shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Der Beginn der Eskalation

with 4 comments

„Though this be madness, yet there is method in’t.“

Shakespeare, Hamlet, Akt 2, Szene 2

Bereits in den letzten beiden Folgen zu Wolfgang Kraushaars Buch über die angeblichen antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus dürfte klar geworden sein, daß Kraushaar keineswegs seriös arbeitet. Von den suggerierten Zusammenhängen zwischen verschiedenen palästinensischen Terroranschlägen Anfang der 70er Jahre und den Aktivitäten der linksradikalen Münchner Szene blieb unter dem Strich nichts, aber auch gar nichts übrig. Und damit kommen wir zum letzten und entscheidenden Punkt, nämlich den Brandanschlag auf das Gebäude der Münchner Israelitischen Kultusgemeinde am 13. Februar 1970. Dieser Anschlag, bei dem sieben Menschen ums Leben kamen, war zweifellos ein antisemitisches Verbrechen. Wenn sich also tatsächlich ein Zusammenhang zwischen den Aktionen der Tupamaros München und diesem Brandanschlag herstellen ließe, dann hätte Kraushaar zweifellos recht, wenn er von den „antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus“ redet. Die Frage ist nur: Gelingt es ihm, irgendwelche Indizien – von Beweisen wollen wir gar nicht reden – zusammenzutragen, die einen solchen Zusammenhang möglich, vielleicht sogar plausibel erscheinen lassen?

Die kurze Antwort auf diese Frage ist ganz einfach: Nein. Kraushaar kann keinerlei Hinweise dafür vorbringen, die darauf hindeuten würden, daß die Tupamaros München diesen Anschlag geplant hätten. Seine einzige Quelle, die überhaupt einen Zusammenhang zwischen den Tupamaros München und dem Brandanschlag herstellt, belegt im besten Fall, daß in den Kreisen der Tupamaros möglicherweise bekannt war, wer den Anschlag verübt hat. Da es sich bei dieser Quelle um Kraushaars einziges belastbares Beweisstück handelt, soll es hier gleich am Anfang zitiert werden. Es ist eine Aussage des ehemaligen RAF-Mitglieds Gerhard Müller, der bei Vernehmungen am 13. April 1976 folgendes zu Protokoll gab:

„Bei dem Besuch der MÖLLER in Frankfurt in der Wohnung Inheidener Straße trat ich hinzu, als diese im Korridor der Wohnung mit der ENSSLIN ein Gespräch führte. Es ging dabei um den Brandanschlag auf das jüdische Altenheim in München. Aus dem Gespräch entnahm ich, daß beide wußten, wer den Anschlag durchgeführt hatte. Ich erinnere mich noch an die Bemerkung der ENSSLIN: »Diese Arschlöcher! Gut, daß diese Sache den Neo-Nazis untergeschoben wurde.« Nähere Einzelheiten über dieses Gespräch sind mir nicht mehr in Erinnerung: ich weiß lediglich noch, daß ich damals davon ausging, daß die Täter zum näheren Bekanntenkreis der MÖLLER gehörten.“ (zit. nach [1], S. 598f)

Gehen wir einmal davon aus, daß sich die Begebenheit wirklich so zutrug – die Glaubwürdigkeit Gerhard Müllers ist, wie Kraushaar selbst zugibt ([1], S. 599), nicht unumstritten – und setzen wir zudem voraus, daß Müller sich sechs Jahre nach dem Anschlag und vier Jahre nach dem Gespräch darüber noch richtig erinnert, dann belegt seine Aussage nur, daß Irmgard Möller – die 1970 zu den Tupamaros München gehört hatte – offensichtlich wußte, wer den Anschlag verübt hatte. Das heißt aber weder, daß der Anschlag von den Tupamaros verübt worden wäre, noch daß sie einen solchen Anschlag gutgeheißen hätten. Im Gegenteil: Die Bezeichnung der Attentäter als „Arschlöcher“ zeigt recht deutlich, daß eine solche Aktion keineswegs zum Gruppenkonsens des linksradikalen terroristischen Untergrunds Anfang der 70er Jahre gehörte.

