shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Öffentlichkeit und Filterblasen (3)

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„Empowerment bedeutet für mich, Andere dazu anzuleiten, sich zu wehren.“

Netbitch

Ich hatte letzte Woche dargestellt, daß zur Utopie der antiautoritären Bewegungen in den 60er Jahren das Ideal maximaler Öffentlichkeit gehörte. Heute, rund ein halbes Jahrhundert später läßt sich hingegen eine Haltung beobachten, das der damaligen Öffentlichkeitseuphorie diametral entgegengesetzt ist. Und zwar durchaus bei Leuten, die sich selbst in einer antiautoritären Tradition verstehen. Wenn ich im folgenden das Blog High on Clichés von Esme Grünwald als Beispiel für diese Haltung anführe, dann geht es mir nicht darum, Grünwald persönlich anzufeinden. Wie sollte ich auch, ich kenne sie überhaupt nicht. Sondern sie hat hier das Pech als pars pro toto zu stehen, weil sie eben die besten Zitate zum Problem der Öffentlichkeit liefert.

Daß es sich dabei um ein feministisches Blog handelt, ist ebenfalls zweitrangig. Ich hätte auch das Blog einer Gruppe wie Reclaim Society, die sich im post-kolonialen statt im queer-feministischen Diskurs verortet, nehmen können. Die Strickmuster sind auch hier so ziemlich die selben, auch wenn sich der inhaltliche Schwerpunkt unterscheidet. Das ist überhaupt der Punkt: Es geht mir gar nicht so sehr um einzelne Positionen – von denen ich ja auch eine ganze Menge teile – sondern ganz grundsätzlich um die Vorstellung von „Politik“, die bei solchen Gruppen oder auch Einzelpersonen vorherrscht.

Für Esme Grünwald ist die Öffentlichkeit ein Raum, den sie nur äußerst widerwillig betritt und mit dem sie am liebsten überhaupt nichts zu tun hätte:

„Man stelle sich vor, man ist unterwegs. In der Bahn oder zu Fuß, vielleicht mit dem Fahrrad oder dem Auto. Man hat ein Ziel, denn man muss zur Arbeit, einkaufen, möchte Freund*innen treffen oder endlich nach Hause, um sich entspannen zu können. Vielleicht ist man auch unterwegs, um sich dabei zu entspannen. Sehr unwahrscheinlich ist, dass man sich im öffentlichen Raum bewegt, um Menschen kennen zu lernen.“ ([6])

Für Esme Grünwald ist der öffentliche Raum etwas Lästiges, das nun einmal da ist, das man aber am liebsten meidet, und, wenn das nicht geht, nach dem Motto „Augen zu und durch“, möglichst schnell durchquert. Paradoxerweise gilt das auch für ihr Blog, das sie gerade nicht als öffentlichen Auftritt versteht:

„Dieser Blog existiert hauptsächlich, damit ich mich mit Gleichgesinnten austauschen und natürlich meinen Teil zu Weltverbesserung beitragen kann. Gleichzeitig soll er einen sicheren Raum für Leute bieten, deren Probleme medial und gesellschaftlich vernachlässigt werden. Was ich hier definitiv nicht tun möchte, ist Grundsatzdiskussionen zu führen.“ ([7])

Es ist ein Blog für Gleichgesinnte, nicht für die Öffentlichkeit, was sich dann in der Form der Texte selbst deutlich niederschlägt. Sie sind bis in die Typographie hinein überfrachtet mit Jargon für Eingeweihte, der dann in einem extra Glossar auch erläutert wird. Das Schriftbild trieft von gender awareness – offensichtlich gibt es jetzt die Mode der Sternchen-Markierung von Worten, die möglicherweise geschlechtsspezifisch einschränkend gelesen werden könnten:

„Im Allgemeinen soll der Stern kennzeichnen, dass auch Leute angesprochen sind, die sich nicht als (nur) männlich oder weiblich identifizieren. Dazu können Genderqueere, Trans* oder Intersexuelle gehören.“ ([5])

Denn die alten Schreibweisen wie Schrägstrich, Binnen-I oder gender_gap waren immer noch insofern repressiv, weil sie suggerierten, daß es nur zwei Geschlechter gäbe.

Diese Abschottung durch Jargon wird fortgesetzt in der Behandlung der Kommentare. Diese werden einer rigorosen Zensur unterworfen, die ebenfalls ausführlich erläutert wird ([4]). Kurz: Das Blog dient nicht der Diskussion, sondern soll ein „sicherer Raum“ sein, das heißt, ein Raum, in dem die Erleuchteten sich gegenseitig bestätigen, wie recht sie doch haben.

Eigentlicher Anlaß jedoch, dieses Blog als Beispiel für einen problematischen Umgang mit dem Konzept der Öffentlichkeit zu nehmen, sind zwei Artikel, die Esme Grünwald jüngst veröffentlicht hat und die zu einer gewissen Resonanz zumindest in einigen Blogs geführt hat (beispielsweise [8]). In einem Beitrag empört sie sich über die Anmaßung, auf der Straße mit „lächle doch mal!“ angesprochen zu werden ([2]), in einem anderen thematisiert sie das Angestarrtwerden in der Öffentlichkeit ([3]).

