shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Archive for Juni 2013

Öffentlichkeit und Filterblasen (4)

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„Nicht wenige studierten Maos Zitatensammlung, das »Rote Buch«, wie sich einst ihre Eltern in die Heilige Schrift vertieft hatten.“

Detlef Michel, Maos Sonne über Mönchengladbach

Die in der letzten Woche geäußerte Kritik, bestimmte Formen des aktuellen Feminismus (oder auch Antirassismus) zeichneten sich vor allem durch Merkmale aus, die an fundamentalistische Sekten erinnern, war kein rhetorischer Trick, um sich den Inhalten nicht stellen zu müssen. Auf die Inhalte wird in zu einem späteren Zeitpunkt in dieser Serie noch einzugehen sein. Doch unabhängig von spezifischen Inhalten geht es mir ganz bewußt um die Form politischen Sektierertums. Es ist nämlich keineswegs so, daß es sich beim politischen Sektierertum einfach nur um eine besonders überspitzte und dadurch von der Realität abgekoppelte Übersteigerung von im Prinzip richtigen Einsichten handeln würde. Diesem Irrtum sitzen diejenigen auf, die meinen, sektiererische Politik wäre nicht qualitativ, sondern nur graduell von vernünftigeren Formen politischen Agierens unterschieden und deshalb prinzipiell rationaler Diskussion zugänglich. Die heutige und die nächste Folge werden zu zeigen versuchen, daß es sich bei sektiererischer Politik keineswegs bloß um eine Zuspitzung eigentlich vernünftiger politischer Inhalte handelt, sondern daß diese Form politischen Handelns eine völlig andere Qualität hat.

Um die Form völlig getrennt von den Inhalten analysieren zu können, springe ich deshalb historisch wieder drei Jahrzehnte zurück, zu den K-Gruppen der ersten Hälfte der 70er Jahre. Die Absurdität der Inhalte ist mit dem gehörigen historischen Abstand offensichtlich. Eine revolutionäre Umgestaltung der Bundesrepublik durch Aufbau einer marxistisch-leninistischen Kader-Partei kann heute ohne Gefahr als kompletter Blödsinn abgetan werden. Mit dem „Inhalt“ müssen wir uns also nur insofern beschäftigen, als dieser „Inhalt“ scheinbar gewisse Überschneidungen mit einigen Grundannahmen aufwies, die damals auch von einer deutlich größeren Anzahl von Menschen geteilt wurden: Das mehr oder weniger unorganisierte Chaos der antiautoritären Bewegungen der 60er Jahre war zu Beginn der 70er Jahre als politisches Modell in eine Sackgasse geraten; doch die von den Bewegungen aufgeworfene Frage nach einer grundlegenden gesellschaftlichen Umgestaltung wurde damals von einer durchaus breiten Öffentlichkeit zumindest für diskutabel gehalten. Es lief also alles darauf hinaus, eine Organisationsform zu finden, die diesem Bedürfnis gesellschaftlicher Umgestaltung Rechnung trug. Und es hieße die politische Reife der Bewegungen zu überschätzen, wenn man gehofft hätte, das leninistische Partei-Modell wäre dabei nicht in seinem Für und Wider erwogen worden.

Die Frage ist nur: War die Gründung der K-Gruppen das wohlüberlegte Resultat einer halbwegs rationalen Debatte? Nun, das hängt ein bißchen von der jeweiligen K-Gruppe ab. Während beispielsweise die KPD/ML mehr oder minder diskussionslos ins Leben trat, ging der Gründung des KBW tatsächlich eine halbwegs offene Debatte voraus. Ein kritisches KBW-Mitglied, das diesen später eben wegen der internen Sektenstrukturen verließ, bemerkte später:

„Wir kannten die theoretischen Publikationen der KBW-Vorläufer und fanden die Bestrebungen unterstützenswert, daß sich linke Gruppen mit ähnlichen Vorstellungen einigen wollten, ohne gleich mit dem Anspruch aufzutreten, die Partei zu sein.
Die Sammlungsbewegung für eine später eventuell zu gründende kommunistische Partei schien eine offene Diskussion politischer Anschauungen zu garantieren und auch die Möglichkeit, eigene Vorstellungen einzubringen und umzusetzen.“ ([1], S. 50)

Doch das war eine Illusion. Auch im KBW waren die selben Mechanismen wirksam wie in den anderen K-Gruppen:

„Wir hatten von Anfang an zum KBW ein kritisches, mehr praktisch-instrumentales Verhältnis. Dennoch ist es interessant im Nachhinein festzustellen, wie weit wir von der Organisation vereinnahmt worden sind, wie weit wir trotz kritischer Distanz ein Stück Identifikation entwickelt und ihre Verhaltensvorschriften übernommen haben. Sonst hätten wir kaum Sachen mitgemacht, die uns heute unsinnig erscheinen, weil sie schlicht uneffektiv und nutzlos sind für die Entwicklung einer sozialistischen Bewegung.“ ([1], S. 51)

Derartige Organisationen entwickeln fast naturwüchsig eine Dynamik, die Menschen dazu bringt, auch noch den größten Unsinn mitzumachen und offensiv zu verteidigen. Was aber sind die Mechanismen, die dieser Identifikation zu Grunde liegen?

