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Archive for Juli 2013

Öffentlichkeit und Filterblasen (7)

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Die Entstehung der bürgerlichen Öffentlichkeit

„Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen.“

Immanuel Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?

Diese an Paradoxien reiche Serie über Öffentlichkeit und Filterblasen wird in dieser Folge noch einmal um eine Paradoxie reicher: Die Entstehung der bürgerlichen Öffentlichkeit im 18. Jahrhundert manifestiert sich, vor allem auf dem europäischen Kontinent, als Entstehung etwas scheinbar Gegenteiligen, nämlich der Privatsphäre.

Ursprünglich wollte ich diesen Artikel in eine völlig andere Richtung gehen lassen, nämlich vor allem einen genaueren Blick auf die Entstehung der bürgerlichen Privatheit werfen. Doch lassen mich aktuelle Entwicklungen den Fokus eher darauf richten, was denn mit bürgerlicher Öffentlichkeit damals gemeint war.

Ich hatte in der letzten Folge bereits dargestellt, daß die absolutistische Öffentlichkeit vor allem eine repräsentative Öffentlichkeit war, die sich im wesentlichen auf den Hof konzentrierte. Parallel zu dieser Öffentlichkeit begann sich eine andere Öffentlichkeit zu entwickeln, nämlich die bürgerliche Öffentlichkeit. Diese war eng mit der Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaftsweise verbunden, denn es war die Öffentlichkeit von Bürgern, die sich prinzipiell außerhalb der anerkannten gesellschaftlichen Machtstrukturen bewegten, die exklusiv dem Adel vorbehalten blieben.

Man darf den Absolutismus, wie er sich ab dem 15.Jahrhundert entwickelte, nicht mit der mittelalterlichen Feudalgesellschaft verwechseln. Im wesentlichen war der Absolutismus bereits eine Form der Herrschaft, die die Rechte des Bürgertums gegen die personalisierte Willkür des Feudaladels verteidigte. Die absolutistischen Herrscher waren auf das Geld des Bürgertums angewiesen und setzten deshalb der personalisierten und damit willkürlichen Herrschaftsausübung der feudalen Mächte Grenzen. Der absolutistische Monarch schuf – in Grenzen – die Rechtssicherheit, die das Bürgertum benötigte, um seinen Geschäften nachgehen zu können.

Und so bildete sich unter dem halbherzigen Schutz des Absolutismus ein Kanon der bürgerlichen Rechte heraus. Dieser Kanon war gegen die Willkür der Feudalordnung durchzusetzen und zu verteidigen. Im wesentlichen lassen sich diese Rechte auf einen Nenner bringen: Der Staat soll sich aus den Privatangelegenheiten seiner Bürger heraushalten. Seine Aufgabe ist es, die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, daß die Bürger ihren Tätigkeiten frei von Willkür nachgehen können.

Natürlich sagte auch der absolutistische Herrscher nicht: Liebe Bürger, das ist eine prima Idee, ihr habt so ja recht, das machen wir. Sondern die Durchsetzung der bürgerlichen Rechte war ein langer Kampf. Und die schärfste Waffe des Bürgertums in diesem Kampf war nicht die Guillotine, sondern die bürgerliche Öffentlichkeit. Wobei die Durchsetzung öffentlicher Debatten, der Kampf gegen Zensur, schon Teil des Zieles selbst war. Die öffentliche Diskussion des Regierungshandelns durch die zum Publikum vereinigten Bürger war ein Kampfmittel, das dazu diente, individuelle Rechte auf Dauer durchzusetzen.

Tatsächlich ging es in der bürgerlichen Öffentlichkeit gar nicht so sehr darum, selbst an die Schalthebel der Macht zu gelangen. Publizistische Macht, selbst dort, wo sie existiert, kann weder Gesetze erlassen noch deren Durchsetzung erzwingen. Die Macht der Öffentlichkeit ist die Macht der Überzeugung. Der öffentliche Diskurs sollte diejenigen, die tatsächlich die Macht besaßen, davon überzeugen, im Sinne dieses öffentlichen Diskurses zu agieren. Natürlich ist das in einem gewissen Sinne naiv und die Revolutionen vom 17. Jahrhundert bis ins 20. hinein zeigen, daß die Feder gelegentlich doch die Hilfe des Schwertes benötigt. Dennoch: Revolutionen sind die Folge einer funktionierenden Öffentlichkeit, nicht umgekehrt.

