shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Die Eroberung der Öffentlichkeit (4)

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„Es ist leichter, das sexuelle Symbol zu erkennen, als das Sexuelle selbst als Symbol zu sehen.“

Betty Friedan

Was bisher geschah: Zwischen der Französischen Revolution und dem Ende des zweiten Weltkrieges hatten sich Frauen wichtige Rechte erobert, vor allem das Recht auf Bildung und die politische Gleichberechtigung. Doch in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg kam es zu einem herben Rückschlag. Nach zwei Weltkriegen und einer Weltwirtschaftskriege herrschte – unabhängig vom Geschlecht – eine tiefe Sehnsucht nach „Normalität“. Diese Sehnsucht wurde vom kapitalistischen Propagandaapparat, der Werbung, ausgenutzt, um Frauen wieder aus der Öffentlichkeit in die Privatheit des Haushaltes zurückzudrängen. Das Bild der „modernen Hausfrau“, die souverän die Kinder versorgt und den Haushalt managt, während ihr Mann das nötige Geld dafür verdient, wurde auf allen Kanälen verbreitet, um Waschmaschinen, Staubsauger, Kühlschränke, Putzmittel etc. an den Mann – genauer: an die Frau – zu bringen.

In diese Situation schlug 1963 ein Buch ein wie eine Bombe: Betty Friedans Der Weiblichkeitswahn oder Die Selbstbefreiung der Frau ([1]). Friedan beschrieb im Detail, wie die Manipulationsmechanismen aussahen, mit denen Frauen dazu verführt wurden, die Errungenschaften der Frauenbewegung scheinbar freiwillig aufzugeben und sich wieder an den häuslichen Herd zurückzuziehen. Das moderne Hausfrauenwesen, so wurde ihnen suggeriert, habe nichts mehr mit der untergeordneten Stellung der klassischen Hausfrau zu tun, ganz im Gegenteil. Die ganze Haushaltsführung sei, dank neuer technischer Geräte und Batterien spezialisierter Putzmittel einerseits nicht mehr die Plackerei von früher, andererseits aber auch eine anspruchsvolle Herausforderung. Was natürlich in sich ein Widerspruch ist, aber ein Widerspruch, den ganze Heerscharen von Werbestrategen versuchten, durch unablässige Propaganda zu vertuschen: In der modernen Haushaltsführung, so das pausenlos eingehämmerte Credo in Zeitungen, Zeitschriften, Rundfund und Fernsehen, könne sich die moderne Frau voll und ganz verwirklichen.

Friedans Buch ist eine meist sarkastische, oft witzige und immer blendend geschriebene Polemik gegen diese Propaganda. Mit Statistiken und Feldforschung, Interviews mit Werbestrategen und Psychoanalytikern zog sie gegen die vorgegaukelte heile Hausfrauenwelt zu Felde und zeigte auf, daß dieses Hausfrauendasein, in dem angeblich der weibliche Teil der Bevölkerung ganz zu sich selbst finde, schlicht und ergreifend die Hölle ist:

„Allein die Tatsache, eine Hausfrau zu sein, kann ein Gefühl der Leere, des Nicht-Daseins, der Nichtigkeit bei Frauen hervorrufen. Es gibt Aspekte der Hausfrauenrolle, die es einer intelligenten, erwachsenen Frau fast unmöglich machen, ein Gefühl menschlicher Identität, ein starkes »Ich« zu behalten, ohne das ein menschliches Wesen, sei es Mann oder Frau, nicht wirklich lebendig ist. […] Sie sind unselbständig, passiv, kindlich geworden; sie haben ihr Bezugssystem als Erwachsene aufgegeben und leben auf der niedrigsten menschlichen Stufe, nämlich nur noch um des Essens und des Materiellen willen. Ihre Arbeit erfordert nicht die Fähigkeiten eines Erwachsenen; sie ist endlos, monoton, unbefriedigend, und die Hausfrauen sterben eines langsamen geistigen und seelischen Todes.“ ([1], S. 196)

Das waren klare Worte. Und ein Schlag ins Gesicht für alle diejenigen, die den Weiblichkeitswahn propagierten oder sich ihm unterwarfen. Doch nicht nur, daß Friedan die Hausarbeit ihres durch die Werbung aufgesetzten Nimbus beraubte. Sie griff zudem zwei weitere heilige Kühe an: Die Kindererziehung und den Sex. Hinsichtlich der Kinder strich Friedan heraus, daß diese gerade an einem zu großen Maß an mütterlicher Zuwendung zu leiden hatten. Denn das unbefriedigende Hausfrauendasein führe dazu, daß die vom Weiblichkeitswahn ergriffenen Frauen versuchten,

„durch ihre Kinder zu leben. […] Ohne ernsthafte Interessen außerhalb der Häuslichkeit, bei einer Hausarbeit, die durch den Einsatz von Geräten zur Routine geworden war, konnten sich die Frauen fast ausschließlich dem Kult des Kindes von der Wiege bis zum Kindergarten widmen. Selbst wenn die Kinder zur Schule gingen, konnten die Mütter ihr Leben noch stellvertretend und manchmal buchstäblich mit ihnen teilen. Für viele wurde die Beziehung zu ihren Kindern ein Liebesverhältnis oder eine Art Symbiose.“ ([1], S. 182)

Friedan warnte davor, daß genau dieses symbiotische Verhalten zur Folge habe, daß die Kinder selbst so unselbständig und passiv würden wie ihre Mütter. Und sich damit das ganze Elend in verschlimmerter Form in der nächsten Generation wiederholen würde. Doch die schlimmste Konsequenz sei, daß die Frauen dann, wenn die Kindern dann aus dem Haus seien, in ein schwarzes Loch stürzten. Weshalb dieser drohende Absturz dadurch hinausgezögert werde, daß sie, so lange es gehe, immer weitere Kinder in die Welt setzen würden – die Ursache des Babybooms der späten 50er und 60er Jahre.