Zum einen ist das das Filterblasen-Phänomen, das bereits in der ersten Folge dieser Serie als wichtiges Moment für die Ideologie der K-Gruppen angeführt wurde. Wir können jetzt ins Detail gehen und diese Filterblase genauer beschreiben. Typisch für die Existenz in einer Filterblase ist ja, daß man die Wirklichkeit außerhalb der Blase überhaupt nicht wahrnimmt oder noch schlimmer, gar nicht wahrnehmen will:

„Viele Genossen lasen kaum etwas außer den eigenen Publikationen, den »Klassikern des ML« und der fürs Studium absolut unentbehrlichen Literatur. Wenn sie sich einmal anders bildeten, lasen sie »proletarische Romane« aus der Weimarer Zeit, sahen sich aufbauende Filme aus der VR-China oder ähnliches an. […] Dieses ständige Eingeschlossenbleiben im keimfreien Milieu des von der ML-Ideologie desinfizierten Dunstkreises der Organisation trug wesentlich bei der Herausbildung eines Sprachcodes, der mit seinen Begriffen, seinen apodiktischen Kategorien gar nicht mehr zuließ, differenzierte Fragen zu stellen bzw. Erklärungen realer Probleme zu suchen.“ ([1], S. 56)

Sprache verliert hier ihre eigentliche Funktion, nämlich die, Mittel der Kommunikation zu sein. Statt die Sprache zu nutzen, um damit auf andere zuzugehen, Barrieren zu überwinden, wird sie zu einem Mittel der Abschottung. Bereits im letzten Beitrag wurde erwähnt, daß bestimmte Fraktionen des Queer-Feminismus einen ganz eigenen Jargon ausgebrütet haben, mit dessen Hilfe die Gruppenzugehörigkeit definiert wird. Beim KBW war das nicht viel anders:

„Eine wichtige Funktion bei der Abkapselung der Mitglieder des KBW von der Umwelt, von Kontakten und Beziehungen mit anderen Menschen hatte die Organisations­sprache. Man mußte eine bestimmte Sprache sprechen, gewisse Worte, Kürzel und Redewendungen benutzen. Der Sprachcode wurde oben festgelegt: die zentralen Publikationen (Zeitung, Broschüren und Erlasse der Leitung) waren in einem Sprachstil gehalten, der zwar einzelnen Personen der Führung zuzuordnen ist und deren Art des persönlichen Ausdrucks sein mag, sich aber doch unverkennbar an »geheiligten Vorbildern« orientiert, etwa an Lenin oder am katastrophalen Deutsch der Peking Rundschau.“ ([1], S. 54f)

Diese Verkehrung der Funktion von Sprache erklärt, warum das politische Sektenunwesen nicht einfach eine wenn auch zugespitzte, so doch lineare Fortsetzung eines allgemeinen politischen Diskurses ist. Vordergründig sieht es vielleicht so aus, als würden Dinge verhandelt, die auch außerhalb der Filterblase ein Thema sind. Doch dem ist nicht so. Es ist ein fataler Irrtum, wenn man den Jargon einfach nur bekloppt findet, sich ein bißchen darüber lustig macht und dennoch glaubt, man könne über die scheinbar angesprochenen Sachverhalte hinter dem Jargon eine tatsächliche rationale Diskussion führen. Denn die Worte haben im Sektenjargon ihre bezeichnende Funktion verloren. Sie bilden ein System der diskursiven Abgrenzung, kein Angebot, sich über Sachverhalte zu unterhalten oder gar zu streiten. In politischen Sekten wird Sprache funktional, sie dient der Abkapselung nach außen und der Identitätsbildung nach innen.

Doch warum ist diese Abkapselung für die Sekte so wichtig, daß sie die kommunikative Funktion von Sprache bewußt oder unbewußt sabotiert? Der Grund ist erschreckend und erschreckend einfach: Nur diese Zerstörung von Kommunikation erlaubt es, die einzelnen Sektenmitglieder dauerhaft an die Gruppe zu binden. Wie bei religiösen Sekten geht es darum, die Individuen von ihrer normalen Umgebung zu entfremden, sie zu isolieren und dadurch in eine Abhängigkeit zu bringen, die in bedingungslosen Gehorsam gegenüber der Gruppe mündet. Nächste Woche werde ich noch einmal am Beispiel der K-Gruppen zeigen, wie genau dieser Mechanismus funktioniert.

Seien Sie also gespannt auf die erschütternde Beichte eines ehemaligen KPD/AO-Funktionärs:

„Ich gehörte zur »stählernen Vorhut des Proletariats«. Umso erbärmlicher war mein Verhalten meiner Frau und meinem Sohn gegenüber. Szenen, in denen mir mein Sohn hinterherlief, »Papa, Papa hierbleiben« brüllte, ich aber »tapfer« zu meinem Termin trabte, waren fürchterlich. Natürlich rannte ich auch vor meinen Familienproblemen in den Schoß der Partei.“ ([1], S. 28)

Nachweise

[1] Autorenkollektiv, Wir warn die stärkste der Partein… Erfahrungsberichte aus der Welt der K-Gruppen, Berlin 1977.

Written by alterbolschewik

28. Juni 2013 at 14:10

Öffentlichkeit und Filterblasen (3)

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„Empowerment bedeutet für mich, Andere dazu anzuleiten, sich zu wehren.“

Netbitch

Ich hatte letzte Woche dargestellt, daß zur Utopie der antiautoritären Bewegungen in den 60er Jahren das Ideal maximaler Öffentlichkeit gehörte. Heute, rund ein halbes Jahrhundert später läßt sich hingegen eine Haltung beobachten, das der damaligen Öffentlichkeitseuphorie diametral entgegengesetzt ist. Und zwar durchaus bei Leuten, die sich selbst in einer antiautoritären Tradition verstehen. Wenn ich im folgenden das Blog High on Clichés von Esme Grünwald als Beispiel für diese Haltung anführe, dann geht es mir nicht darum, Grünwald persönlich anzufeinden. Wie sollte ich auch, ich kenne sie überhaupt nicht. Sondern sie hat hier das Pech als pars pro toto zu stehen, weil sie eben die besten Zitate zum Problem der Öffentlichkeit liefert.

