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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Südfront

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„Die Südfront entstand aus dem bekannten Motto der Studentenbewegung in der letzten Zeit: Raus aus der Uni!“

Südfront München

Ehrlich gesagt, mir geht die Auseinandersetzung mit Wolfgang Kraushaars Buch über die angeblichen „antisemitischen Wurzeln“ des deutschen Terrorismus, genau so auf den Zeiger, wie Ihnen, liebe Leserin oder lieber Leser. Eigentlich waren auch maximal zwei Beiträge geplant, daß sich das auf sechs Folgen ausweiten würde, war nicht vorgesehen. Dennoch: Ich halte es für wichtig zu zeigen, daß die von Kraushaar an den an den Haaren herbeigezogenen Zusammenhänge jeglicher Substanz entbehren.

Um noch einmal zusammenzufassen: Für einen wie auch immer gearteten Zusammenhang der von palästinensischen Kommandos im Januar 1970 durchgeführten Terrorakte zur linksradikalen Szene in München gibt es nicht den geringsten Beleg. Genausowenig ist ein Zusammenhang zwischen der Ende der 60er Jahre angekündigten Anti-Olympia-Kampagne der Münchner APO und dem palästinensischen Überfall auf israelische Sportler während der Olympiade 1972 zu erkennen. Zum dritten paßt der Brandanschlag auf das jüdische Altenheim überhaupt nicht in die Anschlagsserie der Tupamaros München 1970/71. Diese hatten primär Polizei und Justiz zum Ziel und ließen jeden internationalistischen Aspekt vermissen. Das ist entscheidend, denn der linke Antisemitismus – den es zweifellos gab, auch wenn er längst nicht so verbreitet war, wie heute behauptet wird – artikulierte sich im Kontext internationaler Solidaritätsbewegungen.

Wenn nun also der Anschlag auf das jüdische Altenheim nicht von den Tupamaros München verübt wurde, von wem dann? Und ist es denkbar, daß der Anschlag dennoch aus der linken Szene Münchens kam? Das ist sehr schwer zu beurteilen. Dagegen spricht, daß es keinerlei Bekennerschreiben zu dem Anschlag gab. Das unterscheidet dieses Attentat ganz grundsätzlich von dem versuchten Bombenanschlag auf das jüdische Gemeindezentrum in Berlin am 9. November 1969. Dieser war ohne jeden Zweifel das Werk der Tupamaros Berlin, die sich auch in einem Bekennerschreiben dazu bekannten:

„Am 31. Jahrestag der faschistischen Kristallnacht wurden in Westberlin mehrere jüddische Mahnmale mit »Schalom und Napalm« und »El Fatah« beschmiert. Im jüdischen Gemeindehaus wurde eine Brandbombe deponiert. Beide Aktionen sind nicht mehr als rechtsradikale Auswüchse zu diffamieren, sondern sie sind ein entscheidendes Bindeglied internationaler sozialistischer Solidarität.“ ([3])

Im Gegensatz dazu fehlte für den Münchner Anschlag jedes Bekennerschreiben. Und nicht nur, daß ein solches Schreiben fehlte. Die Tupamaros München äußerten sich ziemlich eindeutig zu dem Brandanschlag:

„man wird versuchen, uns auch den altersheimbrand in die schuhe zu schieben. laßt euch gesagt sein: Wir treffen keine Unschuldigen!“ (zit. nach [1], S. 164)

Natürlich ist die dahinter stehende Logik einer Differenzierung von „Unschuldigen“ und „Schuldigen“ reichlich makaber: Ein Staatsanwalt oder Richter, der zur Verurteilung eines Genossen beigetragen hat, wird so zum „Schuldigen“ erklärt, dessen Haus man anzünden darf. Dennoch: Diese Unterscheidung gehört zur seltsamen Moral linksterroristischer Gruppen und ist keineswegs bloße Rhetorik. Die wahllose Ermordung von Menschen, die sich nur zufällig an einem bestimmten Ort aufhalten, paßt, ebenso wie die Abwesenheit eines Bekennerschreibens, eher zur Taktik rechtsradikaler Gruppierungen. Es sei nur an den Bombenanschlag auf der Piazza Fontana in Mailand erinnert, bei dem im Dezember 1969 14 Menschen ums Leben kamen [Edit: siehe Kommentar unten].