Das sind in der Tat alles Ärgernisse, denen sich Frauen ausgesetzt sehen, wenn sie sich in der Öffentlichkeit bewegen. Und natürlich sind Männer dem so nicht ausgesetzt, insofern ist das unzweifelhaft eine Form von Diskriminierung. Und es macht die Sache auch nicht besser, daß das beileibe keine neue Einsicht ist: Edith Schlaffer und Cheryl Benard haben bereits vor über 30 Jahren darüber geschrieben ([9]). Es gibt hier – leider – im Umgang von Männern mit Frauen im öffentlichen Raum immer noch ziemliche Probleme.

Dennoch habe ich mit dem Ganzen meine Schwierigkeiten. Und zwar macht mir der Begriff von Öffentlichkeit, der den Gedankengängen von Esme Grünwald et. al. zu Grunde liegt, ziemliche Bauchschmerzen. Öffentlichkeit ist in dieser Vorstellungswelt ein Schlachtfeld, auf dem Täter auf Opfer treffen, Privilegierte ihre Mehrheitsmacht nutzen, um hilflose Minderheiten hemmungslos zu diskriminieren.

Selbst wenn wir annehmen, diese Diagnose (die im Begriff der rape culture kulminiert) wäre zutreffend, dann ist es recht verwunderlich, wie sich die Vertreter und Vertreterinnen derartiger Thesen eine Veränderung des gegenwärtigen Zustandes vorstellen: Die Privilegierten sollen sich doch bitteschön ihrer Privilegien bewußt werden, diese einbekennen und von ihnen ablassen. Warum sollten diese das tun? Eine solche Vorstellung ist doch politisch hochgradig naiv.

Aber in Wirklichkeit geht es auch gar nicht um Politik. Diese „Strategie“ verrät selbst, welcher Vorstellungswelt und vor allem welcher Praxis dieser Diskurs entspringt: Sie hat keinen Ort in der politischen Sphäre, der Sphäre gesellschaftlicher Öffentlichkeit. Vielmehr ist sie eine säkulare Ableitung aus Praktiken radikal protestantischer Sekten. Der Einzelne soll sich als Sünder erkennen, aufstehen, vor die Gemeinde treten und seine Sünden bekennen.

Und diese Sünden sind nicht einmal unbedingt individuell: Selbst ein wohlgefälliges Leben ist keine Garantie für Erlösung, denn letztlich ist jeder durch die Erbsünde gezeichnet und Erlösung gibt es nicht durch eigenes Tun, sondern nur durch die Gnade Gottes. Dem einzelnen bleibt nichts anderes übrig, als sich hoffnungsvoll vor die Gemeinde zu stellen und zu bekennen: „Ich als weißer, heterosexueller Mann gelobe im vollen Bewußtsein der Privilegien, die mir die Mehrheitskultur verliehen hat, vom sündigen Tun meiner sexistischen und kolonialistischen Vorfahren abzulassen und mir jeden Gedanken über Differenzen zwischen unterschiedlichen Menschen, seien diese nun biologischer oder kultureller Natur, zu verbieten.“

Damit wird jeder Begriff von politischer Öffentlichkeit zerstört. Und wo die Öffentlichkeit nicht grundsätzlich gemieden wird, die Gemeinde selbst in die Öffentlichkeit tritt, geht es nicht um Debatte, sondern um Missionierung. Diskussion ist nicht erwünscht, weil überflüssig, denn den Erleuchteten* sind die eigentlichen Tatbestände schließlich klar. Tatsächlich ist es ganz amüsant zu beobachten, wie die Missionare* immer wieder darauf hinweisen, der erste Schritt von der Skepsis zur Erleuchtung bestünde darin, zu schweigen und zuzuhören; und wer trotz dieser Ermahnungen Fragen stellt, wird darauf hingewiesen, er möge doch bitte die Schriften der Kirchenväter und -mütter studieren, man selbst sei es müde, immer wieder die selben Erklärungen abzugeben.

Natürlich ist es sehr unwahrscheinlich, daß sich eine solche Haltung außerhalb kleinerer akademischer Zirkel letztlich durchsetzungsfähig ist (auch wenn manche Eiferer der Gegenseite sich zusammenhalluzinieren, sie würden durch eine Kultur der „politischer Korrektheit“ unterdrückt). Allerdings können sie einem, wie eben auch religiöse Spinner, ziemlich auf die Nerven gehen.

Und zwar deshalb, weil sie ihre Missionierung nicht in der allgemeinen Öffentlichkeit betreiben. Versuchten sie, ihre Thesen in der Fußgängerzone zu verbreiten, ernteten sie bestenfalls Hohn und Spott. Deshalb suchen sie sich gezielt Teilöffentlichkeiten aus, von denen sie wissen, daß dort der inhaltliche Teil ihres Anliegens zumindest in den Grundzügen geteilt wird. Das hat durchaus Tradition, eine Tradition, die bis in die 70er Jahre zurückreicht.

Und damit beschäftige ich mich nächste Woche, wenn es heißt:

„Die Frage der »Geschlossenheit nach außen« hat auch bei mir eine wesentliche Rolle gespielt. Es stellte nämlich das Hauptelement in meinem Bestreben dar, ein »guter Kommunist« zu werden. Man mußte ganz klar nach außen treten und durfte auf keinen Fall die Kritik oder die Unsicherheit zeigen, die man hatte.“ ([1], S.43)

Nachweise

[1] Anonym, Wir warn die stärkste der Partein… Erfahrungsberichte aus der Welt der K-Gruppen, Berlin 1977.