Daß es sich dabei um ein feministisches Blog handelt, ist ebenfalls zweitrangig. Ich hätte auch das Blog einer Gruppe wie Reclaim Society, die sich im post-kolonialen statt im queer-feministischen Diskurs verortet, nehmen können. Die Strickmuster sind auch hier so ziemlich die selben, auch wenn sich der inhaltliche Schwerpunkt unterscheidet. Das ist überhaupt der Punkt: Es geht mir gar nicht so sehr um einzelne Positionen – von denen ich ja auch eine ganze Menge teile – sondern ganz grundsätzlich um die Vorstellung von „Politik“, die bei solchen Gruppen oder auch Einzelpersonen vorherrscht.

Für Esme Grünwald ist die Öffentlichkeit ein Raum, den sie nur äußerst widerwillig betritt und mit dem sie am liebsten überhaupt nichts zu tun hätte:

„Man stelle sich vor, man ist unterwegs. In der Bahn oder zu Fuß, vielleicht mit dem Fahrrad oder dem Auto. Man hat ein Ziel, denn man muss zur Arbeit, einkaufen, möchte Freund*innen treffen oder endlich nach Hause, um sich entspannen zu können. Vielleicht ist man auch unterwegs, um sich dabei zu entspannen. Sehr unwahrscheinlich ist, dass man sich im öffentlichen Raum bewegt, um Menschen kennen zu lernen.“ ([6])

Für Esme Grünwald ist der öffentliche Raum etwas Lästiges, das nun einmal da ist, das man aber am liebsten meidet, und, wenn das nicht geht, nach dem Motto „Augen zu und durch“, möglichst schnell durchquert. Paradoxerweise gilt das auch für ihr Blog, das sie gerade nicht als öffentlichen Auftritt versteht:

„Dieser Blog existiert hauptsächlich, damit ich mich mit Gleichgesinnten austauschen und natürlich meinen Teil zu Weltverbesserung beitragen kann. Gleichzeitig soll er einen sicheren Raum für Leute bieten, deren Probleme medial und gesellschaftlich vernachlässigt werden. Was ich hier definitiv nicht tun möchte, ist Grundsatzdiskussionen zu führen.“ ([7])

Es ist ein Blog für Gleichgesinnte, nicht für die Öffentlichkeit, was sich dann in der Form der Texte selbst deutlich niederschlägt. Sie sind bis in die Typographie hinein überfrachtet mit Jargon für Eingeweihte, der dann in einem extra Glossar auch erläutert wird. Das Schriftbild trieft von gender awareness – offensichtlich gibt es jetzt die Mode der Sternchen-Markierung von Worten, die möglicherweise geschlechtsspezifisch einschränkend gelesen werden könnten:

„Im Allgemeinen soll der Stern kennzeichnen, dass auch Leute angesprochen sind, die sich nicht als (nur) männlich oder weiblich identifizieren. Dazu können Genderqueere, Trans* oder Intersexuelle gehören.“ ([5])

Denn die alten Schreibweisen wie Schrägstrich, Binnen-I oder gender_gap waren immer noch insofern repressiv, weil sie suggerierten, daß es nur zwei Geschlechter gäbe.

Diese Abschottung durch Jargon wird fortgesetzt in der Behandlung der Kommentare. Diese werden einer rigorosen Zensur unterworfen, die ebenfalls ausführlich erläutert wird ([4]). Kurz: Das Blog dient nicht der Diskussion, sondern soll ein „sicherer Raum“ sein, das heißt, ein Raum, in dem die Erleuchteten sich gegenseitig bestätigen, wie recht sie doch haben.

Eigentlicher Anlaß jedoch, dieses Blog als Beispiel für einen problematischen Umgang mit dem Konzept der Öffentlichkeit zu nehmen, sind zwei Artikel, die Esme Grünwald jüngst veröffentlicht hat und die zu einer gewissen Resonanz zumindest in einigen Blogs geführt hat (beispielsweise [8]). In einem Beitrag empört sie sich über die Anmaßung, auf der Straße mit „lächle doch mal!“ angesprochen zu werden ([2]), in einem anderen thematisiert sie das Angestarrtwerden in der Öffentlichkeit ([3]).

Das sind in der Tat alles Ärgernisse, denen sich Frauen ausgesetzt sehen, wenn sie sich in der Öffentlichkeit bewegen. Und natürlich sind Männer dem so nicht ausgesetzt, insofern ist das unzweifelhaft eine Form von Diskriminierung. Und es macht die Sache auch nicht besser, daß das beileibe keine neue Einsicht ist: Edith Schlaffer und Cheryl Benard haben bereits vor über 30 Jahren darüber geschrieben ([9]). Es gibt hier – leider – im Umgang von Männern mit Frauen im öffentlichen Raum immer noch ziemliche Probleme.

Dennoch habe ich mit dem Ganzen meine Schwierigkeiten. Und zwar macht mir der Begriff von Öffentlichkeit, der den Gedankengängen von Esme Grünwald et. al. zu Grunde liegt, ziemliche Bauchschmerzen. Öffentlichkeit ist in dieser Vorstellungswelt ein Schlachtfeld, auf dem Täter auf Opfer treffen, Privilegierte ihre Mehrheitsmacht nutzen, um hilflose Minderheiten hemmungslos zu diskriminieren.