Halten wir also zunächst einmal fest: Ein wesentliches Ziel der bürgerlichen Öffentlichkeit ist es, die Rechte des Individuums gegen die Willkür des Staates zu verteidigen. Darin unterscheidet sich bürgerliche Öffentlichkeit ganz elementar von der Konstellation, die wir in der griechischen Polis gefunden haben. Dort sind öffentlicher und privater Raum strikt geschieden. Der private Raum des oikos ist der der physischen Notwendigkeit, der bloßen Reproduktion des Lebens und damit untergeordnet. Das eigentliche Leben des Polis-Bürgers ist sein öffentliches Leben, dort wird die Ehre erworben, die den eigentlichen Sinn menschlicher Existenz ausmacht.

Die bürgerliche Öffentlichkeit ist dem entgegengesetzt: Das eigentliche Leben des Bürgers sind die Geschäfte, die er betreibt, ergänzt durch die Privatsphäre seiner Familie. Die Öffentlichkeit interessiert hier nur insofern, als sie dem Schutz dieser individuellen Sphäre dient. Natürlich gibt es auch bürgerliche Individuen, die es genießen, im Lichte der Öffentlichkeit zu stehen. Aber primär geht es nicht um Macht, sondern darum, von der Macht nicht über Gebühr behelligt zu werden. Während die griechische Öffentlichkeit der Agora selbst ein Zweck ist, ist die bürgerliche Öffentlichkeit nur Mittel.

Die Öffentlichkeit als Mittel zum Schutz der Geschäfte und der Privatsphäre gegenüber dem Staat setzt aber eines voraus: Transparenz auf Seiten des Staates. Hier kommt eine zweite Bedeutung von Öffentlichkeit herein. Die publizistische Öffentlichkeit derer, die das Staatshandeln kommentieren und bewerten, kann nur funktionieren, wenn ihr eine Öffentlichkeit des Staatshandelns entspricht. Öffentlichkeit der Gesetzgebung, Öffentlichkeit der Gerichte: Das sind zentrale Forderungen der bürgerlichen Öffentlichkeit. Der Kampf um individuelle Rechte, Bürgerrechte, Menschenrechte muß dementsprechend mit dem Kampf für die Transparenz staatlichen Handelns einhergehen.

Denn nur, wenn die Entscheidungen und Aktionen, die von staatlicher Seite ausgehen, nachvollziehbar sind, kann die bürgerliche Öffentlichkeit ihre Kontrollfunktion wahrnehmen. Das aber war es, wogegen sich die Herrscher mit Händen und Füßen wehrten. Selbst im nach zwei Revolutionen verhältnismäßig liberalen England war es im 18. Jahrhundert ein gewaltiger Kampf, die Parlamentsdebatten öffentlich zu machen, ein Kampf, der beinahe ein Jahrhundert dauerte. Es war die Zeit,

„in der ein »Memory« Woodfall den »Morning Chronicle« deshalb zur führenden Londoner Tageszeitung machte, weil er sechzehn Spalten Parlamentsreden wörtlich reproduzieren konnte, ohne, was verboten war, auf der Galerie des Unterhauses Notizen zu machen. Ein Platz auf der Galerie wurde den Journalisten vom Speaker erst im Jahr 1803 offiziell eingeräumt; fast ein Jahrhundert hatten sie sich illegal Zugang verschaffen müssen.“ ([1], S.81)

Wie es auf dem Kontinent aussah, hat Don Alphonso jüngst in einem Artikel plastisch vorgeführt.

Macht, so das bürgerliche Credo, korrumpiert. Und die einzige Möglichkeit, diese Korruption zu verhindern, ist dafür zu sorgen, daß die Entscheidungen, die gefällt werden, transparent und öffentlich gemacht werden.

Der Schutz der Privatsphäre und die Transparenz staatlichen Handelns sind somit komplementär und stehen allein unter dem wackligen Schutz der Öffentlichkeit. Dafür wurde seit dem 17. Jahrhundert gekämpft. Und bei aller Kritik an bürgerlicher Gesellschaft und bürgerlicher Öffentlichkeit: Das sind Errungenschaften, die nach wie vor verteidigenswert sind.

