shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Was tun mit Kommunismus? (2)

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„Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“

Adorno, Minima Moralia

1931 behauptete Bertolt Brecht vom Kommunismus: „Er ist das Einfache / Das schwer zu machen ist.“ ([9], S. 463). Leider war das Ganze offensichtlich doch nicht so einfach, denn im Prinzip hatten die deutschen Kommunisten zumindest im Osten die größte Hürde schon genommen: Unterstützt von ihren Freunden aus Moskau hatten sie nach dem 2. Weltkrieg die Macht des Kapitals zerschlagen und die ihrer eigenen Partei an deren Stelle gesetzt. Jetzt hätte man an die „einfache“ Arbeit gehen können, Stück für Stück den Kommunismus aufzubauen. Doch das Ergebnis ist bekannt: Ein Bankrott auf der ganzen Linie, der Begriff des Kommunismus völlig diskreditiert.

Daß das, was in der DDR und im weiteren Sinne in den von der Sowjetunion abhängigen Staaten herrschte, kein Kommunismus war, darüber braucht nicht diskutiert zu werden. Ähnlich abwegig ist die Vorstellung, daß diese Staaten irgendwie auf dem richtigen Weg zum Kommunismus gewesen und allein durch böse äußere Umstände daran gehindert worden wären, dieses Einfache, das der Kommunismus doch sein sollte, zu verwirklichen. Die Entwicklung ging noch nicht einmal in die richtige Richtung.

Wenn das nicht der Kommunismus war, was ist der Kommunismus dann? Wenn man versucht, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, der die Autorinnen und Autoren des Sammelbandes Was tun mit Kommunismus? ([3]) eint, dann dürfte es wohl dieser sein: Die kapitalistische Form der gesellschaftlichen Produktion hat in den letzten Jahrhunderten unendliches Leid über große Teile der Menschheit gebracht und wird dies weiter tun, wenn es nicht gelingt, die gesellschaftliche Produktion auf eine andere Art und Weise zu organisieren als vermittels der blinden Gewalt der Märkte. Kommunismus wäre dann diese Form, in der die assoziierte Menschheit auf demokratische Art und Weise die Produktion bewußt regelt, statt sich durch die blinden Marktkräfte von einer Krise in die nächste stürzen zu lassen.

Leider ist diese Minimaldefinition nicht besonders ergiebig. Sie reicht gerade einmal aus, sich einerseits von einer reformistischen Linken abzugrenzen, die glaubt, durch die Einführung korrigierender Mechanismen innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise diese irgendwie in weniger destruktive Bahnen lenken zu können. Und sie erlaubt andererseits die Abgrenzung von einer autoritären Linken, die an die Stelle der demokratischen Kontrolle der gesellschaftlichen Produktion die Allmacht der kommunistischen Partei setzten will.

Über diese Grenzziehungen hinaus ist diese Bestimmung des Kommunismus jedoch herzlich unbrauchbar. Sie hat eher Bekenntnischarakter als praktisch-politischen Wert. Sie ist Utopie im wirklich schlimmsten Sinn des Wortes: Ein abstraktes Ideal, das in keinem konkreten Vermittlungszusammenhang zur Gegenwart steht. Auf die berühmt-berüchtigte Frage Was tun? gibt diese Bestimmung des Kommunismus so wenig eine Antwort wie auf die Frage, warum der allergrößte Teil der Menschheit sich nicht die Bohne für eine Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise interessiert.

Eine ganze Reihe von Autorinnen und Autoren des Buches spüren zwar dieses Manko, begreifen es aber nicht wirklich und ziehen deshalb zur Abwehr diese jämmerlichste aller gutmeinenden Floskeln, die „konkrete Utopie“ aus der Tasche. Man müsse den Kommunismus nur in leuchtenden Farben ausmalen oder aktiv vorleben, dann würden die Massen schon auf den Geschmack kommen. Als ob das kommunistische Projekt an unzureichendem Marketing gescheitert sei.

