shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Archive for September 2013

Frauenbewegung in der BRD (1)

leave a comment »

„Wir hatten nicht im Entferntesten die Vorstellung, dass wir Opfer sein könnten, sondern ganz im Gegenteil, wir wollten ausprobieren, welche Macht wir haben.“

Helke Sander

Ich habe den Titel der Serie geändert. Nicht, weil es nicht länger um die Eroberung der Öffentlichkeit ginge. Sondern weil das Thema, je mehr ich mich hinein vertiefe, immer komplexer wird. Eigentlich hatte ich nur vor, die Geschichte der Frauenbewegung in groben Umrissen zu skizzieren. Ich wollte zeigen, daß es den Frauen während der ersten beiden Wellen des Feminismus darum ging, aus der Privatheit der Familie und des Haushalts herauszutreten, um in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden und sich damit zu politischen Wesen zu emanzipieren. Dadurch wollte ich den Gegensatz zu einer kleinen, aber bestimmenden Fraktion der sogenannten „dritten Welle“ des Feminismus aufzeigen, die sich in die Privatheit von „safe places“ zurückzieht, um sich in esoterischer Sprache gegenseitig zu versichern, wie schlecht doch die Welt sei und um ihre realen oder eingebildeten Wunden zu lecken.

Doch mit der „groben Skizze“ der bundesrepublikanischen Frauenbewegung ist es Essig. Ich hatte in meiner Naivität gedacht, daß ich mir das Standardwerk zur BRD-Frauenbewegung besorge und dazu noch ein paar Quellentexte durcharbeite. Damit, so dachte ich, sollte ich genug Material haben, um in ein paar Folgen darstellen zu können, wie ab der zweiten Hälfte der 60er Jahre Frauen ihre Stimmen erhoben, um zusehends in der Öffentlichkeit als politische Wesen, als Bürgerinnen, wahrgenommen zu werden. Dieser Plan hatte nur einen Haken: Es gibt kein Standardwerk zur BRD-Frauenbewegung.

In nunmehr eineinhalb Jahrzehnten Gender-Studies hat es der akademische Feminismus in der BRD nicht fertiggebracht, seine eigenen Wurzeln so zu erforschen. Es gibt keinen vernünftiger Abriß dieser Geschichte, der in Buchform vorläge. Es ist wirklich erschreckend, wenn eine Disziplin, die ihre ultima ratio in der Binsenweisheit findet, gesellschaftliche Verhältnisse seien keine naturwüchsigen Gegebenheiten, sondern historisch geworden, wenn ausgerechnet eine solche Disziplin sich keinen Deut um ihre eigene Vergangenheit zu kümmern scheint.

Wenn ich es richtig sehe – und ich lasse mich gerne von meiner Leserinnenschaft eines besseren belehren – liegen gerade einmal zwei größere Arbeiten vor, die sich wissenschaftlich und detailliert mit der BRD-Frauenbewegung beschäftigen. Zum einen gibt es das Buch von Ilse Lenz mit dem Titel Die Neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied ([4]). Doch das ist im wesentlichen eine kommentierte Quellensammlung, keine fortlaufende Gesamtdarstellung. Und dann gibt es noch von Kristina Schulz Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich 1968–1976 ([3]). Bei dieser Arbeit ist das Problem, daß Schulz sich übernimmt. Nicht nur will sie, wie aus dem Titel ersichtlich, die Bewegungen in der BRD und Frankreich vergleichen; sondern sie will dazu auch noch einen theoretischen Überbau liefern, wodurch sie dann im Morast des soziologischen Kauderwelschs der Bewegungsforscher um Dieter Rucht versackt. Statt aus der Darstellung der realen Bewegung die Theorie zu entwickeln, stülpt sie der realen Geschichte ein Kategoriengerüst über, das nichts erhellt, aber durch den Jargon die Lektüre zur Qual macht. Tatsächlich ist das Brauchbarste an Schulz‘ Buch das Literaturverzeichnis.

Deshalb – weil es keine Gesamtdarstellung der Frauenbewegung in der BRD gibt – werde ich mich in den folgenden Wochen und, ich fürchte, Monaten, etwas genauer mit dieser Geschichte beschäftigen, und zwar über die Frage der Öffentlichkeit hinaus. Denn diese Geschichte ist hochspannend, oft überraschend und verdient es, in einiger Ausführlichkeit erzählt zu werden. Ich weiß noch nicht genau, wie weit ich diese Geschichte verfolgen werde – irgendwo zwischen Mitte und Ende der 70er Jahre werde ich wohl einen Schnitt machen – spätestens die Gründung der GRÜNEN und die Hoffnungen, die die Frauenbewegung in diese Partei setzte, sollen andere erzählen. Doch bis dahin ist es ein langer Weg.