Tatsächlich aber sind wir heute an einem Punkt angelangt, an dem dieser zäh erkämpfte Kontrakt von den politischen Mächten aufgekündigt wird. Unter dem Vorwand der „Terrorabwehr“ wurde das größte Bespitzelungssystem der Menschheitsgeschichte aufgebaut, das jeden Bürger und jede Bürgerin unter Generalverdacht stellt und hemmungslos deren Privatsphäre durchleuchtet. Nach Kriterien, die niemand kennt und die keiner öffentlichen Kontrolle unterliegen, werden Profile erstellt und abgeglichen, Menschen ohne deren Wissen und ohne Einspruchsmöglichkeiten klassifiziert. Wie und wann diese Daten irgendwann einmal von wem zu was verwendet werden können, ist völlig offen.

Dagegen hilft, wie bereits im 18. Jahrhundert, nur eines: Öffentlichkeit. Und dazu ist morgen Gelegenheit. Wo du dich, liebe Leserin, lieber Leser, dieser Öffentlichkeit anschließen kannst, findest du hier. Wir sehen uns morgen. Und deshalb gibt es diesmal keine Vorschau auf nächste Woche, sondern noch eine kleine Entscheidungshilfe:

Nachweise

[1] Habermas, J., Strukturwandel der Öffentlichkeit, Neuwied und Berlin 1975.

Written by alterbolschewik

26. Juli 2013 at 16:56

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Kurze Abwesenheitsmeldung

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Die hinter mir liegende Woche war ziemlich arbeitsintensiv, das vor mir liegende Wochenende wird ziemlich Grillfest-intensiv, weshalb heute einfach kein Text erscheint. Nächsten Freitag geht es weiter mit Öffentlichkeit und Filterblasen.

Written by alterbolschewik

19. Juli 2013 at 11:22

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Öffentlichkeit und Filterblasen (6)

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Die Entstehung der bürgerlichen Öffentlichkeit

„Eine gemeinsame Welt verschwindet, wenn sie nur noch unter einem Aspekt gesehen wird; sie existiert überhaupt nur in der Vielfalt ihrer Perspektiven.“

Hannah Arendt

Ich gestehe: Ich habe getrickst. In der Diskussion über Filterblasenphänomene habe ich so getan, als gäbe es eine einfache Entscheidung zwischen der Teilnahme an einem öffentlichen Diskurs und der Einigelung in die Hermetik einer Filterblase. Als typisches Beispiel für letzteres hatte ich die maoistischen K-Gruppen der 70er Jahre angeführt, deren Schatten bis in die Gegenwart reiche. Als Gegenentwurf dazu galt die griechische Agora. Dort handelten die Bürger der griechischen Stadtstaaten, der Poleis, die Angelegenheiten aus, die das Gemeinwesen betrafen.

Leider ist dieses schöne Schwarzweißbild so nicht aufrecht zu erhalten. Öffentlichkeit scheint eine recht einfache Kategorie zu sein, doch in der historischen Rückschau erweist sie sich als außerordentlich vertrackt. Und damit meine ich nicht das bereits angeschnittene Problem, daß die direkte Kommunikation von Bürger zu Bürger, die auf dem dafür vorgesehenen öffentlichen Platz stattfindet, nur in kleinen, überschaubaren Gemeinwesen praktikabel ist.

Denn selbst dort, wo die politische Öffentlichkeit geboren wurde, in Athen, war diese von vornherein beschädigt: Sie war keineswegs inklusiv, sondern außerordentlich exklusiv. Hannah Arendt hat das anhand von Aristoteles‘ berühmten Charakterisierung des Menschen beschrieben, in der dieser als zoon politikon, als politisches Tier beschrieben wird:

„Aristoteles meinte weder, den Menschen wirklich zu definieren, noch die in seinem Sinne höchste menschliche Fähigkeit zu bestimmen, denn diese war für ihn nicht der Logos, das Reden und redende Argumentieren und argumentierende Denken, sondern der νους, die Fähigkeit der Kontemplation […]. Was man gemeinhin für die berühmte Definition des Menschen durch Aristoteles hält, ist in Wahrheit nur die artikulierte und begrifflich geklärte Wiedergabe der geläufigen Meinung der Polis über das Wesen des Menschen, sofern er ein Polisbewohner und politisch ist; denn gemäß dieser Meinung waren die, welche nicht Bürger einer Polis waren – Sklaven und Barbaren –, ἄνευ λόγου, ohne Logos, was natürlich nicht heißt, daß sie nicht sprechen konnten, wohl aber , daß ihr Leben außerhalb des Logos verlief, daß das Sprechen als solches für sie ohne Bedeutung war […].“ ([1], S. 37)

