shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Von der Utopie (3)

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„The Guy Fawkes mask has now become a common brand and a convenient placard to use in protest against tyranny“

David Lloyd

Ich weiß nicht, ob Sie es gemerkt habe, liebe Leserin, lieber Leser – aber letzte Woche habe ich ein wenig versucht, Sie auf’s Glatteis zu führen. Denn natürlich war die scheinbar rein formale Bestimmung, wie (echte) Utopien zustande kommen, bereits auch eine inhaltliche Festlegung. Wenn, wie ich letzte Woche behauptet habe, echte Utopien nicht von jemandem ausgedacht werden, sondern in einer gesellschaftlichen Ausnahmesituation als ein kollektives Produkt entspringen, dann ist das nicht einfach eine mehr oder minder gut begründete Feststellung einer Tatsache. Vielmehr steckt hinter dieser rein formalen Bestimmung selbst ein bestimmtes utopisches Wunschbild: Daß die Menschen auch ohne Anleitung von irgendwelchen Führern in der Lage sind, gemeinsam eine vernünftigere gesellschaftliche Ordnung zu entwerfen, daß sie nicht einfach Schafe sind, die blökend hinter ihren Hirten herlaufen, in Formation gehalten von deren Wachhunden.

Dieses Wunschbild entspringt aber nicht einfach einer persönlichen Marotte von mir. Vielleicht von einer Minderheit unverbesserlicher Stalinisten einmal abgesehen, renne ich mit einem derartigen Bild eines kollektiven emanzipatorischen Prozesses auf der Linken offene Türen ein. Und selbst hartgesottene Stalinisten würden eher bedauernd auf die historische Notwendigkeit einer diktatorischen Führung hinweisen statt diese samt des damit einhergehenden Personenkultes zu glorifizieren.

Das war aber nicht immer so, im Gegenteil. Die utopische Hoffnung, daß sich im kollektiven Prozeß mehr und besseres entwickelt als wenn man sich einer angeblich allwissenden Führung unterwirft, ist durchaus jüngeren Datums. In älteren utopischen Projektionen spielt die Figur eines weisen Führers, der die Unterdrückten und Geknechteten in das Gelobte Land führt, eine entscheidende Rolle. Moses ist ein historisches Modell, das sich in das kollektive Gedächtnis eingeprägt hat und in unterschiedlichster Gestalt wieder auftauchte – in Deutschland etwa als der im Kyffhäuser schlafende Kaiser Rotbart, auf dessen Erwachen sich utopische Projektionen richteten.

Große Teile der Arbeiterbewegung waren geprägt von einer solchen Utopie, daß ein Führer auftauchen würde, der den Weg in eine leuchtende Zukunft weisen würde – das beginnt in der deutschen Arbeiterbewegung bereits mit der hymnischen Verehrung Ferdinand Lassalles. Natürlich gab es immer auch eine antiautoritäre Strömung, die mit Blanquis Parole Ni dieu, ni maître auf den Lippen in die Schlacht zog. Doch bis nach dem 2. Weltkrieg blieben diese Strömungen in der Minderheit. Erst mit den antiautoritären Bewegungen, die sich Anfang der 60er Jahre zu entwickeln begannen, wurde der Teil der Linken, die sich auf die Spontaneität und die kollektive Intelligenz der Massen berief, zusehends mehrheitsfähig, während autoritäre neostalinistische Tendenzen mit immer größeren Geländeverlusten zu kämpfen hatten.