Tatsächlich sollte jeder, der mit der Absicht schwanger geht, den Ausdruck „konkrete Utopie“ in den Mund zu nehmen, sich vorher die Worte des Kommunistischen Manifests ins Gedächtnis rufen:

„Die theoretischen Sätze der Kommunisten beruhen keineswegs auf Ideen, auf Prinzipien, die von diesem oder jenem Weltverbesserer erfunden oder entdeckt sind.
Sie sind nur allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfes, einer unter unseren Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung.“ ([1], S. 474f)

Die Aufgabe eines kommunistischen Intellektuellen wäre es dementsprechend, auf die vor sich gehende geschichtliche Bewegung genau hinzuschauen.

Dazu gehört sicherlich der unbestechliche Blick auf den gescheiterten autoritären Staatssozialismus. Im Gegensatz zu den im Band versammelten Westlinken, die fast ausschließlich verstaubte Floskeln vorzubringen haben, schauen die in der DDR aufgewachsenen Thomas Klein ([8]), Renate Hürtgen ([6]) und auch Sebastian Gerhardt ([7]) präzise hin. Klein (Jg. 1948) liefert einen detaillierten Abriß der linken Opposition in der DDR, Hürtgen (Jg. 1947) schonungslose Einsichten in die Produktionsverhältnisse der DDR und Gerhardt (Jg. 1968) eine vehemente Kritik der scheinbar oppositionellen Gruppe der Modernen Sozialisten in der Spätphase der DDR. Das sind drei Aufsätze, die man wirklich mit Gewinn lesen kann.

Weniger gut schaut es schon aus mit der Bestandsaufnahme der „unter unseren Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung“. Sicherlich, mehrere der Aufsätze erwähnen die Occupy-Bewegung, den arabischen Frühling oder die Proteste in Südeuropa gegen das Austeritäts-Diktat der Finanzmärkte. Doch eine wirkliche Auseinandersetzung findet nicht statt. Am nächsten kommt dem noch die jüngste Autorin des Buches, Bini Adamczak ([5]), die hier zumindest einen geschichtsphilosophischen Bogen aufspannt. Sie bemerkt wahrscheinlich zurecht, daß die aktuellen, weltweiten Auseinandersetzungen darauf hindeuten, daß die ganzen unverbundenen, aber simultanen Bewegungen auf das Ende einer Epoche hindeuten. Nämlich auf das Ende der 1989 ausgerufenen Epoche des „Endes der Geschichte“. Doch was diese neue Epoche genau kennzeichnen soll, bleibt im Ungefähren.

In die richtige Richtung verweist der meiner Einschätzung nach beste Text des ganzen Buches. Schon der Titel von Christian Frings Aufsatz macht klar, daß er nicht im heimeligen Mief einer sich mit sich selbst beschäftigenden radikalen Linken stecken bleiben will. Er lautet: Das Kapital – die entfremdete Form der Kommune aus sieben Milliarden ([4]).

Die rund zweieinhalb Jahrzehnte seit dem Zusammenbruch des sogenannten real-existierenden Sozialismus haben zu einer Umwälzung der Produktionsverhältnisse innerhalb des Kapitalismus selbst geführt, daß einem schwindlig werden könnte. Allein die Entwicklung des Internets zog und zieht noch derartige Veränderungen des kapitalistischen Produktionsprozesses nach sich, daß die Erfindung der Dampfmaschine dagegen wie eine historische Nebensächlichkeit erscheint. Natürlich hat der Kapitalismus bereits während der letzten 400 Jahre global agiert. Doch nie zuvor hat die weltumspannende Produktion die Menschen so unmittelbar zusammengeschweißt wie jetzt. Wenn heute eine zusammenbrechende Fabrik in Bangladesh vierhundert Frauen unter sich begräbt, dann geht uns das in einer Unmittelbarkeit an wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. Frings zieht daraus die Konsequenzen und bringt das Geschwätz über Kommunismus als konkrete Utopie sarkastisch auf den Punkt:

