shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Was tun mit Kommunismus? (1)

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„Wenn es sich bei der UdSSR um einer Übergangsgesellschaft handeln sollte, warum kam sie dann niemals an?“

Bini Adamczak

Eine der verblüffenden Eigenschaften des Internets ist es, daß es uns auch die Welt außerhalb des Internets mit anderen Augen sehen läßt. Das Nachdenken über die Natur der weltumspannenden Kommunikation, die das Internet ermöglicht, hat uns neue Begriffe beschert, die uns Phänomene besser verstehen hilft, die überhaupt nichts mit dem Netz zu tun haben. Einer dieser nützlichen Begriffe ist der der filterbubble. Bezeichnet wurde damit urspünglich ein Phänomen, das durch die Algorithmen der Suchmaschinen erzeugt wird: Indem sich diese merken, wie ich auf die Suchergebnisse, die sie liefern, reagiere und dies bei späteren Suchabfragen berücksichtigen, schränken sie mehr und mehr meine Suchergebnisse darauf ein, was ich sowieso erwarte. Die Suchmaschine wirkt auf einmal effektiv als ein Filter, der bestimmte Informationen gar nicht mehr in mein Blickfeld geraten läßt; und so beginne ich in einer Blase zu leben, in der ich vor Informationen geschützt werde, die mit meinem Weltbild nicht übereinstimmen: Die filterbubble.

Mit der Explosion der „sozialen Netzwerke“ veränderte sich diese ursprünglich rein algorithmisch gedachte Filterblase, die die Technologie ohne mein eigenes Zutun um mich herum erzeugt, in ein Phänomen, das nun aktiv produziert und vielleicht auch gewollt wird. Durch die bewußte Auswahl der blogs, die ich lese, der twitter Nachrichten, die ich abonniere, der „Freunde“, die ich mir bei facebook zulege, erzeuge ich mir im Meer des Informationsozeans meine eigene kleine Insel, die mir in der Fülle der Datenströme festen Grund unter den Füßen zu bieten scheint. Oder um eine bessere Metapher zu verwenden: Ich ziehe mich mit Gleichgesinnten in ein enges Alpental zurück, in dem ich nur noch mit Leuten verkehre, die meine Weltsicht teilen. Zufällige Besucher, die sich dann hie und da einmal in dieses Tal verirren, zucken dann meist bei der ersten Begegnung mit den durch Inzucht degenerierten Talbewohnern zurück und nehmen schleunigst Reißaus.

Das andere berühmte Internetphänomen, der shitstorm, ist durch die filterbubble bedingt: Wenn die Talbewohner erfahren, daß irgendwo hinter den Bergen Blasphemiker leben, die sich über die im Tal allgemein anerkannten Werte kritisch oder gar spöttisch geäußert haben, dann raffen sie ihre digitalen Dreschflegel, Mistgabeln und Sensen zusammen und brechen gemeinsam auf zum Kreuzzug. Oft genug leben die Blasphemiker ebenfalls in einem derartigen Tal und so kommt es auf der Paßhöhe zu einem wüsten Gemetzel, bis sich die Parteien wieder in ihre Täler zurückziehen, ihre Wunden lecken und sich darüber austauschen, wie unglaublich bescheuert die Bewohner des anderen Tals doch seien.

Das eigentlich verblüffende an diesen inzwischen hinlänglich bekannten Phänomenen ist, daß sie sich keineswegs auf die digitale Welt beschränken, sondern daß sie bereits vor der Existenz des Internets auftraten: Nur hatten wir einen Begriff wie filterbubble nicht zur Verfügung, um sie zu beschreiben. Tatsächlich war das, was sich im Niedergang der antiautoritären Bewegungen Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre ereignete, die Entstehung einer gigantischen Filterblase, innerhalb derer sich dann eine Unzahl kleiner Filterblasen entwickelten.

Allerdings lag das damals nicht an einem Zuviel an Informationen, vor denen man sich durch seine Filterblase abschotten wollte, sondern daran, daß man überzeugt war, den offiziellen Informationsmedien nicht mehr trauen zu können. Tatsächlich war man ja über Jahre hinweg nach Strich und Faden belogen worden: Über die Nazivergangenheit der gesellschaftlichen Eliten, über den Krieg in Vietnam, über die Geschichte der kommunistischen Bewegung… Die Öffentlichkeit während des Kalten Krieges war geprägt durch Verschweigen, Verdrehungen und glatte Lügen. Und die Erfahrungen während der „antiautoritären Phase“ hatten diese Manipulationen offensichtlich werden lassen. So entstand damals eine „Gegenöffentlichkeit“ – durch Flugblätter, Zeitschriften, Broschüren, Bücher. Im offiziellen Bewußtsein unterdrückte Traditionen wurden durch Raubdrucke wieder zugänglich gemacht, auch Verlage wie Rowohlt oder Fischer sprangen auf den Zug auf und veröffentlichten beispielsweise längst vergessene Schriften etwa der Rätekommunisten.