Selbst wenn wir annehmen, diese Diagnose (die im Begriff der rape culture kulminiert) wäre zutreffend, dann ist es recht verwunderlich, wie sich die Vertreter und Vertreterinnen derartiger Thesen eine Veränderung des gegenwärtigen Zustandes vorstellen: Die Privilegierten sollen sich doch bitteschön ihrer Privilegien bewußt werden, diese einbekennen und von ihnen ablassen. Warum sollten diese das tun? Eine solche Vorstellung ist doch politisch hochgradig naiv.

Aber in Wirklichkeit geht es auch gar nicht um Politik. Diese „Strategie“ verrät selbst, welcher Vorstellungswelt und vor allem welcher Praxis dieser Diskurs entspringt: Sie hat keinen Ort in der politischen Sphäre, der Sphäre gesellschaftlicher Öffentlichkeit. Vielmehr ist sie eine säkulare Ableitung aus Praktiken radikal protestantischer Sekten. Der Einzelne soll sich als Sünder erkennen, aufstehen, vor die Gemeinde treten und seine Sünden bekennen.

Und diese Sünden sind nicht einmal unbedingt individuell: Selbst ein wohlgefälliges Leben ist keine Garantie für Erlösung, denn letztlich ist jeder durch die Erbsünde gezeichnet und Erlösung gibt es nicht durch eigenes Tun, sondern nur durch die Gnade Gottes. Dem einzelnen bleibt nichts anderes übrig, als sich hoffnungsvoll vor die Gemeinde zu stellen und zu bekennen: „Ich als weißer, heterosexueller Mann gelobe im vollen Bewußtsein der Privilegien, die mir die Mehrheitskultur verliehen hat, vom sündigen Tun meiner sexistischen und kolonialistischen Vorfahren abzulassen und mir jeden Gedanken über Differenzen zwischen unterschiedlichen Menschen, seien diese nun biologischer oder kultureller Natur, zu verbieten.“

Damit wird jeder Begriff von politischer Öffentlichkeit zerstört. Und wo die Öffentlichkeit nicht grundsätzlich gemieden wird, die Gemeinde selbst in die Öffentlichkeit tritt, geht es nicht um Debatte, sondern um Missionierung. Diskussion ist nicht erwünscht, weil überflüssig, denn den Erleuchteten* sind die eigentlichen Tatbestände schließlich klar. Tatsächlich ist es ganz amüsant zu beobachten, wie die Missionare* immer wieder darauf hinweisen, der erste Schritt von der Skepsis zur Erleuchtung bestünde darin, zu schweigen und zuzuhören; und wer trotz dieser Ermahnungen Fragen stellt, wird darauf hingewiesen, er möge doch bitte die Schriften der Kirchenväter und -mütter studieren, man selbst sei es müde, immer wieder die selben Erklärungen abzugeben.

Natürlich ist es sehr unwahrscheinlich, daß sich eine solche Haltung außerhalb kleinerer akademischer Zirkel letztlich durchsetzungsfähig ist (auch wenn manche Eiferer der Gegenseite sich zusammenhalluzinieren, sie würden durch eine Kultur der „politischer Korrektheit“ unterdrückt). Allerdings können sie einem, wie eben auch religiöse Spinner, ziemlich auf die Nerven gehen.

Und zwar deshalb, weil sie ihre Missionierung nicht in der allgemeinen Öffentlichkeit betreiben. Versuchten sie, ihre Thesen in der Fußgängerzone zu verbreiten, ernteten sie bestenfalls Hohn und Spott. Deshalb suchen sie sich gezielt Teilöffentlichkeiten aus, von denen sie wissen, daß dort der inhaltliche Teil ihres Anliegens zumindest in den Grundzügen geteilt wird. Das hat durchaus Tradition, eine Tradition, die bis in die 70er Jahre zurückreicht.

Und damit beschäftige ich mich nächste Woche, wenn es heißt:

„Die Frage der »Geschlossenheit nach außen« hat auch bei mir eine wesentliche Rolle gespielt. Es stellte nämlich das Hauptelement in meinem Bestreben dar, ein »guter Kommunist« zu werden. Man mußte ganz klar nach außen treten und durfte auf keinen Fall die Kritik oder die Unsicherheit zeigen, die man hatte.“ ([1], S.43)

Nachweise

[1] Anonym, Wir warn die stärkste der Partein… Erfahrungsberichte aus der Welt der K-Gruppen, Berlin 1977.

[2] Grünwald, E.: „“Warum so traurig/grimmig/schlecht gelaunt?”“, URL: https://highoncliches.wordpress.com/2013/05/10/warum-so-trauriggrimmigschlecht-gelaunt/, abgerufen am 20. Juni 2013.

[3] Grünwald, E.: „“Gucken, aber nicht anfassen”“, URL: https://highoncliches.wordpress.com/2013/05/08/gucken-aber-nicht-anfassen/, abgerufen am 20. Juni 2013.

[4] Grünwald, E.: „kommentare“, URL: http://highoncliches.wordpress.com/kommentare/, abgerufen am 20. Juni 2013.

[5] Grünwald, E.: „glossar“, URL: http://highoncliches.wordpress.com/glossar/, abgerufen am 20. Juni 2013.

[6] Grünwald, E.: „Wie verhalte ich mich möglichst nicht wie ein Arsch?“, URL: http://highoncliches.wordpress.com/2012/05/17/wie-verhalte-ich-mich-moglichst-nicht-wie-ein-arsch/, abgerufen am 20. Juni 2013.

[7] Grünwald, E.: „ich“, URL: http://highoncliches.wordpress.com/about/, abgerufen am 20. Juni 2013.

[8] Netbitch: „Street Harrassment – wo beginnt es, wo hört es auf, wo sind die Grauzonen, wie geht frau damit um?“, URL http://netbitch1.twoday.net/stories/404101826/, abgerufen am 20. Juni 2013.

