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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Von der Utopie (1) – Ein Nachtrag zu „Was tun mit Kommunismus?“

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„Pures wishful thinking diskreditierte seit alters die Utopien, sowohl politisch-praktisch wie in der ganzen übrigen Anmeldung von Wünschbarkeiten.“

Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung

Noch eine Fahrplanänderung hier im Blog: Statt die Ausstellung Durch Nacht zum Licht? Geschichte der Arbeiterbewegung 1863-2013 in Mannheim zu besprechen, eine erneute Abschweifung. Und zwar dieses mal zur Kategorie der „konkreten Utopie“, deren Verächtlichmachung ich in einigen Kommentaren beschuldigt worden bin. Nun, der Befund ist zweifellos richtig, ich habe für die „konkrete Utopie“ wenig übrig; will das aber nicht in Form bloß konträrer Meinungen stehen lassen. Sondern etwas weiter ausholen, warum ich den Gebrauch dieser Kategorie für politischen Unsinn halte, insbesondere in der Form, wie er etwa in dem Sammelband „Was tun mit Kommunismus?“ verwendet wird. Und, um gleich etwas Spannung aufzubauen: Das wird durchaus auf eine Verteidigung der Utopie, aber eben nicht der „konkreten“ hinauslaufen.

Doch beginnen wir von vorne, mit dem Versuch einer Begriffsbestimmung, und zwar zunächst einmal unter Weglassung des „konkreten“ an der Utopie. Fangen wir also in gut dialektischer Weise damit an, was Utopie nicht ist. Utopie ist nicht einfach etwas, was es nicht gibt und das erst noch hergestellt werden muß. Denn die Fähigkeit, sich etwas vorzustellen, was es noch nicht gibt und es dann zu produzieren, ist eine Eigenschaft, die das Handeln der Gattung Mensch ganz grundsätzlich beschreibt. Der große Antiutopiker Karl Marx hat das durchaus eindrücklich formuliert:

„Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war.“ ([2], S. 193)

Die Menschheit verfügt über einen reichen Erfahrungsschatz, aufgrund dessen sie in der Lage ist, sich Dinge auszudenken, die es vorher nicht gab und die sie dann, gegen mancherlei Widerstände herstellt. Diese Widerstände können sehr unterschiedlicher Art und Weise sein. Bei Gebrauchsgütern sind das etwa Widerstände des Materials, im politischen Bereich eher die bestimmter Interessen. Trotzdem würde niemand die Konstruktion eines Smartphones oder die Einführung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften als Realisierung einer Utopie bezeichnen. Das Ziel ist klar, dem Ganzen stehen auch keine prinzipiellen Hürden entgegen. Es ist nur eine Frage geduldigen Arbeitens, bis das Ziel, das vorher schon in der Vorstellung ideell vorhanden war, tatsächlich realisiert wird. Es geht allein darum, etwas, das vorher bloß möglich war, jetzt in die Realität zu überführen. Das noch nicht Existierende, aber prinzipiell Machbare, kann schwerlich als Utopie bezeichnet werden.

Damit erweist sich die Kategorie der Utopie als deutlich vertrackter, wie sie es auf den ersten Blick zu sein scheint. Denn so wenig sie einfach das Mögliche, aber noch nicht Realisierte bezeichnet, so wenig bezeichnet sie das schlechterdings Unmögliche. Ich kann mir noch sehr so vornehmen, 1000 Jahre alt zu werden, dieses Ziel liegt einfach außerhalb des Bereichs des tatsächlich Realisierbaren. Eine solche „Utopie“ wäre bloße Spinnerei (auch wenn Ray Kurzweil dies anders sehen würde).

Mit „Utopie“ wollen wir also etwas bezeichnen, das weder im Bereich des realisierbar Möglichen, noch im Bereich des schlechterdings Unmöglichen angesiedelt ist. Ist die Utopie also einfach etwas, von dem wir nicht wissen, ob es möglich ist oder nicht? Das in einem unsicheren Zwischenbereich zwischen dem zweifellos Möglichen und dem sicher Unmöglichen liegt? Nicht wirklich. Denn zwischen der bloßen Möglichkeit und ihrer Realisierung liegt grundsätzlich das potentielle Scheitern. Auch die besten Pläne können schief gehen. Und andererseits werden von äußerst hartnäckigen Menschen gelegentlich Dinge verwirklicht, die man zuvor für unmöglich gehalten hat. Mit anderen Worten: Der Entwurfscharakter als solcher macht die Utopie nicht aus. Er ist zwar notwendig, denn natürlich ist die Utopie Entwurf, aber damit ist eben nicht gesagt, wie sich ein utopischer Entwurf von einem ganz alltäglichen Entwurf, wie ihn ein normaler Ingenieur oder Politiker entwickelt, unterscheidet. Oder von bloßer Spinnerei.

