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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Öffentlichkeit und Filterblasen (2)

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„Grau is alle Theorie – die Wahrheit is auf’m Platz.“

Alfred „Adi“ Preißler

Wenn wir heute davon reden, „an die Öffentlichkeit zu gehen“, dann verbinden wir damit instinktiv die Vorstellung, einen Medienvertreter zu kontaktieren. Edward Snowden ging an die Öffentlichkeit, indem er Glenn Greenwald, einen Journalisten des Guardian, kontaktierte, nicht indem er sich auf den Times Square stellte und den Passanten davon erzählte, wie die NSA in ihren Daten herumschnüffelt. Und dennoch, die ursprüngliche Form, an die Öffentlichkeit zu gehen, war genau dies: Auf den zentralen Platz der Stadt zu gehen und dort mit anderen über Dinge zu reden, die das Gemeinwohl angingen. Es ist die Agora, der zentrale Platz der griechischen Polis, auf der die Demokratie geboren wurde. Hier führte Sokrates seine Auseinandersetzungen mit den Sophisten, hier wurde er auch von den Athenern zum Tode verurteilt, weil sie meinten, daß seine Reden das Gemeinwohl unterminierten.

Diese ursprüngliche Form der Öffentlichkeit ist also die direkte Konfrontation an einem bestimmten Ort vor Publikum. Die am Gemeinwohl interessierten Bürger, die Politai, setzen sich mit Meinungen, Argumenten und auch unsinnigen Vorstellungen der anderen in der Öffentlichkeit aus­ein­an­der. Diese Öffentlichkeit ist nur scheinbar eine unmittelbare, denn mit der Festlegung eines Ortes im Zentrum der Polis, an dem die politischen Diskussionen stattfinden, wird der öffentliche Raum selbst zu einem Medium, das seinen eigenen impliziten oder auch explizit festgelegten Regeln folgt. So war es in Athen Leuten, die das Gemeinwesen geschädigt hatten, etwa Verbrechern oder auch Kriegsdienstverweigerern verboten, die Agora zu betreten.

Es mag den Anschein haben, daß heute dieses zweieinhalb Jahrtausende alte Modell äußerst anachronistisch ist. Ist die Öffentlichkeit nicht spätestens seit der bürgerlichen Epoche medial vermittelt, medial diesmal wirklich im strikten Sinne, daß ein Medium wie beispielsweise die Zeitung zwischen die Kontrahenten tritt? Diese stehen sich nicht mehr von Angesicht zu Angesicht auf dem Marktplatz gegenüber, um zu diskutieren, wie denn der Zustand des Gemeinwesens zu beurteilen sei und wie dieser Zustand verändert werden könne.

Doch dieser Eindruck trügt. Die Medien ersetzen nicht die unmittelbaren Präsenz in der Öffentlichkeit. Zumindest nicht in Zeiten politischen Umbruchs. Dann mögen sie wichtige Ergänzungen sein, aber niemals Ersatz. Die Zeitung etwa ist in der frühbürgerlichen Epoche, als die parlamentarische Demokratie erst noch erstritten werden mußte, durchaus etwas, das man in der Öffentlichkeit las. Das war in diesem Fall nicht die Öffentlichkeit des zentralen Platzes, sondern die Öffentlichkeit des Kaffeehauses, doch es war eine Form der Öffentlichkeit. Die bloß medial vermittelte Öffentlichkeit schließt sich in Krisenzeiten mit dem öffentlichen Raum zusammen und bringt erneut Diskussionen hervor, die von Angesicht zu Angesicht geführt werden.

Tatsächlich beobachten wir das Paradoxon, daß gerade heute, im Zeitalter weltumspannender Kommunikation, die physische Anwesenheit auf einem zentralen Platz an Wichtigkeit zunimmt. Der öffentliche Platz, auf dem die politisch interessierten Bürger zusammenkommen, hat keineswegs seine Funktion für eine demokratische Öffentlichkeit eingebüßt. Der Taksim-Platz zusammen mit dem Gezi-Park stehen für eine solche aktuelle Form der Öffentlichkeit just während ich dies hier schreibe. Und es gibt genügend Plätze, die einem einfallen, wenn es um die Durchsetzung demokratischer Rechte geht, vom Tahrir-Platz in Kairo bis zum Niklaikirchhof in Leipzig.

Politische Öffentlichkeit ist die Öffentlichkeit physischer Präsenz. Sie lebt von der leibhaftigen Begegnung, der unmittelbaren Auseinandersetzung über Angelegenheiten, die das Gemeinwesen angehen. Wer diese Auseinandersetzung scheute, war den Griechen kein Polites, sondern, abgeleitet von idios (eigen), der Idiotes, das Individuum, das sich nur um sich und seinen eigenen Hausstand kümmerte.

