shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Durch Nacht zum Licht?

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„Leiharbeit heute und Hartz IV. Wer hat’s erfunden? Wir haben es nicht vergessen.“

Transparent der IG Metall VW Braunschweig, 2011

Der hundertundfünfzigste Geburtstag der SPD ist ja nun abgefeiert. Es ist ganz bezeichnend, daß die Partei sich die Gründung des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins (ADAV) am 23. Mai 1863 als ihr Geburtsdatum ausgesucht hat. Das Elend begann damit, als diese weitgehend bedeutungslose Arbeiterorganisation einen großmäuligen Anwalt, Ferdinand Lassalle, „Sohn eines Breslauer Seidenhändlers und Erbe eines beträchtlichen Aktienvermögens“ ([3], S. 77) zu ihrem Präsidenten wählte und ihn mit quasi diktatorischen Vollmachten ausstattete. Dabei hätte niemand die SPD gezwungen, die Konstitution dieser Verlierertruppe als eigenes Gründungsdatum anzunehmen. So wie die Donau durch die Vereinigung von Brigach und Breg zustande kommt, so entstand die SPD 1875, als sich der ADAV in Gotha mit der 1869 von August Bebel und Wilhelm Liebknecht gegründeten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei vereinigte. Doch offensichtlich wollte in der SPD niemand bis zum Jahr 2025 warten (wahrscheinlich befürchtet man, bis dahin zu einer bedeutungslosen Splitterpartei verkommen zu sein).

Dabei stünde doch schon nächstes Jahr ein wunderbares Jubiläum an, das man in der SPD gebührend feiern könnte. Im August 2014 jährt sich zum hundertsten Mal das Ereignis, mit dem die SPD zu Beginn des 1. Weltkriegs dokumentierte, daß sie keineswegs staatsfeindlich gesonnen war, sondern brav Richtung Mitte der Gesellschaft strebte, sozusagen eine Vorwegnahme der Schröderschen Neuen Mitte:

„Während Rosa Luxemburg, Clara Zetkin und Karl Liebknecht in der »Gruppe Internationale« an die Einheit der internationalen Arbeiterklasse gegen den Krieg appellierten, sorgten die Revisionisten um Eduard David und Ludwig Frank im Reichstag für eine kleine Sensation: Am 4. August stimmte die SPD im Reichstag den Finanzierungsplänen für den Krieg zu und fügte sich somit in die von Kaiser Wilhelm II. und nationalistischen Politikern propagierte »Volksgemeinschaft«, in der es »keine Parteien, nur noch Deutsche« gebe, ein.“ ([1], S 154)

Wenn das nicht etwas zu feiern ist! Viel mehr als die Gründung eines Arbeitervereins, dessen Präsident sich dann im folgenden Jahr bei einem Duell wegen irgendwelcher Frauengeschichten totschießen ließ. Aber die Jubiläumspolitik der Partei entspricht halt auch ihrer Realpolitik.

Doch langer Einleitung kurzer Sinn: Es geht heute um die diesjährige Große Landesausstellung des Landes Baden-Württemberg. Als ich erfuhr, daß diese die Geschichte der Arbeiterbewegung zum Gegenstand hat, war ich doch recht skeptisch. Eine grün-rote Landesregierung finanziert in der SPD-Hochburg Mannheim eine Ausstellung; und das in dem Jahr, in dem sich die SPD für ihre 150-jährige Geschichte feiern läßt, eine Geschichte, zu der mir außer dem Kniefall Willi Brandts in Warschau wenig Positives einfällt. Mit anderen Worten: Ich erwartete eine eher unkritische Jubelveranstaltung. Da ich aber sowieso die parallel in Mannheim stattfindende Medici-Ausstellung sehen wollte, reifte der Entschluß, bei dieser Gelegenheit die Arbeiterbewegungsausstellung noch mitzunehmen.

Und was soll ich sagen: Ich hätte mich nicht mehr täuschen können. Die Medici-Ausstellung war ganz okay, aber nichts, was man gesehen haben muß. Durch Nacht zum Licht?, die Dokumentation zur Geschichte der Arbeiterbewegung, ist hingegen eine Pflichtveranstaltung für alle, die sich für gesellschaftliche Protestbewegungen interessieren. Und das sage ich als Schwabe, denen man ja nachsagt, daß für sie nicht zu Schimpfen schon des Lobes genug sei.

