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Öffentlichkeit und Filterblasen (6)

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Die Entstehung der bürgerlichen Öffentlichkeit

„Eine gemeinsame Welt verschwindet, wenn sie nur noch unter einem Aspekt gesehen wird; sie existiert überhaupt nur in der Vielfalt ihrer Perspektiven.“

Hannah Arendt

Ich gestehe: Ich habe getrickst. In der Diskussion über Filterblasenphänomene habe ich so getan, als gäbe es eine einfache Entscheidung zwischen der Teilnahme an einem öffentlichen Diskurs und der Einigelung in die Hermetik einer Filterblase. Als typisches Beispiel für letzteres hatte ich die maoistischen K-Gruppen der 70er Jahre angeführt, deren Schatten bis in die Gegenwart reiche. Als Gegenentwurf dazu galt die griechische Agora. Dort handelten die Bürger der griechischen Stadtstaaten, der Poleis, die Angelegenheiten aus, die das Gemeinwesen betrafen.

Leider ist dieses schöne Schwarzweißbild so nicht aufrecht zu erhalten. Öffentlichkeit scheint eine recht einfache Kategorie zu sein, doch in der historischen Rückschau erweist sie sich als außerordentlich vertrackt. Und damit meine ich nicht das bereits angeschnittene Problem, daß die direkte Kommunikation von Bürger zu Bürger, die auf dem dafür vorgesehenen öffentlichen Platz stattfindet, nur in kleinen, überschaubaren Gemeinwesen praktikabel ist.

Denn selbst dort, wo die politische Öffentlichkeit geboren wurde, in Athen, war diese von vornherein beschädigt: Sie war keineswegs inklusiv, sondern außerordentlich exklusiv. Hannah Arendt hat das anhand von Aristoteles‘ berühmten Charakterisierung des Menschen beschrieben, in der dieser als zoon politikon, als politisches Tier beschrieben wird:

„Aristoteles meinte weder, den Menschen wirklich zu definieren, noch die in seinem Sinne höchste menschliche Fähigkeit zu bestimmen, denn diese war für ihn nicht der Logos, das Reden und redende Argumentieren und argumentierende Denken, sondern der νους, die Fähigkeit der Kontemplation […]. Was man gemeinhin für die berühmte Definition des Menschen durch Aristoteles hält, ist in Wahrheit nur die artikulierte und begrifflich geklärte Wiedergabe der geläufigen Meinung der Polis über das Wesen des Menschen, sofern er ein Polisbewohner und politisch ist; denn gemäß dieser Meinung waren die, welche nicht Bürger einer Polis waren – Sklaven und Barbaren –, ἄνευ λόγου, ohne Logos, was natürlich nicht heißt, daß sie nicht sprechen konnten, wohl aber , daß ihr Leben außerhalb des Logos verlief, daß das Sprechen als solches für sie ohne Bedeutung war […].“ ([1], S. 37)

Und man kann noch hinzufügen: Neben Sklaven und Barbaren entsprachen auch die Frauen nicht der Definition des zoon politikon. Die freie, öffentliche Rede über das Gemeinwesen war den Familienvorständen vorbehalten, alle anderen hatten keine Stimme in der Öffentlichkeit. Die Frage nach der Öffentlichkeit muß also immer auch als Frage gestellt werden, wer denn das Recht hat, in der Öffentlichkeit seine Stimme zu erheben.

Vor diesem Problem stand zum Beginn der Neuzeit auch das Bürgertum, das zwar langsam über ökonomische Macht verfügte, aber eben aus der damaligen Öffentlichkeit ausgeschlossen war. Diese war eine repräsentative Öffentlichkeit, die Öffentlichkeit der absolutistischen Höfe. Wenn sich die absolutistische Macht in der Öffentlichkeit darstellte, dann wurde das Volk zur Staffage, zum bloß passiven Publikum degradiert:

„Mademoiselle de Scudéry berichtet in ihren »Conversations« von den Anstrengungen der großen Feste; sie dienten nicht so sehr dem Pläsir der Teilnehmer als der Demonstration der Größe, eben der grandeur ihrer Veranstalter – das Volk, das nichts als zuschauen brauchte, habe sich am besten unterhalten.“ ([2], S. 23)

Diese repräsentative Öffentlichkeit, mittels derer sich der absolutistische Herrscher und seine Entourage als Verkörperung des Gemeinwesens inszenierten, hatte mit der Öffentlichkeit der griechischen Polis, die auf Rede und Gegenrede beruhte, nichts mehr zu tun. Oder nur insofern, daß sie in noch viel höherem Maße auf Ausschlußmechanismen beruhte. Bürgerliche hatten zu dieser Öffentlichkeit nur bei besonderen Gelegenheiten und dann auch nur akklamierend Zugang.