[9] Schlaffer, E. & Benard, C., Der Mann auf der Straße. Über das merkwürdige Verhalten von Männern in ganz alltäglichen Situationen, Reinbek 1980.

Written by alterbolschewik

21. Juni 2013 at 12:00

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Öffentlichkeit und Filterblasen (2)

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„Grau is alle Theorie – die Wahrheit is auf’m Platz.“

Alfred „Adi“ Preißler

Wenn wir heute davon reden, „an die Öffentlichkeit zu gehen“, dann verbinden wir damit instinktiv die Vorstellung, einen Medienvertreter zu kontaktieren. Edward Snowden ging an die Öffentlichkeit, indem er Glenn Greenwald, einen Journalisten des Guardian, kontaktierte, nicht indem er sich auf den Times Square stellte und den Passanten davon erzählte, wie die NSA in ihren Daten herumschnüffelt. Und dennoch, die ursprüngliche Form, an die Öffentlichkeit zu gehen, war genau dies: Auf den zentralen Platz der Stadt zu gehen und dort mit anderen über Dinge zu reden, die das Gemeinwohl angingen. Es ist die Agora, der zentrale Platz der griechischen Polis, auf der die Demokratie geboren wurde. Hier führte Sokrates seine Auseinandersetzungen mit den Sophisten, hier wurde er auch von den Athenern zum Tode verurteilt, weil sie meinten, daß seine Reden das Gemeinwohl unterminierten.

Diese ursprüngliche Form der Öffentlichkeit ist also die direkte Konfrontation an einem bestimmten Ort vor Publikum. Die am Gemeinwohl interessierten Bürger, die Politai, setzen sich mit Meinungen, Argumenten und auch unsinnigen Vorstellungen der anderen in der Öffentlichkeit aus­ein­an­der. Diese Öffentlichkeit ist nur scheinbar eine unmittelbare, denn mit der Festlegung eines Ortes im Zentrum der Polis, an dem die politischen Diskussionen stattfinden, wird der öffentliche Raum selbst zu einem Medium, das seinen eigenen impliziten oder auch explizit festgelegten Regeln folgt. So war es in Athen Leuten, die das Gemeinwesen geschädigt hatten, etwa Verbrechern oder auch Kriegsdienstverweigerern verboten, die Agora zu betreten.

Es mag den Anschein haben, daß heute dieses zweieinhalb Jahrtausende alte Modell äußerst anachronistisch ist. Ist die Öffentlichkeit nicht spätestens seit der bürgerlichen Epoche medial vermittelt, medial diesmal wirklich im strikten Sinne, daß ein Medium wie beispielsweise die Zeitung zwischen die Kontrahenten tritt? Diese stehen sich nicht mehr von Angesicht zu Angesicht auf dem Marktplatz gegenüber, um zu diskutieren, wie denn der Zustand des Gemeinwesens zu beurteilen sei und wie dieser Zustand verändert werden könne.

Doch dieser Eindruck trügt. Die Medien ersetzen nicht die unmittelbaren Präsenz in der Öffentlichkeit. Zumindest nicht in Zeiten politischen Umbruchs. Dann mögen sie wichtige Ergänzungen sein, aber niemals Ersatz. Die Zeitung etwa ist in der frühbürgerlichen Epoche, als die parlamentarische Demokratie erst noch erstritten werden mußte, durchaus etwas, das man in der Öffentlichkeit las. Das war in diesem Fall nicht die Öffentlichkeit des zentralen Platzes, sondern die Öffentlichkeit des Kaffeehauses, doch es war eine Form der Öffentlichkeit. Die bloß medial vermittelte Öffentlichkeit schließt sich in Krisenzeiten mit dem öffentlichen Raum zusammen und bringt erneut Diskussionen hervor, die von Angesicht zu Angesicht geführt werden.

Tatsächlich beobachten wir das Paradoxon, daß gerade heute, im Zeitalter weltumspannender Kommunikation, die physische Anwesenheit auf einem zentralen Platz an Wichtigkeit zunimmt. Der öffentliche Platz, auf dem die politisch interessierten Bürger zusammenkommen, hat keineswegs seine Funktion für eine demokratische Öffentlichkeit eingebüßt. Der Taksim-Platz zusammen mit dem Gezi-Park stehen für eine solche aktuelle Form der Öffentlichkeit just während ich dies hier schreibe. Und es gibt genügend Plätze, die einem einfallen, wenn es um die Durchsetzung demokratischer Rechte geht, vom Tahrir-Platz in Kairo bis zum Niklaikirchhof in Leipzig.

Politische Öffentlichkeit ist die Öffentlichkeit physischer Präsenz. Sie lebt von der leibhaftigen Begegnung, der unmittelbaren Auseinandersetzung über Angelegenheiten, die das Gemeinwesen angehen. Wer diese Auseinandersetzung scheute, war den Griechen kein Polites, sondern, abgeleitet von idios (eigen), der Idiotes, das Individuum, das sich nur um sich und seinen eigenen Hausstand kümmerte.