Doch zu den Details: Die Ausstellung findet statt im Technoseum Mannheim und wirkt in dem riesigen Gebäude des Technoseums etwas verloren. Zwischen Lokomotiven und Turbinen ist ein schwarzer Kasten gestellt, den man beinahe geneigt ist zu übersehen. Dieser Kasten soll die Große Landesausstellung beherbergen? In der Tat, das tut er.

Man tritt aus den hellen Räumlichkeiten des Technoseums ein in die dunkle Vergangenheit, in eine Arbeitermaschine, die von der Architektengruppe Hühnlein & Hühnlein entworfen wurde. Und obwohl diese Gruppe den dämlichen Werbespruch „Die Architekten der Marke“ führt, handelt es sich dabei offensichtlich um wirklich hochtalentierte Leute, die nicht einfach 08/15 Ausstellungskonzepte entwerfen. Mit diesem schwarzen Kasten haben sie ein Ausstellungsumfeld hingestellt, das den Ausstellungstitel Durch Nacht zum Licht? nicht einfach nur illustriert, sondern wirklich erfahrbar macht. Und zwar inklusive des Fragezeichens, denn so richtig hell wird es in der Ausstellung nie.

Das Innere des Kastens ist ein u-förmig verlaufender, etwas verwinkelter Parcours, in dem die Geschichte der Arbeiterbewegung vom frühen 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart chronologisch abgehandelt wird. Gestaltungselemente sind vor allem schwarze Zahnräder (die an Chaplins Film Moderne Zeiten erinnern sollen) und Baugerüstträger, die eigentlichen Exponate werden punktgenau durch kleine Strahler erleuchtet, die, zumindest am Beginn der Ausstellung, den Eindruck von allgemeiner Dunkelheit eher erhöhen als mildern.

Die Ausstellung ist in sechs Bereiche gegliedert: Die Zeit vor 1863, also vor der Gründung des ADAV, dann der Aufstieg der Arbeiterbewegung trotz versuchter Illegalisierung bis zum Ende der Sozialistengesetze 1890. Es folgt der Triumph der legalen Arbeiterbewegung bis zum 1. Weltkrieg und die aus letzterem resultierende Spaltung. Der vierte Teil dokumentiert die gespaltene Arbeiterbewegung der Weimarer Republik und ihre Niederlage im Angesicht des Nationalsozialismus. Für den vorletzten Teil teilt sich der Weg durch die Ausstellung auf und man kann entweder den Weg durch die Geschichte der DDR oder die der BRD nehmen. Entgegen der Erwartung setzt der sechste und letzte Teil dann nicht 1989, mit der deutschen Wiedervereinigung ein, sondern 1980 – dem Jahr, in dem die Partei Die GRÜNEN gegründet wurde.

Jede dieser Abteilungen verfügt neben den ausgezeichnet ausgewählten Exponaten über eine „Zeitschleife“, ein relativ langes Informationsband, das sich mit Zahnrändern und einer Kurbel durchnudeln läßt, und das ausführlichere Informationen zur jeweiligen Epoche liefert – ein schönes Beispiel für die gestalterische Phantasie der Ausstellungsmacher, die auch die Lektüre längerer Texte gleichzeitig zu einer physischen Aktivität macht.

Es würde hier viel zu weit führen, im Detail die einzelnen Stationen zu besprechen – schließlich will ich hier nicht schon wieder einen Mehrteiler abliefern. Zwei Schlaglichter sollen deshalb genügen.

Bemerkenswert ist zum einen, daß die Ausstellung entgegen dem Klischee historisch korrekt dokumentiert, daß die Arbeiterbewegung und ihre Vorstellungen von einer besseren, solidarischen Gesellschaft eben nicht einfach aus den Bedürfnissen der Industriearbeiterschaft erwuchsen. Vielmehr sind ihre Anfänge in den demokratischen Bewegungen des frühen 19. Jahrhunderts zu finden, bei denen gerade Handwerker, die von der Industrialisierung bedroht wurden, eine entscheidende Rolle spielten. Die erste Abteilung macht dies sinnlich klar, indem sie eine Handdruckerpresse (die auch vorgeführt wird und deren Druckerzeugnisse man mitnehmen kann) mit einer vollautomatischen, dampfbetriebenen Presse kontrastiert. Erst im Übergang vom zweiten zum dritten Teil der Ausstellung bringt die Ausstellung mit einem stilisierten Bergwerk die Industrialisierung ins Spiel.