„Ich sehe eines der größten Probleme für die Herausbildung eines kollektiven Geists der Weltgeschichte […] darin, daß sich gerade in den Kommunismusvorstellungen der metropolitanen Linken ihr uneingestandener Eurozentrismus niederschlägt. Wer heute Vorschläge für eine andere Welt aus dem Hut zaubert, sollte sich zuallerst fragen, ob sie oder er sie denn auch schon mit den Menschen in Asien, Afrika und Lateinamerika diskutiert hat. […] Wir sollten daher nicht über Kommunismusmodelle diskutieren, sondern über die wirklichen Bewegungen – und inwiefern sich in ihnen eine Negation der kapitalistischen Verkehrung abzeichnet. Und auch diese Diskussion und die dafür notwendigen Untersuchungen müssen wir zunehmend als eine global geführte verstehen und den Stimmen aus anderen Teilen der Welt mehr Aufmerksamkeit schenken – gerade wenn und weil sie für unsere westlich geprägten Denkweisen oft überraschend und ungewohnt klingen.“ ([4], S. 263f)

Dazu aber wird es notwendig sein, die eigene linke filterbubble zu verlassen und Diskussionen zu führen, die tatsächlich relevant sind. Immerhin hätten wir etwas Lehrreiches in diese globale Diskussion mit einzubringen: Die Geschichte unseres Scheiterns.

Mit diesem Scheitern werden wir uns auch nächste Woche beschäftigen, wenn es schon wieder nicht weitergeht mit Marcuse, sondern noch eine Besprechung folgt. Besprochen werden soll die Mannheimer Ausstellung zur Geschichte der Arbeiterbewegung Durch Nacht zum Licht?. Freuen Sie sich also darauf, wenn es heißt:

„Warum sollten die Lohnarbeiterinnen und -arbeiter […] noch der SPD folgen, wenn sie oder zumindest die JUSOS eine kritische Aufarbeitung der Finanzkrise versprechen, aber genau jener ehemalige Finanzminister sich an die Spitze der Aufarbeiter einer Krise setzt, die er selbst mit ermöglicht hat?“ ([2], S. 364)

Nachweise

[1] Marx, K. & Engels, F.: „Manifest der Kommunistischen Partei“, in: Marx, K. & Engels, F., Werke Bd. 4, Berlin 1956ff, S. 459 – 493.

[2] Thien, H.-G.: „Von der Sozialpartnerschaft zu neuen Konflikten?“, in: Technoseum. Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim (Hg.), Durch Nacht zum Licht? Geschichte der Arbeiterbewegung 1863 — 2013, Mannheim 2013, S. 341 – 367.

[3] Selbsthilfegruppe Ei des Kommunismus (SEK) (Hg.), Was tun mit Kommunismus?, Münster 2013.

[4] Frings, C.: „Das Kapital – die entfremdete Form der Kommune aus sieben Milliarden“, in: Selbsthilfegruppe Ei des Kommunismus (SEK) (Hg.), Was tun mit Kommunismus?, Münster 2013, S. 256 – 268.

[5] Adamczak, B.: „Socialism, for real? Träume, Begriffe, Geschichten“, in: Selbsthilfegruppe Ei des Kommunismus (SEK) (Hg.), Was tun mit Kommunismus?, Münster 2013, S. 24 – 36.

[6] Hürtgen, R.: „Wie sozialistisch war der »real-existierende Sozialismus«? oder: Es ist nicht immer drin, was draufsteht“, in: Selbsthilfegruppe Ei des Kommunismus (SEK) (Hg.), Was tun mit Kommunismus?, Münster 2013, S. 170 – 187.

[7] Gerhardt, S.: „Schwierigkeiten mit dem Kommunismus“, in: Selbsthilfegruppe Ei des Kommunismus (SEK) (Hg.), Was tun mit Kommunismus?, Münster 2013, S. 306 – 339.