Die Vordenker der antiautoritären Bewegungen – um endlich einen Bezug zum Thema dieses Blogs herzustellen – waren sich der Notwendigkeit des öffentlichen Raums zur Veränderung der Gesellschaft klar bewußt. Constant, einer der Mitbegründer der Gruppe CoBrA und der Situationistischen Internationale, erklärte 1966,

„warum die Jugendrevolte gegen die versteinerten Vorschriften und die aus der Vergangenheit stammenden Zustände hauptsächlich darauf abzielen, den gesellschaftlichen Raum – die Straße – zurückzugewinnen, damit die Begegnungen, die für ein am Spiel orientiertes Leben wesentlich sind, hergestellt werden können. Idealisten, die denken, diese Begegnungen könnten dadurch arrangiert werden, daß man Jugendclubs, Publikationen oder Wandergruppen organisiert, versuchen spontane Initiativen durch vorgeschriebene Verhaltensnormen zu ersetzen. Sie werden damit zum Gegner der wichtigsten Charakteristik der neuen Generation, der Kreativität – dem Bedürfnis, eigene Verhaltensmuster zu entwickeln und damit letztlich eine neue Lebensweise zu schaffen.“ ([1])

Die im letzten Beitrag dargestellte Zerstörung des öffentlichen Raums in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg wurde für Constant zum Anlaß, eine Architekturutopie zu entwerfen, die das Problem des öffentlichen Raums und der Begegnungen in ihm zum Kern hatte: New Babylon.

New Babylon ist die Vision einer weltumspannenden Stadt – oder genauer: eines Netzwerkes unterschiedlicher, weitgehend autonomer Sektoren, die aber miteinander verbunden sind. Dieses Netzwerk setzt natürlich eine völlig andere Gesellschaftsstruktur voraus, die Constant als ludistisch bezeichnet, also eine am Spiel orientierte Gesellschaft. Diese konfrontierte er in seinem Entwurf mit unserer utiliaristischen, das heißt, auf Nützlichkeitserwägungen hin ausgerichteten Gesellschaft. In den 60er Jahren, als Constant New Babylon entwarf, herrschte eine Automatisierungseuphorie die sich mit der Vorstellung verknüpfte, in absehbarer Zeit sei eine Gesellschaft möglich, in der alle stumpfsinnigen und menschenunwürdigen Tätigkeiten automatisiert werden könnten. Dies würde es den Menschen erlauben, ihre Kreativität frei auszuleben. New Babylon ist die Architekturphantasie für diese Gesellschaft kreativer Menschen, die von der Bürde entfremdeter Arbeit befreit sind.

Ich will hier nicht ins Detail gehen (obwohl es mich dazu schon länger ziemlich in den Fingern juckt), sondern mich auf Constants Vorstellungen von Öffentlichkeit beschränken, Vorstellungen, von denen ich glaube, daß sie für die antiautoritären Bewegungen der 60er Jahre, ihre gesellschaftliche Utopie, repräsentativ sind. Es ist dies die Utopie totaler Öffentlichkeit.

„In jedem gegebenen Augenblick seiner kreativen Aktivität steht der Neu-Babylonier selbst in direktem Kontakt mit seinen Mit-Babyloniern. Jede seiner Tätigkeiten ist öffentlich, jeder agiert in einer Umgebung, die zugleich die der anderen ist und lockt dadurch spontane Reaktionen hervor. Alles Handeln verliert so seinen individuellen Charakter. Andererseits kann jede Reaktion auch ihrerseits wieder andere auslösen. Auf diese Weise bilden Eingriffe Kettenreaktionen, die nur zu einem Ende kommen, wenn eine Situation, die kritisch geworden ist, »explodiert« und in eine andere Situation transformiert wird. Der Prozeß entwindet sich der Kontrolle einer einzelnen Person, doch das Wissen, wer ihn in Gang gesetzt hat und vom wem er seinerseits wieder umgebogen wird, ist von untergeordneter Bedeutung. In diesem Sinn ist der kritische Augenblick (die Klimax) eine authentische Kollektivschöpfung.“ ([2])

Der öffentliche Raum wird so zu einem Spiel- und Experimentierfeld, in das sich die Individuen hineinbegeben im Wissen, daß es nicht darum geht, individuelle Ziele zu verfolgen und durchzusetzen, sondern ein kollektives Ganzes zu schaffen, das über die Beschränkungen des individuellen Vorstellungsvermögens hinausgeht. Und das nicht als Einschränkung des Individuums, sondern als dessen Erweiterung.

Tatsächlich wurden, wenn auch nicht in der Radikalität des New Babylon-Entwurfes, damals derartige Vorstellungen von der Erweiterung des Individuums im Kollektiv experimentell umgesetzt. Doch diese Auflösung der Privatheit in selbstbestimmte Kollektivität ist nicht ohne Tücken, vor allem nicht unter kapitalistischen Rahmenbedingungen.

Seien sie also gespannt, wie nächste Woche die Aporien des radikalisierten Öffentlichkeitsbegriffs diesen in sein Gegenteil umschlagen lassen. Bis dahin empfehle ich Ihnen folgendes wunderbare Video zu New Babylon:

Nachweise

[1] Nieuwenhuys, C., „Nieuw Urbanisme“, in: Provo, Jg.2 (1966), Nr.9 (12. Mai 1966).

[2] Nieuwenhuys, C.: „New Babylon“, URL: http://isites.harvard.edu/fs/docs/icb.topic709752.files/WEEK%207/CNieuwenhuis_New%20Babylon.pdf, abgerufen am 7. Juni 2013.

Written by alterbolschewik

14. Juni 2013 at 16:23

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Öffentlichkeit und Filterblasen (1)

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„Da der öffentliche Raum meist durchquert wird, um etwas zu erledigen, sollte es keine großen Hürden geben, ihn zu betreten.“

Esme Grünwald, „Gucken, aber nicht anfassen“

Vor ein paar Wochen habe ich den Versuch unternommen, den eigentlich erst mit dem Internet entstandenen Begriff der „Filterblase“ über seinen eigentlichen Gegenstandsbereich hinaus fruchtbar zu machen. Im eigentlichen Sinn wird damit eine Form von technisch induziertem Autismus beschrieben: Indem das immense Informationsangebot des Internets – absichtlich oder unabsichtlich – auf schon Bekanntes hin gefiltert wird, entsteht mit der Filterblase eine beschränkte Weltsicht, angesichts derer diejenigen, die außerhalb dieser Blase stehen, nur den Kopf schütteln können.

