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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Die Eroberung der Öffentlichkeit (1)

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„Die Frau hat das Recht, das Schafott zu besteigen, gleichermaßen muß ihr das Recht zugestanden werden, eine Rednertribüne zu besteigen.“

Olympe de Gouges, Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin, 1791

Was bisher geschah: Bevor ich einen kurzen Exkurs zur ästhetischen Form eingeworfen habe, ging es hier im Blog zwei Monate lang um Öffentlichkeit und Filterblasen. Ausgangspunkt war das Phänomen eines bestimmten aktuellen Feminismus‘. Dieser zeichnet sich dadurch aus, daß er sich von der öffentlichen Auseinandersetzung verabschiedet. Die Protagonistinnen ziehen sich in „safe places“ zurück, um sich dort unter ihresgleichen gegenseitig vorzujammern, wie schlecht doch die Welt ist. Jeder Kontakt mit einer Öffentlichkeit, die nicht völlige Übereinstimmung mit der eigenen Weltwahrnehmung signalisiert, wird nicht als ein Versuch, zu einem gemeinsamen Verständnis zu kommen, sondern als Aggression interpretiert, auf die dann selbst wieder mit Aggression (selten) oder aber mit Rückzug in die eigene Filterblase (häufig) reagiert wird.

Ich bin dann einen Schritt zurückgetreten um zu zeigen, daß dieses Phänomen keineswegs auf diese Gruppe beschränkt ist, sondern daß sich Anfang der 70er Jahre ähnliche Strukturen bei den maoistischen K-Gruppen, die nun wirklich nicht des Feminismus verdächtig waren, herausbildeten. Darauf erfolgte dann ein ganz großer historischer Rücksprung, um in groben Zügen die Entstehung politischer Öffentlichkeit zu skizzieren: Sie entstand ursprünglich in der griechischen Polis, wurde dann während der Renaissance wieder neu aufgelegt um dann ab dem 17. Jahrhundert im Großen und Ganzen die Gestalt anzunehmen, die wir heute kennen: Eine publizistische Öffentlichkeit, die die politische Organisierung der Bürger begleitet.

Mit dem heutigen Blogtext beginne ich eine neue Serie, die aber an diese Diskussion nahtlos anknüpft: Der Kampf von Frauen um diese politische Öffentlichkeit. Der Schwerpunkt wird dabei auf der Frauenbewegung liegen, die sich ab den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelte. Doch diese ist nicht zu verstehen, wenn man sich nicht die historische Entwicklung vor Augen führt. Denn der Kampf von Frauen dafür, sich öffentlich artikulieren zu können und in dieser Öffentlichkeit ernst genommen zu werden, war und ist eine zähe Angelegenheit, die vor über zweihundert Jahren begann und bis heute keineswegs abgeschlossen ist.

Kehren wir deshalb noch einmal zur ursprünglichen Form politischer Öffentlichkeit zurück, zur griechischen Polis. Die freien und gleichen Bürger, die sich dort über das Gemeinwohl auseinandersetzten, waren Männer. Ausgeschlossen aus dieser Öffentlichkeit waren explizit Sklaven, Frauen und Kinder. Über diese, so begründet Aristoteles in seiner Politik, übt der Haushaltsvorstand Macht aus. Was die Griechen über die Barbaren erhebe, sei die Differenzierung in der Machtausübung:

„Wenn aber bei den Barbaren Weib und Sklave dieselbe Stellung haben, so liegt der Grund hiervon darin, daß ihnen überhaupt dasjenige fehlt, was von Natur zum Regieren bestimmt ist, vielmehr die Gemeinschaft hier nur die Verbindung einer Sklavin mit einem Sklaven ist.“ ([1], S. 9)

Dennoch teilen für Aristoteles, trotz aller feinen Unterschiede, die Frauen zumindest in politischer Hinsicht das Schicksal der Sklaven:

„Es steht nämlich dem Manne zu, sowohl die Frau wie die Kinder zu regieren, und zwar beide Teile als Freie […]. Denn der Mann ist von Natur mehr zur Leitung geschickt als das Weib (was nicht ausschließt, daß das Verhältnis sich hie und da auch wider die Natur gestaltet).“ ([1], S. 31)

Als sich mit dem Aufstieg des Bürgertums erneut eine politische Öffentlichkeit herausbildete, wurde an dieser patriarchalen Weltsicht nicht gerüttelt. Das Recht, in der politischen Öffentlichkeit aufzutreten, wahr- und ernstgenommen zu werden, wurde zunächst nur dem männlichen Besitzbürgertum zugestanden. Frauen hatten in der Öffentlichkeit nichts verloren, ihnen wurde die Sorge um das Heim zugeordnet, öffentliche Angelegenheiten hatten sie nicht zu interessieren. Allerdings mit einer Ausnahme: Karitative Aufgaben konnten von Frauen auch in der Öffentlichkeit ausgeübt werden – was wieder mit der männlichen Sichtweise auf die Frauen zu tun hatte. Da ihnen in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung die alleinige Aufgabe der Kinderaufzucht aufgezwungen worden war, gehörte es zur gesellschaftlichen Ideologie, daß Frauen von Natur aus das sorgende und mitfühlende Geschlecht seien – eine Ideologie, die durchaus auch von vielen Frauen geteilt wurde.