Ebenso klischeefrei wird der Niedergang der klassischen Arbeiterbewegung, der Gewerkschaften und der mit ihnen verbundenen Parteien dokumentiert. In der DDR haben wir es mit einer „Verstaatlichung“ der Arbeiterbewegung zu tun, im Westen kastriert sie sich durch Sozialpartnerschaft selbst. Im Westen hat das nach 1968 zur Folge, daß sich eine Opposition entwickelt, die sich von SPD und Gewerkschaften abwendet. Hier ist die Ausstellung erstaunlich genau: Ich hätte nicht erwartet, daß die Plakat-Gruppe bei Daimer dokumentiert wird oder gar der KBW stellvertretend für die maoistischen K-Gruppen erwähnt wird (ein Schelm wer dabei an die KBW-Vergangenheit unseres aktuellen Ministerpräsidenten denkt). In Parallelmontage beschreibt die Ausstellung den Aufbruch der Neuen Sozialen Bewegungen, während sich die Gewerkschaften in Skandale wie den um das gewerkschaftseigene Wohnungsunternehmen Neue Heimat verstricken. Und dieser Niedergang geht – wie die Ausstellung mitleidlos zeigt – durchaus weiter. Für die Agenda-Politik der SPD etwa steht eine Photographie von Schröder und Blair, die gemeinsam ihr infames Papier vorstellen.

Trotz all dieser Kritik an SPD und Gewerkschaften schließt die Ausstellung dennoch keineswegs pessimistisch, sondern dokumentiert in der letzten Abteilung weltweite Arbeitskämpfe, vom Schwarzwälder Boten bis zu Foxconn. Der Kampf um bessere Arbeitsbedingungen und überhaupt eine vernünftigere Ordnung der gesellschaftlichen Arbeit ist keineswegs historisch überholt, sondern heute genau so nötig wie vor hundertfünfzig Jahren. Und diese Ausstellung mit ihrem gleichzeitig solidarischen wie auch kritischen Blick auf zweihundert Jahre Arbeiterbewegung hilft, die Zielvorstellungen zu schärfen.

Dazu trägt auch der unbedingt lesenswerte Katalog bei. Dieser läßt nicht nur die Ausstellung noch einmal Revue passieren; es werden außerdem Themen beleuchtet, die in der Ausstellung selbst nicht zur Sprache kommen, beispielsweise das Thema Arbeiterbewegung und Geschlechterverhältnisse ([2]). Für nur 20€ erhält man hier ein umfassendes Handbuch über die Geschichte der Arbeiterbewegung in Deutschland. Und die Beiträge sind nicht nur gut lesbar geschrieben, sondern auch auf dem neusten Stand der Forschung.

Damit genug des Lobes über eine wirklich außerordentlich sehenswerte Ausstellung. Und statt des üblichen Ausblicks auf nächste Woche gibt es heute ein Lied zum Thema:

Nachweise

[1] Jungbluth, F.: „“Muskelkräftig und wettergehärtet“. Vom Aufschwung bis zur Spaltung der Arbeiterbewegung 1890 – 1919“, in: Technoseum. Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim (Hg.), Durch Nacht zum Licht? Geschichte der Arbeiterbewegung 1863 — 2013, Mannheim 2013, S. 131 – 159.

[2] Schraut, S.: „Arbeiterbewegung und Geschlechterverhältnisse“, in: Technoseum. Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim (Hg.), Durch Nacht zum Licht? Geschichte der Arbeiterbewegung 1863 — 2013, Mannheim 2013, S. 424 – 438.

[3] Weiskopp, T.: „“Die Einigkeit, das ist der Funke, der alles zusammenschmilzt…“. Die deutsche Arbeiterbewegung von 1863 bis 1980“, in: Technoseum. Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim (Hg.), Durch Nacht zum Licht? Geschichte der Arbeiterbewegung 1863 — 2013, Mannheim 2013, S. 77 – 107.

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Written by alterbolschewik

31. Mai 2013 um 16:24

Veröffentlicht in Utopie

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2 Antworten

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  1. Schöner Beitrag, danke dafür!

    che2001

    3. Juni 2013 at 13:13


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