Zunächst war das eine Offenbarung: Die Geschichte zeigte auf der Seite der radikalen Linken ganz andere, viel buntere Facetten als das langweilige schwarz-weiß-Denken des Kalten Krieges. Doch statt die beschränkte offizielle Weltsicht zu ergänzen, begann sie in bestimmten Kreisen als eigene, alternative Weltsicht zu fungieren. Je mehr man sich in dieser alternativen Weltsicht verlor, umso mehr wurde daraus etwas, für das lange Zeit der richtige Begriff gefehlt hatte. Doch mit filterbubble ist dieses Phänomen sehr gut beschrieben: Die antikapitalistische Linke, die sich aus den Trümmern der antiautoritären Bewegungen entstand, begann ihre ganz eigenen Diskurse zu entwickeln, die für Außenstehende zunehmend unverständliches Kauderwelsch wurden. Da wurden auf einmal die Streitigkeiten zwischen Marx und Bakunin oder die zwischen Bucharin und Trotzki oder die zwischen Stalin und Tito wichtiger als die bundesrepublikanische Realität der frühen 70er Jahre. Wer sich außerhalb dieser filterbubble befand, konnte sich nur achselzuckend abwenden. Angesichts der Realitätsferne vieler der damaligen Diskurse ist durchaus nachvollziehbar, warum viele Sympathisanten von dieser Art von „Politik“ ziemlich schnell die Nase voll hatten, die antikapitalistische Orientierung zusehends aufgaben und sich eher in Bürgerinitiativen oder später dann der Grünen Partei engagierten.

Doch das soll gar nicht das Thema des heutigen Beitrags sein. Denn eigentlich geht es um eine Rezension des Sammelbandes Was tun mit Kommunismus? ([1]), der im Anschluß an drei Diskussionsveranstaltungen entstanden ist, die letztes Jahr in Berlin stattfanden. Warum dann diese lange und gewunde Einleitung über filterbubbles und die radikale Linke der 70er Jahre? Weil sie eigentlich den Kern dieser Besprechung bereits vorwegnimmt: Wenn man in dieses Buch eintaucht, fühlt man sich sofort in einer filterbubble gefangen, in der ganz andere Prioritäten gesetzt werden als in der Alltagswelt des Jahres 2013. Die holprige Ironie im Namen des Herausgeberkollektivs „Selbsthilfegruppe Ei des Kommunismus (SEK)“ kaschiert nur mühsam, daß man als unbefangener Leser tatsächlich das Gefühl hat, der Diskussion einer Selbsthilfegruppe beizuwohnen.

Worum geht es überhaupt? Der Klappentext stellt fest, daß eine „kritische Debatte über den »real existierenden Sozialismus« sowie eine selbstkritische Auseinandersetzung der antikapitalistischen Linken mit Fehlern und Irrtümern der eigenen Geschichte“ unumgänglich sei. Und so lobt man sich selbst:

„In einmaliger politischer Breite diskutieren hier emanzipatorisch orientierte Linke des Sozialismus, libertären Kommunismus und Anarchismus, Bewegungslinke verschiedener Spektren und Angehörige der Linkspartei, Libertäre und Marxist_innen, west- und ostdeutsch Sozialisierte die sich aufdrängende Frage: Was tun mit Kommunismus?“ ([1], Klappentext)

In der Tat repräsentieren die Autorinnen und Autoren des Bandes auf den ersten Blick eine bunte Mixtur aus allen Lagern der antistalinistischen Linken. Vom Anarchismus bis zum Trotzkismus scheint praktische jede erdenkliche Spielart eines mehr oder minder freiheitlich orientierten Antikapitalismus vertreten zu sein. Doch der Schein der Pluralität trügt, was man schnell feststellt, wenn man das Durchschnittsalter der Beteiligten ausrechnet. Dieses liegt bei 57 Jahren, wobei selbst die beiden jüngsten Autorinnen, Bini Adamczak und Lucy Redler, immerhin schon 34 sind. Mit anderen Worten: Die ganz überwiegende Mehrheit der Autorinnen und Autoren wurden vor 1989, und zwar meist deutlich davor, politisch sozialisiert, zu einer Zeit, in der der „real existierende Sozialismus“ noch real existierte.