Tatsächlich gab es im Fall des Münchner Brandanschlags eine ernstzunehmende Spur, die zur NPD führte. Der Süddeutschen Zeitung und dem Münchner Polizeipräsidium wurden Kopien eines Schreibens an den Landesverband der NPD zugespielt. Einige Tage vor dem Anschlag hieß es in diesem Brief:

„Ich nehme an, daß Sie H. von der geplanten Aktion sofort unterrichteten und bin überzeugt, daß er die nötigen Schritte unternimmt. Auch der Bundesvorstand sollte unterreichtet werden. Eine solche Aktion unberechenbarer Wirrköpfe würde unserer Partei ungeheuren Schaden zufügen, und das vor den Landtagswahlen.
Ich bin, wie Sie wissen, ebenfalls kein Judenfreund, von solchen Vorhaben möchte ich mich auf das entschiedenste distanzieren, als Jurist und im Interesse der Partei. Überlegen Sie, wenn außer Sachschaden Menschen zu Schaden kämen, es handelt sich da immerhin um alte Leute.“ (zit nach [1], S. 137)

Die Polizei ging dieser Spur nach, aber natürlich erklärten Autor und Adressat des Briefes übereinstimmend, es handle sich um eine Fälschung mit dem Ziel, der NPD zu schaden. Dennoch wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Nichtanzeige geplanter Straftaten eingeleitet, das aber zwei Jahre später ergebnislos eingestellt wurde.

Doch man sollte es sich nicht zu bequem machen und das Attentat umstandslos dem Umfeld der NPD zuzuschreiben, denn dann würde man, wie Kraushaar, weniger den vorliegenden historischen Quellen folgen als vielmehr seinen eigenen Vorurteilen. Denn bereits in der vorletzten Folge hatte ich die Aussage des Ex-RAF-Terroristen Gerhard Müller zitiert, der sich an ein Gespräch zwischen Gudrun Ensslin und Irmgard Möller erinnerte, aus dem hervorging, daß Möller wußte, wer der Attentäter war. Diese Aussage kann nicht leicht ignoriert werden, denn es ist schwer einzusehen, warum Müller das erfunden haben sollte, denn offenkundig konnte er sich davon keinen Vorteil versprechen.

Insofern ist es nicht unbedingt von der Hand zu weisen, daß der von Kraushaar vorgeführte Hauptverdächtige möglicherweise tatsächlich der Attentäter war. Es handelte sich dabei um einen 18-jährigen Hilfsarbeiter. Dieser war über die Aktion Südfront zur Münchner APO gestoßen. Und in diesem Zusammenhang ist vielleicht ganz sinnvoll, kurz zu erläutern, was die Aktion Südfront war. Außerdem führt uns das etwas weg von Kraushaar und wieder etwas mehr in das Geschehen der späten 60er Jahre.

Die Aktion Südfront wurde 1969 im Rahmen der sogenannten Randgruppen-Strategie der außerparlamentarischen Opposition ins Leben gerufen. Diese Strategie ging mit Marcuse (um einmal kurz an das wegen Kraushaar unterbrochene aktuelle Thema dieses Blogs zu erinnern) davon aus, daß das Proletariat im modernen Kapitalismus integriert ist und damit als revolutionäres Subjekt ausfällt. Um die Massenbasis der Studentenbewegung zu verbreitern, mußten Menschen gefunden werden, deren Unzufriedenheit mit dem System sie zu potentiellen Verbündeten machten. Diese meinte man in gesellschaftlichen Randgruppen zu finden, also in Fürsorgezöglingen, Insassen der Psychiatrie, Obdachlosen, Prostituierten, Strichern etc. Die Münchner Aktion Südfront konzentrierte sich dabei auf Erziehungsheime in der Umgebung von München:

