shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Eine Frage der Handschrift

leave a comment »

„Im Januar 1972 schlossen wir uns zur »Bewegung 2. Juni« zusammen. […] Mit diesem Datum im Namen wird immer darauf hingewiesen, daß sie zuerst geschossen haben.“

Ralf Reinders, Die Bewegung 2. Juni

Im letzten Beitrag wurde das Knastcamp in Ebrach erwähnt, das als eine Art Gründungsveranstaltung des deutschen Linksterrorismus angesehen werden kann. Kraushaar weist darauf völlig zurecht hin:

„Mit Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Georg von Rauch, Thomas Weisbecker, Dieter Kunzelmann, Ingrid Siepmann, Susanne Plambeck, Fritz Teufel, Irmgard Möller, Brigitte Mohnhaupt und Rolf Heißler gehören – wie sich Jahre darauf herausstellt – die Kerne der späteren Roten Armee Fraktion (RAF) und der Bewegung 2. Juni zu den Aktivisten in der fränkischen Provinz.“ ([2], S. 330 bzw. [1], S. 107f)

Wenn hier im Knastcamp von Ebrach also die Grundlagen gelegt wurden für den linken Terrorismus der 70er Jahre, dann erweisen sich dessen Wurzeln allerdings als ganz andere als die, die Kraushaar behauptet. Es sind, wie bereits letzte Woche angedeutet, die Auseinandersetzungen mit Polizei und Justiz, die die Wurzeln des deutschen Terrorismus bilden, mitnichten der Antisemitismus.

Das Knastcamp selbst war ein Fiasko. Mit formalen Gründen (Hygienerichtlinien) versuchte der dortige CSU-Landrat, das Camp zu verbieten, was die Campteilnehmer zum Anlaß nahmen, das Landratsamt zu verwüsten. 39 Randalierer wurden verhaftet, am nächsten Tag allerdings freigelassen. Zurück in Ebrach hetzten dortige Bürger ihre Hunde auf die Campteilnehmer, von denen einige ernsthaft verletzt wurden ([2], S. 330f). Die Eskalation der Gewalt war also durchaus gegenseitig. Noch mehr Öl ins Feuer schüttete der CSU-Vorsitzende Franz-Josef Strauß, der verlautbaren ließ:

„Diese Personen nützen nicht nur alle Lücken der Paragraphen eines Rechtsstaates aus, sondern benehmen sich wie Tiere, auf die die Anwendung der für Menschen gemachten Gesetze nicht möglich ist, weil diese Gesetze auch bei Rechtsbrechern noch mit Reaktionen rechnen, die der menschlichen Kreatur eigentümlich sind.“ (zit. nach [1], S. 112)

Damit bestätigte Strauß die schlimmsten Einsichten der linksradikalen Aktivisten: Indem der Vorsitzende der CSU sie außerhalb des Rechtes stellte, erklärte er sie buchstäblich für vogelfrei. Damit heizte er ein Klima noch weiter an, in dem es manchen gar nicht so unplausibel erschien, daß der bürgerliche Rechtsstaat drohte, in eine faschistische Diktatur abzurutschen. Von der Ermordung Benno Ohnesorgs über die Verabschiedung der Notstandsgesetze bis hin zu den jüngsten Äußerungen Franz-Josef Strauß‘ schien die Erosion des Rechtsstaates gewalttätigen, ja, bewaffneten Widerstand nicht nur zu legitimieren, sondern geradezu notwendig zu machen.

Die Geschichte hat diese Sichtweise auf die bundesrepublikanische Realität der späten 60er Jahre nicht bestätigt und so läßt sie sich heute recht einfach als wahnhaft abtun. Doch für die damaligen Aktivisten war die Aussicht, daß die BRD in Richtung eines neuen Faschismus abdrifteten könnte, eine reale Möglichkeit. Das war nicht einfach nur die Meinung eines kleinen Häufchens durchgeknallter Desperados, sondern ein weitverbreitetes Unbehagen. Und obwohl die wenigsten tatsächlich zur Waffe griffen, so war deshalb ein gewisses Verständnis für die Aktionen der bewaffneten Gruppen zumindest zu Beginn der 70er Jahre durchaus weit verbreitet.