Mit dem kulturell tief verwurzelten Bild des weisen Führers, der die Massen ins gelobte Land leitet, verfügte der autoritäre Teil der Linken lange Zeit über ein utopisches Pfund, mit dem sich trefflich wuchern ließ. Hinzu kam ein weiterer, ins kollektive Gedächtnis eingebrannter utopischer Topos, der die Arbeiterbewegung stärkte: Der Glaube an die Segnungen der Produktivkraftentwicklung. Das mag merkwürdig klingen, denn gerade das sollte den Sozialismusvorstellungen der Arbeiterbewegung statt eines utopischen ein wissenschaftliches Fundament verbürgen. Doch dahinter steckten (auch) die uralten Sagen von dienstbaren Geistern, die auf ein Zauberwort hin erscheinen oder das Märchen vom Tischlein-deck-dich. Die Produktivkraftentwicklung war in der Arbeiterbewegung nicht nur ein empirisch beobachtbares und wissenschaftliche belegbares Faktum, sondern immer auch mit einem aus der kulturellen Tradition stammenden utopischen Überschusses versehen.

Diese beiden sehr starken utopischen Traditionen der alten Linken, ihr Glaube an die rettende Kraft des Führers und des technischen Fortschritts, zerbrachen nach dem 2. Weltkrieg. Stalin und die Atombombe diskreditierten für die Nachkriegsgeneration diese in einer langen Tradition stehenden utopischen Topoi. Doch wie damit umgehen?

Das ist die falsche Frage. Es ist ja nicht so, daß die Linke eines Tages aufwachte und erkannte, daß die alten Utopien keine mehr waren. Eine Umorganisierung des utopischen Horizonts ist nicht etwas, was man sich einfach vornehmen kann, sondern es ist ein langwieriger Prozeß, der eben nicht allein, ja noch nicht einmal in erster Linie auf einer politisch-bewußten Ebene abläuft. Kunst und Kultur spielen hierbei eine bedeutend wichtigere Rolle als bewußte Einsichten, zumindest was die notwendige utopische Dimension politischen Handelns betrifft. Und es ist der utopische Horizont, der der politischen Einzelentscheidung überhaupt erst einen Sinn verleiht. (Das ist, nebenbei bemerkt, mit ein Grund, warum die SPD zu ihrem 150. Geburtstag trotz aller Jubelchöre so alt aussieht: Sie hat ihren früheren utopischen Horizont verloren, jedoch nie einen neuen gefunden.)

Damit also die Utopie sich erneuert, müssen Maler, Musiker, Autoren, Zeichner die alten Themen neu bearbeiten, sie hin und her wenden bis sich daraus das Neue ergibt, das einen veränderten utopischen Horizont aufscheinen läßt. Nicht, daß die Künstler es besser wüßten als andere, aber ihr Metier ist es, mit Bildern und Symbolen zu arbeiten, die darin versteckten Informationen und Intentionen zu erforschen und sie mit zusätzlichen Gehalt aufzuladen. Sie nehmen Dinge aus dem kollektiven kulturellen Bestand auf, verarbeiten diese und geben sie dem Kollektiv in veränderter Form zurück. Und vielleicht weiß die Gesellschaft etwas damit anzufangen – vielleicht aber auch nicht.

Ich will diese doch recht abstrakten Überlegungen an einem konkreten Beispiel exemplifizieren, einem Beispiel, das ich schon einmal im Vorbeigehen erwähnt habe: V for Vendetta, der Comic von Alan Moore und David Lloyd (inklusive seiner späteren Verfilmung). Die Details der Geschichte sind dabei gar nicht so sehr von Belang. Es genügt eigentlich zu wissen, daß in V for Vendetta der maskierte Anarchist V gegen ein faschistisches Regime kämpft, um das Volk aus seiner Lethargie aufzurütteln. Soweit, so wenig originell. Maskierte Rächer waren zu Beginn der 80er Jahre wahrlich kein wirklich innovatives (trash-)künstlerisches Konzept. Und wenn so eine Figur dann auch noch politisch agiert, dann ist es nicht weit zur klassischen Führer-Utopie.