[2] Grünwald, E.: „“Warum so traurig/grimmig/schlecht gelaunt?”“, URL: https://highoncliches.wordpress.com/2013/05/10/warum-so-trauriggrimmigschlecht-gelaunt/, abgerufen am 20. Juni 2013.

[3] Grünwald, E.: „“Gucken, aber nicht anfassen”“, URL: https://highoncliches.wordpress.com/2013/05/08/gucken-aber-nicht-anfassen/, abgerufen am 20. Juni 2013.

[4] Grünwald, E.: „kommentare“, URL: http://highoncliches.wordpress.com/kommentare/, abgerufen am 20. Juni 2013.

[5] Grünwald, E.: „glossar“, URL: http://highoncliches.wordpress.com/glossar/, abgerufen am 20. Juni 2013.

[6] Grünwald, E.: „Wie verhalte ich mich möglichst nicht wie ein Arsch?“, URL: http://highoncliches.wordpress.com/2012/05/17/wie-verhalte-ich-mich-moglichst-nicht-wie-ein-arsch/, abgerufen am 20. Juni 2013.

[7] Grünwald, E.: „ich“, URL: http://highoncliches.wordpress.com/about/, abgerufen am 20. Juni 2013.

[8] Netbitch: „Street Harrassment – wo beginnt es, wo hört es auf, wo sind die Grauzonen, wie geht frau damit um?“, URL http://netbitch1.twoday.net/stories/404101826/, abgerufen am 20. Juni 2013.

[9] Schlaffer, E. & Benard, C., Der Mann auf der Straße. Über das merkwürdige Verhalten von Männern in ganz alltäglichen Situationen, Reinbek 1980.

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Written by alterbolschewik

21. Juni 2013 um 12:00

Veröffentlicht in Öffentlichkeit

15 Antworten

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  1. Hallo Sohn,
    um deine Ausführungen zu verstehen, habe ich das – „lächle doch mal“ – Blog samt Kommentaren gelesen. Das habe ich mir nicht gedacht, dass unsere Töchter und Enkelinnen sich mit solchem Schwachsinn beschäftigen würden. Natürlich ist so ein blöder Spruch ärgerlich, besonders wenn nicht ganz klar ist, ob man gefahrlos kontern kann. Der Spruch wäre doch genau so doof gewesen, wenn er von einer Frau gekommen wäre, In dem Fall hätte ich mir gedacht, dass sie nicht alle Tassen im Schrank hat. Dies nehme ich übrigens auch von dem Mann an.
    Mutter

    Mutter

    22. Juni 2013 at 11:32

    • Die Sache ist kompliziert, weil das Ganze auf ziemlich vielen verschiedenen Ebenen abläuft – weshalb diese Serie über Öffentlichkeit und Filterblasen noch einige Folgen haben wird. Isoliert betrachtet ist dieser blöde Spruch natürlich genau das: Ein blöder Spruch. In einem größeren gesellschaftlichen Zusammenhang betrachtet ist er ein Mosaiksteinchen, das zu dem Gesamtbild gehört, daß der öffentliche Raum de facto Frauen und Männern nicht in gleicher Weise zugänglich ist – von einem Mann einer Frau gegenüber geäußert bekundet er tatsächlich unterschwellig, daß Männer zu bestimmen haben, wie sich Frauen im öffentlichen Raum zu bewegen haben. Es ist sehr unwahrscheinlich, daß ein solcher Spruch von einer Frau einem Mann gegenüber geäußert würde. Doch diese Asymmetrien im öffentlichen Raum werde ich später thematisieren.

      Hier ging es mir jetzt erst einmal darum, daß eine bestimmte Fraktion des Feminismus die Öffentlichkeit kampflos aufgibt, sondern sich in eine interne Sektenprivatheit zurückzieht. Und nebenbei bemerkt auch andere feministische Fraktionen angreifen, die offensiv um die Öffentlichkeit kämpfen Femen oder die Slutwalk-Bewegung.

      Und nebenbei: Grüße aus Italien.