Parallel zu dieser repräsentativen höfischen Öffentlichkeit entwickelte sich jedoch eine neue, reichlich paradoxe Form der Öffentlichkeit, die in einem Zwischenreich zwischen dem politischen und dem privaten Raum angesiedelt war. Die antike Polis kannte nur zwei Räume, den öffentlichen Raum der Polis und den privaten Raum des oikos, der Hauswirtschaft. Im Bereich des oikos herrschte das Familienoberhaupt unbeschränkt, hier kommandierte er die produktiven Tätigkeiten, die von Sklaven und Frauen ausgeübt wurden. Im öffentlichen Raum der Polis mußte er sich rational mit Ebenbürtigen auseinandersetzen:

„Politisch zu sein, in einer Polis zu leben, das hieß, daß alle Angelegenheiten vermittels der Worte, die überzeugen können, geregelt werden und nicht durch Zwang und Gewalt. Andere durch Gewalt zwingen, zu befehlen statt zu überzeugen, galt den Griechen als eine gleichsam präpolitische Art des Menschenumgangs, wie er üblich war im Leben außerhalb der Polis, also im Umgang mit den Angehörigen des Hauses und der Familie, über welche das Familienoberhaupt despotische Macht ausübte.“ ([1], S. 36f)

Dieser klaren Scheidung zwischen Politik – als der öffentlichen, diskursiven Sphäre – und Ökonomie – der privaten, häuslichen Sphäre – in der Welt der Griechen zerbricht in der Neuzeit an der Entwicklung der Produktivkräfte. In dem Maße, in dem die Produktion nicht mehr Subsistenzproduktion des Haushaltes ist, sondern zunehmend Produktion für einen Markt, entwickelt sich zwischen der privaten Sphäre der Haushalte und der repräsentativen Öffentlichkeit der Höfe etwas neues: Die bürgerliche Gesellschaft. Und diese bürgerliche Gesellschaft geht einher mit einer neuen Form der Öffentlichkeit.

Wesentliches Merkmal dieser bürgerlichen Öffentlichkeit ist, daß sie keine unmittelbare Öffentlichkeit mehr ist – wie die der Polis oder auch des absolutistischen Hofes – , sondern medial vermittelt. Und das Leitmedium dieser Öffentlichkeit war die Zeitung beziehungsweise die Zeitschrift. Bürgerliche Öffentlichkeit ist erst einmal die Öffentlichkeit eines privaten Lesepublikums. Die Zeitungen dienen dem Austausch von Informationen und Meinungen ebenso wie der Markt dem Austausch von Waren dient. Tatsächlich hingen die Märkte und die Zeitungen ursprünglich sehr eng miteinander zusammen. Als im 17. Jahrhundert die ersten Zeitungen erschienen, stützten diese sich auf das Netz von Privatkorrespondenzen, das die bürgerlichen Kaufleute aufgebaut hatten:

„Die Privatkorrespondenzen enthielten damals eingehende und weltläufige Nachrichten von Reichstagen und Kriegsereignissen, von Ernteerträgen, Steuern, Edelmetalltransporten, vor allem natürlich Nachrichten aus dem internationalen Handelsverkehr. Aber nur ein Rinnsal dieses Nachrichtenstroms dringt durch das Filter dieser »geschriebenen« Zeitungen bis in jene gedruckten Zeitungen. Die Bezieher der Privatkorrespondenzen hatten kein Interesse daran, daß deren Inhalt publik wurde. Deshalb sind die politischen Zeitungen nicht für die Kaufleute da, sondern umgekehrt die Kaufleute für die Zeitungen.“ ([2], S. 34f)

Diese virtuelle Öffentlichkeit bedruckten Papiers brachte recht schnell halböffentliche Orte hervor, in denen über die Inhalte dieser Zeitungen und Zeitschriften von Angesicht zu Angesicht diskutiert wurde: Das Kaffeehaus und den Salon. Mitte des 17. Jahrhunderts war in London das erste Kaffeehaus gegründet worden, zu Beginn des 18. Jahrhunderts gab es bereits 3000 davon ([2], S. 48):

„Die Zeitungsartikel werden vom Kaffeehauspublikum nicht nur zum Gegenstand ihrer Diskussionen gemacht; das zeigt die Flut von Zuschriften, aus der die Herausgeber wöchentlich eine Auswahl abdrucken. Die Leserbriefe erhalten […] eine eigene Institution: an der Westseite von Button’s Kaffeehaus wird ein Löwenkopf angebracht, durch dessen Rachen der Leser seine Briefe einwirft.“ ([2] , S. 59)

Die Pariser Salons funktionieren etwas anders als die Londoner Kaffeehäuser, dienen aber dem selben Zweck, der halböffentlichen Diskussion der literarischen Produktion:

„Waren die Salons auch unter Philipp zunächst noch Stätten eher der galanten Vergnügungen als der gescheiten Diskurse, so verbinden sich doch bald mit den Diners die Diskussionen. Diderots Unterscheidung zwischen Schriften und Reden macht die Funktionen der neuen Sammelpunkte deutlich. Kaum einer der großen Schriftsteller des 18. Jahrhunderts hätte seine wesentlichen Gedanken nicht zuerst in solchen discours, eben in Vorträgen vor den Akademien und vor allem in den Salons zur Diskussion gestellt.“ ([2], S. 49)

Es sind diese halböffentlichen Diskussionen, sei es im Kaffeehaus, sei es im Salon, in denen die bürgerliche Öffentlichkeit langsam die private Meinung zu einem politischen Allgemeinwillen verdichtet.

Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn wir die Gegenstände dieser Diskussionen näher beleuchten und Jürgen Habermas schreibt:

„In den Institutionen der Kunstkritik, Literatur-, Theater- und Musikkritik einbegriffen, organisiert sich das Laienurteil des mündigen oder zur Mündigkeit sich verstehenden Publikums.“ ([2], S. 57)

Nachweise

[1] Arendt, H., Vita activa oder Vom tätigen Leben, München / Zürich 2003.

[2] Habermas, J., Strukturwandel der Öffentlichkeit, Neuwied und Berlin 1975.

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Written by alterbolschewik

12. Juli 2013 um 15:52

Veröffentlicht in Öffentlichkeit

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