Und man kann noch hinzufügen: Neben Sklaven und Barbaren entsprachen auch die Frauen nicht der Definition des zoon politikon. Die freie, öffentliche Rede über das Gemeinwesen war den Familienvorständen vorbehalten, alle anderen hatten keine Stimme in der Öffentlichkeit. Die Frage nach der Öffentlichkeit muß also immer auch als Frage gestellt werden, wer denn das Recht hat, in der Öffentlichkeit seine Stimme zu erheben.

Vor diesem Problem stand zum Beginn der Neuzeit auch das Bürgertum, das zwar langsam über ökonomische Macht verfügte, aber eben aus der damaligen Öffentlichkeit ausgeschlossen war. Diese war eine repräsentative Öffentlichkeit, die Öffentlichkeit der absolutistischen Höfe. Wenn sich die absolutistische Macht in der Öffentlichkeit darstellte, dann wurde das Volk zur Staffage, zum bloß passiven Publikum degradiert:

„Mademoiselle de Scudéry berichtet in ihren »Conversations« von den Anstrengungen der großen Feste; sie dienten nicht so sehr dem Pläsir der Teilnehmer als der Demonstration der Größe, eben der grandeur ihrer Veranstalter – das Volk, das nichts als zuschauen brauchte, habe sich am besten unterhalten.“ ([2], S. 23)

Diese repräsentative Öffentlichkeit, mittels derer sich der absolutistische Herrscher und seine Entourage als Verkörperung des Gemeinwesens inszenierten, hatte mit der Öffentlichkeit der griechischen Polis, die auf Rede und Gegenrede beruhte, nichts mehr zu tun. Oder nur insofern, daß sie in noch viel höherem Maße auf Ausschlußmechanismen beruhte. Bürgerliche hatten zu dieser Öffentlichkeit nur bei besonderen Gelegenheiten und dann auch nur akklamierend Zugang.

Parallel zu dieser repräsentativen höfischen Öffentlichkeit entwickelte sich jedoch eine neue, reichlich paradoxe Form der Öffentlichkeit, die in einem Zwischenreich zwischen dem politischen und dem privaten Raum angesiedelt war. Die antike Polis kannte nur zwei Räume, den öffentlichen Raum der Polis und den privaten Raum des oikos, der Hauswirtschaft. Im Bereich des oikos herrschte das Familienoberhaupt unbeschränkt, hier kommandierte er die produktiven Tätigkeiten, die von Sklaven und Frauen ausgeübt wurden. Im öffentlichen Raum der Polis mußte er sich rational mit Ebenbürtigen auseinandersetzen:

„Politisch zu sein, in einer Polis zu leben, das hieß, daß alle Angelegenheiten vermittels der Worte, die überzeugen können, geregelt werden und nicht durch Zwang und Gewalt. Andere durch Gewalt zwingen, zu befehlen statt zu überzeugen, galt den Griechen als eine gleichsam präpolitische Art des Menschenumgangs, wie er üblich war im Leben außerhalb der Polis, also im Umgang mit den Angehörigen des Hauses und der Familie, über welche das Familienoberhaupt despotische Macht ausübte.“ ([1], S. 36f)

Dieser klaren Scheidung zwischen Politik – als der öffentlichen, diskursiven Sphäre – und Ökonomie – der privaten, häuslichen Sphäre – in der Welt der Griechen zerbricht in der Neuzeit an der Entwicklung der Produktivkräfte. In dem Maße, in dem die Produktion nicht mehr Subsistenzproduktion des Haushaltes ist, sondern zunehmend Produktion für einen Markt, entwickelt sich zwischen der privaten Sphäre der Haushalte und der repräsentativen Öffentlichkeit der Höfe etwas neues: Die bürgerliche Gesellschaft. Und diese bürgerliche Gesellschaft geht einher mit einer neuen Form der Öffentlichkeit.

