shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Öffentlichkeit und Filterblasen (4)

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„Nicht wenige studierten Maos Zitatensammlung, das »Rote Buch«, wie sich einst ihre Eltern in die Heilige Schrift vertieft hatten.“

Detlef Michel, Maos Sonne über Mönchengladbach

Die in der letzten Woche geäußerte Kritik, bestimmte Formen des aktuellen Feminismus (oder auch Antirassismus) zeichneten sich vor allem durch Merkmale aus, die an fundamentalistische Sekten erinnern, war kein rhetorischer Trick, um sich den Inhalten nicht stellen zu müssen. Auf die Inhalte wird in zu einem späteren Zeitpunkt in dieser Serie noch einzugehen sein. Doch unabhängig von spezifischen Inhalten geht es mir ganz bewußt um die Form politischen Sektierertums. Es ist nämlich keineswegs so, daß es sich beim politischen Sektierertum einfach nur um eine besonders überspitzte und dadurch von der Realität abgekoppelte Übersteigerung von im Prinzip richtigen Einsichten handeln würde. Diesem Irrtum sitzen diejenigen auf, die meinen, sektiererische Politik wäre nicht qualitativ, sondern nur graduell von vernünftigeren Formen politischen Agierens unterschieden und deshalb prinzipiell rationaler Diskussion zugänglich. Die heutige und die nächste Folge werden zu zeigen versuchen, daß es sich bei sektiererischer Politik keineswegs bloß um eine Zuspitzung eigentlich vernünftiger politischer Inhalte handelt, sondern daß diese Form politischen Handelns eine völlig andere Qualität hat.

Um die Form völlig getrennt von den Inhalten analysieren zu können, springe ich deshalb historisch wieder drei Jahrzehnte zurück, zu den K-Gruppen der ersten Hälfte der 70er Jahre. Die Absurdität der Inhalte ist mit dem gehörigen historischen Abstand offensichtlich. Eine revolutionäre Umgestaltung der Bundesrepublik durch Aufbau einer marxistisch-leninistischen Kader-Partei kann heute ohne Gefahr als kompletter Blödsinn abgetan werden. Mit dem „Inhalt“ müssen wir uns also nur insofern beschäftigen, als dieser „Inhalt“ scheinbar gewisse Überschneidungen mit einigen Grundannahmen aufwies, die damals auch von einer deutlich größeren Anzahl von Menschen geteilt wurden: Das mehr oder weniger unorganisierte Chaos der antiautoritären Bewegungen der 60er Jahre war zu Beginn der 70er Jahre als politisches Modell in eine Sackgasse geraten; doch die von den Bewegungen aufgeworfene Frage nach einer grundlegenden gesellschaftlichen Umgestaltung wurde damals von einer durchaus breiten Öffentlichkeit zumindest für diskutabel gehalten. Es lief also alles darauf hinaus, eine Organisationsform zu finden, die diesem Bedürfnis gesellschaftlicher Umgestaltung Rechnung trug. Und es hieße die politische Reife der Bewegungen zu überschätzen, wenn man gehofft hätte, das leninistische Partei-Modell wäre dabei nicht in seinem Für und Wider erwogen worden.

Die Frage ist nur: War die Gründung der K-Gruppen das wohlüberlegte Resultat einer halbwegs rationalen Debatte? Nun, das hängt ein bißchen von der jeweiligen K-Gruppe ab. Während beispielsweise die KPD/ML mehr oder minder diskussionslos ins Leben trat, ging der Gründung des KBW tatsächlich eine halbwegs offene Debatte voraus. Ein kritisches KBW-Mitglied, das diesen später eben wegen der internen Sektenstrukturen verließ, bemerkte später:

