shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Südfront (2)

with 2 comments

„Und irgendwann hast dann ogfanga, die echten Leit zum suacha, de wo ned dauernd »Ja Herr Lehrer!« sagn, hinten in dene Kneipn am Viktualienmarkt und am Bahnhofseck. Echter san de scho, Willy, aber i hab di gwarnt, aufpassen muaßt bei dene, weil des san Gschlagene, und wer dauernd treten werd, der tritt halt aa amoi zruck.“

Konstantin Wecker, Willy

Ich hatte bereits letzte Woche damit begonnen zu erläutern, was die Südfront war: Eine Initiative der außerparlamentarischen Opposition in München im Rahmen der sogenannten „Randgruppenstrategie“. Da das Proletariat als „revolutionäres Subjekt“ ausfiel, versuchte man an den Rändern der Gesellschaft, dort wo die Mißstände offen zu Tage lagen, auch wenn das in der Mitte der Gesellschaft ignoriert wurde, neues Personal zu rekrutieren. In München waren das vor allem Fürsorgezöglinge. Diese wurden aufgefordert, aus den Heimen zu flüchten, und zwar mit dem Versprechen, sie würden in den verschiedenen Kommunen der Münchner Szene schon unterkommen.

Das Problem war, daß das zum einen viel zu gut, zum anderen sehr schlecht klappte. Zu gut klappte es, weil nicht nur eine Handvoll Heimzöglinge dieser Aufforderung nachkamen, sondern das Angebot massenhaft angenommen wurde: Rund hundert Ausreißer waren unterzubringen ([3], S. 112). Schlecht klappte es, weil der politische Anspruch völlig unter die Räder geriet:

„In kurzer Zeit war die Südfront von dem Massenandrang der Ausgerissenen einfach überrollt. Sie war darauf organisatorisch überhaupt nicht vorbereitet und verhaspelte sich nun ganz und gar in die Bewältigung der dringendsten materiellen Probleme. Man scheute sich vor der Konsequenz, Jugendliche in ihre Heime zurückschicken zu müssen und versuchte deshalb verzweifelt, jedem der ankam mehr schlecht als recht zu helfen. Mehr war da einfach nicht mehr drin, die Arbeit wurde immer unpolitischer. Der enorme materielle Aufwand und der dauernde psychische Druck erzeugten bei den Genossen Gereiztheit, aggressive Ausbrüche und Nervenzusammenbrüche. Uneingestandene Enttäuschung über die Undankbarkeit der Heim-Jugendlichen, die alle Kühlschränke leer fraßen, einem dauernd auf der Pelle hockten und meist nur rumlungerten, machte sich stillschweigend breit.“ ([4], S. 9)

Dazu kam dann noch der Streß mit den Ordnungsmächten. Am 24. September 1969 wurde, obwohl die Südfront längst in Verhandlungen mit dem Jugendamt stand, eine großangelegte Razzia in den einschlägigen Münchner Wohngemeinschaften durchgeführt:

„Die Beamten klingelten die Kommunarden im Ho-Tschi-Minh-Rhythmus aus den Betten. Wo die Klingel nicht klingelte, trommelten eifrige Finger das Ho-Ho-Ho-Tschi-Minh an die Fensterscheiben. Die Vollzugsorgane kamen zu ihrer beabsichtigten Gaudi. Wo rasch geöffnet wurde, konnte sie junge Sozialisten, Maoisten, Trotzkisten, Gammler, Gesindel beiderlei Geschlechts(!) in den Betten photographieren. In allen 16 »Objekten« hinterließen sie Blitzlichtbirnen auf dem Fußboden.“ ([5])

Angesichts dessen, was bei den Durchsuchungen beschlagnahmt wurde, ist offensichtlich, daß Verstöße gegen das Meldegesetz, die als Begründung herhalten müssen, nur ein Vorwand waren. Exemplarisch zeigte dies die Durchsuchung des Trikont-Verlages:

„[D]ie mit Walkietalkies ausgerüsteten Beamten betreten auch Räume, deren Durchsuchung von der richterlichen Anordnung nicht gedeckt wird. Sie beschlagnahmen wahllos: Aktenordner, Manuskripte, Putzlappen, vier Radiobatterien, ein 71 cm langes Kabel, die Kartei der linken Kunden, ein Auto. Eigentlich sollten sie laut Einsatzplan den 2 CV der Verlagsgesellschafterin Gisela Erler, einer Tochter des verstorbenen SPD-Politikers, konfiszieren. Aber als dieses Auto nicht greifbar war, nahmen sie ein anderes. Gegen Protest, ohne Quittung.“ ([5])

Tatsächlich wurden einige ausgerissene Fürsorgezöglinge entdeckt:

„Am Mittwochabend wurden die 21 entwichenen Zöglinge in ihren Heimen abgeliefert. Keine 24 Stunden später fanden sich die ersten fünf wieder bei ihren Schwabinger Erziehungstherapeuten ein.“ ([3] , S. 114)

Vor allem aber war diese Aktion eine Drohgebärde des Staates gegen die Münchner Szene. Damit schürten sie allerdings nur das Gefühl der Ohnmacht und damit die Wut, die sich dann im Jahr darauf in den Anschlägen der Tupamaros München ein Ventil suchte.

Am 7. und 8. Februar 1970 fand dann ein bundesweites Treffen zur Randgruppenstrategie statt, bei dem ca. 30 bis 35 Gruppen zusammenkamen (vgl. [2]). Es wäre zwar reizvoll, die Debatte auf dieser Konferenz nachzuzeichnen, würde aber den Rahmen hier sprengen (vielleicht hole ich das bei Gelegenheit nach). Die Vertreter der Münchner Südfront erklärten jedenfalls auf dieser Konferenz, daß sie die Randgruppenstrategie für gescheitert hielten:

„Die Situation wurde so widersinnig, daß eine Polizeirazzia heimlich als Erleichterung empfunden wurde, weil danach ein paar Leute weniger da waren.“ ([4], S. 9)

Ende des Jahres 1969 löste sich die Südfront auf:

„Etwa seit Weihnachten hat sich die Gruppe völlig verflüchtigt. Es gibt keine Südfront mehr.“ ([4], S. 10)

Ich habe das alles deshalb so ausführlich dargelegt, damit klar wird, welche Dimension die Südfront hatte. Das war keine kleine Aktion von einer Handvoll von Leuten, sondern die Zahl der Involvierten bewegte sich im dreistelligen Bereich. Auch die Kommune der späteren Tupamaros München, die „Wacker Einstein“, war mit involviert, aber die ganze Aktion ging doch weit über den Kreis derer hinaus, die später den „bewaffneten Kampf“ propagieren sollten.

Und damit kommen wir zurück zu Wolfgang Kraushaar. Denn dieser produziert in seinem Buch über die angeblichen antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus einen „Hauptverdächtigen“, den er als das fehlende Bindeglied zwischen den dem Anschlag auf das jüdische Altenheim und den Tupamaros München aufbauen will.

Leider gibt es nur zwei äußerst dürftige Fakten, die den „Hauptverdächtigen“ überhaupt in das Visier der Ermittler kommen ließen. Faktum Nummer 1: Ein anonymer Anruf. In den Trümmern des abgebrannten Altersheims hatte sich ein Öl-Kanister der Marke ARAL gefunden, in dem das Benzin für den Brandanschlag transportiert worden war – die einzige handgreifliche Spur, die die Polizei hatte. Wenige Tage nach dem Anschlag, am 16. Februar 1969, ging bei der Polizei ein Anruf ein,

„in dem behauptet wurde, der blaue Kanister gehöre einem »Südfrontler«. Der Anrufer nennt sogar dessen Vor- und Nachnamen und fragt besorgt nach, ob sie das auch verstanden hätten. Als sich der Beamte nach dem Namen des Anrufers erkundigt, legt der sofort auf.“ ([1], S. 108)

Man sollte nun meinen, daß die Kripo diesen Hinweis sehr ernst nahm. Tatsächlich unternahm sie erst einmal überhaupt nichts. Warum, darüber läßt sich nur spekulieren. Wahrscheinlich vermutete man an, daß es ein Nachbar war, der sich durch die Kommune, in der der „Südfrontler“ lebte, genervt fühlte und deshalb zum Mittel der anonymen Denunziation griff – eine Sichtweise, die durchaus realistisch ist.