Und dieser Weg begann nicht, wie es immer kolportiert wird, am 13. September 1968 auf der 13. Delegiertenkonferenz des SDS in Frankfurt am Main. Damals hielt Helke Sander ihre berühmte Rede, in der sie gleich zu Beginn den Anspruch der Frauen, als politische Wesen ernstgenommen zu werden, formulierte:

„Wir verlangen, daß unsere Problematik hier inhaltlich diskutiert wird. Wir werden uns nicht mehr damit begnügen, daß den Frauen gestattet wird, auch mal ein Wort zu sagen, das man sich, weil man ein Antiautoritärer ist, anhört, um dann zur Tagesordnung überzugehen.“ ([2], S. 39)

Und sie schloß mit den Worten:

„Genossen, wenn ihr zu dieser Diskussion, die inhaltlich geführt werden muß, nicht bereit seid,dann müssen wir allerdings feststellen, daß der SDS nichts weiter ist, als ein aufgeblasener konterrevolutionärer Hefeteig.
Die Genossinnen werden dann die Konsequenzen zu ziehen wissen.“ ([2], S. 43)

Die unmittelbaren Konsequenzen waren dann bekanntlich die, daß sich Sigrid Rüger dazu genötigt sah, das Podium mit Tomaten zu bewerfen, weil die Veranstalter tatsächlich einfach zur Tagesordnung übergehen wollten. Und diese Geschichte gilt allgemein als der Beginn der Frauenbewegung in der BRD.

Doch bei der Nacherzählung dieser Geschichte wird in der Regel etwas Wesentliches vergessen, nämlich zu erwähnen, was eigentlich die Problematik war, die Sander in ihrer Rede thematisierte. Denn Sander ging es keineswegs nur darum, daß Frauen im SDS nichts zu sagen hätten, daß sie quasi als Sekretärinnen der Revolution darauf reduziert würden, Flugblätter abzutippen und Kaffee zu kochen. Das war für Sander bestenfalls ein Nebenaspekt. Im Kern war ihr Beitrag keiner, der quer zur Thematik der SDS-Delegiertenkonferenz stand. Vielmehr zielte er direkt ins Herz der Debatten. Denn der SDS steckte in einer Krise.

Seit der Ermordung Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 war der SDS sprunghaft gewachsen und seine organisatorischen Strukturen waren den Entwicklungen des letzten Jahres nicht gewachsen gewesen. Zudem waren die letzten Kampagnen des SDS – die Kampagne gegen die Notstandsgesetze und die Springerkampagne – spektakuläre Flops gewesen. Es mußte deshalb eine inhaltliche und organisatorische Neuorientierung her. Und was Helke Sander in ihrer Rede vortrug war nicht mehr und nicht weniger als ein konstruktiver Vorschlag, um aus dieser Krise herauszukommen.

Um aber zu verstehen, was genau dieser Vorschlag war und vor allem, auf welchen Erfahrungen er gründete, müssen wir an den Beginn des Jahres 1968 zurückgehen. Helke Sander war damals – was zunächst nicht ungewöhnlich klingt – Studentin an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB). Tatsächlich hatte Sander, die 1937 geboren wurde, zu diesem Zeitpunkt bereits ein Schauspielerinnenausbildung absolviert, war verheiratet und hatte einen Sohn, war mit ihrem Mann nach Finnland ausgewandert, hatte dort Germanistik und Psychologie studiert, war dann in Helsinki ans Theater gegangen und hatte dort erfolgreich als Regisseurin gearbeitet. Mitte der 60er Jahre kehrte sie nach Berlin zurück, arbeitete zunächst als Sekretärin und bewarb sich dann als Studentin an der DFFB. Wohl zurecht merkte sie 2001 an:

„Später ist mir klar geworden, dass ich mich mit dem, was ich damals schon künstlerisch vorzuweisen hatte, auch als Lehrerin hätte bewerben können statt als Studentin.“ ([1], S. 162)

Die allgemeine Politisierung und die spezielle Politisierung am DFFB rissen sie mit und sie engagierte sich in der Springer-Kampagne des SDS. Diese Kampagne wurde von verschiedenen Arbeitskreisen vorbereitet, die sich den Springer-Konzern aus verschiedenen Blickwinkeln vornahmen. Sander fiel allerdings auf, daß bei all den Aspekten, die die Springer-Kampagne zu berücksichtigen suchte, einer fehlte.

Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn Sie erfahren, welche Konsequenzen sich aus dem folgenden ergaben:

„Um die Kritik an Springer nachvollziehen zu können, habe ich regelmäßig die »Bild-Zeitung« und die »Welt« gelesen. Dabei fiel mir auf, dass vom SDS ein wichtiger Arbeitskreis vergessen worden war. Denn in vielen Artikeln ging es um die Frage, wie eine Frau es einem Mann auch mit wenig Geld zu Hause nett machen kann. Diese Art Geschichten wurden aber in keinem einzigen Arbeitskreis analysiert.
Zu der Zeit arbeitete ich bereits an meinem Film über Springer mit dem Titel »Brecht die Macht der Manipulateure«. Und dann fasste ich mir Mut und ging zu einem dieser Arbeitskreise, der bei Peter Schneider in der Wohnung tagte. […] Ich ging also zu diesem »Springer-Arbeitskreis« und sagte: »Ihr habt etwas Wichtiges vergessen, die Analyse der an Frauen gerichteten Artikel. Damit entgeht euch eine vermutlich große Unterstützung.«“ ([1], S. 164f)

Nachweise

[1] Sander, H.: „»Nicht Opfer sein, sondern Macht haben«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 161 – 179.

[2] Sander, H.: „Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS (1968)“, in: Lenz, I. (Hg.), Die Neue Frauenbewegung in Deutschland, Wiesbaden 2009, S. 38 – 43.

