shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Von der Utopie (2)

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„Unser Wahlspruch muß also sein: Reform des Bewußtseins nicht durch Dogmen, sondern durch Analysierung des mystischen, sich selbst unklaren Bewußtseins, trete es nun religiös oder politisch auf. Es wird sich dann zeigen, daß die Welt längst den Traum von einer Sache besitzt, von der sie nur das Bewußtsein besitzen muß, um sie wirklich zu besitzen.“

Karl Marx an Arnold Ruge, September 1843

Ich hatte bereits letzte Woche auf die komplexe Zeitstruktur der Utopie hingewiesen: Auch wenn sie auf die Zukunft verweist, ist ihr kritischer Kern, so war der Befund, auf die Gegenwart gerichtet. Sie ist nicht einfach Zukunftsentwurf, sondern Gegen-Entwurf und dadurch auf das schlechte Hier und Jetzt bezogen. Doch hatte ich auch darauf hingewiesen, daß man die Utopie nicht einfach nur als Kritik lesen darf, daß ihr Entwurfscharakter, die Projektion in die Zukunft keineswegs vernachlässigbar ist. Mag auch die Kritik der Gegenwart der wesentliche Inhalt der Utopie sein, so ist ihr die in die Zukunft ausgreifende Form mindestens ebenso wesentlich.

Damit ist die Entfaltung der Zeitstruktur, die der Utopie inhärent ist, keineswegs abgeschlossen. Denn eine vollständige Auseinanderlegung ihres Begriffs wird zeigen, daß zu Gegenwart und Zukunft noch eine weitere Dimension hinzukommt: Die der Vergangenheit. Dies allerdings läßt sich nicht unmittelbar begreiflich machen, weshalb wir einen Umweg wählen müssen und die Frage, wie die Vergangenheit in die Utopie mit hineinspielt, zunächst einmal zurückstellen. Denn um dies zu verstehen, müssen wir uns erst einmal ihrer räumlichen Dimension bewußt werden. Die Frage, die wir uns zunächst stellen müssen, lautet: Wo ist eigentlich der Ort, an dem die Utopie überhaupt in die Existenz tritt?

Auch hier ist zunächst die negative Bestimmung ganz hilfreich: Die Utopie entsteht nicht im Alltag, zumindest nicht unmittelbar. Das ganz normale Alltagsleben in seinem regelmäßigen Fluß ist frei von utopischen Anwandlungen, es spielt sich im Bereich eines Handelns ab, das von Wiederholung und Routine geprägt ist. Und innerhalb dieser Alltagsroutine ist kein Ort für Utopie.

Das ist auch die Einsicht, an der sich die Freunde der „konkreten Utopie“ hochhangeln: Damit sich etwas gesellschaftlich verändern kann, müßten die Menschen aus ihrer Alltagslethargie geweckt werden. Und der naive Glaube ist, man müsse dazu eine Utopie auspinseln und sie den Menschen wie eine Karotte vor die Nase halten, um sie aus dem Stumpfsinn des Alltagslebens herauszuführen. Doch genau so funktionieren Utopien nicht, man kann sie sich nicht wie eine Werbeagentur ausdenken und dann ein Utopiemarketing für eine bessere Gesellschaft betreiben.

Tatsächlich ist es umgekehrt. Es ist eben nicht die Utopie, die den Weg aus dem Alltag weist. Sondern ganz im Gegenteil: Dort wo der Alltag aufbricht, Risse bekommt, dort beginnt utopisches Denken sich einzunisten, Wurzeln zu schlagen und vielleicht auch ein kräftiges und gesundes Wachstum zu entwickeln.

Es gibt durchaus eine Reihe von Marxisten, die sich genau dieser Risse im Alltagsleben angenommen haben – gerade weil sie sich über die Zurichtung der Marxschen Theorie zu einem „wissenschaftlichen Sozialismus“ empört haben. Der erste bedeutende marxistische Theoretiker, der in dieser Richtung gearbeitet hat, war aller Wahrscheinlichkeit nach Ernst Bloch. Während der Schlächterei des ersten Weltkriegs, als die vom Glauben an einen „wissenschaftlichen Sozialismus“ beseelte sozialdemokratische Partei jämmerlich versagt hatte, schrieb er die erste Fassung von Geist der Utopie ([1]), worin er bereits einiges von dem vorwegnahm, was er in seinem Hauptwerk Das Prinzip Hoffnung ([2]) dann in drei Bänden ausführen sollte.