Erst im April, zwei Monate nach dem Anschlag, wurden die Wohnung und die Arbeitsstelle des Verdächtigen durchsucht – im Rahmen einer Razzia wegen der Anschläge der Tupamaros. Die Ermittler fanden – und damit kommen wir zu Faktum 2 – Tesafilm und rotes Krepppapier. Dazu muß man wissen, daß der beim Anschlag verwendete Ölkanister beim Transport in derartiges rotes Krepppapier eingewickelt gewesen war und so kam der 18-jährige Hilfsarbeiter zunächst in Untersuchungshaft. Doch lange bevor die kriminaltechnische Untersuchung von Krepppapier und Tesafilm abgeschlossen war, wurde der Verdächtige wieder entlassen (Kraushaar gibt keine Gründe an). Die Untersuchung des Krepppapiers ergab dann später, daß sich

„eine Materialgleichheit konstatieren lasse, die den vermuteten Tatzusammenhang zunächst bestätige, es wegen der Brand- und Löscheinwirkungen auf die Überreste jedoch an individuellen Merkmalen fehle, um einen unmittelbaren Identitätsnachweis zu erbringen.“ ([1], S. 353)

Unzweideutig war das Ergebnis hinsichtlich des Tesafilms: Dieser wurde definitiv nicht verwendet.

Das also sind die Fakten, die den 18.-jährigen „Südfrontler“ zu Kraushaars „Hauptverdächtigen“ machen: Die „Materialgleichheit“ von Krepppapier und eine anonyme Denunziation. Daß die Polizei bei dieser Faktenlage die Angelegenheit nicht an die Staatsanwaltschaft übergab, ist nur allzu verständlich.

Damit ist sicherlich nicht ausgeschlossen, daß es sich bei dem Hilfsarbeiter, der durch die Aktion Südfront zur Münchner APO gestoßen war, möglicherweise tatsächlich um den Attentäter handelte. Aber das ist nicht besonders wahrscheinlich, sondern bestenfalls abstrakt möglich. Während praktisch nichts dafür spricht, spricht doch einiges dagegen. Zum einen gibt es die Aussagen von zwei Taxifahrern, die den Attentäter wahrscheinlich gefahren haben. Übereinstimmend geben sie an, daß es sich nicht um einen Deutschen gehandelt habe ([1], S. 101ff). Zum anderen fehlt einfach das Motiv: Nirgendwo erwähnt Kraushaar, daß sein „Hauptverdächtiger“ irgendwo in der Palästina-Solidarität aktiv gewesen sei. Wenn der Anschlag tatsächlich aus dem Umfeld der Münchner radikalen Linken gekommen sein sollte (und die Aussage Gerhard Müllers läßt dies zumindest möglich erscheinen), dann wäre vielmehr im Umfeld der Münchner Palästina-Solidarität zu suchen.

Doch selbst wenn der von Kraushaar präsentierte „Hauptverdächtige“ tatsächlich der Attentäter gewesen sein sollte, fehlt immer noch der direkte Zusammenhang zu den Tupamaros München. Daß er durch die Aktion Südfront in Kontakt mit der linksradikalen Szene in München gekommen ist, läßt keinen Rückschluß darauf zu, daß er zum näheren Umfeld der Tupamaros gehörte, gar den Anschlag mit Wissen und Billigung der Gruppe durchgeführt hätte. Einen fließenden Übergang der von einer vergleichsweise breiten Masse getragenen Aktion Südfront zu dem Häuflein der Tupamaros herzustellen, wie das Kraushaar suggeriert, ist mehr als unseriös. Wenn der Verdächtige wirklich der Täter gewesen sein sollte, dann hätte er aller Wahrscheinlichkeit nach als Einzeltäter gehandelt.