Bevor ich darauf eingehe, was tatsächlich zum Gruppenkonsens gehörte und was eben nicht, sind allerdings einige grundsätzliche Bemerkungen angebracht. Wenn ich im folgenden zu zeigen versuche, daß die Aktionen der Tupamaros München keinen antisemitischen Hintergrund hatten, will ich damit keinesfalls diese Aktionen harmloser machen, als sie es waren. Es handelte sich dabei um durch nichts zu rechtfertigende terroristische Akte, bei denen die Gefährdung von Menschenleben durchaus billigend in Kauf genommen wurden; die Tatsache, daß niemand ernsthaft verletzt wurde, ist nur glücklichen Zufällen geschuldet. Und es zeugt durchaus von einer moralisch ziemlich bedenklichen Geisteshaltung, wenn das später mit Nonchalance abgetan wird, wie das die Berliner Haschrebellen Ralf Reinders und Roland Fritsch 1995 machten. In ihrem nostalgischen Erinnerungsbuch Die Bewegung 2. Juni äußern sie sich über einen der Anschläge der Tupamaros München so, als ob so etwas das Normalste von der Welt sei:

„Es gab auch einmal in München einen Anschlag auf einen Richter, wo die Bullen danach einen Toten gesucht habe. Die waren der Meinung, daß der nicht mehr leben konnte. Die Kollegen hatten dem Richter dort fünf Liter Benzin in den Keller gekippt und auch mit einem Kohlenanzünder entzündet. Die Hand war noch nicht einmal wieder am Fenster, da flog der ganze Keller schon auseinander. Aber glücklicherweise ist dem Attentäter nichts passiert, weil er hinter einem Mauervorsprung stand.“ ([2], S. 42)

Was für ein Glück aber auch, daß dem Attentäter nichts passiert ist! Ich will hier unter keinen Umständen diese Verrohung, die Anfang der 70er Jahre die Auseinandersetzung mit vermeintlichen oder tatsächlichen politischen Gegnern prägte, unter den Teppich kehren. Und es ist dringend notwendig, sich von dem Mythos zu verabschieden, die eher anarchistisch-hedonistisch ausgerichteten terroristischen Gruppen wie die Tupamaros Berlin oder München hätten im Gegensatz etwa zur RAF eine irgendwie akzeptable Form militanten „Widerstandes“ repräsentiert. Tatsächlich ging es auch bei diesen Gruppen von Anfang an und völlig sinnloserweise immer um Leben und Tod, wurde eine Eskalation der Gewalt vorangetrieben, die einen fassungslos zurückläßt.

Dennoch ist es – und sei es nur im Dienste der historischen Wahrheit – wichtig, Kraushaars Antisemitismus-Vorwürfe als unbegründet zurückzuweisen. Der deutsche Terrorismus in der Folge von 68 wurzelt eben nicht im Antisemitismus (auch wenn er schnell einen antisemitischen Seitentrieb ausbildete). Kraushaar macht es sich viel zu einfach. Denn selbst wenn der Antisemitismus-Vorwurf zuträfe, erklärte er nichts. Er ist eine ahistorische Pseudoerklärung, ein MacGuffin, der einem die Arbeit abnehmen soll, Aktionen wie die der Tupamaros München tatsächlich in ihrem historischen Kontext zu begreifen.

Und dieser Kontext ist bei den Aktionen der Tupamaros München mit Händen zu greifen, man muß sich nur die Anschlagsziele der Jahre 1969 und 1970 anschauen: Bei den Zielen der ganzen Angriffe handelte es sich so gut wie immer um Polizei und Justiz (die Ausnahmen werden noch thematisiert werden).

Tatsächlich gehörte der staatliche Repressionsapparat von Anfang an zu den propagandistisch wirkungsvollsten Angriffszielen der außerparlamentarischen Opposition. Das hatte zunächst als provokative Bloßstellung begonnen: Die frühen Auseinandersetzungen der Berliner Kommune I mit Polizei und Justiz hatten einen anarchistischen Witz, der die Autoritäten schwach und hilflos erscheinen ließen. So hatte die Blamage der Berliner Polizei und Justiz angesichts des Puddingattentats der APO und insbesondere der Kommune I 1967 einen Propagandaerfolg sondergleichen beschert. Ähnlich öffentlichkeitswirksam verliefen die in Freisprüchen endenden Prozesse anläßlich einiger satirischer Flugblätter, in denen ein (echter) Kaufhausbrand in Brüssel als Aktion von Vietnam-Aktivisten fingiert wurde, die den saturierten Bürgern ein authentisches Vietnam-Gefühl nahebringen wollten. Indem sie Polizei und Justiz der Lächerlichkeit preisgaben, war es der Kommune I gelungen, Sympathien weit außerhalb der Gruppe der eigentlichen Aktivisten zu wecken.