Doch dieser kleine öffentliche Bereich, der den Frauen zugestanden wurde, der karitativen Bereich, sollte sich als Einfallstor dafür erweisen, daß Frauen ihre ihnen von der Gesellschaft als „natürlich“ vorgestellte Rolle in Frage stellten. Denn die Sorge um die Mühseligen und Beladenen, die die Männer großzügig den Frauen als Aufgabenbereich zugestanden, brachte die Frauen in Kontakt mit einem gesellschaftlichen Problem, das einen Prozeß des Nachdenkens in Gang setzte: Die Sklaverei.

1785 reichte die französische Autorin Olympe de Gouges bei der Comédie Française ein Theaterstück namens Zamore et Mirza, ou l’heureux naufrage (Zamore und Mirza, oder Der glückliche Schiffbruch) ein:

„Es ist – wie fast alle ihre Stücke – ein politisches Tendenzdrama, das der Emanzipation der Neger dienen soll. Die organisierten Sklavenhalter lassen die Premiere (1790) zu einem Skandal werden und prügeln sich mit den Anhängern der Abschaffung der Sklaverei. Das Stück muß nach wenigen Aufführungen abgesetzt werden.“ ([2])

Als dann 1791 die erste Verfassung Frankreichs verabschiedet werden soll, empört sich Olympe darüber, daß in dieser Verfassung nur den Männern das Wahlrecht zugestanden werden soll. Mit Wut und Witz verfaßt sie, in Anlehnung an die Erklärung der Menschenrechte – oder der Männerrechte, im Französischen ist das nicht zu unterscheiden – ihre Erklärung der Frauenrechte. Deren erster Artikel hebt an mit dem Satz:

„Die Frau wird frei geboren und bleibt dem Manne ebenbürtig in allen Rechten.“ ([3], S. 141)

Diesen Zusammenhang zwischen dem Kampf für die Abschaffung der Sklaverei und dem für Frauenrechte findet sich auch in den USA. Sarah Moore Grimké bekämpfte zuerst die Sklaverei, bevor sie 1873 mit ihren Letters on the Equality of the Sexes and the Condition of Women (Briefe über die Gleichheit der Geschlechter und die Lage der Frauen) auch für sich und ihr Geschlecht politische Rechte einforderte.

In den Sklaven konnten die Frauen ihr eigenes Schicksal wiedererkennen und sich ihrer eigenen Lage bewußt werden. Und sie erwarben im Kampf für die Rechte der Sklaven die Fähigkeiten, auch den Kampf in eigener Sache zu führen.

In den USA führte dies dann allerdings nach dem Bürgerkrieg teilweise zu bizarren Auswüchsen. Bei der von Elizabeth Cady Stanton und Susan B. Anthony gegründete National Woman Suffrage Association führte der Vergleich mit den (nun befreiten) Sklaven zu einer recht unappetitlichen Strategie:

„Empört darüber, daß männliche frühere Sklaven und männliche Einwanderer, die neu im Land waren, Rechte zugesprochen erhielten, die ihnen verweigert wurden, verbündete sich Stantons und Anthonys Organisation mit rassistischen und nativistischen Politikern in der Hoffnung, die überwältigende Mehrheit weißer, im Land geborener männlicher Wähler davon zu überzeugen, das Frauenwahlrecht zu unterstützen.“ ([5], S. 4)

Das führte zu einer ersten Spaltung der noch jungen Frauenbewegung.

Nächste Woche geht es weiter. Freuen Sie sich also darauf, daß Edith M. Stern 1949 klarstellt:

„So wie Sklaven im Dienst individueller Herren standen, […] so sind Hausfrauen an den Dienst individueller Familien gebunden. Daß es einer Mutter zufällt, sich um ihre Kinder im hilflosem Säuglings- und Kindesalter zu kümmern – oder zumindest dafür zu sorgen, daß sich jemand um sie kümmert – ist unbestreitbar. Aber nur eine Sklavenpsychologie kann Frauen in den Dienst erwachsener Männer stellen.“ ([4], S. 53f)

Nachweise

[1] Aristoteles, Politik, Reinbek 1965.

[2] Fetscher, I., „Zweimal hingerichtet“, in: Die Zeit, Jg.40 (1987), Nr.11 (6. März 1987), S.49.

[3] de Gouges, O.: „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“, in: Schwarzer, A., So fing es an! Die neue Frauenbewegung, München 1983, S. 141 – 143.

[4] Stern, E. M.: „Women Are Household Slaves“, in: MacLean, N., The American Women’s Movement, 1945 – 2000, Boston und New York 2009, S. 50 – 54.

[5] MacLean, N., The American Women’s Movement, 1945 – 2000, Boston und New York 2009.

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Written by alterbolschewik

23. August 2013 um 15:18

Veröffentlicht in Feminismus

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