[3] Schulz, K., Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich 1968–1976, Frankfurt a.M. / New York 2002 (http://www.hist.unibe.ch/unibe/philhist/hist/content/e267/e6141/e8165/datei/datei/schulz_provokation_ger.pdf).

[4] Lenz, I. (Hg.), Die Neue Frauenbewegung in Deutschland, Wiesbaden 2009.

Advertisements

Written by alterbolschewik

27. September 2013 at 15:20

Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen, Feminismus

Tagged with

Die Eroberung der Öffentlichkeit (5)

leave a comment »

„Es gibt keine Bürgerrechtsbewegung, die für die Frauen spricht […]. Die National Organization for Woman muß deshalb damit anfangen, ihre Stimme zu erheben.“

National Organization for Women, Grundsatzerklärung (1966)

Was bisher geschah: Während sich in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg Frauen einen gewissen, wenn auch beschränkten Zugang zur gesellschaftlichen Öffentlichkeit erkämpft hatten, kam es in der Nachkriegszeit zu einem massiven Rückschlag: Frauen wurden in die Rolle der Hausfrau und Mutter zurückgedrängt. Betty Friedan diagnostizierte 1963 einen ausgeprägten „Weib­lich­keits­wahn“, der Frauen von der gesellschaftlichen Teilhabe ausschloß; denn ganz im Gegensatz zu dem, was die offizielle Propaganda behauptete, waren die Frauen mit der ihnen zugewiesenen Rolle keineswegs zufrieden, sondern im Gegenteil hochgradig frustriert und unglücklich.

Doch welche Lösung bot Friedan den Frauen an, die dem Weiblichkeitswahn entfliehen wollten? Zunächst einmal muß festgestellt werden, daß schon allein die Tatsache, daß Friedan mit ihrer Kritik des Weiblichkeitswahns an die Öffentlichkeit gegangen war, einen ersten Schritt in Richtung Freiheit darstellte. Denn auf einmal begriffen eine ganze Reihe von Frauen, daß es nicht ihr individuelle Unvermögen war, wenn sie sich in der Rolle als Hausfrau und Mutter unglücklich fühlten. Endlich stellte sich jemand gegen die allgemeine Propaganda und sprach offen aus, daß Hausarbeit, Kindergroßziehen und dem Göttergatten ein angenehmes Umfeld für seinen Feierabend zu schaffen, für einen erwachsenen, intelligenten Menschen eine Zumutung ist. Allein diese Erkenntnis, daß zu ein befriedigendes Leben mehr gehört, als die gesellschaftlichen Rollenvorstellungen zu bestätigen, ließen eine Menge Frauen freier atmen, die sich bislang dafür geschämt hatten, unglücklich zu sein, wo doch alle anderen Frauen mit Heim, Kindern und Ehemann angeblich völlig zufrieden waren.

Angesichts dieses allgemein befreienden Charakters, den Friedans Buch auf ihre Leserinnen hatte, waren allerdings ihre konkreten Lösungvorschläge mehr als unbefriedigend. Vollmundig, aber recht inhaltsleer schrieb sie:

„Der Weiblichkeitswahn hat es vermocht, Millionen Amerikanerinnen lebendig zu begraben. Es führt für diese Frauen kein Weg aus ihrem bequemen Gefängnis, es sei denn, sie nähmen die Mühsal auf sich, ihn sich selbst zu bahnen – und dieser Weg wird sie dann über die Biologie und ihre vier Wände hinausführen, damit sie dazu beitragen können, die Zukunft zu gestalten. Nur wenn die amerikanischen Frauen die ihnen innewohnenden Möglichkeiten ausschöpfen, können sie als Ehefrauen und Mütter Erfüllung finden.“ ([2], S. 219)

Doch wie sollten die Frauen aus der Biologie und den eigenen vier Wänden ausbrechen?

„Die einzige Art Arbeit, die es einer begabten Frau ermöglicht, ihre Fähigkeiten voll zu verwirklichen und Identität in der Gesellschaft zu erlangen nach einem Lebensplan, der auch Ehe und Mutterschaft einschließen kann, ist ironischerweise diejenige, die der Weiblichkeitswahn verboten hatte: das lebenslange Engagement in Kunst oder Wissenschaft, Politik oder freiberuflicher Tätigkeit,“ ([2], S. 223)

Ehe, Familie und vor allem die familiäre Arbeitsteilung blieben bei Friedan völlig unangetastet. Ihr Plädoyer konzentrierte sich einzig und allein darauf, daß Frauen sich nicht auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter reduzieren lassen sollten. Letztere, so scheint es zumindest, waren für Friedan notwendige Übel, die dem weiblichen Geschlecht zufielen. Sie brachte allerdings das Argument, daß Hausarbeit nicht mehr das selbe sei wie früher. In einem recht witzigen Kapitel, das den Titel «Hausarbeit läßt sich wie Gummi dehnen« trägt, beschrieb sie, wie überzeugte Hausfrauen ihr Tätigkeitsfeld aufblähten:

„Zwar fand ich niemals eine Frau, die dem Bild der »glücklichen Hausfrau« tatsächlich entsprach, aber mir fiel bei diesen tüchtigen Frauen, die ihr Leben im Schutz des Weiblichkeitswahns führten, etwas anderes auf. Sie waren ungemein betriebsam – sie machten Besorgungen und spielten Chauffeur, die Geschirrspülmaschine, die Trockenschleuder und der Elektromixer waren ständig in Betrieb, sie arbeiteten im Garten, bohnerten, putzten Silber, beaufsichtigten die Schularbeiten ihrer Kinder, sammelten Geld für irgendwelche wohltätigen Zwecke und taten noch tausenderlei anderes.“ ([2], S. 151)

Hausarbeit war einfach nicht mehr der Vollzeitjob, der er früher einmal gewesen war. Und deshalb erfanden die Frauen Friedan zufolge sinnlose Tätigkeiten, um nicht in den Abgrund ihres leeren Daseins blicken zu müssen. Doch selbst wenn man Friedan zugesteht, daß Hausarbeit einfach keine Vollzeitbeschäftigung mehr war: Man kann keine wirklich anspruchsvolle Tätigkeit ausüben und gleichzeitig den Haushalt machen und Kinder und Ehemann betreuen. Faktisch läuft Friedans Rat an die Frauen, sich neben der Familie noch eine sinnvolle Beschäftigung zu suchen, auf eine unerträgliche Doppelbelastung hinaus.

Nun hätte ja die Forderung durchaus nahegelegen, daß auch die Männer ihren Beitrag zur Hausarbeit und Kindererziehung zu leisten hätten. Daß Friedan eine solche Forderung 1963 nicht aufstellte, ist meines Erachtens allerdings kein Zufall. Es steht zu vermuten, daß es sich bei dieser Auslassung um ein taktisches Zugeständnis handelte. Friedans Kritik des Weiblichkeitswahns kommt ohne explizit formuliertes Feindbild aus. Selbst dort, wo sie die Strategen der Werbeindustrie für den Weiblichkeitswahn verantwortlich macht, werden diese keineswegs als patriarchale Verschwörer abgestempelt, die die Frauen in böser Absicht zurück ins Heim und an den Herd schicken. Sie machen nur ihren Job – und der besteht eben darin, die Waren ihrer Auftraggeber zu verkaufen. Es ist nicht ihre Schuld, daß unsichere und unglückliche Frauen eben mehr konsumieren als selbstbewußte und glückliche.

Tatsächlich ist Friedans Schachzug, jeden direkten Angriff auf die Männer zu vermeiden, keineswegs ungeschickt. Denn die Widerstände, die allein die Kritik am Weiblichkeitswahn mobilisierte, kann man sich heute kaum mehr vorstellen. So berichtet etwa eine Studentin, die Mitte der 60er Jahre am Smith-College studierte, wo auch Friedan ihren Abschluß gemacht hatte:

„In den frühen 60er Jahren war unsere Beziehung zur feministischen Tradition sehr zwiespältig. Es war am Smith sogar »in«, Betty Friedans Ideen abzulehnen, weil wir dachten, dass dadurch die Ehemänner unterdrückt werden. Ich erinnere mich an nächtelange Besprechungen mit Freundinnen, in denen wir uns ängstlich die Frage stellten, ob ein Mann eine Frau heiraten würde, die einen Job hat oder nicht mehr Jungfrau ist.“ ([3], S. 63)

Angesichts derartige Widerstände war es sicherlich nicht verkehrt, moderat an die Sache heranzugehen. Und die Taktik zahlte sich aus: Nur wenige Jahre später, als die amerikanische Frauenbewegung sich nicht zuletzt dank Friedans Buch zu formieren begann, gewannen die Forderungen an Kontur. 1966 wurde die National Organization for Women (NOW) gegründet, deren erste Präsidentin Betty Friedan wurde. In der Grundsatzerklärung dieser nationalen Frauenorganisation schrieb Friedan dann:

„Wir glauben, daß eine wirkliche Partnerschaft zwischen den Geschlechtern nach einem anderen Konzept für die Ehe verlangt, nach einer ausgeglichenen Aufteilung der Verantwortlichkeiten für den Haushalt und die Kinder und der ökonomischen Lasten ihres Unterhalts.“ ([1], S. 75)

Die Frauenbewegung begann die Klauen auszufahren. 1967 hatte Organisation bereits vierzehn Ortsgruppen mit 1.000 Mitgliedern, 1974 sollten es dann 700 mit 40.000 Mitgliedern sein.

In Deutschland war zu dieser Zeit noch nicht an etwas derartiges zu denken. Der erste Versuch einer eigenständigen Organisation von Frauen wurde erst im Jahr 1968 gestartet. Doch dieser Versuch hatte es in sich. Freuen sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn Helke Sander meint:

„Wir haben nicht etwa angefangen mit dem Ziel, »jetzt werden wir eine Frauenbewegung«. Wir wollten zeigen, dass die Kinderfrage, die Mütterfrage und die Frage der Reproduktion in der Gesellschaft eng zusammenhängen.“ ([4], S. 166)

Nachweise

[1] [Friedan, B.]: „National Organization for Women: Statement of Purpose“, in: MacLean, N., The American Women’s Movement, 1945 – 2000, Boston und New York 2009, S. 71 – 76.

[2] Friedan, B., Der Weiblichkeitswahn oder Die Selbstbefreiung der Frau, Reinbek 1970.