Doch Moore/Lloyd bringen an der traditionellen Figur des maskierten Rächers einige überraschende Veränderungen an. Zum einen ist es zentral, daß bei V, im Gegensatz zu anderen Comichelden, die Maske gerade nicht seine Indiviualität betont. Die Maske, die er trägt, repräsentiert Guy Fawkes, den katholischen Verschwörer, der im Jahre 1605 versuchte, das englische Parlament samt König Jakob I. in die Luft zu sprengen. Wir haben es also mit einer Mehrdeutigkeit zu tun, die schlecht aufzulösen ist: Warum verbirgt sich der Anarchist V hinter dem Konterfei eines fanatischen Katholiken, einer eher unsympathischen Gestalt? Weil, ungeachtet des Motivs, Guy Fawkes eine unglaublich mächtige Symbolgestalt ist, die sich zutiefst in des britische kollektive Gedächtnis eingegraben hat. Die Tat ist entscheidend, der Versuch, das Parlament in die Luft zu sprengen, nicht das Motiv. Und jedes Kind in Großbritannien weiß, wer Guy Fawkes ist. Die Maske ist bei V also kein individuelles Markenzeichen, wie bei Superman oder Batman, sondern stellt seinen Träger in eine Tradition. Das ist der erste Dreh, den Alan Moore und sein Zeichner David Lloyd der Figur geben.

Der zweite, noch wichtigere Dreh, beruht auf dem ersten: Im Gegensatz zu den sonstigen maskierten Helden, stirbt V am Ende, ohne daß jemand erführe, wer er wirklich war. Und er gibt die Maske weiter, sie ist nun erst recht nicht mehr sein Zeichen, sondern wird der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt – jeder und jede kann sich im Kampf gegen die herrschenden Mächte die Guy Fawkes Maske aufsetzen. V ist kein Individuum mehr, sondern ein Kollektiv, kein Führer, sondern die Masse selbst.

Was Moore und Lloyd hier gestaltet haben, ist genau dieser kulturelle Übergang von einer Utopie, die auf einen Führer setzt, hin zu einer Utopie, wo der Kampf gegen Unrecht von einem Kollektiv von Individuen geführt wird, das sich aber auf eine gemeinsame Tradition und gemeinsame Werte beruft. Genau das steckt in diesem Symbol der Guy Fawkes Maske, unabhängig davon, ob diejenigen, die diese heute auf Demonstrationen tragen, sich dessen bewußt sind oder nicht. Moore/Lloyd haben das richtige Symbol für einer Verschiebung im utopischen Horizont gefunden, das heute in der politischen Praxis seine Macht entfalten kann.

So etwas läßt sich nicht ausdenken oder planen. Das ist keine Strategie, die eine Werbeagentur entwerfen und dann auf die Menschheit loslassen kann. Nicht das Symbol schafft die Bewegung, sondern die Bewegung sucht sich das Symbol, in dem sie sich repräsentiert sieht. Das Unklare, Offene utopisch-politischen Denkens und Handelns ist darauf angewiesen, sich solche Symbole zu suchen und sich ihrer zu bedienen, um eine Verständigung über Ziele zu erreichen, die als solche noch gar nicht klar gefaßt werden können. Damit eröffnet das Symbol einen neuen Handlungshorizont, dem die Bewegungen entgegengehen können.

Mit diesem leisen Pathos schließe ich für’s erste diese kurze Serie zur Utopie ab. Die Frage selbst wird in diesem Blog wahrscheinlich immer wieder hochkochen, doch nächste Woche schauen wir nicht nach vorne, sondern zurück, auf die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung und die Ausstellung Durch Nacht zum Licht? in Mannheim.

Freuen Sie sich also darauf, daß das Comité der streikenden Berliner Buchdruckergehülfen 1848 schreibt:

„Wir sind Arbeiter, unser ganzer Reichtum ist der Lohn, den wir für unsere Arbeit erhalten; daß es ein genügender, ein unserer Thätigkeit angemessener sei, das ist es, was wir wollen.“ ([1], S. 71)

Nachweise

[1] Technoseum. Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim (Hg.), Durch Nacht zum Licht? Geschichte der Arbeiterbewegung 1863 — 2013, Mannheim 2013.

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Written by alterbolschewik

24. Mai 2013 um 16:11

Veröffentlicht in Utopie

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