[8] Klein, T.: „Linke in Deutschland und der »real existierende« Sozialismus in der DDR“, in: Selbsthilfegruppe Ei des Kommunismus (SEK) (Hg.), Was tun mit Kommunismus?, Münster 2013, S. 84 – 10.

[9] Brecht, B.: „Lob des Kommunismus“, in: Brecht, B., Die Gedichte, Frankfurt a.M. 1981, S. 463.

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Written by alterbolschewik

3. Mai 2013 um 16:35

15 Antworten

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  1. Kannst du den Artikel von Hürtgen einscannen? Wäre total knorke!

    jungerbolschewik

    4. Mai 2013 at 4:16

    • Verstehe ich zwar sehr gut, weil das Buch doch recht teuer ist und für Leute mit wenig Geld ist das echt ein Problem. Andererseits: Der Unrast Verlag ist ein kleiner, unabhängiger Verlag, der dann doch relativ viel Zeit und Geld in die Publikation des Buchs gesteckt hat; und wenn jetzt, bereits kurz nach Erscheinen des Buches, die besten Artikel im Netz stehen, bleiben sie auf der Auflage sitzen. Das ruiniert auf die Dauer einen Verlag, der für die linke Diskussion in der BRD einfach zu wichtig ist. Ich bitte deshalb um Verständnis, daß ich den Artikel nicht einfach bereitstelle (und da Du Dich erfolgreich anonymisiert hast, kann ich Dir den auch nicht direkt zukommen lassen).

      Renate Hürtgen hat aber eine eigene Website, auf der sie auch Aufsätze zum gleichen Themenbereich zum Download bereitstellt. So geht der Artikel über Die „vergessene“ Demokratisierung in den DDR-Betrieben der 60er Jahre in eine ähnlich Richtung und ist vielleicht ganz hilfreich.

      alterbolschewik

      4. Mai 2013 at 18:52

  2. Es kommt rüber, dass du selbst ein ziemlich alter Knochen bist, schließlich kennst Du dem Anschein nach en detail die erledigten Diskussionen von gestern. Dann wird erkennbar, dass Du die Welt durch die immer richtige Brille betrachtest, nämlich die vorgestrige des unsterblichen KArlmarx, den Du sicher vollgültig auslegst. Und damit ist sowieso schon klar, aus dieser wissenschaftlich-marxotheologischen Sicht, dass alles Utopische Schund sein muss, denn es geht ja um die wahre Deutung echter Bewegung.
    Nun, aber wo bleibt Deine?
    Ich hätte mir von einer Rezension etwas mehr versprochen, als diese billige Übung in Dogmatik.

    kx

    7. Mai 2013 at 15:10

    • Wer lesen könnte, wäre klar im Vorteil. Das einzige, was ich in einer doch recht länglich geratenen Rezension zu Marx geschrieben habe, war seine durchaus richtige Einsicht, daß es ziemlich sinnlos ist, sich ein Wolkenkuckucksheim aufzubauen. Vielmehr ist es notwendig, sich auf die realen Bewegungen derer zu beziehen, die durch ihr wissentliches und auch unwissentliches Handeln an der Veränderung der Gesellschaft arbeiten. Und deshalb ist mir Frings Aufsatz so wichtig: Der rückt nämlich die Perspektive gerade, verweist vor allem auf die massiven Veränderungen und Verwerfungen, die sich gerade in Asien im Rahmen der neusten Form globaler Arbeitsteilung ereignen.