„Wir kannten die theoretischen Publikationen der KBW-Vorläufer und fanden die Bestrebungen unterstützenswert, daß sich linke Gruppen mit ähnlichen Vorstellungen einigen wollten, ohne gleich mit dem Anspruch aufzutreten, die Partei zu sein.
Die Sammlungsbewegung für eine später eventuell zu gründende kommunistische Partei schien eine offene Diskussion politischer Anschauungen zu garantieren und auch die Möglichkeit, eigene Vorstellungen einzubringen und umzusetzen.“ ([1], S. 50)

Doch das war eine Illusion. Auch im KBW waren die selben Mechanismen wirksam wie in den anderen K-Gruppen:

„Wir hatten von Anfang an zum KBW ein kritisches, mehr praktisch-instrumentales Verhältnis. Dennoch ist es interessant im Nachhinein festzustellen, wie weit wir von der Organisation vereinnahmt worden sind, wie weit wir trotz kritischer Distanz ein Stück Identifikation entwickelt und ihre Verhaltensvorschriften übernommen haben. Sonst hätten wir kaum Sachen mitgemacht, die uns heute unsinnig erscheinen, weil sie schlicht uneffektiv und nutzlos sind für die Entwicklung einer sozialistischen Bewegung.“ ([1], S. 51)

Derartige Organisationen entwickeln fast naturwüchsig eine Dynamik, die Menschen dazu bringt, auch noch den größten Unsinn mitzumachen und offensiv zu verteidigen. Was aber sind die Mechanismen, die dieser Identifikation zu Grunde liegen?

Zum einen ist das das Filterblasen-Phänomen, das bereits in der ersten Folge dieser Serie als wichtiges Moment für die Ideologie der K-Gruppen angeführt wurde. Wir können jetzt ins Detail gehen und diese Filterblase genauer beschreiben. Typisch für die Existenz in einer Filterblase ist ja, daß man die Wirklichkeit außerhalb der Blase überhaupt nicht wahrnimmt oder noch schlimmer, gar nicht wahrnehmen will:

„Viele Genossen lasen kaum etwas außer den eigenen Publikationen, den »Klassikern des ML« und der fürs Studium absolut unentbehrlichen Literatur. Wenn sie sich einmal anders bildeten, lasen sie »proletarische Romane« aus der Weimarer Zeit, sahen sich aufbauende Filme aus der VR-China oder ähnliches an. […] Dieses ständige Eingeschlossenbleiben im keimfreien Milieu des von der ML-Ideologie desinfizierten Dunstkreises der Organisation trug wesentlich bei der Herausbildung eines Sprachcodes, der mit seinen Begriffen, seinen apodiktischen Kategorien gar nicht mehr zuließ, differenzierte Fragen zu stellen bzw. Erklärungen realer Probleme zu suchen.“ ([1], S. 56)

Sprache verliert hier ihre eigentliche Funktion, nämlich die, Mittel der Kommunikation zu sein. Statt die Sprache zu nutzen, um damit auf andere zuzugehen, Barrieren zu überwinden, wird sie zu einem Mittel der Abschottung. Bereits im letzten Beitrag wurde erwähnt, daß bestimmte Fraktionen des Queer-Feminismus einen ganz eigenen Jargon ausgebrütet haben, mit dessen Hilfe die Gruppenzugehörigkeit definiert wird. Beim KBW war das nicht viel anders:

„Eine wichtige Funktion bei der Abkapselung der Mitglieder des KBW von der Umwelt, von Kontakten und Beziehungen mit anderen Menschen hatte die Organisations­sprache. Man mußte eine bestimmte Sprache sprechen, gewisse Worte, Kürzel und Redewendungen benutzen. Der Sprachcode wurde oben festgelegt: die zentralen Publikationen (Zeitung, Broschüren und Erlasse der Leitung) waren in einem Sprachstil gehalten, der zwar einzelnen Personen der Führung zuzuordnen ist und deren Art des persönlichen Ausdrucks sein mag, sich aber doch unverkennbar an »geheiligten Vorbildern« orientiert, etwa an Lenin oder am katastrophalen Deutsch der Peking Rundschau.“ ([1], S. 54f)

