shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Eroberung der Öffentlichkeit (2)

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„Taten, nicht Worte!“

Motto der Women’s Social and Political Union

Am 26. April 1914 schreckte die New York Times ihre Leserschaft durch einen Artikel mit dem Titel Bilanz des ersten Jahres der militanten „Terrorherrschaft“. Die Zustände in Großbritannien, so konnte man dem Artikel entnehmen, waren inzwischen unerträglich geworden:

„Die Aktivitäten der Militanten reichten von einem Pfefferwurf auf Premierminister Asquith und dem einer toten Katze auf Augustine Birrell, dem Oberstaatssekretär für Irland, über Brandstiftung der Midland Railway Schuppen in Bradford ($500.000 Sachschaden) bis hin zu dem Versuch, einen Teil der Bank von England in die Luft zu sprengen. […] Die Militanten benutzten bei ihren Aktionen Feuer, Bomben, Minen, Beile, Hämmer, Revolver, Schürhaken, Messer, Knüppel, Steine, Teer, Farbe, Reitgerten, Pferdepeitschen, Hundepeitschen, Regenschirme, stinkende Chemikalien, ätzende Chemikalien, Stacheldrahtfallen für Polizisten, ganz zu schweigen davon, daß sie ihre Fäuste, Nägel, Zehen und Füße als Waffen einsetzten.“ ([2])

Wer waren diese gefährlichen Terroristen? Und warum überzogen sie seit 1913 ganz Großbritannien mit ihrer Terrorherrschaft? Nun, es handelte sich um Frauen, die für ein elementares politisches Recht kämpften: Das Wahlrecht. Weshalb sie, entsprechend dem englischen Wort für Wahlrecht suffrage als Suffragetten bezeichnet wurden. Und der Grund für ihre Militanz war ganz einfach: Eine der führenden Frauen der Suffragetten-Bewegung, Emmeline Pankurst, war am 3. April 1913 zu drei Jahren Haft verurteilt worden.

Pankhurst hatte 1903 mit der Women’s Social and Political Union eine Organisation gegründet, die endgültig die Nase voll hatte, die Männer durch freundliches Zureden dazu zu bringen, ihnen doch das Wahlrecht zuzugestehen. Statt wie bisher üblich, in geschlossenen Sälen Protestversammlungen abzuhalten, eroberten sich die Suffragetten um Pankhurst die Straße. Demonstrationen in der Öffentlichkeit führten schnell zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Der Schutz der führenden Köpfe der Bewegung wurde zu einer Notwendigkeit – tatsächlich verfügte Emmeline Pankhurst über eine Truppe von Jiu-Jitsu-trainierten Leibwächterinnen. Empört berichtete die New York Times:

„Sie kämpften mit Polizisten auf der Straße, in Theatern, in Versammlungsräumen, in Parks, und die Art von Schlachten, die diese »wilden Frauen« – wie so von der englischen Presse bezeichnet werden – zu schlagen in der Lage sind, kann anhand des Faktums beurteilt werden, daß sie am 13. Oktober Miss Silvia Pankhurst körperlich aus den Händen der Polizei befreiten, als jene versuchte, sie ins Gefängnis zu bringen; sie haben ihre Rednertribünen mit Stacheldrahtverhauen umgeben, die sie unter Blumen verbargen, damit die Polizei, wenn sie angriff, sich darin verwickelte und verletzte, wobei sie in ihrem Kampf noch von den Frauen auf der Tribüne getreten wurden.“ ([2])

Tatsächlich wurde der Kampf um das Frauenwahlrecht wohl nirgendwo so militant geführt wie in Großbritannien – während ehemalige britische Kolonien sich als Vorreiter des Frauenwahlrechts profilierten. In den Vereinigten Staaten wurde das Frauenwahlrecht erstmals 1869 in Wyoming eingeführt, andere Bundesstaaten folgten. Auch in Neuseeland (1893) und Australien (1902) erhielten die Frauen dieses elementare politische Recht deutlich früher als Mutterland. In Großbritannien hingegen brach die militante Kampagne für das Frauenwahlrecht mit dem Ausbruch des ersten Weltkrieg zusammen.

Den deutschen Frauen fiel das Wahlrecht im Vergleich dazu eher in den Schoß. Obwohl es auch hier herausragende Persönlichkeiten wie Luise Otto-Peters oder Hedwig Dohm gab und Organisationen wie den Allgemeinen Deutschen Frauenverein (1865) oder den Verein Frauenwohl (1888), blieb die deutsche Frauenbewegung doch deutlich hinter den Aktivitäten der Frauen in anderen Ländern zurück. Als in der Folge des ersten Weltkrieges das Kaiserreich zusammenbrach, wurde das Frauenwahlrecht ohne größere Umstände in die Weimarer Verfassung aufgenommen – und so erhielten es die deutschen Frauen lange vor den kämpferischen Britinnen (1928).