Damit läßt sich konstatieren: Kraushaars Versuch, einen Beitrag zu den „antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus“ zu leisten, ist auf der ganzen Linie gescheitert. Und das ist wirklich ärgerlich. Denn es gab und gibt einen linken Antisemitismus. Nur tragen Bücher wie dasjenige von Kraushaar nicht im geringsten dazu bei, dessen Entstehung und Entwicklung zu begreifen. Hier wäre wirklich wichtige Forschungsarbeit zu leisten. Um nur ein paar Fragen aufzuwerfen: Welche Rolle spielte die Palästina-Solidarität in den Übergangsjahren 1969/70? Wer war darin aktiv? In welche organisatorischen Strukturen der Linken waren diese Unterstützer eingebunden? Welche antisemitischen Stereotypen wurden gedankenlos von der Palästinensern übernommen? Welche ergaben sich hingegen aus der spezifischen deutschen Situation (Stichwort: Abwehrantisemitismus)?

Dieser Fragenkatalog ließe sich beliebig erweitern und würde bei einer gründlichen Bearbeitung sicherlich vernünftigere Einsichten über die Schwächen der radikalen Linken in den frühen 70er Jahren zu Tage bringen als Kraushaars wild zusammengeschusterte Räuberpistole. Allerdings würde sich dafür dann weder das Fernsehen noch das Feuilleton interessieren. Das liebt griffige Thesen wie die von Kraushaar, mit deren Hilfe erneut ein weiteres Mal auf „die 68er“ eingedroschen werden kann, auch wenn daran hinten und vorne nichts zusammenpaßt.

Doch lassen wir dieses unerfreulich Thema. Nächste Woche geht es – noch einmal außerplanmäßig (soweit ich überhaupt einen Plan habe) – weiter mit einer anderen Buchbesprechung. Und dabei geht es um ein Buch, das ganz sicher nicht das Interesse der Mainstream-Medien wecken wird. Freuen Sie sich also darauf wenn es heißt:

„Es ist höchste Zeit für eine emanzipatorische Linke, sich in Gänze dem Zusammenhang zwischen jenen historischen Sackgassen, in die uns die antiemanzipatorischen Regime des sogenannten real-existierenden Sozialismus geführt haben und den künftigen Auswegen aus dem Kapitalismus zuzuwenden.“ ([6], S. 21)

Nachweise

[1] Kraushaar, W., »Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?« München 1970: Über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus, Reinbek 2013.

[2] Marzahn, C., „Sozialistische Randgruppenstrategie“, in: SC-Info Sozialistische Correspondenz, Jg.2 (1970), Nr.36 (7. März 1970), S.3 – 5.

[3] Redaktioneller Beitrag, „An der Südfront“, in: Der Spiegel, Jg.23 (1969), Nr.40 (30. September 1969), S.112 – 114.

[4] Südfront, „Arbeitsbericht Südfront (München)“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.2 (1970), Nr.54 (27. Februar 1970), S.8 – 10.

[5] von Uslar, T., „Bestandsaufnahme“, in: Die Zeit, Jg.22 (1969), Nr.40 (3. Oktober 1969), S.67.

[6] Selbsthilfegruppe Ei des Kommunismus (SEK) (Hg.), Was tun mit Kommunismus?, Münster 2013.

Advertisements

Written by alterbolschewik

19. April 2013 um 16:38

Veröffentlicht in Terrorismus

Tagged with ,

2 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. hervorragender Beitrag.

    jetzt fühle ich mich informiert (was nach der Lektüre von Kraushaars Buch nicht der Fall war)

    aron2201sperber

    5. Juni 2013 at 22:37

    • Danke.

      Ich verstehe auch nicht, warum Kraushaar sich keinerlei Mühe gibt, die Südfront bzw. die dahinter stehende Randgruppenstrategie näher zu erläutern, wenn er schon einen „Südfrontler“ als Hauptverdächtigen präsentiert. Er hat da wahrscheinlich sogar mehr und bessere Informationen als ich, schließlich kann er auf das Archiv des Hamburger Instituts für Sozialforschung zurückgreifen. Stattdessen gibt es in seinem Buch ganze Kapitel, die nun wahrlich keinerlei Erkenntnisgewinn über die Situation in München liefern – beispielsweise das Kapitel über Mossad-Aktionen in Norwegen als Reaktion auf die Aktion während der Olympischen Spiele.

      Aber wahrscheinlich fehlen diese Informationen genau deshalb, weil dann offensichtlich würde, daß die ständig suggerierte Gleichsetzung Südfront = Tupamaros München hinten und vorne nicht aufgeht.

      alterbolschewik

      6. Juni 2013 at 22:59


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s