Die Vordenker der antiautoritären Bewegungen – um endlich einen Bezug zum Thema dieses Blogs herzustellen – waren sich der Notwendigkeit des öffentlichen Raums zur Veränderung der Gesellschaft klar bewußt. Constant, einer der Mitbegründer der Gruppe CoBrA und der Situationistischen Internationale, erklärte 1966,

„warum die Jugendrevolte gegen die versteinerten Vorschriften und die aus der Vergangenheit stammenden Zustände hauptsächlich darauf abzielen, den gesellschaftlichen Raum – die Straße – zurückzugewinnen, damit die Begegnungen, die für ein am Spiel orientiertes Leben wesentlich sind, hergestellt werden können. Idealisten, die denken, diese Begegnungen könnten dadurch arrangiert werden, daß man Jugendclubs, Publikationen oder Wandergruppen organisiert, versuchen spontane Initiativen durch vorgeschriebene Verhaltensnormen zu ersetzen. Sie werden damit zum Gegner der wichtigsten Charakteristik der neuen Generation, der Kreativität – dem Bedürfnis, eigene Verhaltensmuster zu entwickeln und damit letztlich eine neue Lebensweise zu schaffen.“ ([1])

Die im letzten Beitrag dargestellte Zerstörung des öffentlichen Raums in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg wurde für Constant zum Anlaß, eine Architekturutopie zu entwerfen, die das Problem des öffentlichen Raums und der Begegnungen in ihm zum Kern hatte: New Babylon.

New Babylon ist die Vision einer weltumspannenden Stadt – oder genauer: eines Netzwerkes unterschiedlicher, weitgehend autonomer Sektoren, die aber miteinander verbunden sind. Dieses Netzwerk setzt natürlich eine völlig andere Gesellschaftsstruktur voraus, die Constant als ludistisch bezeichnet, also eine am Spiel orientierte Gesellschaft. Diese konfrontierte er in seinem Entwurf mit unserer utiliaristischen, das heißt, auf Nützlichkeitserwägungen hin ausgerichteten Gesellschaft. In den 60er Jahren, als Constant New Babylon entwarf, herrschte eine Automatisierungseuphorie die sich mit der Vorstellung verknüpfte, in absehbarer Zeit sei eine Gesellschaft möglich, in der alle stumpfsinnigen und menschenunwürdigen Tätigkeiten automatisiert werden könnten. Dies würde es den Menschen erlauben, ihre Kreativität frei auszuleben. New Babylon ist die Architekturphantasie für diese Gesellschaft kreativer Menschen, die von der Bürde entfremdeter Arbeit befreit sind.

Ich will hier nicht ins Detail gehen (obwohl es mich dazu schon länger ziemlich in den Fingern juckt), sondern mich auf Constants Vorstellungen von Öffentlichkeit beschränken, Vorstellungen, von denen ich glaube, daß sie für die antiautoritären Bewegungen der 60er Jahre, ihre gesellschaftliche Utopie, repräsentativ sind. Es ist dies die Utopie totaler Öffentlichkeit.

„In jedem gegebenen Augenblick seiner kreativen Aktivität steht der Neu-Babylonier selbst in direktem Kontakt mit seinen Mit-Babyloniern. Jede seiner Tätigkeiten ist öffentlich, jeder agiert in einer Umgebung, die zugleich die der anderen ist und lockt dadurch spontane Reaktionen hervor. Alles Handeln verliert so seinen individuellen Charakter. Andererseits kann jede Reaktion auch ihrerseits wieder andere auslösen. Auf diese Weise bilden Eingriffe Kettenreaktionen, die nur zu einem Ende kommen, wenn eine Situation, die kritisch geworden ist, »explodiert« und in eine andere Situation transformiert wird. Der Prozeß entwindet sich der Kontrolle einer einzelnen Person, doch das Wissen, wer ihn in Gang gesetzt hat und vom wem er seinerseits wieder umgebogen wird, ist von untergeordneter Bedeutung. In diesem Sinn ist der kritische Augenblick (die Klimax) eine authentische Kollektivschöpfung.“ ([2])

Der öffentliche Raum wird so zu einem Spiel- und Experimentierfeld, in das sich die Individuen hineinbegeben im Wissen, daß es nicht darum geht, individuelle Ziele zu verfolgen und durchzusetzen, sondern ein kollektives Ganzes zu schaffen, das über die Beschränkungen des individuellen Vorstellungsvermögens hinausgeht. Und das nicht als Einschränkung des Individuums, sondern als dessen Erweiterung.

Tatsächlich wurden, wenn auch nicht in der Radikalität des New Babylon-Entwurfes, damals derartige Vorstellungen von der Erweiterung des Individuums im Kollektiv experimentell umgesetzt. Doch diese Auflösung der Privatheit in selbstbestimmte Kollektivität ist nicht ohne Tücken, vor allem nicht unter kapitalistischen Rahmenbedingungen.

Seien sie also gespannt, wie nächste Woche die Aporien des radikalisierten Öffentlichkeitsbegriffs diesen in sein Gegenteil umschlagen lassen. Bis dahin empfehle ich Ihnen folgendes wunderbare Video zu New Babylon:

Nachweise

[1] Nieuwenhuys, C., „Nieuw Urbanisme“, in: Provo, Jg.2 (1966), Nr.9 (12. Mai 1966).

[2] Nieuwenhuys, C.: „New Babylon“, URL: http://isites.harvard.edu/fs/docs/icb.topic709752.files/WEEK%207/CNieuwenhuis_New%20Babylon.pdf, abgerufen am 7. Juni 2013.

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Written by alterbolschewik

14. Juni 2013 um 16:23

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

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