Bloch lokalisiert den Entstehungsort der Utopie an den Rändern der Alltagserfahrung, dort, wo sich das Denken eine Pause von den alltäglichen Notwendigkeiten erlaubt. Er geht aus von den Tagträumen, die sich sich immer wieder in den Alltag einschmuggeln:

„Die Menschen träumen nicht nur nachts, durchaus nicht. Auch der Tag hat dämmernde Ränder, auch dort sättigen sich Wünsche. Anders als der nächtliche Traum zeichnet der des Tages frei wählbare und wiederholbare Gestalten in die Luft, er kann schwärmen und faseln, auch sinnen und planen. Er hängt auf müßige Weise […] Gedanken nach, politischen, künstlerischen, wissenschaftlichen.“ ([2], S. 96)

Es sind, nach Bloch, die kleinen und großen Träumereien des Alltags, die das Fundament dessen bilden, was sich dann zur Utopie auswachsen kann. Mit anderen Worten: Dort, wo die graue Decke des Alltags bereits Löcher hat, dort sind die Punkte, an denen utopisches Denken zu keimen beginnen kann.

Eine Variante solchen Denkens habe ich hier im Blog bereits vorgestellt. Vor rund einem Jahr wies ich auf Henri Lefebvres Theorie der Momente hin, die diesen Bruch in der Logik des Alltags präziser entwickelte. Ebenfalls in Abgrenzung zu einem verdinglichten Marxismus entstanden, sucht auch Lefebvres Theorie nach Rissen und Brüchen im Alltagsleben, in denen etwas aufscheint, das über dieses Alltagsleben hinausweist. Dabei konzentriert sich Lefebvre nicht so sehr auf das Träumen, sondern mehr auf das Handeln. In seiner Theorie der Momente gibt es einen äußeren Auslöser – das kann beispielsweise die Begegnung mit einem anderen Menschen sein, von dem eine besondere Faszination ausgeht. Und nun liegt es an uns, den Mut aufzubringen, diesen kurzen Augenblick zu ergreifen und daraus mehr zu machen: Ein Moment. Im Falle der Begegnung eventuell das Moment der Liebe. Ohne bewußte Entscheidung, ohne Willensakt wird aus dem flüchtigen Augenblick kein Moment. Zwar ist das Moment nicht wirklich von Dauer (auch das wurde gezeigt), aber es hat eine eigene, begrenzte Zeitlichkeit, die der linearen Zeitlichkeit des Alltags widerspricht. Und während das Moment andauert, können sich die Menschen selbst tatsächlich als Subjekte ihres eigenen Lebens verstehen. Sie empfinden sich nicht länger als fremdgesteuerte Spielbälle, die den äußeren und inneren Zwängen des kapitalistischen Alltags unterworfen sind.

Blochs und Lefebvres Theorien schließen sich keineswegs aus: Ohne vorhergehende Tagträumerei würden wir wahrscheinlich nie den Mut aufbringen, in der konkreten Situation des zum Moment einladenden Augenblicks die Initiative zu ergreifen, um aus dem Augenblick ein Moment zu machen und die Routine des Alltags zu durchbrechen. Im sehr individuellen Moment der Liebe spielt sich das natürlich nur unter wenigen Menschen ab, aber es gibt eben auch die kollektiven Momente, die Momente der Rebellion und Revolte, in denen eben nicht nur der Alltag einiger weniger Individuen für eine gewisse Zeit durchbrochen wird, sondern in denen für eine ganze Gesellschaft die alltägliche Routine zum Stillstand kommt. Kairo war im Frühjahr 2011 ein solcher Ort.