Ich hatte diesen Begriff bei der erwähnten Gelegenheit aus seinem Internetkontext herausgelöst und auf die radikale Linke angewandt. Konkret ging es mir um die Kritik einer Veranstaltungsreihe, die es sich zur Aufgabe gesetzt hatte, Perspektiven zur Überwindung des Kapitalismus zu diskutieren. Doch statt Perspektiven aufzuzeigen und zu diskutieren, blieb die Diskussion über weite Strecken in einer Kommunikationsblase stecken, die mehr an Diskussionen aus den 70er Jahren erinnerte als an die Gegenwart.

Damals ging es mir vor allem um eine Kritik an dieser Form mehr oder minder autistischer Diskussion in einer Filterblase. Im diesem und den folgenden Artikeln will ich jedoch versuchen, diesen Begriff daraufhin abzuklopfen, ob er nicht nur in kritischer Absicht verwendbar ist, sondern ob sie dazu taugt, Veränderungen in der Art und Weise, wie sich politische und soziale Bewegungen seit den 60er Jahren verstanden, zu beschreiben.

Im historischen Rückblick trat das Filterblasen-Phänomen ganz massiv zu Beginn der 70er Jahre auf, als Reaktion auf einen als bedrohlich empfundenen Zustand ideologischer Uneindeutigkeit. Ich habe das bislang immer nur als einen Zerfall der Bewegung beschrieben, als ein Auseinanderbrechen. Doch wenn wir die Filterblasenmetapher auf diese Zeit anwenden, dann ist es nicht nur ein Auseinanderbrechen, sondern gleichzeitig auch ein Zusammenballen. Ein Auseinanderbrechen ist es auf die Gesamtheit der Bewegung, doch ging dieser Prozeß auch einher mit der Bildung harter ideologischer Kerne, von denen jeder seine eigene Filterblase produzierte.

Es ist vielleicht gar nicht so abwegig, sich das Auftreten der antiautoritären Bewegungen in der zweiten Hälfe der 60er Jahre als eine Form sozialen Urknalls vorzustellen: Der gesellschaftliche Zwang zur Konformität, der in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg herrschte, hatte einen weltanschaulichen Druck produziert, der sich in einer jähen Explosion entlud. Die scheinbar universell vorherrschende Meinung, die parlamentarische Demokratie des sogenannten freien Westens sei die einzig sinnvolle Möglichkeit gesellschaftlicher Organisation, zerplatzte in tausend Stücke. Und der dadurch frei gewordene Raum füllte sich mit einem ungeheuren Reichtum unterschiedlichster Vorstellungen von gesellschaftlichen Alternativen: Marxismus-Leninismus, Buddhismus, Sexpol, Rätekommunismus, Anarchismus, Trotzkismus, Feminismus, Situationismus, Propaganda der Tat, Syndikalismus, Operaismus – vergessenes und/oder an den Rand gedrängtes Wissen über gesellschaftliche Alternativen wurde durch diese Explosion aus seinem verborgenen Dasein herausgeschleudert, prallte in unvermuteten Konstallationen aufeinander und richtete ein herrliches ideologisches Chaos an, das in einem Nebel von Räucherstäbchen und Haschischwolken durch den öffentlichen Raum zog. Für einen Augenblick schien alles unklar und damit alles offen.

Dabei entstand – zumindest in den westlichen Gesellschaften – erneut etwas, was eigentlich seit dem 2. Weltkrieg verlorengegangen war: Eine politische Öffentlichkeit. Politik war auf einmal wieder etwas, das jeden und jede anging, etwas, das viele nicht länger gewillt waren, an (Partei-)Politiker zu delegieren. Der öffentliche Raum wurde wieder zu einem politischen Raum in dem sich unterschiedlichste Vorstellungen dessen, wie Gesellschaft auszusehen habe, aufeinander prallten.

Daß sich die Bürger in der Nachkriegszeit aus dem öffentlichen Raum ins Private zurückgezogen hatten, hatte eine ganze Reihe von Gründen. In Deutschland kann man beispielsweise auf den Mißbrauch des öffentlichen Raums durch die Nazis verweisen. Das erklärt die im Vergleich zu anderen Staaten doch sehr vehementen Auseinandersetzungen in der BRD. Doch das Phänomen war ja ein internationales. Zwei technische Erfindungen scheinen mir für den Zerfall des öffentlichen Raumes in den 50er und 60er Jahren wichtig zu sein: Das Fernsehen und das Auto. Beide hatten den beabsichtigten oder unbeabsichtigten Nebeneffekt, die Begegnung im öffentlichen Raum zu verhindern. Wer sich im Auto von A nach B bewegt, geleitet von den Signalströmen der Verkehrszeichen und Ampeln, begegnet niemand mehr. Jeder sitzt abgekapselt in seiner Blechschachtel und nimmt die anderen bestenfalls noch als Verkehrshindernis wahr. Das Fernsehen verstärkte diesen Effekt, indem es Formen der Unterhaltung ersetzte, bei denen die Menschen das Haus verlassen mußten. Man ging nicht mehr am Samstag zum Tanz oder ins Kino, man sah sich die Familienshow im Fernsehen an.