      alterbolschewik

      23. Juni 2013 at 9:46

  2. Sehr schöner Beitrag, insbesondere hinsichtlich der historischen Einordnung. Danke dafür!

    che2001

    24. Juni 2013 at 21:34

  3. Sehr guter Text, entspricht in vielen Punkten meiner Meinung, z.B. diesen Satz kann ich 150%ig unterschreiben „Eine solche Vorstellung ist doch politisch hochgradig naiv.“ Und dieser, herrlich( oder soll ich herrinlich sagen?) : „Der Einzelne soll sich als Sünder erkennen, aufstehen, vor die Gemeinde treten und seine Sünden bekennen.“
    Genau so seh ich das auch. So eine Einstellung ändert nicht viel, weil man/frau sich ja in der gleichen Struktur befindet, nämlich Täter/Opfer, nur auf der Opferseite, und die hat dann immer recht. Na ja, hat sie theoretisch ja auch, aber ich finde, dass uns das überhaupt nicht weiterbringt.
    Man ist dann ja auch nicht verantwortlich, verantwortlich sind nur die Täter, also ohne Geschlechterunterscheidung, oder Hautfarbe, Schicht oder was auch immer.
    Die Lösung kann meiner Ansicht nur darin liegen, Verantwortung für sich und seine Umgebung (im weitesten Sinne) zu übernehmen und danach zu handeln, und das ist eben noch unterentwickelt, sag ich mal provozierend, auch bei uns. Weil die Entwicklung einer herrschaftsfreien Gesellschaft auch bei uns im Westen noch wirklich wachsen muss( das, was wirklich Wachstum braucht), und eine Täter/Opfer Sicht meiner Meinung nach ein Bremsklotz ist.
    Oder viel zu irrational abgehandelt wird.
    Ich finde ja Nelson Mandela ein gutes Vorbild, konsequent gewaltfrei und letztlich erfolgreich, auch wenn Südafrika im Moment kein Vorbild ist (müssen noch wachsen?) und es auch ohne 27 Jahre Knast gehen sollte.
    Viele Grüße
    Anna Hölscher

    Anna-Katharina

    25. Juni 2013 at 8:30

    • Du sprichst da eine wichtige Frage an: Wie lassen sich kulturell eingeschliffene Verhaltensmuster tatsächlich verändern? Wie Du richtig schreibst, ist die Zuweisung von klaren Opfer/Täter-Rollen kontraproduktiv. Eine mögliche Lösung scheint zu sein, von oben herab Regeln und Vorschriften zu erlassen, wie das mit Anti-Diskriminierungs- und Gleichstellungsgesetzen versucht wird. Wenn man sie mit Strafen versieht, halten sich vielleicht die meisten mehr oder minder widerwillig daran. Das Problem ist, daß man damit an die kulturellen Tiefenschichten nicht unbedingt herankommt und eher Ressentiments weckt als Einsicht.

      Wenn man aber auf Freiwilligkeit setzt, hat man auch so seine Probleme. Vorbilder sind da sicherlich ein wichtiges Element innerhalb einer wirklich wirksamen Strategie – ich habe nur so meine Zweifel, daß das allein ausreichend ist. Etwas Schlaueres fällt mir allerdings auch nicht ein.

      alterbolschewik

      25. Juni 2013 at 21:43

  4. Hallo,

    vielleicht nehme ich nur einen abseitigen Argumentationsstrang auf, ich kan die Linie der Kritik oben schon nachvollziehen, aber mir erscheint das an vielen Stellen so unplausibel, dass ich schon versuchen möchte zu antworten. Ich weiß selbst noch nicht genau, was mich so gestört hat und glaube auch, dass „Öffentlichkeit“ sich gerade in einem vermutlich tiefen Wandel befindet, den wir noch gar nicht richtig verstehen können, daher mal ein paar versuchende Worte.

    Du unterstellt in deiner Argumentation, dass „Öffentlichkeit“ vorgängig vorhanden ist und sich im Wesentlichen seit den Sechzigern nicht gewandelt hat. Ich würde das bezweifeln und Öffentlichkeit ebenfalls als soziales Verhältnis sehen. Das, was einmal „öffentlicher Raum“ genannt wurde (oder als solcher behauptet wurde), ist heute tendenziell anders bestimmt, nämlich als etwas, durch das man sich in Ermangelung des Beamen-Könnens noch fortbewegen muss, eine lästige Notwendigkeit also und alles andere als das, was immer gräzisierend als Fortsetzung der „agora“ verstanden wurde. Warum behaupte ich das? Dass heute etwa Ubahnen in den meisten Großstädten einigermaßen sauber (= gereinigt von als störend identifizierten Elementen, wie Obdachlosen oder Säufern) sind, ist ja auf eine politische Kampagne zurückzuführen; Facebook und andere Formen des sozialen Austausch beschleunigen das insofern, als man immer nur eine „Filterblase“ begegnet, das, was vielleicht einmal sinnvoll „Filterblase“ genannt wurde, ist heute vielleicht gerade das Merkmal des Raumes, an dessen Stelle einmal so etwas wie Öffentlichkeit war oder zumindest behauptet wurde. Geprägt ist dieser Raum nicht dadurch, prinzipiell sich von einem anderen affizieren lassen zu können, sondern von dem Versuch der Unsichtbarkeitmachung von Störenden, von dem Ausschluss von Belästigungsmöglichkeiten. Ich glaube schon, dass man diese vermutlich auch hier bekannten Thesen berücksichtigen muss, wenn man über Öffentlichkeit spricht; von hier aus erscheint mir die Argumentation daher unplausibel, insofern sie diesen Wandel eben nicht wahrnimmt.