Diese Verkehrung der Funktion von Sprache erklärt, warum das politische Sektenunwesen nicht einfach eine wenn auch zugespitzte, so doch lineare Fortsetzung eines allgemeinen politischen Diskurses ist. Vordergründig sieht es vielleicht so aus, als würden Dinge verhandelt, die auch außerhalb der Filterblase ein Thema sind. Doch dem ist nicht so. Es ist ein fataler Irrtum, wenn man den Jargon einfach nur bekloppt findet, sich ein bißchen darüber lustig macht und dennoch glaubt, man könne über die scheinbar angesprochenen Sachverhalte hinter dem Jargon eine tatsächliche rationale Diskussion führen. Denn die Worte haben im Sektenjargon ihre bezeichnende Funktion verloren. Sie bilden ein System der diskursiven Abgrenzung, kein Angebot, sich über Sachverhalte zu unterhalten oder gar zu streiten. In politischen Sekten wird Sprache funktional, sie dient der Abkapselung nach außen und der Identitätsbildung nach innen.

Doch warum ist diese Abkapselung für die Sekte so wichtig, daß sie die kommunikative Funktion von Sprache bewußt oder unbewußt sabotiert? Der Grund ist erschreckend und erschreckend einfach: Nur diese Zerstörung von Kommunikation erlaubt es, die einzelnen Sektenmitglieder dauerhaft an die Gruppe zu binden. Wie bei religiösen Sekten geht es darum, die Individuen von ihrer normalen Umgebung zu entfremden, sie zu isolieren und dadurch in eine Abhängigkeit zu bringen, die in bedingungslosen Gehorsam gegenüber der Gruppe mündet. Nächste Woche werde ich noch einmal am Beispiel der K-Gruppen zeigen, wie genau dieser Mechanismus funktioniert.

Seien Sie also gespannt auf die erschütternde Beichte eines ehemaligen KPD/AO-Funktionärs:

„Ich gehörte zur »stählernen Vorhut des Proletariats«. Umso erbärmlicher war mein Verhalten meiner Frau und meinem Sohn gegenüber. Szenen, in denen mir mein Sohn hinterherlief, »Papa, Papa hierbleiben« brüllte, ich aber »tapfer« zu meinem Termin trabte, waren fürchterlich. Natürlich rannte ich auch vor meinen Familienproblemen in den Schoß der Partei.“ ([1], S. 28)

Nachweise

[1] Autorenkollektiv, Wir warn die stärkste der Partein… Erfahrungsberichte aus der Welt der K-Gruppen, Berlin 1977.

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Written by alterbolschewik

28. Juni 2013 um 14:10

2 Antworten

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  1. „Natürlich war es ein Unterschied, ob man sich in Frankfurt, Berlin, Paris oder Tokio mit der Polizei prügelte oder als Partisan auf dem langen Marsch mit dem Maschinengewehr ums Überleben kämpfte. Aber diese Unterschiede wurden negiert“. war, glaube ich, auch aus „Maos Sonne über Mönchengladbach.“ Ergänzend möchte ich sagen, dass es noch andere K-Gruppen gab: Der In Bayern bedeutsame Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD war ultraspießig und wandte sich ganz offensiv gegen die subkulturelle Alternativszene – bis heute habe ich den Eindruck, dass bajuwarische Linke im Schnitt strukturell konservativer sind als Linksliberale im Bundesdurchschnitt – der in Norddeutschland, vor allem Hamburg und Niedersachsen führende KB, hervorgegangen aus dem Hamburger Lehrlingskollektiv KB Nord und der überwiegend Pädagogik-studentischen Berliner Gruppe KB ML orientierte sich zunächst an der chinesischen Viererbande, vertrat also eine sehr spezielle Variante des Maoismus, entwickelte sich dann aber zu einer eigentlich undogmatischen, Lenin und Mao mit dem Freudomarxismus und – kein Witz – den Vorstellungen der damaligen FDP-Jugendorganisation JUDOS von Wirtschaftsdemokratie (Wahl der Aufsichtsräte durch die Belegschaften, paritätische Mitbestimmung auch im Mittelstand, Streiten für die Rechte von Schwulen und Lesben usw.) verbindenden Basisorganisation. Der KB gliederte sich dann noch in Einzelfraktionen, wobei die Z-Fraktion (Zentristen) in den Grünen aufging – Trittin kommt daher. Ebenso löste sich der KBW schließlich in die Grünen auf, wobei sich der BWK abspaltete, dessen heute noch aktive Ex-Mitglieder in der Partei die Linke und der IGM meistens durch Doppelmitgliedschaften vertreten sind und eine politische Basisarbeit machen, die in den frühen Siebzigern als linke Sozialdemokratie angesehen worden wäre.