      Während die Freunde der „konkreten Utopie“ mich alten Sack schon seit dreißig Jahren gewaltig nerven, weil sie seit 200 Jahren ihr immer gleiches vorindustriell-romantisches Geschwätz aufwärmen. Und das wurde durch ständiges Aufwärmen auch nicht besser, sondern schlechter, weil es sich immer mehr von der gesellschaftlichen Realität einer inzwischen Kontinente übergreifenden gesellschaftlichen Arbeitsteilung entfernt. Was vor allem nervt: Die „Konkretion“ der „konkreten Utopie“ kommt dabei nie über ein paar abstrakte Floskeln hinaus: Man müsse kleine, überschaubare, dezentrale und am besten vegane Einheiten bilden, die sich von unten nach oben vernetzen sollen. So weit reicht es gerade noch. Wenn man hingegen wirklich die „Konkretion“ der „konkreten Utopie“ einfordert, auf wirklich „konkreten“ Ausführungen besteht, dann herrscht Schweigen im Walde. Das müßten die Menschen dann selbst entscheiden… Ja, klar.

      Mit „Dogmatik“ oder „wissenschaftlich-marxotheologischer Sicht“ hat das überhaupt nichts zu tun, sondern mit einem gesunden Realitätssinn. Ich möchte nämlich in einer befreiten Gesellschaft die gesellschaftliche Produktion nicht von Leuten organisieren lassen, die noch nicht einmal den Putzplan im autonomen Jugendzentrum gebacken bekommen.

      alterbolschewik

      7. Mai 2013 at 16:16

  3. Deine „weltfernen (Real)Utopisten“ erlebe ich seit Jahrzehnten an der Basis, wo wirkliche gesellschaftliche Probleme angegangen und (zugegeben begrenzte) Erfolge erzielt wurden. Hier sehe ich Potential. Und die von Dir monierte internationale Debatte gibt es längst – denn es geht klar nicht darum andere, wo auch immer mit Schubladenkonzepten zu beglücken, sondern gegenseitig voneinander in Respekt zu lernen und sich gegen die Raubwirtschaft des Kapitals zu vernetzen.
    Den versammelten Marxistenclub erlebe ich hingegen -wenige rühmliche Ausnahmen ausgenommen- ebenfalls seit Dekaden als ewig verschwurbelten Debattier- und Nostalgikerclub leninistischer Provenienz, mit dem Messer hinter dem Rücken, um sich bei geringsten Interpretationsdifferenzen und Abweichungen von der heiligen Bibel des Sankt Marx gegenseitig an die Gurgel zu gehen. Selbstredend OHNE hierzulande irgendwelche gesellschaftlich relevanten Bewegungen hervorzubringen, dafür umso mehr Sekten. Und die neueren realsozialistischen Experimente anderswo sind auch nicht eben ermutigend, sondern erinnern fatal an Gehabtes.

    R@lf

    7. Mai 2013 at 17:04

    • Genau darum geht es. Was reale Menschen tatsächlich machen. Nicht ob sie irgendwelche „konkreten Utopien“, die so abstrakt wie es nur geht sind, im Kopf haben. Und etwas anderes habe ich nirgendwo geschrieben. Und ich habe hier absolut keine Lust darauf, das völlig absurde Faß „Anarchismus vs. Marxismus“ aufzumachen.

      alterbolschewik

      7. Mai 2013 at 17:34

  4. Es reicht einfach nicht, alles irgendwie Utopische mit einem Satz vom ollen MArx und Anekdoten aus dem jungautonomen Zentrum erledigen zu wollen. Und es bringt auch das Projekt der Emanzipation nicht voran, wenn herrschaftsgeile Marxisten sich mit ihrer möchtegern-wissenschaftlichen Auslegung und Deutung dessen, was „reale Menschen tatsächlich machen“‚ an deren Spitze setzen wollen. Wir haben oft genug gesehen, wie die antiutopistischen Kommunisten Millionen versklavt oder im Gulag annihiliert haben, immer im Bewusstsein, reale Bewegungen der Geschichte erkannt zu haben und zu handeln als Exekutoren des Weltgeistes, die sie immer zu sein glaubten. Nein, keine emanzipatorische Bewegung, die je Kapitalismus und Herrschaft abschaffen könnte, wird auf Entwürfe einer freien/befreiten Gesellschaft verzichten können, an denen die Praxis und das Erreichte zu messen sind. Selbstverständlich sind diese Entwürfe immer anhand der Praxis und der Erfahrung zu entwickeln. Und logischerweise sind die Entwürfe utopisch, so lange sie nicht verwirklicht sind. Ausgemalte Komplettschilderungen einer anderen Welt sind nicht gemeint, sie können aber ihren Wert haben als inspirierende Belletristik …