Wesentliches Merkmal dieser bürgerlichen Öffentlichkeit ist, daß sie keine unmittelbare Öffentlichkeit mehr ist – wie die der Polis oder auch des absolutistischen Hofes – , sondern medial vermittelt. Und das Leitmedium dieser Öffentlichkeit war die Zeitung beziehungsweise die Zeitschrift. Bürgerliche Öffentlichkeit ist erst einmal die Öffentlichkeit eines privaten Lesepublikums. Die Zeitungen dienen dem Austausch von Informationen und Meinungen ebenso wie der Markt dem Austausch von Waren dient. Tatsächlich hingen die Märkte und die Zeitungen ursprünglich sehr eng miteinander zusammen. Als im 17. Jahrhundert die ersten Zeitungen erschienen, stützten diese sich auf das Netz von Privatkorrespondenzen, das die bürgerlichen Kaufleute aufgebaut hatten:

„Die Privatkorrespondenzen enthielten damals eingehende und weltläufige Nachrichten von Reichstagen und Kriegsereignissen, von Ernteerträgen, Steuern, Edelmetalltransporten, vor allem natürlich Nachrichten aus dem internationalen Handelsverkehr. Aber nur ein Rinnsal dieses Nachrichtenstroms dringt durch das Filter dieser »geschriebenen« Zeitungen bis in jene gedruckten Zeitungen. Die Bezieher der Privatkorrespondenzen hatten kein Interesse daran, daß deren Inhalt publik wurde. Deshalb sind die politischen Zeitungen nicht für die Kaufleute da, sondern umgekehrt die Kaufleute für die Zeitungen.“ ([2], S. 34f)

Diese virtuelle Öffentlichkeit bedruckten Papiers brachte recht schnell halböffentliche Orte hervor, in denen über die Inhalte dieser Zeitungen und Zeitschriften von Angesicht zu Angesicht diskutiert wurde: Das Kaffeehaus und den Salon. Mitte des 17. Jahrhunderts war in London das erste Kaffeehaus gegründet worden, zu Beginn des 18. Jahrhunderts gab es bereits 3000 davon ([2], S. 48):

„Die Zeitungsartikel werden vom Kaffeehauspublikum nicht nur zum Gegenstand ihrer Diskussionen gemacht; das zeigt die Flut von Zuschriften, aus der die Herausgeber wöchentlich eine Auswahl abdrucken. Die Leserbriefe erhalten […] eine eigene Institution: an der Westseite von Button’s Kaffeehaus wird ein Löwenkopf angebracht, durch dessen Rachen der Leser seine Briefe einwirft.“ ([2] , S. 59)

Die Pariser Salons funktionieren etwas anders als die Londoner Kaffeehäuser, dienen aber dem selben Zweck, der halböffentlichen Diskussion der literarischen Produktion:

„Waren die Salons auch unter Philipp zunächst noch Stätten eher der galanten Vergnügungen als der gescheiten Diskurse, so verbinden sich doch bald mit den Diners die Diskussionen. Diderots Unterscheidung zwischen Schriften und Reden macht die Funktionen der neuen Sammelpunkte deutlich. Kaum einer der großen Schriftsteller des 18. Jahrhunderts hätte seine wesentlichen Gedanken nicht zuerst in solchen discours, eben in Vorträgen vor den Akademien und vor allem in den Salons zur Diskussion gestellt.“ ([2], S. 49)

Es sind diese halböffentlichen Diskussionen, sei es im Kaffeehaus, sei es im Salon, in denen die bürgerliche Öffentlichkeit langsam die private Meinung zu einem politischen Allgemeinwillen verdichtet.

Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn wir die Gegenstände dieser Diskussionen näher beleuchten und Jürgen Habermas schreibt:

„In den Institutionen der Kunstkritik, Literatur-, Theater- und Musikkritik einbegriffen, organisiert sich das Laienurteil des mündigen oder zur Mündigkeit sich verstehenden Publikums.“ ([2], S. 57)

Nachweise

[1] Arendt, H., Vita activa oder Vom tätigen Leben, München / Zürich 2003.

[2] Habermas, J., Strukturwandel der Öffentlichkeit, Neuwied und Berlin 1975.