Und so katapultieren einen die meisten Beiträge des Bandes zurück in die linksradikale filterbubble der 70er und 80er Jahre. Über weite Strecken wird immer wieder auf’s Neue begründet, warum die DDR kein sozialistischer Staat war – als ob das nach 1989 tatsächlich noch irgendwie nötig wäre. Die meisten Autoren sind auf den Dachboden gegangen und haben noch einmal das rostige Besteck herausgekramt, das man bereits in den 70er Jahren verwendet hatte, um damit im stinkenden Kadaver des Stalinismus herumzustochern. Ganz ehrlich: Ich hätte nicht erwartet, daß ich mir im Jahr 2013 noch einmal Milovan Đilas‘ antistalinistischen Klassiker Die neue Klasse als originelle Kritik am Stalinismus präsentieren lassen muß – und das tut nicht nur einer, sondern gleich mehrere Autoren. Đilas Stalinismuskritik ist über ein halbes Jahrhundert alt! Oder Rudolf Bahros Die Alternative (1977) Und sogar Trotzkis Verratene Revolution (1936). Das ist keine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem real verblichenen Sozialismus, sondern eine Schattendebatte, die dem Leser, so er denn alt genug ist, um sich an die Diskussionen der 70er und 80er Jahre zu erinnern, bestenfalls nostalgische Gefühle, aber sicherlich keinen Erkenntnisgewinn beschert.

Umso mehr stechen aus dieser Tristesse einige originelle Beiträge heraus, die man wirklich mit Gewinn lesen kann und sollte. Zum sozialistischen Charakter der DDR etwa den Aufsatz von Renate Hürtgen, die eben nicht die ewig gleichen Phrasen absondert, sondern unaufgeregt und detailliert eine differenzierte Geschichtsschreibung der Arbeiter-Nicht-Beteiligung in der DDR liefert. Statt mich also über die Phrasenhaftigkeit der meisten Beiträge aufzuregen, werde ich nächste Woche etwas genauer auf die Handvoll Texte eingehen, die tatsächlich die Lektüre lohnen.

Freuen Sie sich deshalb darauf, daß Bini Adamczak feststellt:

„Mit den Krisen und den Revolten in Tunesien und Ägypten, den USA, Griechenland, Spanien und vielen anderen Orten aber haben sich, innerhalb eines Jahres, auch die Bedingungen dafür, den Kommunismus zu denken verschoben. Die Bedingungen werden andere sein als jene der beiden vorangegangenen Epochen, der Epoche des Kalten Krieges und der Epoche des Endes der Geschichte.“ ([2], S. 32)

Nachweise

[1] Selbsthilfegruppe Ei des Kommunismus (SEK) (Hg.), Was tun mit Kommunismus?, Münster 2013.

[2] Adamczak, B.: „Socialism, for real? Träume, Begriffe, Geschichten“, in: Selbsthilfegruppe Ei des Kommunismus (SEK) (Hg.), Was tun mit Kommunismus?, Münster 2013, S. 24 – 36.

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Written by alterbolschewik

26. April 2013 um 15:56

5 Antworten

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  1. In meinen Lebenszusammenhängen sind AutorInnen wie Detlef Hartmann, Karl-Heinz Roth, Angegilika Ebbinghaus oder Susanne Heim absolut zentral, die prägten für mich das Bild der radikalen Linken.

    che2001

    28. April 2013 at 23:07

    • Hartmann schreibt auch in dem Band. Ich habe ja seit fast 30 Jahren nichts mehr von ihm gelesen – aber die Lektüre dieses neuen Textes hat mich davon überzeugt, daß ich auch nichts versäumt habe. Er versucht immer noch seine leicht verschwörungstheoretische Lebensphilosophie als ein Modell zu verkaufen – allerdings ein Modell, bei dem völlig unklar ist, was daraus folgen soll, außer daß die Revolte gegen das Kapital immer gerechtfertigt ist. Er gehört zweifellos zu den Autoren, für den sich 1989 weder subjektiv noch objektiv irgendetwas geändert hat.

      alterbolschewik

      29. April 2013 at 15:26

  2. Als Analytiker, Kommentator und Kompilator von Sozialgeschichte ist der gut. Aber ich stimme Dir zu: Eine Zielperspektive zeigt der nicht auf, und seine Sprache ist der Verlautbarungstonfall von Guerrilla-Kommandoerklärungen. Was schade ist, man kann das auch völlig anders erzählen.