    kx

    8. Mai 2013 at 11:06

    • Ich bin ehrlich schockiert über so einen Kommentar. Es reicht offenbar heutzutage bereits aus, mal „wirkliche Bewegung“ zu sagen, um schon als orthodoxer Marxist zu gelten. Es ist doch genau das Problem der „konkreten Utopien“ – des „Neoutopismus“ – wie schon des alten Utopismus, bereits einen „Entwurf für eine freie/befreite Gesellschaft“ in der Tasche gehabt zu haben und dann alles zu verfolgen, was diesem Entwurf nicht folgen wollte. Das gilt für den in den 1890ern entwickelten real-utopischen Marxismus (hui, jetzt bin ich aber wirklich in einer Filterbubble… ;-)) genauso. Utopien haben ist nix schlimmes, Utopismus ist aber die Ausformulierung von Zukunftsideen, nach denen sich dann die sich Bewegenden zu richten hätten – der Marxismus hat versucht, dass als quasi „naturwissenschaftliches“ Gesetz zu verkaufen („Wissenschaftlicher Kommunismus“). Der Blogautor (da fehlt mir fast bei jedem Satz ein „Gefällt mir“-Button zum Draufklicken…) hat schon völlig recht damit, dass es da gar nichts bringt, das Fäßchen „Anarchismus vs. Marxismus“ aufzumachen. Wer sollen denn diese „herrschaftsgeilen Marxisten“ sein? Der Blogautor? Renate Hürtgen? Christian Frings??? – Also bitte. Das klingt mir ein wenig nach fauler Ausrede, um sich eben ja nicht mit dem „was ‚reale Menschen tatsächlich machen'“ auseinandersetzen zu müssen. Was ist denn nun demokratischer bzw. un-autoritärer? Das alles mal (teilnehmend) zu beobachten oder (militant) zu untersuchen, oder weiter im autonomen oder linksradikalen Sandkasten (Filterbubble) in einer Sprache, die keiner versteht, als „Utopie“ vorzuformulieren, um dann sagen zu können, dass jedeR, der/die diese fomulierte Utopie kritisiert, autoritärer Marxist, dummes Volk oder verblendet oder sonstwas ist? Man kann sich ja meinetwegen soviele Utopien ausdenken wie man möchte, aber diesbzgl. möchte ich den zitierten Satz von Frings noch mal unterstreichen: „Wer heute Vorschläge für eine andere Welt aus dem Hut zaubert, sollte sich zuallerst fragen, ob sie oder er sie denn auch schon mit den Menschen in Asien, Afrika und Lateinamerika diskutiert hat.“

      Mir gefällt dieser Blog, den werde ich jetzt regelmäßig lesen. Und möglichst nicht kommentieren…

      Teodor Webin

      8. Mai 2013 at 14:08

    • Danke 🙂

      alterbolschewik

      8. Mai 2013 at 16:59

    • Es reicht auch nicht, gegen Windmühlen zu kämpfen. Ich habe an keiner Stelle irgend etwas von „Führung“ geschrieben; noch habe ich irgendwo einen „wissenschaftlichen“ Kommunismus oder ähnlichen Firlefanz propagiert. Wenn Du also mit mir weiter diskutieren willst, wozu ich gerne bereit bin, solltest Du Dich auf das beziehen, was ich geschrieben habe und nicht auf das, was Du meinst, daß ich meinen könnte.
      Die Sache mit dem Utopie-Begriff ist mir jetzt etwas zu wichtig, als daß ich das noch einmal in einem Kommentar abhandeln möchte. Ich werde stattdessen meinen nächsten Blog-Text zu diesem Thema verfassen.

