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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Die Eroberung der Öffentlichkeit (3)

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„Der Weiblichkeitswahn besagt, daß der höchste Wert und die einzige Verpflichtung für Frauen die Erfüllung ihrer Weiblichkeit sei.“

Betty Friedan

Was bisher geschah: Ausgehend von der französischen Revolution hatten sich engagierte Frauen Frauen dagegen zur Wehr gesetzt, als öffentliche Personen überhaupt nicht wahrgenommen zu werden. Zentraler Bestandteil der bürgerlich-kapitalistischen Ideologie war es, allein den Männern den Zugang zur Öffentlichkeit zuzugestehen und die Frauen auf den Haushalt zu beschränken. Gegen diese Beschränkung waren Frauen aufgestanden und hatten der Gesellschaft gegen erbitterten Widerstand zwei fundamentale Rechte abgetrotzt: Das Recht auf eine adäquate Bildung und das Recht, zu wählen. Mit dem Ende des zweiten Weltkriegs waren diese Rechte, zumindest in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern, durchgesetzt.

Was bislang nicht thematisiert wurde, war das Recht der Frauen, einer Berufstätigkeit nachzugehen. Tatsächlich ist dieses Thema viel vertrackter als die Bildungsthematik und das Wahlrecht. Bei letzteren handelte es sich um einfache Rechte, die verwehrt oder gewährt werden können. Bei der Erwerbsarbeit ist dies etwas anders.

Zwar gab es auch hier juristische Regelungen. In Deutschland dekretierte das bürgerliche Gesetzbuch noch bis1958:

§ 1354. (1) Dem Manne steht die Entscheidung in allen das gemeinschaftliche eheliche Leben betreffenden Angelegenheiten zu; er bestimmt insbesondere Wohnort und Wohnung.“

Erwerbsarbeit ist bis 1958 gar nicht vorgesehen. Den Verfassern des BGB im 19. Jahrhundert schien die gleichberechtigte Erwerbsarbeit der Ehefrau offensichtlich so unvorstellbar, daß sie noch nicht einmal Erwähnung verdiente. Damals lautete der Paragraph, der die Arbeit der Frauen bestimmt:

§ 1356. (1) Die Frau ist, unbeschadet der Vorschriften des § 1354, berechtigt und verpflichtet, das gemeinschaftliche Hauswesen zu leiten.
(2) Zu Arbeiten im Hauswesen und im Geschäfte des Mannes ist die Frau verpflichtet, soweit eine solche Thätigkeit nach den Verhältnissen, in denen die Ehegatten leben, üblich ist.“

Erst 1958 wurde die Erwerbsarbeit thematisiert. Der erste Absatz des § 1356 wurde geändert und lautete jetzt:

§ 1356. (1) [1] Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. [2] Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.“

Mit anderen Worten: Wenn der Ehemann der Meinung war, seine Frau solle keiner Berufstätigkeit nachgehen, dann konnte er ihr das verbieten. Tatsächlich verlangten damals Arbeitgeber von berufstätigen verheirateten Frauen eine schriftliche Bescheinigung des Ehemanns darüber, daß er ihr dies erlaube. Wer also heiratete, war auf Gedeih und Verderb von seinem Ehemann ökonomisch abhängig. Erst 1977 wurde dieser unerträgliche Zustand aufgehoben und der Passus „Beide Ehegatten sind berechtigt, erwerbstätig zu sein“ in das BGB aufgenommen.

Doch trotz dieser juristischen Hürden sah die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts eine beispiellose Zunahme der Frauenarbeit. Dafür gab es mehrere Gründe: Die beiden Weltkriege und die Krise zwischen den Kriegen machten Frauenarbeit einfach zu einer ökonomischen Notwendigkeit. Zum anderen erschlossen sich zu dieser Zeit auch neue Berufsfelder, die noch nicht von Männern besetzt und dominiert waren, und die den Frauen offen standen, insbesondere Büroarbeit. Und die zunehmende akademische Bildung von Frauen qualifizierte diese zudem für Berufe, die bislang ausschließlich von Männern ausgeübt worden waren. Insofern klaffte zwischen den juristischen Vorstellungen, wie die Arbeit zwischen Männern und Frauen geteilt sein solle und der Lebensrealität eine gewaltige Lücke. Bis eben zum Ende des zweite Weltkriegs.

Denn nach dem zweite Weltkrieg trat ein Phänomen auf, das äußerst schwer zu erklären ist: Statt die gegebenen Chancen zur Emanzipation zu nutzen, die errungene politische und ökonomische Freiheit auszubauen, flüchteten sich die Frauen zurück in ihre traditionelle Rolle als abhängige Hausfrau und Mutter. Woran lag das?

