daran hindert, trotzdem eine Linie von Teufel über Georg von Rauch zu Kunzelmann zur PLO zu konstruieren:

„Denkbar ist überdies, dass Kunzelmann den Palästinensern überhaupt den Anstoß vermittelt hat, sich mit dem Großthema Olympia 1972 zu befassen.“ ([3], S. 488)

Klar, die PLO brauchte Kunzelmann, um auf die Idee zu kommen, israelische Sportler während der Olympischen Spiele als Geiseln zu nehmen. Selbst die wohlwollende Besprechung von Kraushaars Buch in der FAZ merkt an:

„Dass Dieter Kunzelmann den Palästinensern überhaupt erst den Gedanken eines Überfalls auf die Olympischen Spiele eingeflüstert haben könnte, wie Kraushaar es nahelegen will, überzeugt am Ende wenig. Jedenfalls dürften die PLO, al Fatah, die PFLP und wie ihre Ableger noch hießen, auf das Motiv der linksalternativen deutschen Olympia-Kritik »Ablehnung des Leistungsdrucks« – nur mit einem Lächeln reagiert haben.“ ([2])

In der realen Welt besorgten sich die palästinensischen Geiselnehmer dann Unterstützung aus einer ganz anderen Ecke – nicht bei Linksradikalen, sondern bei Neonazis ([4]). Und das ist im Gegensatz zu Kraushaars Konstruktionen keine Spekulation. Doch für Kraushaar ist dieses Detail noch nicht einmal der Erwähnung wert.

Damit sollte deutlich geworden sein, daß es Kraushaar trotz aller Bemühungen nicht gelingt, den dritten von ihm thematisierte Terrorakt der Palästinenser in einen wie auch immer gearteten Zusammenhang mit den Tupamaros München zu bringen. Um es auf den Punkt zu bringen: Er hat er überhaupt nichts in der Hand, was die Tupamaros München mit der mehr als dubiosen Palästina-„Solidarität“, wie sie etwa Kunzelmann in Berlin propagierte, in Verbindung brächte.

Und doch sollen, wenn man Kraushaar glauben will, die Tupamaros München ein jüdisches Altenheim angesteckt und den Tod von sieben Menschen verursacht haben. Schauen wir also nächste Woche zu, ob Kraushaar wirklich über Argumente und Quellen verfügt, mit denen er die folgende Behauptung stützen kann:

„Der Brandanschlag trägt jedenfalls die Handschrift der ersten in der Bundesrepublik gegründeten terroristischen Gruppierung.“ ([3], S. 16)

Nachweise

[1] Gerstenberg, G.: „Flusslandschaft 1968: Alternative Szene“, URL: http://protest-muenchen.sub-bavaria.de/artikel/357, abgerufen am 15. März 2013.

[2] FAZ, 21. Februar 2013: „Doch wo sind die Brandstifter geblieben?“ (Jäger, L.).

[3] Kraushaar, W., »Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?« München 1970: Über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus, Reinbek 2013.

[4] Redaktioneller Beitrag, „Olympia-Attentat 1972 – Palästinensische Terroristen kooperierten mit deutschen Neonazis“, in: Der Spiegel, Jg.66 (2012).

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Written by alterbolschewik

15. März 2013 um 18:43

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