      alterbolschewik

      8. Mai 2013 at 16:21

  5. @alterbolschewik: ich meinte mit meiner kritik an jenen antiutopistischen marxisten nicht speziell dich, sorry, wenn es zu persönlich ankam.
    es gibt seit marx-engels eine, wie ich meine, destruktive, ins diktatorische weisende, antiutopistische grundhaltung von vielen, sicher nicht allen, marxisten, speziell aber derer, die staatsmacht erobert hatten. ihre eigene position bezeichn(et)en diese dann gerne als „wissenschaftlich“. das machst du dir offensichtlich nicht zu eigen.
    entwürfe einer besseren gesellschaft bzw. ihrer institutionen halte ich für nötig, auch als ausgangspunkt der kritik einer zB leninistischen praxis. hier kann man sicher unterschiedlicher ansicht sein. ich bin jedenfalls gespannt auf deinen blogtext zum thema.

    kx

    8. Mai 2013 at 17:47

    • Ich nehme so etwas nicht persönlich – insofern ist meine Einladung zur Diskussion durchaus ernst gemeint. Aber eben über das, was ich tatsächlich behaupte, und nicht über Dinge, die ich nie gesagt habe. Ich hoffe, der erste Teil über Utopie hat neugierig gemacht, im zweiten wird es sicherlich kontroverser.

      alterbolschewik

      13. Mai 2013 at 19:50

  6. „Kommunismus“ bedeutet nach meiner Definition, die „inneren Schranken“ einer kapitalistischen Gesellschaftsordung zu erkennen und als Folge davon zu versuchen, diese zu überwinden.

    Dabei ist es weniger eine Frage davon, wie treu man dabei der vermeintlichen Bringschuld gegenüber Marx ist und deshalb relativ „unüberlegt“ die „Arbeitswerttheorie“ und „den tendenziellen Fall der Profitrate“ als die zentralen und (auch temporär) ausweglosen Probleme kapitalistischer Systeme zu bezeichnen und damit entsprechend zu brandmarken.

    Jeder wirklich große Denker kann sich nur als Erkenntniswerkzeug für seine Mitmenschen und künftige Generationen verstanden haben.
    Wenn er sich wirklich etwas wünschen würde, dann ist es wohl der Umstand, in seiner Denkweise wirklich verstanden zu werden, aber nicht, das seine Epigonen ihm ihre Tributpflichtigkeit erkenntniserschwerend und als Denkblockade erweisen.
    Genauso verhält es sich im übrigen mit jeder Religion, jedem Gott und jedem sonstigen „Guru“.

    Marx hat die Funktion des Geldes unterteilt und dabei seine Aufgabe als Zirkulations-und als Kreditmittel analysiert.
    Damit hat er eigentlich das Say’sche Theorem sehr heftig kritisiert und ins Reich der Obsoletheit verwiesen, weil dieses als zentraler Glaubenssatz der Angebotsfetischisten mögliche Zirkulationspropleme leugnet, das Kreditpotential verkennt und das kaufmännische Kalkül in seine Systemlogik nicht wirklich zu integrieren vermag.
    Im Gegensatz zu Marx können heutige Denker auf eine umfangreiche „menschliche“ Geschichte unter Weltmarkt-kapitalistischen Dingen zurückgreifen.
    Wenn es dabei an wirklichen und brauchbaren Erkenntnissen mangelt, dann liegt es nicht unbedeutend auch an der Art und Weise, wie Erkenntnisse um akademischen Betrieb gewonnen werden.
    Denn ein Milton Friedman hätte niemals den Nobelpreis für seine Arbeiten mit Ayn Rand erhalten dürfen, weil die zentrale Erkenntnis ein Keynes schon lange zuvor „im Vorbeigehen“ formuliert hatte, dabei aber nicht dem Unfug verfallen ist, diese überstrapazierend und deshalb verengend monströs als Monstranz zu gebrauchen.