    Dass gerade die Fußgängerzone, die in weiten Teilen Deutschlands ohnehin ausgestorben ist, ein Ausdruck von Öffentlichkeit sein soll, kann ich insofern überhaupt nicht nachvollziehen. Gerade dort wird doch sichergestellt, dass ich außer ein paar ebenfalls dem Anschein nach ausreichend konsumffähigen Menschen niemanden begegne. Im Internet hat zumindest jeder die Möglichkeit meinen Text zu lesen, der Deutsch sprechen kann. Und ich denke auch, dass ein Argument nicht dadurch schlecht wird, dass zu seinem Verständnis Barrieren zu überwinden sind, „Jargon für Eingeweihte“ halte ich insofern für recht problematisch, und die Aussage, „Versuchten sie, ihre Thesen in der Fußgängerzone zu verbreiten, ernteten sie bestenfalls Hohn und Spott“, für ziemlich fies. Ist die Akklamation der flüchtigen Fugängerzonenöffentlichkeit echt Merkmal für eine gute Kritik? Ich weiß nicht, ältere Genossen haben mir davon erzählt, wie ihnen früher mit „euch hätte man früher vergast“ begegnet worden ist.

    Daher halte ich das viel sinnvoller das über diese „Biedermeier“-Metapher oder präziser einen allgemeinen Rückzug ins Private zu verstehen bzw. dem Terror, überall man selbst zu sein, überall (und auch in der Öffentlichkeit) bloß sein privates Ich mit sich herumzuschleppen, welchem die Belästigung als Reaktion entspricht. Da liegt übrigens ein Erbe des Umgangs mit „Öffentlichkeit“ in der antiautoritäten Revolte. Und wenn man meinen oben skizzierten Begriff von Öffentlichkeit teilt, kann man deinen kritischen Gedanken insofern aufnehmen, als dass diese Form der Politik gerade unter Rückgriff auf die Kategorie der Belästigung im engeren Sinne funktioniert. Wenn das stimmt, dass Öffentlichkeit sich selbst so sehr gewandelt hat, dass das, was Du kritisierst, eigentlich der der Realität entsprechende Umgang mit dieser ist, dann erscheint mir deine Kritik als Moralisierung, die einen „guten“ Begriff von Öffentlichkeit reklamieren will, die dessen Auflösung vergisst wahrzunehmen. Taugt Öffentlichkeit überhaupt noch als Werkzeug einer emanzipatorischen Politik?

    Und ich glaube, das ist alles insofern relevant, als „Öffentlichkeit“ durch eine bloße Notwendigkeit, insofern eine Verlängerung der Arbeit in der ihr eigenen Häßlichkeit in die Fußgängerzone ist. Ich finde, ein Interview mit Robert Pfaller bringt gut zum Ausdruck, was mit der hier vorgeschlagenen Betrachtung gewonnen ist: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/der-philosoph-robert-pfaller-im-gespraech-die-frauen-haben-ihre-waffen-verloren-12100411.html

    In dem anderen Beitrag dieser Serie hast Du geschrieben: „Tatsächlich beobachten wir das Paradoxon, daß gerade heute, im Zeitalter weltumspannender Kommunikation, die physische Anwesenheit auf einem zentralen Platz an Wichtigkeit zunimmt. Der öffentliche Platz, auf dem die politisch interessierten Bürger zusammenkommen, hat keineswegs seine Funktion für eine demokratische Öffentlichkeit eingebüßt. Der Taksim-Platz zusammen mit dem Gezi-Park stehen für eine solche aktuelle Form der Öffentlichkeit just während ich dies hier schreibe. Und es gibt genügend Plätze, die einem einfallen, wenn es um die Durchsetzung demokratischer Rechte geht, vom Tahrir-Platz in Kairo bis zum Niklaikirchhof in Leipzig.“

    Aber das ließe sich auch durchaus anderes verstehen, nämlich als Ausdruck der Repräsentationskrise. Der demos wird erst zum demos durch seine Konstitution, das heißt seine Anwesenheit. Der citoyen reklamiert hier vielleicht bloß seine Rechte in einer Zeit, wo klassische politische Ausdrucksformen sich entleert haben. (Alternativ ließe sich das auch als Zusammenrottung der auf Anhörung drängenden Untertanen denken, so konnte ja Stuttgart 21 ziemlich eingedampft werden, nachdem dort so eine feudale Schlichtungskiste inszeniert wurde.) Dass etwas politisches im Sinne eines Emanzipationspotenzial in der Öffentlichkeit selbst liegt, sehe ich insofern keineswegs notwendig. Aber so richtig sicher bin ich hier auch noch nicht; vielleicht wird auch einfach nur die Leerstelle zwischen den beiden oben skizzierten Formen von Öffentlichkeiten besetzt, das wäre insofern vielleicht politisch, vielleicht aber auch nichts weiter als eine Art Anpassungsstörung. Ich zögere vor allem dem zuzustimmen, weil Occupy und der Taksim-Platz so völlig unterschiedlich sind und die Einheit von Occupy Wallstreet und Occupy Frankfurt ja nun auch nicht unbedingt gegeben ist. Die Frage bleibt bei mir: Warum entleert sich ein Frustation gerade auf einem öffentlichen Platz? Warum sind es häufig *Bäume* (=Natur) (Stuttgart 21, Taksim-Platz), die in dem direkten Gespräch über das umkämpfte Thema als erstes genannt werden? Vielleicht bietet sich der Platz deshalb an, weil er so unpolitisch erscheint und in einer Krise der Repräsentation als gerade scheinbar neutraler Ort für jeden und alle Identifikationspotential bietet? Vielleicht bietet er nur gute Bilder? So ein Internetprotest lässt sich ja schwer filmen. Ist das nun gut? Ist das politisch? Ich weiß ja nicht.