[3] Rassbach, E.: „»Ich fand es wunderbar und schockierend, dass eine Frau so etwas macht«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 61 – 79.

[4] Sander, H.: „»Nicht Opfer sein, sondern Macht haben«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 161 – 179.

Written by alterbolschewik

20. September 2013 at 14:19

Veröffentlicht in Feminismus

Die Eroberung der Öffentlichkeit (4)

with 2 comments

„Es ist leichter, das sexuelle Symbol zu erkennen, als das Sexuelle selbst als Symbol zu sehen.“

Betty Friedan

Was bisher geschah: Zwischen der Französischen Revolution und dem Ende des zweiten Weltkrieges hatten sich Frauen wichtige Rechte erobert, vor allem das Recht auf Bildung und die politische Gleichberechtigung. Doch in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg kam es zu einem herben Rückschlag. Nach zwei Weltkriegen und einer Weltwirtschaftskriege herrschte – unabhängig vom Geschlecht – eine tiefe Sehnsucht nach „Normalität“. Diese Sehnsucht wurde vom kapitalistischen Propagandaapparat, der Werbung, ausgenutzt, um Frauen wieder aus der Öffentlichkeit in die Privatheit des Haushaltes zurückzudrängen. Das Bild der „modernen Hausfrau“, die souverän die Kinder versorgt und den Haushalt managt, während ihr Mann das nötige Geld dafür verdient, wurde auf allen Kanälen verbreitet, um Waschmaschinen, Staubsauger, Kühlschränke, Putzmittel etc. an den Mann – genauer: an die Frau – zu bringen.

In diese Situation schlug 1963 ein Buch ein wie eine Bombe: Betty Friedans Der Weiblichkeitswahn oder Die Selbstbefreiung der Frau ([1]). Friedan beschrieb im Detail, wie die Manipulationsmechanismen aussahen, mit denen Frauen dazu verführt wurden, die Errungenschaften der Frauenbewegung scheinbar freiwillig aufzugeben und sich wieder an den häuslichen Herd zurückzuziehen. Das moderne Hausfrauenwesen, so wurde ihnen suggeriert, habe nichts mehr mit der untergeordneten Stellung der klassischen Hausfrau zu tun, ganz im Gegenteil. Die ganze Haushaltsführung sei, dank neuer technischer Geräte und Batterien spezialisierter Putzmittel einerseits nicht mehr die Plackerei von früher, andererseits aber auch eine anspruchsvolle Herausforderung. Was natürlich in sich ein Widerspruch ist, aber ein Widerspruch, den ganze Heerscharen von Werbestrategen versuchten, durch unablässige Propaganda zu vertuschen: In der modernen Haushaltsführung, so das pausenlos eingehämmerte Credo in Zeitungen, Zeitschriften, Rundfund und Fernsehen, könne sich die moderne Frau voll und ganz verwirklichen.

Friedans Buch ist eine meist sarkastische, oft witzige und immer blendend geschriebene Polemik gegen diese Propaganda. Mit Statistiken und Feldforschung, Interviews mit Werbestrategen und Psychoanalytikern zog sie gegen die vorgegaukelte heile Hausfrauenwelt zu Felde und zeigte auf, daß dieses Hausfrauendasein, in dem angeblich der weibliche Teil der Bevölkerung ganz zu sich selbst finde, schlicht und ergreifend die Hölle ist:

„Allein die Tatsache, eine Hausfrau zu sein, kann ein Gefühl der Leere, des Nicht-Daseins, der Nichtigkeit bei Frauen hervorrufen. Es gibt Aspekte der Hausfrauenrolle, die es einer intelligenten, erwachsenen Frau fast unmöglich machen, ein Gefühl menschlicher Identität, ein starkes »Ich« zu behalten, ohne das ein menschliches Wesen, sei es Mann oder Frau, nicht wirklich lebendig ist. […] Sie sind unselbständig, passiv, kindlich geworden; sie haben ihr Bezugssystem als Erwachsene aufgegeben und leben auf der niedrigsten menschlichen Stufe, nämlich nur noch um des Essens und des Materiellen willen. Ihre Arbeit erfordert nicht die Fähigkeiten eines Erwachsenen; sie ist endlos, monoton, unbefriedigend, und die Hausfrauen sterben eines langsamen geistigen und seelischen Todes.“ ([1], S. 196)

Das waren klare Worte. Und ein Schlag ins Gesicht für alle diejenigen, die den Weiblichkeitswahn propagierten oder sich ihm unterwarfen. Doch nicht nur, daß Friedan die Hausarbeit ihres durch die Werbung aufgesetzten Nimbus beraubte. Sie griff zudem zwei weitere heilige Kühe an: Die Kindererziehung und den Sex. Hinsichtlich der Kinder strich Friedan heraus, daß diese gerade an einem zu großen Maß an mütterlicher Zuwendung zu leiden hatten. Denn das unbefriedigende Hausfrauendasein führe dazu, daß die vom Weiblichkeitswahn ergriffenen Frauen versuchten,