Written by alterbolschewik

12. Juli 2013 at 15:52

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Öffentlichkeit und Filterblasen (5)

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Zur Sozialpsychologie des politischen Sektenunwesens

„Ich habe in den letzten Jahren gesehen, wie viele Leute zerbrochen sind, zu intellektuellen Kümmerlingen geworden sind.“

Ehemaliger KSV-Funktionär

Bevor wir in unser heutiges Thema einsteigen, ist vielleicht ein kleiner Rückblick angebracht, denn diese Serie über Öffentlichkeit und Filterblasen hat ganz offenkundig die Tendenz, immer weiter auszuufern. Im ersten Teil hatte ich die Problematik ganz oberflächlich angerissen und die Relevanz des Ganzen für die antiautoritären Bewegungen und deren Umkippen in autoritäre Sekten skizziert. In der darauf folgenden Woche leistete ich mir einen Exkurs in das antike Griechenland und in die Niederlande der 60er Jahre: Durch diesen Exkurs sollte klar werden, daß politisches Verhalten immer an Öffentlichkeit gebunden ist und daß in der Frühphase der antiautoritären Bewegungen ein geradezu utopischer Begriff von Öffentlichkeit propagiert wurde. Teil drei machte dann bislang am meisten Furore (in meinen eigenen bescheidenen Maßstäben), weil er zeigte, daß bestimmte aktuelle Aktivistinnen und Aktivisten, die sich aus dem Dunstkreis von cultural und gender studies rekrutieren, jeden Begriff von politischer Öffentlichkeit verwerfen. Letzte Woche schließlich habe ich diese Abkapselung politischer Sektenstrukturen von einer diskursiven Öffentlichkeit historisch zurückverfolgt bis in die frühen siebziger Jahre, zu den maoistischen K-Gruppen. Inzwischen hat auch noch Che in seinem eigenen Blog einen Artikel dazu veröffentlicht.

Ich bleibe heute noch einmal bei den K-Gruppen der frühen 70er Jahre, und das aus zwei Gründen. Zum einen, weil es sich um ein heikles Thema handelt. Man ist gerade bei politischen Gruppen, die einem nicht in den Kram passen, sehr schnell bereit, deren Verhalten zu pathologisieren. Das hat manchmal durchaus seine Berechtigung, aber eine gewisse subjektive Abwehrhaltung, ein Widerwille, sich der inhaltlichen Auseinandersetzung zu stellen, spielt dabei oft genug auch eine Rolle. Wenn ich heute auf bestimmte sozialpsychologische Mechanismen eingehe, die derartige politische Sektenstrukturen prägen, dann will ich von vornherein den Verdacht ausräumen, ich wollte mich damit vor einer inhaltlichen Auseinandersetzung drücken. Und deshalb bieten sich die K-Gruppen an, weil hier eine inhaltliche Auseinandersetzung historisch obsolet geworden ist.

Der zweite Grund, warum ich dieses Thema an den K-Gruppen durchexerziere, hängt damit zusammen. Psychologisierende Einschätzungen politischer Gruppen kranken in der Regel daran, daß sie sich praktisch nie auf authentische Selbstaussagen stützen können. Derartige „Analysen“ beruhen in der Regel auf der Außensicht und haben zudem das Manko, oft ins Anekdotische abzugleiten. Aus der Welt der K-Gruppen liegen jedoch Erfahrungberichte von Insidern vor, auf die sich eine Beschreibung der sozialpsychologischen Strukturen stützen kann. Das 1977 erschienene Büchlein Wir warn die stärkste der Partein… ([1]), das ich bereits letzte Woche ausführlich zitiert habe, liefert also ausreichend empirisches Material, um die folgenden Behauptungen zu untermauern.

Das Buch versammelt Erfahrungberichte von insgesamt 11 Personen. Durch die Bank erklären sie alle, daß eine der wesentlichen Erfahrungen für sie war, daß sie ihre eigene Persönlichkeit, ihre eigenen, ganz konkreten Interessen zugunsten der Sekte aufgegeben haben. In ganz eklatantem Maße gilt das für zwei Gesprächsprotokolle. Im einen reflektieren zwei Schwule, welche Rolle Schwule im KSV und in der KPD spielten und wie ihnen mitgespielt wurde, im anderen zwei Frauen. Eine der Frauen bringt es prägnant auf den Punkt:

„Vor meiner Organisierung hatte ich eine Sensibilität dafür, daß ich eine Frau bin und hab mich als solche verhalten, und als Sympathisantin dieser Organisation wurde dieses Bewußtsein mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt und hatte schließlich keine Bedeutung mehr, auch für meine persönliche Entwicklung nicht. […] Ist dir eigentlich schon mal die »männliche Sprache« dieser Organisationen aufgefallen? Ich selbst habe damals nie gemerkt, daß ich »ein guter Kommunist« werden wollte und keine »gute Kommunistin«. Zwei Jahre vorher wäre mir das nicht passiert.“ ([1], S. 37)

Die letzte Woche thematisierte Standardisierung der Sektensprache ist nur ein äußeres Symptom der massiven Entindividualisierung, die innerhalb dieser Sektenstrukturen vor sich geht. Der/die Einzelne tritt nicht als individuelle Persönlichkeit in Erscheinung, sondern nurmehr als austauschbarer Repräsentant der Organisation oder der vertretenen Ideologie. Diese Zerstörung der Persönlichkeit nahm in den K-Gruppen mit ihren Kritik-und-Selbstkritik-Ritualen systematische Züge an:

„Entweder hatte der Delinquent Glück, dann wurde über seine politische Arbeit gesprochen, hierzu Passendes aus dem Privatleben lobend erwähnt. Das hatte den Charakter von Konfirmation oder Ordensvergabe – Weihrauch eingeschlossen. Oder er hatte Pech: Aggressionen entluden sich in Unterstellungen, inquisitorisch und auf schmerzende Wirkung abzielend. Dann war das Ganze wie eine Demontage, auch in der Intimsphäre wurde Unpassendes entdeckt – der Bedauernswerte wurde geknetet, bis er für jede Reue weich war. […] Unfähig, die Beziehungen solidarisch zu gestalten, weil Solidarität nur als Solidarität mit politischen Ansichten, aber nicht mit Individuen verstanden wurde, wurden die Bedürfnisse der Einzelnen mißachtet.“ ([1], S. 83)

Dabei konnte sich die Organisation oft genug auf charakterliche Dispositionen bei ihren Opfern stützen, die es ihnen erlaubte, deren Persönlichkeit zu zerbrechen. Damit wir uns richtig verstehen: Es geht nicht darum, die Opfer für ihre eigene Unterwerfung verantwortlich zu machen. Dennoch ist es frappant, wie viele der Erfahrungsberichte davon berichten, wie ihr Eintritt in die Organisation durch eine persönliche Krise motiviert wurde, die das Selbstbewußtsein der Betroffenen angeknackst hatte. Nur ein Beispiel:

„In der Zeit lernte ich Sylvia kennen. Und das war irgendwie sehr entscheidend für mich, Tochter von einem Unternehmer, der Vater war Hauptaktionär oder so was. […] Wir wollten zusammenziehen und alles. Das war eine sehr romantische Zeit. […] Und dann kriegte ich einen Brief von ihr, das war ein ziemlich kaputter Brief, unheimlich vorwurfsvoll – da bin ich ausgerastet, ich war einfach geschafft. Dann hab ich alles negativ gesehen, nur noch das Schlechte der Welt, ich hätte vielleicht heulen sollen. Ich hab das aber dann sofort verdrängt, hab mir gesagt: »Siehste – ne Tochter der Bourgeoisie. Was hast du anderes erwartet? Die mußt du jetzt bekämpfen.« Innerhalb von zwei Stunden – ungefähr – hab ich den Kampf aufgenommen mit dem kapitalistischen Weltsystem – das war ein richtig harter Entschluß.“ ([1], S. 10)

Nicht bei allen ist der Übergang so krass, aber was in den Beschreibungen immer wieder auftaucht ist die Situation, daß das bisherige soziale Umfeld wegbricht, oft durch einen Wechsel in eine neue Stadt, daß die neue Tätigkeit oder das Studium als Überforderung empfunden wird, daß man sich auf einem psychischen Tiefpunkt befindet. Und in diesem Moment scheint einem die politische Sekte einen Ausweg aus der Sinnkrise zu weisen.