Und Großbritannien war nicht das schlimmste Beispiel: Ausgerechnet Frankreich, wo Olympe de Gouge die Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin verfaßte und wo die schnell niedergeschlagene Pariser Commune von 1871 kurzfristig das Frauenwahlrecht einführte, sollte es bis zur Beendigung des zweiten Weltkrieges dauern, daß die Frauen als gleichberechtigte Bürgerinnen akzeptiert wurden. Erst die Verfassung der 4. Republik aus dem Jahr 1944 erlaubte es ihnen zu wählen.

Dennoch: Von einigen unrühmlichen Ausnahmen wie der Schweiz abgesehen (1971), war mit dem Ende des 2. Weltkrieges zumindest in den sogenannten westlichen Staaten dieses wichtige Ziel der internationalen Frauenbewegung erreicht: Frauen hatten zumindest formal die selben politischen Rechte wie die Männer.

Etwas schneller ging es mit dem zweiten wichtigen Thema der ersten Frauenbewegung: Diskriminierungsfreier Zugang zur Bildung. Frauen sollten die selben Bildungschancen besitzen wie Männer. Hier ging es insbesondere um das Recht auf höhere Schulbildung und schließlich Zugang zu den Universitäten. Interessanterweise war auf diesem Gebiet die politisch reaktionäre Schweiz federführend, wo die Universität Zürich bereits 1840 Hörerinnen zuließ. Spätestens in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen war dann für Frauen prinzipiell das Recht gegeben, sich an einer Universität zu immatrikulieren und dort einen Abschluß zu machen.

Damit hatte sich die erste Frauenbewegung in einem langen, zähen Kampf wesentlichen Bereiche der Öffentlichkeit zumindest formal erobert. Daß dann immer noch die Männer meinten, ihren Frauen sagen zu können, was sie zu wählen haben, und daß die Eltern immer noch eher den geistig minderbemittelten Sohn auf die Universität schickten statt die kluge Tochter, steht auf einem anderen Blatt. Aber rein formal waren mit dem Ende des zweiten Weltkriegs auch die wesentlichen Ziele der ersten Frauenbewegung erreicht: Rein formal waren die Frauen nun gleichberechtigt.

Und so konnten in der Nachkriegszeit diese lange andauernden, harten Kämpfe um die Gleichberechtigung der Frauen aus der Erinnerung verschwinden. Die Suffragetten etwa, wenn man sich überhaupt noch an sie erinnert, sind im kollektiven Gedächtnis bestenfalls als Witzfiguren präsent, als dicke Frauen in Slapstickfilmen, die Polizisten mit dem Schirm auf den Kopf hauen. In den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts geriet das feministische Erbe der ersten Frauenbewegung komplett in Vergessenheit.

Und so können Sie sich nächste Woche gespannt sein, was daraus folgt, wenn Nancy Friedan 1963 bitter konstatiert:

„Für die nach 1920 geborenen Frauen ist die Frauenfrage tote Geschichte. Als lebendige Bewegung fand sie in Amerika ihr Ende, als das letzte Recht errungen war: das Wahlrecht.“ ([1], S. 66)

Nachweise

[1] Friedan, B., Der Weiblichkeitswahn oder Die Selbstbefreiung der Frau, Reinbek 1970.

[2] New York Times, 26. April 1914: „First Year’s Record of Militant »Reign of Terror«“.

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Written by alterbolschewik

30. August 2013 um 15:13

Veröffentlicht in Feminismus

2 Antworten

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  1. @“ In den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts geriet das feministische Erbe der ersten Frauenbewegung komplett in Vergessenheit.“ —- So ganz stimmt das nicht. Ich kann mich zumindest daran erinnern, dass der Begriff „Sufragetten“ in den 1970ern noch verwendet wurde und sich noch in den 1990ern ein Frauenzusammenhang“Blaustrumpf“ nannte.

    che2001

    31. August 2013 at 23:00

  2. Das widerspricht dem nicht. Ab den 70er Jahren wurde dann dieses Erbe mühsam wieder entdeckt, was ein langwieriger – und so, wie ich sehe – bis heute nicht abgeschlossener Prozess ist, besonders hier in Deutschland. Zumindest in den angelsächsischen Ländern ist die Geschichte der Frauenbewegung viel besser erforscht als hierzulande. Ich muß gestehen, daß ich bei der Recherche etwas schockiert war, wie dünn in Deutschland die Literatur zur Frauenbewegung ist (ganz zu schweigen dann von der Literatur zur Homosexuellenbewegung in Deutschland – da gibt es praktisch überhaupt nichts).

    alterbolschewik

    31. August 2013 at 23:15


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