„durch ihre Kinder zu leben. […] Ohne ernsthafte Interessen außerhalb der Häuslichkeit, bei einer Hausarbeit, die durch den Einsatz von Geräten zur Routine geworden war, konnten sich die Frauen fast ausschließlich dem Kult des Kindes von der Wiege bis zum Kindergarten widmen. Selbst wenn die Kinder zur Schule gingen, konnten die Mütter ihr Leben noch stellvertretend und manchmal buchstäblich mit ihnen teilen. Für viele wurde die Beziehung zu ihren Kindern ein Liebesverhältnis oder eine Art Symbiose.“ ([1], S. 182)

Friedan warnte davor, daß genau dieses symbiotische Verhalten zur Folge habe, daß die Kinder selbst so unselbständig und passiv würden wie ihre Mütter. Und sich damit das ganze Elend in verschlimmerter Form in der nächsten Generation wiederholen würde. Doch die schlimmste Konsequenz sei, daß die Frauen dann, wenn die Kindern dann aus dem Haus seien, in ein schwarzes Loch stürzten. Weshalb dieser drohende Absturz dadurch hinausgezögert werde, daß sie, so lange es gehe, immer weitere Kinder in die Welt setzen würden – die Ursache des Babybooms der späten 50er und 60er Jahre.

Die andere heilige Kuh, die Friedan schlachtete, war der Sex. Das ist eher aus der amerikanischen Perspektive zu verstehen und läßt sich so wohl nicht auf die europäischen und schon gar nicht auf die bundesdeutschen Verhältnisse der damaligen Zeit übertragen. Denn bereits rund zwanzig Jahre bevor in der BRD mit Oswalt Kolle eine zaghafte öffentliche Diskussion über Sexualität begann, war mit den Kinsey-Reports (1948 und 1953) das Thema in der US-amerikanischen Öffentlichkeit angekommen. Dazu muß man sich zudem vergegenwärtigen, daß in der Nachkriegszeit die Freudsche Psychoanalyse in den USA zu einer Art Ersatzreligion geworden war. Über Glück und Unglück der Individuen wurde in psychoanalytischen Termini verhandelt, und im Zentrum dieser Diskussionen stand natürlich die Sexualität. Befriedigende Sexualität – und in der pragmatischen amerikanischen Art wurde diese offensichtlich in Orgasmen pro Beischlaf gemessen – wurde zum Prüfstein für das individuelle Glück.

In diese öffentliche Diskussion intervenierte Friedan mit einem Paukenschlag:

„Statt die Verheißung unendlicher orgastischer Wonnen zu erfüllen, ist Sex im Amerika des Weiblichkeitswahns ein merkwürdig freudloser, nationaler Zwang geworden, wenn nicht gar eine verächtliche Farce.“ ([1], S. 165)

Verzweifelt würden die im Weiblichkeitswahn befangenen Frauen in der Sexualität Befriedigung suchen – weil sie sonst nichts hätten:

„Für die Frau, die dem Weiblichkeitswahn gemäß lebt, gibt es keinen anderen Weg zu Leistung, Status oder Identität als den sexuellen: sie braucht die Leistung der sexuellen Eroberung, den Status eines ersehnten Sexualobjekts, die Identität als sexuell erfolgreiche Ehefrau und Mutter.“ ([1], S. 167)

Mit anderen Worten: Sex wird zu einer Ersatzbefriedigung. Weil es sonst nichts gibt in ihrem eintönigen Leben, versuchen sie sich mit Sex, sei es nun ehelichem oder außerehelichem, über ihr verpfuschtes Leben hinwegzutrösten. Da sie damit aber die fundamentale Leere ihres Daseins letztlich nicht übertünchen können, wird selbst der Sex lustlos und langweilig. Und dann drehte Friedan die Schraube noch eine Umdrehung weiter, und konterte das Stammtischgeschwätz, Frauen, die sich vom Hausfrauendasein emanzipieren wollten, seien sexuell frustrierte Zicken. Anhand von Untersuchung aus der Zeit vor dem Weiblichkeitswahn belegte sie:

„Wie die Frauenrechtlerinnen richtig vorausgesehen haben, haben die Rechte der Frauen in der Tat die größere Sexualerfüllung für Männer und Frauen gefördert. Auch aus anderen Untersuchungen ging hervor, daß die amerikanischen Frauen dank ihrer Bildung und Selbständigkeit eine sexuelle Beziehung zu einem Mann mehr zu genießen und damit ihre eigenen geschlechtliche Veranlagung vollständiger zu bestätigen vermochten.“ ([1], S. 213)

Emanzipierte Frauen haben einfach Spaß am Sex, anders als frustrierte Hausfrauen, für die Sex eine Ersatzhandlung ist, die den Mangel ihrer Existenz verbergen soll.

Damit war die Diagnose gestellt. Doch wie sollten die Frauen aus der Falle entkommen, die ihnen gestellt wordern war und in die sie mehr oder minder willig gelaufen waren? Freuen Sie sich auf nächste Woche, wenn Betty Friedan konstatiert:

„Die Freiheit, das eigene Leben zu führen und zu planen, ist erschreckend, wenn man es noch nie getan hat.“ ([1], S. 220)

Nachweise

[1] Friedan, B., Der Weiblichkeitswahn oder Die Selbstbefreiung der Frau, Reinbek 1970.