„Die Münchner Kommunengruppe »Südfront« hatte es seit Juni [1969] unternommen, »an die Stelle der Heimerziehung von Minderjährigen« – so die Formel der Staatsanwaltschaft – »das Modell eines sogenannten Erziehungskollektivs zu setzen«.
Erzogen wurden Jungen vorwiegend aus Fürsorgeheimen – nachdem sie dort ausgerissen waren. Die »Südfront« betrieb in den Anstalten Eigenwerbung, und etwa hundert Zöglinge fanden nach und nach den Weg zur Kommune. Allein aus dem Pius-Heim im oberbayrischen Glonn verschwanden in den letzten Wochen 24 schwererziehbare Jugendliche gen Schwabing.
»Südfront«-Sprecher Michael Braun, 23: »Wir strebten eine Resozialisierung der Zöglinge durch Gemeinschaftsleben und Arbeitstherapie an.«“ ([2], S. 112)

Tatsächlich war das Modell gar nicht so ineffektiv. Die Zeit berichtete:

„APO-Angehörigen, besonders Mitgliedern der Gruppe »Südfront« gelang es, in Zusammenarbeit mit dem zuständigen Jugendamt, die milieugeschädigten Jugendlichen zu »legalisieren«. Der quasi Stromkreis Milieu – Heim – ausreißen – keine Papiere – kein Geld – Diebstahl – Jugendstrafe – Heim, wurde wirksam unterbrochen. Inzwischen waren zusammen mit dem Jugendamt Pläne für Lehrlingswohngemeinschaften ausgearbeitet worden, in denen Fürsorgezöglinge mit Sozialarbeitern leben und arbeiten sollten.“ ([5])

Nächste Woche geht es weiter. Seien Sie also gespannt darauf, inwieweit die Ziele der Südfront realistisch waren:

„Das Interesse der Südfront war, diese Jugendlichen zu politisieren und zu eigenem politischen Engagement zu bringen. Heim-Jugendliche waren für sie revolutionäres Potential. Die persönliche Hilfeleistung war sekundär – jedenfalls theoretisch – im Vordergrund stand der politische Anspruch.“ ([4], S. 9)

Nachweise

[1] Kraushaar, W., »Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?« München 1970: Über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus, Reinbek 2013.

[2] Redaktioneller Beitrag, „An der Südfront“, in: Der Spiegel, Jg.23 (1969), Nr.40 (30. September 1969), S.112 – 114.

[3] Schwarze Ratten T[upamaros] W[estberlin], „Schalom + Napalm“, in: agit883, Jg.1 (1969), Nr.40 (13. November 1969), S.9.

[4] Südfront, „Arbeitsbericht Südfront (München)“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.2 (1970), Nr.54 (27. Februar 1970), S.8 – 10.

[5] von Uslar, T., „Bestandsaufnahme“, in: Die Zeit, Jg.22 (1969), Nr.40 (3. Oktober 1969), S.67.

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Written by alterbolschewik

12. April 2013 um 16:36

Veröffentlicht in Terrorismus

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3 Antworten

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  1. Shit – bei diesem ganzen Terrorismus-Gedöns muß man wirklich aufpassen wie ein Luchs. Wenn man nicht alles konsequent nachrecherchiert werden einem unbestätigte Gerüchte als Tatsachen präsentiert. Einem Hinweis bei Aron Sperber folgend, sollte ich darauf hinweisen, daß der Nachweis eines rechtsradikalen Hintergrunds für den Bombenanschlag auf der Piazza Fontana keineswegs eindeutig ist. Wenn man statt des deutschen den englischen Wikipedia-Eintrag dazu liest, erfährt man, daß die Urheberschaft keineswegs eindeutig geklärt ist. Insofern ist mein angeführtes Beispiel nicht gerade das bestgewählte – auch weil sich der Anschlag primär gegen ein Bankgebäude richtete, was durchaus in der Logik des Linksterrorismus liegt. Ich ändere trotzdem nicht den Text – als Warnung, daß man bei diesen Fragen nicht vorsichtig genug sein kann.