Und an solchen Orten entstehen die Utopien, die wirklichen Utopien. Nicht die ausgedachten Utopien, die einige wenige Besserwisser den Unerleuchteten glauben als Werbematerial präsentieren zu müssen. Sondern die Utopien, die das Resultat eines kollektiven Prozesses in einer Ausnahmesituation sind, einer Ausnahmesituation, die das Denken der Beteiligen aus der gewohnten Spur wirft und damit ungeahnte kreative Energien freisetzt.

Dabei entstehen diese Utopien, ebenso wie die Tagträume oder die Momente, keineswegs aus dem Nichts. Sie kommen – und damit sind wir bei der dritten zeitlichen Dimension – aus der Vergangenheit. Sie beruhen auf Bruchstücken, Fragmenten älterer Utopien die sich, oft genug versteckt und unkenntlich gemacht, im kulturellen Gedächtnis erhalten haben. Sie stecken in Symbolen und Bildern, die vage Erinnerungen wachrufen, sind kodiert in Mythen oder Liedern, werden öfter von Künstlern tradiert als von Historikern. Wir tragen sie in uns, ohne sie wirklich zu kennen. Doch ohne sie würden wir nie anfangen zu träumen und nie den Mut aufbringen, dann, wenn es darauf ankommt, die Gelegenheit beim Schopf zu packen.

In der Ausnahmesituation werden die Träume von einem besseren Leben ebenso wie die ganze Tradition der vergangenen Revolten als vage Bruchstücke aus dem kollektiven Gedächtnis abgerufen, neu zusammengesetzt, uminterpretiert und in eine neue Form gegossen.

Und erst damit haben wir die Zeitstruktur der Utopie vollständig erfaßt: Sie ist das Bild einer besseren Zukunft als Gegenentwurf zum schlechten Hier und Jetzt, gespeist aus der Tradition der fast vergessenen Revolten der Vergangenheit.

Nächste Woche werde ich diese Form der Utopie, ihre tatsächliche Funktion im Kontext der Revolte gegen das Bestehende näher beleuchten. Und im Kontrast dazu zeigen, daß die „konkrete Utopie“ dagegen utopisches Denken um das Beste betrügt: Nämlich um die Verankerung in der Tradition und die Offenheit gegenüber der Zukunft.

Grübeln Sie so lange darüber nach, was Ernst Bloch wohl damit meinte, als er schrieb:

„Und nun ist dieses gerade für den Marxismus, als den angegebenen Quartiermacher der Zukunft, bezeichnend: er behebt die festgefrorene Antithese: Nüchternheit-Enthusiasmus, indem er beide auf ein Neues bringt und beide darin miteinander arbeiten läßt – für exakte Antizipation, konkrete Utopie.“ ([2], S. 1619)

Nachweise

[1] Bloch, E., Geist der Utopie, Frankfurt a.M. 1980.

[2] Bloch, E., Das Prinzip Hoffnung (3 Bände), Frankfurt a.M. 1977 (4. Aufl.).

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Written by alterbolschewik

17. Mai 2013 um 16:36

Veröffentlicht in Utopie

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2 Antworten

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  1. Spannend wäre es, da auch noch Althusser, Husserl (nein, kein bödes Wortspiel) und den Poststrukturalismus mit reinzubringen. Den Poststrukturalismus freilich in seiner radikal-utopischen Ausrichtung, so zwischen Mesrine und Baudrillard. Was jetzt kein amedropping sein soll, sondern der zehenspitzentastende Versuch einer Neubestimmung.

    che2001

    20. Mai 2013 at 22:19

    • Diese Liste ließe sich beliebig erweitern. Im Grunde ist ja jede ernstzunehmende Philosophie nach Hegel (außer der angelsächsischen ;-)) der Versuch, über das bestehende Hier und Jetzt hinauszudenken und insofern von ihrem Gehalt her auf die eine oder andere Art und Weise utopisch. So steckt natürlich in der Polemik der Kritischen Theorie gegen den Positivismus eine gerüttelt Maß an utopischem Denken, obwohl Horkheimer und Adorno ja ausgewiesene Kritiker jeder ausgemalten Utopie waren.

      alterbolschewik

      24. Mai 2013 at 16:15


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