Written by alterbolschewik

13. September 2013 at 17:20

Veröffentlicht in Feminismus

Tagged with

Die Eroberung der Öffentlichkeit (3)

leave a comment »

„Der Weiblichkeitswahn besagt, daß der höchste Wert und die einzige Verpflichtung für Frauen die Erfüllung ihrer Weiblichkeit sei.“

Betty Friedan

Was bisher geschah: Ausgehend von der französischen Revolution hatten sich engagierte Frauen Frauen dagegen zur Wehr gesetzt, als öffentliche Personen überhaupt nicht wahrgenommen zu werden. Zentraler Bestandteil der bürgerlich-kapitalistischen Ideologie war es, allein den Männern den Zugang zur Öffentlichkeit zuzugestehen und die Frauen auf den Haushalt zu beschränken. Gegen diese Beschränkung waren Frauen aufgestanden und hatten der Gesellschaft gegen erbitterten Widerstand zwei fundamentale Rechte abgetrotzt: Das Recht auf eine adäquate Bildung und das Recht, zu wählen. Mit dem Ende des zweiten Weltkriegs waren diese Rechte, zumindest in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern, durchgesetzt.

Was bislang nicht thematisiert wurde, war das Recht der Frauen, einer Berufstätigkeit nachzugehen. Tatsächlich ist dieses Thema viel vertrackter als die Bildungsthematik und das Wahlrecht. Bei letzteren handelte es sich um einfache Rechte, die verwehrt oder gewährt werden können. Bei der Erwerbsarbeit ist dies etwas anders.

Zwar gab es auch hier juristische Regelungen. In Deutschland dekretierte das bürgerliche Gesetzbuch noch bis1958:

§ 1354. (1) Dem Manne steht die Entscheidung in allen das gemeinschaftliche eheliche Leben betreffenden Angelegenheiten zu; er bestimmt insbesondere Wohnort und Wohnung.“

Erwerbsarbeit ist bis 1958 gar nicht vorgesehen. Den Verfassern des BGB im 19. Jahrhundert schien die gleichberechtigte Erwerbsarbeit der Ehefrau offensichtlich so unvorstellbar, daß sie noch nicht einmal Erwähnung verdiente. Damals lautete der Paragraph, der die Arbeit der Frauen bestimmt:

§ 1356. (1) Die Frau ist, unbeschadet der Vorschriften des § 1354, berechtigt und verpflichtet, das gemeinschaftliche Hauswesen zu leiten.
(2) Zu Arbeiten im Hauswesen und im Geschäfte des Mannes ist die Frau verpflichtet, soweit eine solche Thätigkeit nach den Verhältnissen, in denen die Ehegatten leben, üblich ist.“

Erst 1958 wurde die Erwerbsarbeit thematisiert. Der erste Absatz des § 1356 wurde geändert und lautete jetzt:

§ 1356. (1) [1] Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. [2] Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.“

Mit anderen Worten: Wenn der Ehemann der Meinung war, seine Frau solle keiner Berufstätigkeit nachgehen, dann konnte er ihr das verbieten. Tatsächlich verlangten damals Arbeitgeber von berufstätigen verheirateten Frauen eine schriftliche Bescheinigung des Ehemanns darüber, daß er ihr dies erlaube. Wer also heiratete, war auf Gedeih und Verderb von seinem Ehemann ökonomisch abhängig. Erst 1977 wurde dieser unerträgliche Zustand aufgehoben und der Passus „Beide Ehegatten sind berechtigt, erwerbstätig zu sein“ in das BGB aufgenommen.

Doch trotz dieser juristischen Hürden sah die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts eine beispiellose Zunahme der Frauenarbeit. Dafür gab es mehrere Gründe: Die beiden Weltkriege und die Krise zwischen den Kriegen machten Frauenarbeit einfach zu einer ökonomischen Notwendigkeit. Zum anderen erschlossen sich zu dieser Zeit auch neue Berufsfelder, die noch nicht von Männern besetzt und dominiert waren, und die den Frauen offen standen, insbesondere Büroarbeit. Und die zunehmende akademische Bildung von Frauen qualifizierte diese zudem für Berufe, die bislang ausschließlich von Männern ausgeübt worden waren. Insofern klaffte zwischen den juristischen Vorstellungen, wie die Arbeit zwischen Männern und Frauen geteilt sein solle und der Lebensrealität eine gewaltige Lücke. Bis eben zum Ende des zweite Weltkriegs.

Denn nach dem zweite Weltkrieg trat ein Phänomen auf, das äußerst schwer zu erklären ist: Statt die gegebenen Chancen zur Emanzipation zu nutzen, die errungene politische und ökonomische Freiheit auszubauen, flüchteten sich die Frauen zurück in ihre traditionelle Rolle als abhängige Hausfrau und Mutter. Woran lag das?