    Um den Blick über den Tellerrand zu machen – bei den aktuellen Protesten in der Türkei spielt die maoistische TKP/ML und ihre Abspaltung Bolsevik Partizan durchaus eine Rolle, und im Iran und Irak hat die Liga der Werktätigen Kurdistans bzw. Revolutionäre Organisation der Werktätigen Kurdistans-Iran (Komalah) eine nicht unbedeutende Rolle eingenommen, die sind teilweise sogar in die Partei Talabanis eingebunden, also gestaltender politischer Faktor in den autonomen Kurdengebieten im Irak und wesentlicher Teil der iranischen Opposition. Aus den Vorstellungen der chinesischen Kulturrevolution wie „Aufhebung aller professionellen Streitkräfte durch allgemeine Volksbewaffnung“ oder „Ersetzung der Schulen und Universitäten durch Umwandlung der gesamten Gesellschaft in Lehranstalten“ haben sie Forderungen abgeleitet, die weniger marxistisch-leninistisch als vielmehr anarchosyndikalistisch anmuten. Außerhalb Europas hat so etwas durchaus Konjunktur.

    che2001

    28. Juni 2013 at 22:49

    • Der Witz ist ja gerade, daß es einen ganzen Stall voll derartiger „Arbeiterparteien“ gab, die sich über Fragen zerstritten und spalteten, bei denen wir heute noch nicht einmal die Fragen verstehen, geschweige denn deren Relevanz einsehen. Von den moderneren Sekten unterscheiden sie sich allerdings durch eine straffe Organisationsstruktur – was damals bei den Spontis zu dem Irrtum führte, die Organisationsstruktur selbst sei die Wurzel des Übel. Heute können wir sehr deutlich sehen, daß typische Eigenschaften des k-grüpplerischen Sektenwesens durchaus auch ohne straffe Organisationsstruktur reproduziert werden können. Ich bin da noch etwas am herumdoktorn, wie das tatsächlich funktioniert und welche Rolle insbesondere das Internet dabei spielt. Hinweise sind da willkommen.

      Was die außereuropäische Adaption straffer Organisationsstrukturen betrifft: Das ist ja nicht unbedingt verwunderlich. Wenn man gegen autoritäre Regimes kämpft, scheint es zumindest nicht unlogisch zu sein, daß auch die politische Opposition eine straffe und auch klandestine Organisationsstruktur benötigt. Ich habe allerdings meine Zweifel, ob das tatsächlich stimmt. Nicht nur, daß es sehr schwer ist, nach einem Sturz eines autoritären Regimes diese autoritären Strukturen wieder abzubauen – die Bolschewiki sind dafür ein abschreckendes Beispiel. Aber auch unter den Bedingungen der Opposition ist das, glaube ich, wenig hilfreich, denn gerade solche Strukturen sind leicht von Geheimdiensten etc. zu unterwandern. Das führt dann wiederum in der Organisation zu Paranoia, was wiederum die autoritären Tendenzen stärkt und so weiter…

      alterbolschewik

      29. Juni 2013 at 11:19


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