Tatsächlich aber macht die Sekte nichts dergleichen, sondern verschärft das Problem. Sie bindet diejenigen, die in ihren Strukturen Schutz suchen, dadurch, daß sie sie noch weiter von jeden Außenkontakten abschotten und einem Wechselbad von (seltenen) Belohnungen und (häufigen) Demütigungen aussetzen. Perverserweise sind es dann gerade die Demütigungen, die die Individuen an die Organisation ketten: Sie untergraben das bereits geschwächte Selbstbewußtsein, das diese überhaupt in die Fänge der Sekte getrieben haben, noch weiter. Die Opfer dieser Strategie, die sich selbst als ungenügend empfinden, versuchen nur noch mehr, den Ansprüchen der Organisation zu genügen. Das gelingt natürlich nicht, was dann immer tiefer in den Teufelskreis hineinführt. Die Trennung, falls sie dann doch irgendwann vollzogen wird, erweist sich für die meisten Betroffenen als traumatisierend:

„Dieses schlechte Gewissen, was sich noch lange danach in Träumen offenbart hat: da triffst du die Genossen wieder. Die stehen da und fragen: »Was ist mit dir? Wir müssen dich jetzt bekämpfen.« Ja und du siehst in den Träumen Demonstrationen an dir vorbeiziehen, an denen du nicht mehr teilnehmen kannst und auch nicht mehr sollst. Und nicht mehr darfst, weil du Angst haben mußt. Also Angst vor dieser Organisation, aber eine moralische: schlechtes Gewissen.“ ([1], S. 9)

Nun mag es den Anschein haben, daß derartige Praktiken längst vergangen sind, daß das heutige politische Sektenunwesen nicht mit den maoistischen K-Gruppen vergleichbar ist. Doch dem ist keineswegs so. Die sich als antirassitisch verstehende Gruppe Reclaim Society! berichtete letztes Jahr stolz im Netz:

„Innerhalb des rs! Projekts »reclaim your voice« sind u.a. einige weiße zwischen November 2010 und Juli 2012 in Lager gegangen und haben dort mit Kindern und Jugendlichen Theaterkurse konzipiert und geteamt. Durch das »freie« Rein- und Rausbewegen aus den Lagern haben die weißen ihre Privilegien der Bewegungsfreiheit vorgeführt. Außerdem wurden durch das Teamen der Kurse Bilder von weißer Autorität und somit Überlegenheit re_produziert. Die weißen haben dadurch gewaltvolle Erfahrungen von weißer Herrschaft geschaffen. Ab Frühjahr 2011 wurde dies von PoC [People of Colour; Sektensprache für Nicht-Weiße] und Roma Mitgliedern von rs! markiert, während weiße dazu schwiegen. Nur durch das Markieren durch PoC und Roma, haben die weißen realisiert, dass sie – bewusst oder unbewusst – kontinuierlich Gewalt ausüb(t)en. Die weißen konnten nur durch den Widerstand von PoC und Roma zu Halt gebracht werden. Es war eine Herausforderung für die weißen den Widerstand zu akzeptieren, was zu langen, jedoch bereichernden und fortwährenden politischen Prozessen geführt hat, von denen weiße bis heute profitieren.“ ([3])

Mit anderen Worten: Die sado-masochistischen Unterwerfungsrituale, die ich anhand der K-Gruppen beschrieben habe, feiern fröhliche Urständ in Gruppen, die sich angeblich emanzipatorische Ziele auf’s Panier geschrieben haben.

Angesichts dieses deprimierenden Befundes ist es vielleicht ganz gut, wenn wir nächste Woche die schnöde Gegenwart verlassen und bis ins 18. Jahrhundert zurückgehen. Freuen Sie sich also darauf, daß Jürgen Habermas schreibt:

„Rousseau entwirft die unbürgerliche Idee einer penetrant politischen Gesellschaft, in der die autonome Privatsphäre, die vom Staat emanzipierte bürgerliche Gesellschaft, keinen Platz hat.“ ([2], S. 120)

Nachweise

[1] Autorenkollektiv, Wir warn die stärkste der Partein… Erfahrungsberichte aus der Welt der K-Gruppen, Berlin 1977.

[2] Habermas, J., Strukturwandel der Öffentlichkeit, Neuwied und Berlin 1975.

[3] Reclaim Society!: „Positionspapier“, URL: http://reclaimsociety.wordpress.com/2012/08/22/positionspapier-von-reclaim-society/, abgerufen am 5. Juli 2013.

Written by alterbolschewik

5. Juli 2013 at 15:19

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