    Arno

    25. Juni 2013 at 23:15

    • Vielen Dank für die ausführliche Kritik, die mir einiges zum Nachdenken gibt. Ganz sicher hast Du damit Recht, daß sich das, was wir als Öffentlichkeit bezeichnen, im letzten halben Jahrhundert ziemlich gewandelt hat. Was Du eigentlich im Kern ansprichst ist das Verhältnis des öffentlichen Raumes zu den Medien – eine hochkomplizierte Frage, bei der mir auch noch einiges unklar ist.

      Richtig ist zweifellos, daß die Agora, auf der sich die Bürger zum politischen Meinungsstreit treffen, nichts ist, was aus den antiken Stadtstaaten auf unsere modernen Gesellschaften übertragen werden kann, schon aus rein praktischen Gründen: Die in die politische Willensbildung involvierten Menschenmassen sind quantitativ zu groß, als daß sich diese im realen Raum begegnen können. Die Lösung dieses Problems war im bürgerlichen Zeitalter deshalb eine zweigeteilte: Mediale Vermittlung (Zeitungen und Zeitschriften) einerseits, Repräsentation (Parteien) andererseits.

      Das funktionierte meines Erachtens so lange, wie es verhältnismäßig klar definierte Milieus gab, für die ein gewisser politischer Grundkonsens existierte. Der mußte nicht unbedingt starr sein, aber doch zumindest so klar bestimmt, daß die Auseinandersetzungen über Details an Repräsentanten delegiert werden konnten. Und da stimme ich mit Dir überein: Dieses Repräsentationsmodell ist in einer schweren Krise, weil es eben diese Milieus nicht mehr gibt. Diese Krise ist meines Erachtens allerdings bereits selbst ein halbes Jahrhundert alt. Die antiautoritäre Rebellion der 60er Jahre war, wie ich meine, die erste politische Reaktion auf diese Krise der Repräsentation.

      Und weil der Repräsentation nicht mehr vertraut wurde, ging es zunächst einmal wieder massiv darum, den öffentlichen Raum zu erobern. Ich habe in dieser Serie nicht ganz zufällig auf Constant verwiesen. Er – wie auch die Situationisten in Paris und die Provos in Amsterdam – versuchten ja ganz massiv, den öffentlichen Raum erneut zu einem Ort lebendiger Begegnung zu machen (ich bitte den existenzialistischen Jargon zu entschuldigen). Dieser war ja in den 60er Jahren mindestens ebenso bedroht wie heute. Das Anliegen, den städtischen Raum wieder zu einem öffentlichen Raum zu machen, halte ich für ein ganz wichtiges Anliegen der sogenannten 68er-Bewegung.

      Die Fußgängerzone ist aus dieser Perspektive die Antwort des Systems auf diese Forderung nach einem politischen öffentlichen Raum. Lustigerweise brauchte es – zumindest hier in der Stadt – massiven politischen Druck gerade gegenüber der Geschäftswelt, um diesen Raum überhaupt zu schaffen. Das ändert aber natürlich nichts an Deinem zutreffenden Befund, daß die Fußgängerzone nur eine sehr rudimentäre Form politischer Öffentlichkeit darstellt – aber wie Che in seinem Kommentar angemerkt hat, sie ist es dennoch, wenn auch in einer völlig unzureichenden Weise. Hier stehen die Informationsstände politischer Organisationen und Parteien, hier finden Demonstrationen und Kundgebungen statt. Das ertrinkt natürlich zusehends mehr im Strom der Shoppingsüchtigen. Dennoch würde ich diese Öffentlichkeit nicht geringschätzen.

      Im Gegensatz dazu glaube ich, daß eine rein mediale Öffentlichkeit nicht funktionieren kann. Die politische Öffentlichkeit im realen Raum ist viel mehr als nur der Austausch von Argumenten. Sie ist auf eine gewisse Art und Weise ein Fest. Man tauscht sich nicht nur über politische Sachverhalte aus, sondern man trifft sich, schließt neue Freundschaften oder erneuert alte, redet auch über dies und jenes, man reißt Witze und lacht… Das alles ist kein peripheres Beiwerk, sondern gehört zur Konstitution eine politischen Öffentlichkeit hinzu. Und genau das läßt sich nicht in die mediale Öffentlichkeit transportieren.

      Ich würde somit Deiner Diagnose über den zunehmenden Verfall der realen Öffentlichkeit seit Ende der 60er Jahre zwar zustimmen, würde die Perspektive aber eher darin sehen, diese Öffentlichkeit wieder zu stärken. Und zu dieser Stärkung gehören sicherlich auch neue Formen medialer Vermittlung jenseits der klassischen bürgerlichen Vermittlungsformen. Aber ich bin davon überzeugt, daß eine rein mediale politische Öffentlichkeit nicht funktionieren kann; sie braucht die, wenn auch zeitlich begrenzte physische Begegnung echter Menschen.

      Das nur einmal so auf die Schnelle dahingeschrieben. Ich denke, ich werde in den weiteren Folgen dieser Serie sicherlich noch auf den einen oder anderen Punkt Deiner Kritik zurückkommen.

      alterbolschewik

      26. Juni 2013 at 16:30

  5. Interessanter Aspekt, die Frage nach der Öffentlichkeit bei solchen Gruppen. Sie schotten sich ab und suchen bestenfalls eine Teilöffentlichkeit, stimmt wohl.