Doch diese Art der öffentlichkeitswirksamen Provokation hatte sich Ende 1969, Anfang 1970 totgelaufen. Statt sich im Licht der Medien sonnen zu können, wurden immer mehr Genossen tatsächlich zu empfindlichen Strafen verurteilt. Ein besonders krasser Fall war der des Münchner Aktivisten Reinhard Wetter. Dieser war wegen einiger Lappalien zu acht Monaten Gefängnis verurteilt worden. Um Solidaritätsaktionen zu vermeiden, sollte Wetter seine Strafe nicht in München, sondern in der fränkischen Pampa verbüßen – in Ebrach. Das bot dann dem militanten Untergrund, der sich gerade zu formieren begann, den Anlaß, im Sommer 1969 zu einer Roten Knastwoche in Ebrach aufzurufen. Dort traf sich dann praktisch alles, was später im deutschen Linksterrorismus Rang und Namen haben sollte.

Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn es hier um das Knastcamp und seine Folgen geht. Und im Gegensatz zu den Besuchern des Knastcamps müssen Sie gar nicht so viel mitbringen, denn diese wurden aufgefordert:

„MITBRINGEN: farbe, papierrollen, handabzugsmaschinen, musikinstrumente, kinder, kleinere zelte, DECKEN, SCHLAFSÄCKE, LUFTMATRATZEN, streichhölzer, kamera, filme, pinsel, proviant, hasch, streichhölzer, trips, wasserfeste kleidung für waldspaziergänge, ölfarbe, plakafarbe, fotoapparate, tonbandgeräte, steinschleudern, granatwerfer, viel farbe, ärzte, verbandszeug, wassereimer, KOCHTÖPFE, messer, häftlingskleidung (blaue arbeitshose- und jacke), bereitschaftspolizeiuniform, saugpostpapier, richterroben, streichhölzer, spraydosen, knaller, megaphone, lautsprecheranlage (von den frankfurtern), busse, sportgeräte (bälle), undsoweiter“ ([3], S. 8)

Nachweise

[1] Kraushaar, W., »Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?« München 1970: Über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus, Reinbek 2013.

[2] Reinders, R. & Fritsch, R., Die Bewegung 2. Juni. Gespräche über Haschrebellen, Lorenz-Entführung, Knast, Berlin 4. Auflage 2003.

[3] Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen, „Kommt zur Roten Knastwoche nach Ebrach!“, in: agit883, Jg.1 (1969), Nr.22 (10. Juli 1969), S.8.

Advertisements

Written by alterbolschewik

29. März 2013 um 18:00

Veröffentlicht in Terrorismus

4 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. sich mit dem Thema zu befassen, ist zwar lobenswert, ich halte das Buch jedoch auch inhaltlich für mißlungen:

    http://aron2201sperber.wordpress.com/2013/03/08/kraushaars-verpasste-gelegenheit/

    die vielen unbewiesenen Spekulationen sind für Kraushaar leider typisch – auch wenn sie diesmal unstypischerweise nicht gegen den Verfassungsschutz, sondern gegen alte Genossen gerichtet sind.

    aron2201sperber

    2. April 2013 at 11:22

    • Der Grund, warum ich mich mit Kraushaars Buch so detailliert auseinandersetze liegt mit daran, daß er meines Erachtens der Aufarbeitung (auch der linken und linksradikalen) des deutschen Linksterrorismus einen Bärendienst erwiesen hat. Der Umschlag von provokativen, aber harmlosen Protestaktionen zur Gewalttätigkeit läßt sich nicht durch „Antisemitismus“ erklären. Umgekehrt würde eher ein Schuh daraus, nämlich wie die Eskalation der Gewalt bei bestimmten Fraktionen zu einer Annäherung an den palästinensischen Terror und damit zur Übernahme antisemitischer Begründungsmuster führte. Da ist – wie in Deinem Blog zurecht angemerkt – Kunzelmanns Reise in den Nahen Osten wirklich der entscheidende Dreh- und Angelpunkt. Gleichzeitig muß man aber auch hervorheben, daß andere Fraktionen des militanten Untergrunds genau diese Form des „Internationalismus“ ablehnten – so erfolgte die Spaltung der Revolutionären Zellen exakt entlang dieser Frage. Genau das wäre aufzuarbeiten.