    alterbolschewik

    13. April 2013 at 10:15

    • freut mich sehr, dass du meinen Beitrag gelesen hast.

      ich habe auch hier darüber ausführlich geschrieben:

      http://aron2201sperber.wordpress.com/2008/08/24/italiens-bleierne-jahre/

      Einer der Anarchisten, Mario Merlino hatte tatsächlich eine rechtsextreme Vergangenheit. Für Italiens linke Medien und Justiz, ein klarer Hinweis darauf, dass die Anarchisten von Rechtsradikalen unterwandert worden waren, um ihnen im Rahmen der “Strategie der Spannung” die Tat anzuhängen.

      Gerade in Italien ist jedoch die Konversion vom Linksradikalismus zum Rechtsradikalismus (und umgekehrt) nichts Einmaliges:

      Selbst der Duce hatte seine politische Karriere als Sozialist begonnen.

      Der freigesprochene Hauptverdächtige Valpreda behielt ein gutes Verhältnis zu Merlino, obwohl dieser angeblich seine Gruppe unterwandert hatte.

      Aktuell wurden Stimmen laut, dass Valpredas Gruppe von den Rechtsextremen für den Anschlag benutzt worden sei.

      Die Wahrheit könnte viel banaler sein:

      Die Anarchisten hatten möglicherweise lediglich den Sprengstoff für ihre Anschläge über Merlinos alte persönliche Kontakte aus denselben Quellen bezogen, von denen auch die Rechtsextremen ihre Waffen erhielten.

      aron2201sperber

      17. April 2013 at 23:18

    • Der eigentliche Lerneffekt bei der Beschäftigung mit dem Terror sowohl von links wie von rechts ist für mich, daß man mit allen eindeutigen Behauptungen, wer für dieses oder jenes Attentat nun wirklich verantwortlich sei, mehr als vorsichtig sein muß. Insbesondere, weil eigentlich immer auf die eine oder andere Art irgendwelche Geheimdienste mitgemischt haben. Wer hätte wirklich je geglaubt, daß die Stasi der RAF Unterschlupf gewähren würde? Ich hätte so etwas in den 80er Jahren als eine völlig unsinnige Spekulation abgetan. Ideologisch verbanden RAF und DDR nun wirklich überhaupt nichts. Und doch schwärmt eine Inge Viett heute nostalgisch von den schönen Zeiten in der DDR – völlig plemplem.

      Auf der anderen Seite kann man sich dann aber auch in die abstrusesten Verschwörungtheorien verstricken, in denen die faktischen Attentäter auf bloße Marionetten dunkler Hintermänner reduziert werden, während „eigentlich“ etwas völlig anderes dahinter stehe (etwa die „Strategie der Spannung“ in Italien).

      Und gerade deshalb halte ich die obsessive Beschäftigung damit, wer denn genau für welchen Anschlag verantwortlich ist, für eher unproduktiv. Viel entscheidender ist es meines Erachtens, die ideologischen Voraussetzungen für bestimmte Arten von Attentaten zu analysieren. Für die Bombe im jüdischen Gemeindehaus in Berlin 1969 ist es – außer in strafrechtlicher Hinsicht – recht unerheblich, welche konkret identifizierbare Einzelperson die Bombe plaziert hat; viel wichtiger ist es, das ideologische Konstrukt zu verstehen, das hinter einem solchen Anschlag steht und was das über eine bestimmte Fraktion der nach-68er Linken aussagt. Und diesen ideologischen Wahnsinn kann man anhand des Bekennerschreibens und der infamen „Briefe aus Ammann“ von Dieter Kunzelmann recht gut rekonstruieren. Zu so etwas ist Kraushaar allerdings absolut nicht in der Lage – er kann nur Fakten sammeln, ist aber unfähig, diese zu interpretieren. Oder wie Holmes immer über Dr. Watson sagt: „He sees, but he does not observe“.

      alterbolschewik

      20. April 2013 at 9:58


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