    Der lange Rede kurzer Sinn:
    Auch heutzutage verstehen die Gesellschaften ihr Geschäftsmodell nicht wirklich und nur durch die Privilegierung ihrer Eliten wird es verständlich, weshalb von deren Seite aus kein ernsthaftes Nachfragen erfolgt. Das soll jetzt aber nicht heißen, dass so manche Phänomene kein Unbehagen in einem Teil dieser Kreise auslösen würde, welches eine fundierte Analyse anzuregen in der Lage wäre. Den Redlicheren unter ihnen fehlt aber der oft der Mut, offen zu denken und schonungslos Kritik auch dort anzubringen, wo Erkenntnis vermeintlich in Fels gegossen ist.

    Je weniger Eliten ihrer Bevölkerung aber weismachen können, ihr Geschäft zu verstehen und auf dieser Grundlage Wohlstand für Alle zu schaffen, desto angreifbarer werden sie.
    Und weil die politische Prominenz im allgemeinen nicht versteht, weshalb durch die IRFS-Modifikationen in diesem Jahrtausend neuer Zugang zu „fiktivem Kapital“ eröffnet worden ist, womit die inneren Schranken der Kapitalverwertung temporär erweitert worden sind, würden sich eigentlich für eine wirkliche Opposition mit einem neuen Interpretationspotential emanzipierend ein politischer Maßnahmenkatalog eröffnen, welcher aber aufgrund der Tributhaftigkeit gegenüber der Interpretation der Werttheorie von Marx nicht realisierbar erscheint.

    Gesellschaftliche Emanzipation ist ein Weg und kein politischer Akt der unmittelbaren Machtergreifung.

    Warum haben die realsozialistischen Systeme nach Arbeitseinheiten bilanziert und nicht nach Einheiten des „gesellschaftlichen Reichtums“, wie es Marx in seiner „Kritik des Gothaer Programms“ formuliert hatte?

    Ist der vermeintliche Wettbewerb der Systeme an den richtigen Kritierien gemessen worden?

    Und sind dabei die Interpedenzen berücksichtigt worden, welche der vermeintliche Wettstreit gewollt oder ungewollt mit sich brachte?

    Stachanow kann jedenfalls nicht als Vorbild für einen aufgeklärten Menschen in einem sich emanzipierenden System gesehen werden.

    Soviel Hemdsärmeligkeit im Denken erwarte ich von jedem aufgeklärten Menschen und gerade Marx könnte hierbei Vorbild sein, denn er ist nicht vor den gesellschaftlichen Eliten als intellekueller Bettvorleger obrigkeitshörig und (gesellschaftliche Missstände) rechtfertigend wie Kant oder Hegel gelandet, wobei dies natürlich etwas überspitzt ausgedrückt ist.

    ludwig

    10. Mai 2013 at 6:44

    • Anna Schwartz hieß zwar nicht Ayn Rand, aber in Bezug auf „idealistische Denkgebäude“ (trotz empirischer „Datenrefexion“) waren sich beide nicht sehr unähnlich.

      ludwig

      12. Mai 2013 at 21:59

    • Letztlich kann man hier die Maxime von Karl Korsch in Anschlag bringen: Marx ist nicht eine „genialer Denker“, vor dem man nur die Knie beugen kann, sondern seine eigene Theorie ist auf in selbst anzuwenden: Seine Theoreme müssen in ihrer Zeitgebundenheit analysiert werden, nicht als absolute Wahrheiten, auf denen man aufbauen kann. Dann aber – da hast Du völlig recht – entfalten sie immer noch eine kritische Schärfe, die den Apologeten des Systems an allen Ecken und Enden fehlt.

      alterbolschewik

      13. Mai 2013 at 19:48


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