    Vielleicht sollte man den Begriff der Aufmerksamkeitsökonomie beachten, wenn man über solche Phänomene spricht. reclaim society beispielsweise hat eine Menge Beachtung gefunden, im Netz und außerhalb, und das nur, weil sie in diesem no-border-camp auftraten und den verlinkten blog haben bzw. hatten. Und da schreiben sie nun, dass sie seit einem knappen Jahr aufgelöst sind. In diesem knappen Jahr wurden sie massiv diskutiert.

    Viel mehr Aufmerksamkeit mit weniger Mitteln kann man kaum erreichen. Und diese Aufmerksamkeit wollen alle Gruppen, die im Internet unterwegs sind. Insofern ist die erwähnte Teilöffentlichkeit eine interessierte und eine, die selbst Inhalte weitertransportieren könnte.

    Und diese Gruppen sind interessant, weil sie einerseits inhaltlich so penetrant dämlich sind und gleichzeitig eine permanente moralische Empörung mitspielt. Das Dämliche manifestiert sich unter anderem in solchen Passagen bei dem Grünwald-cliché-Blog:

    „Ich bin weiß, allistisch, erwachsen…
    Disclaimer: Dieser Blog ist anti-ableistisch, anti-klassistisch, anti-sexistisch, anti-rassistisch, anti-cissexistisch, anti-antifett, anti-monosexistisch uvm. Wer diesen Punkten widersprechende Meinungen äußern möchte, kann sich darauf einstellen, dass entsprechende Kommentare nie das Licht der Welt erblicken werden.“

    allistisch: was ist das? Steht nicht mal im Fremdwörterbuch. Der zweite Teil ist die übliche Legitimierung von Zensur.

    Das Dämliche ist attraktiv, so wie man auch eine Viertelstunde Volksmusikhitparade attraktiv findet, als Realsatire. Dazu kommt ein Stil, der dauerhaft plappert, aber nie etwas mitteilt. Hier wird das besonders deutlich:

    http://reclaimsociety.wordpress.com/2013/04/16/auch-wir-wollten-mal-was-schreiben-zur-einstellung-der-arbeit-von-reclaim-society/

    Man kann den Artikel dreimal lesen und wird feststellen, dass nichts drinsteht. Nichts, nur Geplapper.

    Aber, wie gesagt: Diese Gruppen bekommen viel Aufmerksamkeit, insofern machen sie alles richtig.

    Aber die wahren Feinde sitzen woanders, das sollte man bei der Beschäftigung mit solchen Leute nicht vergessen.

    genova68

    26. Juni 2013 at 8:28

    • Im Kern geht es mir genau darum, daß diese Leute nicht die wahren Feinde sind. Sie sind einfach nur nervig und lähmen tatsächliche politische Prozesse. Ich will mit dieser Artikelserie versuchen, einen Beitrag dazu zu leisten, daß man solche Sektenstrukturen rechtzeitig identifiziert und ihnen durch Nichtbeachtung in tatsächlichen politischen Diskussionen genau diese Aufmerksamkeit verweigert, die sie anstreben.

      alterbolschewik

      26. Juni 2013 at 16:37

  6. Die Fußgängerzonen und Parks sind für mich sehr wohl öffentlicher Raum in dem ich mit Menschen, auch Fremden, ins Gspräch komme, ebenso wie ich auf Bahn- oder S-Bahn-Fahrten mit Muitpassagieren üblicherweise ein Schwätzchen anfange. Auf diese Weise habe ich schon die interessantesten Menschen kennenglernt, u.a. eine Argentinierin, die nach ein paar Jahren Arbeit in Europa in ihre Heimat zurückkehren wollte, nachdem die Krise dort vorbei war, oder vier Yemeniten, die per Streamin Video die Ereignisse auf dem Tahrir-Square sich anschauten und mit mir ein Interview machten und und und. Vielleicht wollen die Herrschenden den öffentlichen Raum zugrunderichten, völlig zerstört ist der aber noch nicht. Es gibt auch immer noch spontane Mitmachjamsessions von MusikerInnen in Stadtparks. Fatal wird es aber, wenn sich emanzipativ einschätzende Menschen den öffentlichen Raum mit seinen Ausdrucksmöglichkeiten im eigenen Kopf schon zerstört haben.

    che2001

    26. Juni 2013 at 13:13

    • Ich sehe das genau so: Der öffentliche Raum ist etwas, um das es sich zu kämpfen lohnt, nicht etwas, dessen Verfall man im Internet in der eigenen Ingroup bejammert.

      alterbolschewik

      26. Juni 2013 at 16:40

  7. Aus dem Pfaller-Interview, oben verlinkt:

    „Diese Sexismus-Debatte ist ja auch ein Effekt der Entpolitisierung. In einer Zeit, in der die Maximaleinkommen sich so drastisch von den Minimaleinkommen entfernen, in der Mitte der Gesellschaft einen Streit Frauen gegen Männer anzuzetteln, das ist, altmodisch formuliert, Klassenkampf nach unten. Das ist wirklich ein Ablenkungsmanöver – und zwar von jenen Entwicklungen, die tatsächlich empörende Abhängigkeitsverhältnisse neu geschaffen haben. Man sollte besser darüber nachdenken, wie der gesamtgesellschaftliche Reichtum in den vergangenen dreißig Jahren verteilt worden ist. Alle anderen Streitereien, jung gegen alt, Mann gegen Frau, muss man wirklich mal aufschieben.“