Was also ist das Spezifikum des utopischen Entwurfs, das ihn sowohl von alltäglicher Planung wie von unrealistischer Spinnerei unterscheidet? Um diese Frage zu beantworten ist es ganz hilfreich, sich dem Werk zuzuwenden, das der Utopie den Namen gegeben hat: Thomas Morus‘ Utopia. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts erschienen, beschreibt Morus darin einen perfekt organisierten Staat, in dem das Privateigentum ebenso wie der Geldverkehr abgeschafft ist, eine staatliche Arbeitspflicht für alle existiert, die tägliche Arbeitszeit dafür aber auf zweimal drei Stunden mit einer zweistündigen Siesta dazwischen reduziert ist. Die Beschreibung dieses Gemeinwesens, das auf der fernen Insel Utopia existieren soll, ist aber eingebettet in eine Rahmenhandlung. Morus trifft – so die fiktive Rahmenhandlung – in Antwerpen einen weitgereisten Seemann namens Raphael Hythlodaeus, der eben nicht nur über die Zustände auf der Insel Utopia zu berichten weiß, sondern dem Morus zunächst einmal eine vehemente Kritik der politischen und ökonomischen Zustände Englands in den Mund legt. Und er legt den Finger in die größte Wunde des zeitgenössischen Englands: Die Vertreibung der Bauern von ihrem Land, um daraus Schafweiden für den Wollexport in die aufblühende flandrische Tuchindustrie zu machen.

„Eure Schafe […] pflegten sonst gar sanft zu sein und mit so wenig vorlieb zu nehmen; heutzutage aber sind sie offenbar gefräßig und bösartig geworden, verschlingen die Menschen und verwüsten und entvölkern das Land, die Gehöfte, die Dörfer.“ ([3], S. 30)

Diese grundlegende ökonomische Umwälzung, die erst das Proletariat hervorbrachte, das später dann in die Fabriken gejagt werden konnte, hat Marx dann später im Kapital, unter anderem auch mit Verweisen auf diese Passage in der Utopia, als die sogenannte ursprüngliche Akkumulation, den Sündenfall des Kapitalismus, analysiert ([2], S. 747/764). Morus‘ Utopie steht also nicht im luftleeren Raum, sondern sie hat einen ganz konkreten Bezug auf die politische und ökonomische Situation des Englands unter Heinrich VIII. Sie ist nicht einfach Entwurf einer anderen Ordnung des Gemeinwesens, sondern wesentlich Gegen-Entwurf, Kritik der bestehenden Zustände.

Damit verschiebt sich der Begriffsinhalt der Utopie. In dem Maße, in dem es sich um einen Gegen-Entwurf handelt, um Kritik am Bestehenden, in dem Maße wird der Entwurfscharakter als solcher in den Hintergrund zu treten. Für den normalen, alltäglichen Entwurf ist es von entscheidender Wichtigkeit, ob er realisierbar oder unrealisierbar ist; für den Gegen-Entwurf der Utopie hingegen ist das beinahe nebensächlich. An Morus‘ Utopia kann man das sehr schön sehen. Diverse Beschreibungen der Sitten in Utopia sind offensichtlich rein satirischer Natur, etwa wenn er die Verwendung von Gold und Silber bei den Utopiern beschreibt:

„Denn während ihnen zum Essen und Trinken Geschirr aus Ton und Glas dient – freilich sehr schönes, aber wenig wertvolles –, stellen sie aus Gold und Silber nicht bloß für die gemeinsamen Hallen, sondern auch für die Privathäuser allenthalben Nachttöpfe und zu den geringsten Diensten verwendete Gefäße her, schmieden auch die Ketten und schweren Fesseln, in die sie die Sklaven legen, aus denselben Metallen, und denen, die ein Vergehen ehrlos gemacht hat, hängen von den Ohren goldene Ringe herab, umgibt Gold die Finger, umfaßt eine Goldkette den Hals und umspannt ein Goldstreifen den Kopf. So sorgen sie auf jede Art dafür, daß bei ihnen Gold und Silber im Verruf stehen.“ ([3], S. 102f)