    che2001

    29. April 2013 at 15:58

  3. Irgendetwas hakt da – und zwar die Frage einer intergenerationellen Vermittlung. Es ist ja vollkommen richtig, dass es diese realen Filterbubbles bereits in den 1970er Jahren gab – das Problem ist nur, dass man sie nicht so einfach zum Platzen bringen kann. Und das merkt man im weiteren Verlauf der gelungenen Rezension: Wir könnten uns nun alle mal daran halten, dass diese alten Inner Circle-Debatten eigentlich für die Katz‘ sind und uns wichtigerem zuwenden. Aber: Die nicht mitdebattierende und -schreibende Generation nach 1989 ist in der selben Bubble groß geworden, die sich aber ganz schön verändert hat. Und da gibt es nun zweierlei zu beobachten: Die Übernahme der „alten Weisheiten“ ohne jegliche Reflexion (etwa das jung-subkulturell-anarchische „Alles, was mit den Buchstaben M,A, R und X in dieser Reihenfolge beginnt, muss Scheiße oder aber zumindest autoritär sein“) oder das völlige Vergessen jeglicher damaliger Kritik – es war vielleicht nicht richtig, sich in seiner Gegenöffentlichkeit einzuigeln, aber ich bin doch dankbar dafür, dass die rätekommunistische, die anarchistische etc. Tradition wieder ausgegraben wurde, sie hätte nur aus der Bubble hinaus vermittelt werden müssen (oder so, dass gar keine Bubble entsteht) – es ist vielleicht überraschend für einige (für mich war es das), aber es gibt eine erstaunlich große unreflektierte Verherrlichung aus der jüngeren Generation (und einige unverbesserliche Ältere) für die DDR. Es ist aktuell vollkommen richtig und wichtig, aufzuzeigen, dass es noch eine „andere“ kommunistische Tradition gab und gibt, sogar in der DDR. Und wer unter 30 kennt denn noch z.B. Đilas? Das mag für dich nostalgisch sein, ich denke aber, für eine jüngere Generation ist dieses Buch sehr sinnvoll – zumal doch tatsächlich zumindest aus den kleinen Bubbles hinausgedacht wird…

    Teodor Webin

    8. Mai 2013 at 13:29

    • Ich will unter keinen Umständen die Entdeckung einer freiheitlich-kommunistischen Tradition in den 60er und 70er Jahren kleinreden. Falls Du Lust hast, in diesem Blog etwas herumzustöbern, wirst Du feststellen, daß das hier das eigentliche Thema ist: Eine kritische Untersuchung/Geschichte der anti-autoritären Bewegungen vor allem der 60er Jahre, ihrer Errungenschaften, aber auch der Gründe, warum der ursprüngliche antiautoritär-pluralistische Impuls verloren ging und in doktrinäre Einkapselungen mündete. Ich schätze diese Debatten durchaus nicht gering.

      An dem „Was tun mit Kommunismus?“-Band hat mich vor allem gestört, daß ein Großteil der Autoren immer noch genau so argumentiert, als ob es 1974 oder von mir aus 1978 sei. Und das betrifft durchaus beide „Lager“, das anarchistische wie das marxistische. Am einen Ende des Spektrums haben wir den Schwadroneur Ralf G. Landmesser, der eine libertäre Hohlfloskel an die andere hängt („dezentrale Organisierung aller Aspekte des gesellschaftlichen Lebens in Selbstbestimmung, Selbstverantwortlichkeit und Selbstverwaltung“), am anderen Ende bramarbasiert Lucy Redler über die trotzkistische ArbeiterInnenregierung („Die Lösung liegt […] im öffentlichen Eigentum an Produktionsmitteln und einer demokratisch geplanten Wirtschaft“). Das zu lesen ist verschwendete Lebenszeit – auch für Leute, die ein paar Jahrzehnte jünger sind als ich.

      Ich gebe Dir darin recht, daß man die gegen den leninistischen Autoritarismus gerichtete spontaneistische-rätekommunistische Tradition wachhalten muß. Aber das leistet der Band nicht wirklich (Ausnahmen bestätigen die Regel: Der Aufsatz von Willi Hajek ist für eine jüngere Generation wirklich vielleicht ganz hilfreich). Doch gerade wenn man sich dieser Tradition verpflichtet fühlt, dürfte man gerade nicht bei ihr stehenbleiben, sondern müßte die alten Konzepte eben immer wieder auf’s Neue mit der Gegenwart konfrontieren, ihre zwangsläufigen Anachronismen und auch prinzipiellen Schwächen genau benennen.

      alterbolschewik

      8. Mai 2013 at 16:58


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