Zunächst einmal könnte man vermuten, daß das Ganze eine Spätfolge der Nazipropaganda war, daß das Frauenbild des Nationalsozialismus ungebrochen in die Nachkriegszeit hinübergerettet worden war. Daran ist, für die BRD, sicherlich etwas Wahres. Doch das allein erklärt nicht, daß auch bei den Siegermächten das selbe, vielleicht sogar in noch verschärfter Form, stattfand:

„Gegen Ende der fünfziger Jahre war das Durchschnittsheiratsalter der Amerikanerinnen auf zwanzig gesunken und fiel noch weiter. Vierzehn Millionen Mädchen waren mit siebzehn verlobt. Während im Jahre 1920 noch 47% der Studenten Frauen waren, sank deren Anteil im Jahre 1958 auf 35%. Ein Jahrhundert früher hatten die Frauen um die höhere Bildung gekämpft. Jetzt besuchten die Mädchen ein College, um sich einen Mann zu angeln. Um die Mitte der fünfziger Jahre brachen 60% der Studentinnen ihr Studium ab, um zu heiraten oder weil sie fürchteten, zuviel Bildung würde ein Ehehindernis sein.“ ([1], S. 14)

Betty Friedan fand dann Anfang der 60er Jahre einen Namen für dieses Phänomen: Weiblichkeitswahn. Doch wo kam dieser Weiblichkeitswahn her? Eine Antwort, die sie gibt, sind die Zeitumstände:

„Ehe der Weiblichkeitswahn in Amerika Fuß faßte, war Krieg gewesen, der auf eine Depression folgte und mit der Explosion einer Atombombe endete. Nach der Verlassenheit im Kriege und dem unaussprechlichen Schrecken der Bombe, angesichts der beängstigenden Unsicherheit und kalten Ungeheuerlichkeit der Welt trachteten Frauen wie Männer nach der tröstlichen Wirklichkeit von Heim und Kindern. […] Wir alle waren angeschlagen, heimwehkrank, einsam, verängstigt. Mehrere Generationen verspürten gleichzeitig das heftige Verlangen, zu heiraten, Haus und Kinder zu haben, und die Prosperität der Nachkriegszeit machte es möglich, daß plötzlich jeder dieses Verlangen befriedigen konnte.“ ([1], S. 119)

Der Weiblichkeitswahn stellte einen Rückzug ins Private dar, in ein vermeintliches individuelles Glück, angesichts einer bedrohlichen Welt, die aus den Fugen geraten schien. Der öffentliche Raum, den die Frauenbewegung erobert hatte, erschien im Vergleich zu einer möglichen Familienidylle wenig attraktiv.

Doch warum tauchte diese Fata Morgana eines Familienidylls in den Vorstädten auf? Warum erschien diesen Frauen die Familie als Hort der Selbstentfaltung und nicht als ein Gefängnis? Waren sie einer orwellschen Gehirnwäsche unterzogen worden getreu dem Motto „Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke“? Tatsächlich fand in der Nachkriegszeit eine Propaganda­schlacht statt, die den Frauen eine neue Rolle in die Hirne hämmerte. Nur war es kein Big Brother, der diese Propagandamaschine dirigierte, sondern die Werbeindustrie:

„Irgendwann muß irgend jemand darauf gekommen sein, daß Frauen mehr Dinge kaufen werden, wenn sie unterbeschäftigte, ewig von Sehnsucht erfüllte und mit überschüssiger Energie geladene Hausfrauen sind.“ ([1], S. 136)

Und die Propaganda war keineswegs so plump, daß sie versuchte, den Frauen ein historisch überholtes Frauenbild zu verkaufen. Es wurde nicht an traditionelle Werte appelliert, sondern ganz im Gegenteil an die Modernität. Friedan zitiert Studien von Werbepsychologen:

„Um die Mitte der fünfziger Jahre konnten die Berichte vergnügt verzeichnen, daß die berufstätige Frau verschwunden und durch die »weniger weltoffen, weniger geistig eingestellte« Frau ersetzt war, […] die »in der Hausarbeit ein Mittel sieht, ihre Weiblichkeit und Individualität zum Ausdruck zu bringen«. Sie gleicht nicht der altmodischen, aufopfernden Hausfrau, sondern fühlt sich dem Manne ebenbürtig. Dennoch kommt sie sich »faul und nachlässig vor und ist von Schuldgefühlen geplagt«, weil sie nicht genug Arbeit hat. Durch geschickte Werbung müsse ihr Bedürfnis nach einem »schöpferischen Gefühl« so manipuliert werden, daß sie dieses oder jenes Produkt kauft.“ ([1], S. 140)

Es ist gerade der Zerfall traditioneller Rollenzuordnungen, die es der Werbeindustrie nach dem zweiten Weltkrieg erlaubt, die neue Rolle der Frau als „Haushaltsexpertin“ zu entwerfen – die mit den alten Rollenvorstellungen deckungsgleich waren, aber als etwas völlig neues verkauft wurden.

Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn wir mit Betty Friedan auf die Suche gehen:

„Mit dem Bild der glücklichen modernen Hausfrau vor Augen, wie es Zeitschriften und Fernsehen, funktionale Soziologen, sexusgeleitete Pädagogen und Werbepsychologen malen, machte ich mich auf die Suche nach einem dieser sagenhaften Geschöpfe. Wie Diogenes mit seiner Lampe ging ich als Reporterin von Vorort zu Vorort und hielt Ausschau nach einer begabten und gebildeten Frau, die angeblich als Hausfrau Erfüllung gefunden hatte.“ ([1], S. 149)

Nachweise

[1] Friedan, B., Der Weiblichkeitswahn oder Die Selbstbefreiung der Frau, Reinbek 1970.

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Written by alterbolschewik

6. September 2013 um 15:16

Veröffentlicht in Feminismus

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