Hier also liegen die eigentlichen Wurzeln des deutschen Terrorismus, in der vermeintlichen Notwendigkeit, den bewaffneten Widerstand gegen ein System zu organisieren, von dem man sich einbildete, es hätte einem buchstäblich den Krieg erklärt. Wenn man also nach den Motiven des deutschen Terrorismus fragt, dann findet man die Antwort in einer verzerrten Wahrnehmung der innenpolitischen Lage, in der Annahme, die staatlichen Repressionsorgane würden die Auslöschung des radikalen Widerstandes systematisch jenseits rechtsstaatlicher Grenzen planen.

Nachdem sich das Knastcamp als Fehlschlag erwiesen hatte, beschlossen die Berliner Teilnehmer um Dieter Kunzelmann zusammen mit Fritz Teufel, nach Italien zu fahren. Doch vorher verübten sie in München einen Brandanschlag auf die Wohnung des Oberstaatsanwaltes Lossos:

„Lossos, Leiter der Staatsanwaltschaft München I, ist offenbar deshalb als Zielscheibe ausgewählt worden, weil er in einem Verfahren die Anklage vertreten hat, in dem ein Kommunarde verurteilt worden ist.“ ([2], S. 361)

Dieser Anschlag, so abscheulich er war, folgte genau der fatalen Logik, die Polizei und Justiz als Gegner in einem Krieg auf Leben und Tod identifizierte. Hier begann tatsächlich so etwas wie eine „Handschrift“ der Tupamaros München deutlich zu werden.

Von Italien aus fuhr die Kunzelmann-Gruppe dann weiter nach Jordanien, um dort Kontakte zur palästinenischen Terrorgruppe Al-Fatah zu knüpfen. Dahinter steckte eine perverse, wenn auch durchaus nachvollziehbare Logik: Wenn man es mit dem bewaffneten Kampf in der BRD wirklich ernst meinte, benötigte man Kontakte zu Leuten, die mit so etwas Erfahrung hatten. Und die Palästinenser hatten bewiesen, daß sie über derartige Erfahrungen verfügten. Dieses fatale Bündnis mit dem palästinensischen Terrorismus gegen Israel hatte dann den versuchten Bombenanschlag auf das jüdische Gemeindehaus in Berlin zur Folge. Doch diese Sorte von verquerem antisemitischen „Internationalismus“, wie sie die Tupamaros Berlin repräsentierten, ist hier nicht Gegenstand von Kraushaars Buch und damit auch nicht dieser Debatte hier.

Hier geht es um die Tupamaros München und deren terroristische Praxis. Fritz Teufel, eine Schlüsselfigur der Tupamaros München, machte eben diese Reise nach Jordanien nicht mit. Er blieb zunächst in Italien und kehrte dann später nach München zurück, um mit den Tupamaros München eine terroristische „Frühjahrsoffensive“ zu planen. Und, im Gegensatz zu den Aktionen der nach Berlin zurückgekehrten Kunzelmann-Truppe, blieben die Aktionen der Tupamaros München weitgehend im vertrauten Rahmen: Sie richteten sich explizit gegen Polizei und Justiz.