    Meine Rede. Wobei ich nicht den Brüderle entlasten will. Aber diese Ablenkungsmanöver verfolgen uns täglich. Derzeit etwa, indem die Medien sich vor allem für die Fluchtroute dies Snowden interessieren anstatt für das, weswegen er fliehen muss. The games must go on.

    genova68

    26. Juni 2013 at 21:19

    • Ich bin mir da nicht ganz so sicher. Das hat einen leichten haut goût von Hauptwiderspruch versus Nebenwiderspruch. Wichtige gesellschaftliche Veränderungen entzünden sich ja oft genug an relativ trivialen Vorkommnissen, die aber der Tropfen sind, die das Faß zum überlaufen bringen. Das ist ein bißchen so, als ob man den Brasilianern sagte: „Ach, das bißchen Fahrpreiserhöhung ist doch nicht der Rede wert, konzentriert euch doch auf die wirklich wichtigen Sachen.“ Oder den Türken: „Was macht ihr für ein Geschiß um ein paar Bäume.“ Da ist immer auch eine symbolische Dimension involviert, die über die Trivialität des unmittelbaren Anlasses hinausweist.

      Natürlich ist ganz vieles, was im Bereich dieser Sorte von Feminismus verbraten wird, scheinbar Pillepalle. Doch – jetzt rein inhaltlich betrachtet – verweist das durchaus auf gesellschaftliche Probleme, die zu artikulieren legitim ist, wie wichtig oder unwichtig das im Verhältnis zu anderen gesellschaftlichen Problemen auch sein mag. Mir geht es eher um die Form, in der sich dieser Protest artikuliert, und diese Form ist an sich inakzeptabel.

      alterbolschewik

      27. Juni 2013 at 21:28

  8. Das ist ein bißchen so, als ob man den Brasilianern sagte: “Ach, das bißchen Fahrpreiserhöhung ist doch nicht der Rede wert, konzentriert euch doch auf die wirklich wichtigen Sachen.“

    Ja, ist doch so, das muss man denen auch nicht erst sagen, das checken die selbst. Die sieben Cent sind nicht der Rede wert und jetzt konzentrieren sich die Brasilianer mit ihren Forderungen auf die wirklich wichtigen Sachen. Die Bäume im Gezi-Park sind wichtiger, aber auch das ist erst einmal trivial. Die symbolische Dimension dieser Trivialitäten ist nicht automatisch gegeben. Es ist halt der Tropfen und das Fass. Dennoch wird diese symbolische Dimension nur hervorgebracht, wenn die Bedingungen stimmen, also wenn die Gesellschaft zumindest so politisiert ist, dass die dahinterstehenden Strukturen erkannt werden.

    Die Pfaller-Aussage ist problematisch, stimmt. Wenn er von „aufschieben“ redet, hat er irgendwas nicht verstanden. Ich versuchte die Aussage positiv zu wenden, da das Ausspielen aller möglichen Gruppen hierzulande professionelle Ausmaße angenommen hat: Generationengerechtigkeit, Ost gegen West, Nord gegen Süd, Frauen gegen Männer, schwarz gegen weiß, verantwortungsbewusster Konsument gegen Industrie und so weiter. Gerade wird sich über ehrliche irische Banker entrüstet, statt über die Politik, die das zulässt. Das sind alles keine grundsätzlich und immer falschen Debatten, aber wenn die nicht weitergedreht werden in eine Richtung, die Strukturen und Machtverhältnisse in den Blick nimmt, ist es nur die übliche neoliberale Zersplitterung.

    Aber wir sind uns da vermutlich völlig einig.

    genova68

    29. Juni 2013 at 10:33

    • Ich denke schon, daß wir da keine großen Differenzen haben. Trotzdem noch der Versuch einer Präzisierung: Es ist nicht nur das gegeneinander Ausspielen. Grundsätzlich finde ich die Beschränkung auf Partikularinteressen als solche problematisch. Eigentlich müßte sich die öffentliche Debatte um das Allgemeinwohl drehen, also in dem Sinn: Wie organisieren wir eine die Gesellschaft ganz grundsätzlich so, daß für alle ein Höchstmaß an gesellschaftlicher Teilhabe möglich ist. Daß das vom Partikularen ausgehen muß, ist keine Frage. Aber vom Partikularen muß irgendwann der Sprung zum Allgemeinen gemacht werden, so wie das eben in der Türkei oder in Brasilien stattgefunden hat (hier hat das Symbol sein entscheidende Rolle, denn es steht als ein Besonderes für das Allgemeine). Während die ganzen von der Postmoderne inspirierten modischen Theorien ein Allgemeines überhaupt nicht mehr kennen wollen, sondern sich in der Partikularität, insbesondere der der Opferrolle, einigeln.

      alterbolschewik

      29. Juni 2013 at 10:58


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