Zunächst einmal könnte man vermuten, daß das Ganze eine Spätfolge der Nazipropaganda war, daß das Frauenbild des Nationalsozialismus ungebrochen in die Nachkriegszeit hinübergerettet worden war. Daran ist, für die BRD, sicherlich etwas Wahres. Doch das allein erklärt nicht, daß auch bei den Siegermächten das selbe, vielleicht sogar in noch verschärfter Form, stattfand:

„Gegen Ende der fünfziger Jahre war das Durchschnittsheiratsalter der Amerikanerinnen auf zwanzig gesunken und fiel noch weiter. Vierzehn Millionen Mädchen waren mit siebzehn verlobt. Während im Jahre 1920 noch 47% der Studenten Frauen waren, sank deren Anteil im Jahre 1958 auf 35%. Ein Jahrhundert früher hatten die Frauen um die höhere Bildung gekämpft. Jetzt besuchten die Mädchen ein College, um sich einen Mann zu angeln. Um die Mitte der fünfziger Jahre brachen 60% der Studentinnen ihr Studium ab, um zu heiraten oder weil sie fürchteten, zuviel Bildung würde ein Ehehindernis sein.“ ([1], S. 14)

Betty Friedan fand dann Anfang der 60er Jahre einen Namen für dieses Phänomen: Weiblichkeitswahn. Doch wo kam dieser Weiblichkeitswahn her? Eine Antwort, die sie gibt, sind die Zeitumstände:

„Ehe der Weiblichkeitswahn in Amerika Fuß faßte, war Krieg gewesen, der auf eine Depression folgte und mit der Explosion einer Atombombe endete. Nach der Verlassenheit im Kriege und dem unaussprechlichen Schrecken der Bombe, angesichts der beängstigenden Unsicherheit und kalten Ungeheuerlichkeit der Welt trachteten Frauen wie Männer nach der tröstlichen Wirklichkeit von Heim und Kindern. […] Wir alle waren angeschlagen, heimwehkrank, einsam, verängstigt. Mehrere Generationen verspürten gleichzeitig das heftige Verlangen, zu heiraten, Haus und Kinder zu haben, und die Prosperität der Nachkriegszeit machte es möglich, daß plötzlich jeder dieses Verlangen befriedigen konnte.“ ([1], S. 119)

Der Weiblichkeitswahn stellte einen Rückzug ins Private dar, in ein vermeintliches individuelles Glück, angesichts einer bedrohlichen Welt, die aus den Fugen geraten schien. Der öffentliche Raum, den die Frauenbewegung erobert hatte, erschien im Vergleich zu einer möglichen Familienidylle wenig attraktiv.

Doch warum tauchte diese Fata Morgana eines Familienidylls in den Vorstädten auf? Warum erschien diesen Frauen die Familie als Hort der Selbstentfaltung und nicht als ein Gefängnis? Waren sie einer orwellschen Gehirnwäsche unterzogen worden getreu dem Motto „Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke“? Tatsächlich fand in der Nachkriegszeit eine Propaganda­schlacht statt, die den Frauen eine neue Rolle in die Hirne hämmerte. Nur war es kein Big Brother, der diese Propagandamaschine dirigierte, sondern die Werbeindustrie:

„Irgendwann muß irgend jemand darauf gekommen sein, daß Frauen mehr Dinge kaufen werden, wenn sie unterbeschäftigte, ewig von Sehnsucht erfüllte und mit überschüssiger Energie geladene Hausfrauen sind.“ ([1], S. 136)

Und die Propaganda war keineswegs so plump, daß sie versuchte, den Frauen ein historisch überholtes Frauenbild zu verkaufen. Es wurde nicht an traditionelle Werte appelliert, sondern ganz im Gegenteil an die Modernität. Friedan zitiert Studien von Werbepsychologen:

„Um die Mitte der fünfziger Jahre konnten die Berichte vergnügt verzeichnen, daß die berufstätige Frau verschwunden und durch die »weniger weltoffen, weniger geistig eingestellte« Frau ersetzt war, […] die »in der Hausarbeit ein Mittel sieht, ihre Weiblichkeit und Individualität zum Ausdruck zu bringen«. Sie gleicht nicht der altmodischen, aufopfernden Hausfrau, sondern fühlt sich dem Manne ebenbürtig. Dennoch kommt sie sich »faul und nachlässig vor und ist von Schuldgefühlen geplagt«, weil sie nicht genug Arbeit hat. Durch geschickte Werbung müsse ihr Bedürfnis nach einem »schöpferischen Gefühl« so manipuliert werden, daß sie dieses oder jenes Produkt kauft.“ ([1], S. 140)

Es ist gerade der Zerfall traditioneller Rollenzuordnungen, die es der Werbeindustrie nach dem zweiten Weltkrieg erlaubt, die neue Rolle der Frau als „Haushaltsexpertin“ zu entwerfen – die mit den alten Rollenvorstellungen deckungsgleich waren, aber als etwas völlig neues verkauft wurden.

Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn wir mit Betty Friedan auf die Suche gehen:

„Mit dem Bild der glücklichen modernen Hausfrau vor Augen, wie es Zeitschriften und Fernsehen, funktionale Soziologen, sexusgeleitete Pädagogen und Werbepsychologen malen, machte ich mich auf die Suche nach einem dieser sagenhaften Geschöpfe. Wie Diogenes mit seiner Lampe ging ich als Reporterin von Vorort zu Vorort und hielt Ausschau nach einer begabten und gebildeten Frau, die angeblich als Hausfrau Erfüllung gefunden hatte.“ ([1], S. 149)

Nachweise

[1] Friedan, B., Der Weiblichkeitswahn oder Die Selbstbefreiung der Frau, Reinbek 1970.

Written by alterbolschewik

6. September 2013 at 15:16

Veröffentlicht in Feminismus