Die Anschlagsserie kam nicht unangekündigt. Wie bereits früher erwähnt, gab Teufel bereits Anfang 1970 ein Interview, in dem er Aktionen ankündigte, für die ihm Haftstrafen drohen würden. Und am 20. Februar 1970 tauchte ein Flugblatt der Tupamaros München mit dem Titel „KEINE AMNESTIE FÜR DIE JUSTIZ AUF“, in dem Brandanschläge auf Justizgebäude angekündigt wurden. Die eigentliche Anschlagsserie der Tupamaros München begann dann am 24. Februar 1970. In den frühen Morgenstunden wurden Molotow-Cocktails auf das Haus des Amtsgerichtsrates Dr. Albert Weitl geschleudert. Einer der Brandsätze richtete im Wohnzimmer leichten Sachschaden an ([2], S. 166f). Rund zwei Wochen später, am 10. März wurden im Amtsgericht in der Münchener Pacellistraße zwei Brandbomben mit Zeitzündern gefunden ([2], S. 167 und S. 456). Danach schien es erst einmal ruhig zu werden um die Tupamaros München. Erst gegen Ende Mai, am 25., wurden zwei Brandflaschen gegen das Gebäude des Bayerischen Landeskriminalamtes geworfen, ([2], S. 368 und S. 456), eine Aktion, für die dann am 12. Juni Fritz Teufel verhaftet wurde ([2], S. 368 und S. 456). Während des Prozesses gegen Fritz Teufel werden dann, wohl als „Solidaritätsaktionen“ gedacht, verschiedene weitere Anschläge verübt ([2], S. 457ff). Die Gewalttätigkeit eskaliert nach der Verhaftung eines weiteren Tupamaros, Heinz-Georg »Jimmy« Vogler. Am 8. Januar 1971 explodiert eine Rohrbombe vor der Eingangstür eines Polizeireviers, es taucht das Bekennerschreiben eines „Kommandos Jimmy Georg Vogler“ auf.

Diese ganzen Aktionen sind extrem häßlich, moralisch unverantwortlich und politisch dumm, aber – und das ist der entscheidende Punkt – sie sind nicht antisemitisch. Sie sind noch nicht einmal „antiimperialistisch“ motiviert. Ein internationalistischer Kontext, in dem dann auch die „Solidarität“ mit dem „palästinensischen Befreiungskampf“ ein Rolle spielen könnte, ist nicht zu erkennen. Mit einer Ausnahme: Am 13. Januar 1971, während des Prozesses gegen Fritz Teufel, werden einige Fahrzeuge der US-Streitkräfte abgefackelt. Hier hätte Kraushaar tatsächlich eine Chance gehabt, die Aktionen der Tupamaros München aus dem engeren Kontext einer Kampagne gegen Polizei und Justiz heraustreten zu lassen. Doch offensichtlich gibt es kein Bekennerschreiben, zumindest zitiert der fleißige Sammler Kraushaar nichts. Und das wiederum heißt, daß noch nicht einmal klar ist, ob dieser Anschlag auf das Konto der Tupamaros München geht.

Wenn es also eine „Handschrift“ der Anschläge gibt, die die Tupamaros München verübt haben, dann gehört der Brandanschlag auf das jüdische Altenheim nicht dazu. Im Rahmen der Justizkampagne der Tupamaros gibt es nichts, was auf eine Bezugnahme zum palästinensischen Befreiungskampf hinweisen würde – und der ganze linke Antisemitismus der 70er Jahre steht in genau diesem Kontext. Also steht Kraushaar auch hier mit leeren Händen da.

Bleibt für nächste Woche noch ein letzter Punkt zu beackern: Kraushaars „Hauptverdächtiger“. Seien Sie also gespannt auf einen Anruf bei der Münchner Kriminalpolizei, bei dem die Aufmerksamkeit auf ein Mitglied der linken Szene gelenkt wird:

„Der Anrufer nennt sogar dessen Vor- und Nachnamen und fragt besorgt nach, ob sie das auch verstanden hätten. Als der Beamte nach dem Namen des Anrufers erkundigt, legt der sofort auf.“ ([2], S. 108)

Nachweise

[1] Kraushaar, W., Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus, Hamburg 2005.

[2] Kraushaar, W., »Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?« München 1970: Über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus, Reinbek 2013.

Advertisements

Written by alterbolschewik

5. April 2013 um 16:59

Veröffentlicht in Terrorismus

Tagged with

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s