Die Aufgabe der Utopie ist es also in erster Linie, den Blick auf die realen Mißstände der Gegenwart zu richten, fiktiv eine Position einzunehmen, aus der heraus sich die Gegenwart als unzumutbar und absurd erweist. Wesentlich ist der Utopie, daß sie ein kritisch-distanziertes Verhältnis zur Gegenwart hervorbringt, nicht, ob sie wirklich realistisch ist oder nicht. Niemand würde die oben zitierte Passage über die Verwendung von Gold als ernsthafte Handlungsanweisung interpretieren, doch der utopische-kritische Gehalt bleibt davon völlig unberührt.

Das allein reicht allerdings nicht aus, den begrifflichen Gehalt der Utopie hinreichend zu bestimmen. Denn es wäre das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, würde man sie auf ihren kritischen Gehalt reduzieren. Thomas Morus hat eben, anders als Marx, keine wissenschaftliche Abhandlung über die Einhegungen des Gemeindelandes geschrieben, sondern ein literarisches Werk. Auch wenn der Inhalt der Utopie wesentlich Kritik ist, so ist ihre Form eben doch die des Entwurfes, egal wie realistisch oder unrealistisch, ernstgemeint oder satirisch sich dieser darstellt. Und der Dialektiker weiß, daß die Form dem Inhalt keineswegs äußerlich ist.

Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn es damit weiter geht, daß Ernst Bloch orakelt:

„Leicht ist zu sagen, was man jetzt und nachher will. Aber niemand kann angeben, was er überhaupt will, in diesem doch sehr zweckhaften Dasein.“ ([1], S. 343)

Nachweise

[1] Bloch, E., Geist der Utopie, Frankfurt a.M. 1980.

[2] Marx, K.: „Das Kapital Bd. I“, in: Marx, K. & Engels, F., Werke Bd. 23, Berlin 1956ff.

[3] Morus, T., Utopia, Zürich 1981.

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Written by alterbolschewik

10. Mai 2013 um 13:35

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

2 Antworten

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  1. Das „Empört Euch“ Stéphane Hessels hat somit eine utopische Komponente. Zu hinterfragen ist dabei jedoch schon, ob die Kritik an bestehenden Verhältnissen auch exakt die richtigen Ursachen benennt.

    Mittlerweile scheint ein Francis Fukuyama seiner Ende der 80er Jahre ausgegebenen Parole nicht mehr so recht zu trauen, indem er auf die ökonomisch induzierte Reduzierung der Mittelschichten verweist.
    Hätte er Marx zumindest ökonomisch verstanden, was ihm als philosophischer Klempner (wie so vielen anderen „Idealisten“ auch) versagt blieb, hätte er seine Parole schon bei deren Entstehung mit gewissen Prämissen unterstützt, damit aber auch eingeschränkt.

    Der Begriff „konkrete Utopie“ kann nur dann annähernd richtig verstanden werden, wenn er als „konkretisierend (dialektisch) entwickelt werdende Utopie“ beschrieben wird, wobei ich auf die Bezeichnung „definiert wird“ bewusst und gewollt verzichtet habe.
    Denn der Realisierungs- und Entwicklungsprozess einer „Sache“ geht nicht ganz selten mit Umständen einher, welche zuvor nicht oder doch etwas anders vorhergesehen worden sind.
    Ein gewisser (intuitiver) Pragmatismus, der aber keine kapitulierende Komponente inne hat, kann dabei durchaus förderlich sein.

    ludwig

    12. Mai 2013 at 21:53

    • Ich fürchte, mit der Utopie verhält es sich noch etwas komplexer. Die Annahme, sie würde sich einfach in einem historischen Prozeß der Korrektur an den tatsächlichen Gegebenheiten konkretisieren, halte ich für verkürzt. Aber ich will hier noch nicht in die Diskussion einsteigen, nach dem nächsten Beitrag wird hoffentlich klarer, worauf ich hinaus will. Das ist einfach der Fluch meiner leidigen Angewohnheit, in Fortsetzungen zu schreiben.

      alterbolschewik

      13. Mai 2013 at 19:56


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