Die antiautoritären Bewegungen brachten die „formierte Gesellschaft“, wie es im Jargon der Zeit hieß, zur Explosion; und dadurch öffnete sich ein öffentlicher politischer Raum, in dem alle Vorstellungen davon, wie das gesellschaftliche Zusammenleben gestaltet werden soll, auf den Prüfstand kamen. Eines der wirklich ikonischen Bilder der damaligen Zeit ist für mich das Photo von Ralf Dahrendorf, der 1968 vor der Freiburger Stadthalle mit Rudi Dutschke und anderen Mitgliedern des SDS diskutiert. Diese improvisierte Diskussion am Rande eines FDP-Parteitages ist eines der stärksten Symbole dafür, wie die antiautoritären Bewegungen Ende der 60er Jahre wieder den öffentlichen Raum zu einem politischen Raum machten.

Doch dieser Zustand war nicht von langer Dauer. Die Nebelschwaden des antiautoritären politschen Urknalls begannen sich um einige ideologische Kristallisationskerne herum zu verdichten. Am bescheuertsten stellten sich dabei die maoistischen K-Gruppen an, doch der Trend war allgemein: Dem marxistisch-leninistischen Dogmatismus auf der einen Seite korrespondierte durchaus ein libertärer Dogmatismus auf der anderen Seite. Alle alten ideologischen Schlachten wurden noch einmal geschlagen, nur jetzt als Farce statt als Tragödie. Die radikale Linke richtete sich in einer Filterblase ein, in der Diskussionen geführt wurden, die auf Außenstehende nurmehr wie bizarre Rituale merkwürdiger Stämme wirken konnten.

Ein wirkliches Agieren in der Öffentlichkeit fand nicht mehr statt. Denn dazu wäre es notwendig gewesen, sich selbst als einen Teil – und eben nur einen Teil – dieser Öffentlichkeit zu verstehen. Das aber hätte geheißen, die anderen, die in diesem öffentlichen Raum agieren, ebenfalls ernst zu nehmen. Doch genau das verschwand zusehends, als sich die antiautoritäre Bewegung zu Beginn der 70er Jahre in unterschiedliche Sekten aufspaltete. Wobei ich hier ausnahmsweise das Wort „Sekte“ nicht leichtfertig in den Mund nehme, denn in Bezug auf Öffentlichkeit ist der Begriff nicht einfach polemisch, sondern gibt Einsicht in das Agieren solcher Sekten im öffentlichen Raum: Sekten betreten den öffentlichen Raum nicht, um zu diskutieren, sie betreten ihn, um zu missionieren.

Dabei ist noch nicht einmal so sehr entscheidend, daß sie glauben, im Besitz der Wahrheit zu sein. Entscheidend ist, daß sie – dank Filterblasen – über hermetische Gedankengebäude verfügen, mit derer Hilfe jeder Einwand abgebügelt werden kann. So können Scheindiskussionen simuliert werden, bei denen es nicht um Erkenntnis geht, sondern darum, recht zu behalten. Insofern ist das Verhältnis der Sekte zur Öffentlichkeit asymmetrisch. Eine funktionierende Öffentlichkeit geht davon aus, daß es darum geht, gemeinsam Einsichten zu entwickeln, die für das Gemeinwesen und dessen Veränderung nützlich sind. Sekten hingegen verstehen die anderen in der Öffentlichkeit agierenden Gruppen als ideologische Gegner, die im diskursiven Zweikampf geschlagen werden müssen. Deshalb ist der Teil der Öffentlichkeit, der keinem Sektendiskurs anhängt, zunächst in einem strategischen Nachteil. Aber früher oder später wird die Sektenstrategie durchschaut und der asymmetrische Diskurs verweigert (Auf die Folgen dieser Diskursverweigerung wird in einem Fortsetzungsartikel noch eingegangen werden.).

Bestes historisches Anschauungsmaterial für diese Art des asymmetrischen Sektendiskurses bieten, wie bereits erwähnt, die maoistischen K-Gruppen in der ersten Hälfte der 70er Jahre. Doch die Filterblasen, innerhalb derer die K-Gruppen agierten, waren, verglichen mit späteren Ausprägungen des Phänomens, noch ziemlich rückständig. Natürlich bewegte man sich in einem abgeschlossenen Diskursrahmen, dessen Grenzen durch die Schriften von Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao markiert wurden. Doch innerhalb dieses Rahmens waren die Interpretationsspielräume einfach viel zu groß, die theoretischen Möglichkeiten viel zu mannigfaltig, als daß die notwendige Hermetik auf Dauer hätte aufrecht erhalten werden können. Hinzu kam, daß die K-Gruppen, trotz aller diskursiver Hermetik, tatsächlich politisch aktiv waren, in die Fabriken gingen, sich (je nach Lenin-Interpretation) zu Wahlen aufstellen ließen etc. Eine solche Konfrontation mit der gesellschaftlichen Realität ist aber für Filterblasendiskurse tödlich. Das Resultat waren endlose Spaltungen, deren Gründe außerhalb der Gruppen niemand verstehen konnte und mochte.

Nächste Woche gehe ich noch einmal zurück in die frühen 60er Jahre, wenn Constant Nieuwenhuys meint:

„Sie streifen durch die Sektoren von Neubabylon auf der Suche nach neuen Erfahrungen, bislang ungekannten Umgebungen. Ohne die Passivität der Touristen, sondern im vollen Bewußtsein der Energie, die sie haben, um in der Welt zu agieren, sie zu transformieren, sie neu zu schöpfen.“ ([1])

Nachweise

[1] Nieuwenhuys, C.: „New Babylon“, URL: http://isites.harvard.edu/fs/docs/icb.topic709752.files/WEEK%207/CNieuwenhuis_New%20Babylon.pdf, abgerufen am 07. Juni 2013.

Written by alterbolschewik

7. Juni 2013 at 17:37

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