      Und auf der anderen Seite gab es eine ganze Reihe nicht-militanter Gruppen, die ebenfalls auf den Zug der Palästinenser aufgesprungen sind; da müßte man endlich einmal im Bereich der frühen K-Gruppen recherchieren. Es ist also keineswegs so, daß die Vertreterinnen und Vertreter eines linken Antisemitismus in den 70er Jahren einfach deckungsgleich waren mit den Freunden des bewaffneten Kampfes. Ich denke, daß der Maoismus mit seinem ständigen Geschwafel vom „Volk“ hier mindestens soviel Schuld auf sich geladen hat wie die bewaffneten Gruppen.

      Aber genau diese wichtigen Fragen stellt Kraushaar überhaupt nicht. Er ist ein emsiger Hamster, der Daten und Fakten zusammenträgt, auf einen Haufen schichtet und dann Zusammenhänge behauptet, die einfach nur abstrus sind. Als er noch bloße Chronologien verfaßte, habe ich ihn deutlich mehr geschätzt.

      alterbolschewik

      2. April 2013 at 15:56

    • die Rolle der Revolutionären Zellen ist im Vergleich zur RAF viel zu wenig aufgearbeitet worden.

      es ist in Deutschland weitgehend unbekannt, dass die Truppe des wohl schlimmsten Terroristen des kalten Krieges im wesentlichen aus deutschen RZ-Mitgliedern bestand:

      http://aron2201sperber.wordpress.com/2011/12/16/carlos-deutsche-komplizen/

      aus linken Idealisten waren Profi-Killer geworden, die kein Problem damit hatten, dass ihr Chef beste Beziehungen zu einem der schlimmsten Nazis der Nachkriegsgeschichte unterhielt.

      http://de.wikipedia.org/wiki/Fran%C3%A7ois_Genoud

      aron2201sperber

      2. April 2013 at 22:18

    • Es gab durchaus eine Zeit, zumindest in der Linken, als diese Verbindungen klar gewußt wurden. Hans-Joachim Kleins Aussteigerbericht Rückkehr in die Menschlichkeit, der 1979 erschien, zeigte das Problem ziemlich deutlich auf und wurde damals auch rezipiert.

      Dieses Wissen ging aber mit der neuen Generation der radikalen Linken, die durch die Hausbesetzungen 80/81 und den militanten Anti-AKW-Kampf politisiert wurden, weitgehend verloren. Die Medien taten ihr übriges, indem sie die Gleichsetzung „linker Terrorismus=RAF“ so stark machten, daß von der Bewegung 2. Juni und den RZ nicht viel mehr als vage Gerüchte übrig blieben. Im öffentlichen Bewußtsein blieb alleine die RAF präsent. In der militanten Linken hingegen wurde die Bewegung 2. Juni zu einem Trupp Schokoküsse verteilender Bankräuber romantisiert; von den RZ hingegen blieb nur die Fraktion im Bewußtsein, die sich hauptsächlich auf Sachbeschädigung konzentrierte, ihr „internationalistischer“ Teil, der sich mit dem Auftragsterroristen Carlos verbündete, wurde sowohl aus dem Gedächtnis der Öffentlichkeit wie auch aus dem Gedächtnis der Linken getilgt.

      Tatsächlich müßte wirklich die Frage gestellt werden, wie so Figuren wie Johannes Weinrich, Wilfried Böse, Brigitte Kuhlmann oder Magdalena Kopp, die ja durchaus aus der radikalen linken Szene der 70er Jahre kamen, in das Umfeld eines durchgeknallten Psychopathen wie Carlos gerieten. Und die Ursachen müssen im Zustand der damaligen Linken gesucht werden, die eine solche Option – wenn auch für eine verschwindend geringe Minderheit – zumindest vorstellbar machten.

      alterbolschewik

      3. April 2013 at 16:25


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s