Die andere heilige Kuh, die Friedan schlachtete, war der Sex. Das ist eher aus der amerikanischen Perspektive zu verstehen und läßt sich so wohl nicht auf die europäischen und schon gar nicht auf die bundesdeutschen Verhältnisse der damaligen Zeit übertragen. Denn bereits rund zwanzig Jahre bevor in der BRD mit Oswalt Kolle eine zaghafte öffentliche Diskussion über Sexualität begann, war mit den Kinsey-Reports (1948 und 1953) das Thema in der US-amerikanischen Öffentlichkeit angekommen. Dazu muß man sich zudem vergegenwärtigen, daß in der Nachkriegszeit die Freudsche Psychoanalyse in den USA zu einer Art Ersatzreligion geworden war. Über Glück und Unglück der Individuen wurde in psychoanalytischen Termini verhandelt, und im Zentrum dieser Diskussionen stand natürlich die Sexualität. Befriedigende Sexualität – und in der pragmatischen amerikanischen Art wurde diese offensichtlich in Orgasmen pro Beischlaf gemessen – wurde zum Prüfstein für das individuelle Glück.

In diese öffentliche Diskussion intervenierte Friedan mit einem Paukenschlag:

„Statt die Verheißung unendlicher orgastischer Wonnen zu erfüllen, ist Sex im Amerika des Weiblichkeitswahns ein merkwürdig freudloser, nationaler Zwang geworden, wenn nicht gar eine verächtliche Farce.“ ([1], S. 165)

Verzweifelt würden die im Weiblichkeitswahn befangenen Frauen in der Sexualität Befriedigung suchen – weil sie sonst nichts hätten:

„Für die Frau, die dem Weiblichkeitswahn gemäß lebt, gibt es keinen anderen Weg zu Leistung, Status oder Identität als den sexuellen: sie braucht die Leistung der sexuellen Eroberung, den Status eines ersehnten Sexualobjekts, die Identität als sexuell erfolgreiche Ehefrau und Mutter.“ ([1], S. 167)

Mit anderen Worten: Sex wird zu einer Ersatzbefriedigung. Weil es sonst nichts gibt in ihrem eintönigen Leben, versuchen sie sich mit Sex, sei es nun ehelichem oder außerehelichem, über ihr verpfuschtes Leben hinwegzutrösten. Da sie damit aber die fundamentale Leere ihres Daseins letztlich nicht übertünchen können, wird selbst der Sex lustlos und langweilig. Und dann drehte Friedan die Schraube noch eine Umdrehung weiter, und konterte das Stammtischgeschwätz, Frauen, die sich vom Hausfrauendasein emanzipieren wollten, seien sexuell frustrierte Zicken. Anhand von Untersuchung aus der Zeit vor dem Weiblichkeitswahn belegte sie:

„Wie die Frauenrechtlerinnen richtig vorausgesehen haben, haben die Rechte der Frauen in der Tat die größere Sexualerfüllung für Männer und Frauen gefördert. Auch aus anderen Untersuchungen ging hervor, daß die amerikanischen Frauen dank ihrer Bildung und Selbständigkeit eine sexuelle Beziehung zu einem Mann mehr zu genießen und damit ihre eigenen geschlechtliche Veranlagung vollständiger zu bestätigen vermochten.“ ([1], S. 213)

Emanzipierte Frauen haben einfach Spaß am Sex, anders als frustrierte Hausfrauen, für die Sex eine Ersatzhandlung ist, die den Mangel ihrer Existenz verbergen soll.

Damit war die Diagnose gestellt. Doch wie sollten die Frauen aus der Falle entkommen, die ihnen gestellt wordern war und in die sie mehr oder minder willig gelaufen waren? Freuen Sie sich auf nächste Woche, wenn Betty Friedan konstatiert:

„Die Freiheit, das eigene Leben zu führen und zu planen, ist erschreckend, wenn man es noch nie getan hat.“ ([1], S. 220)

Nachweise

[1] Friedan, B., Der Weiblichkeitswahn oder Die Selbstbefreiung der Frau, Reinbek 1970.

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Written by alterbolschewik

13. September 2013 um 17:20

Veröffentlicht in Feminismus

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2 Antworten

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  1. Da hast Du mal schnell das Leben meiner Mutter durchgehechelt, für die das in einer Cadasil-Demenz mit tödlichem Ausgang endete.

    che2001

    17. September 2013 at 23:26

    • Leider war das ein massenhaftes Schicksal – wenn auch vielleicht nicht mit diesem tödlichen Ausgang. Allein wenn man sich vergegenwärtigt, welches menschliche Potential hier verschleudert wurde, indem man die Frauen aus der Öffentlichkeit verdrängte…

      alterbolschewik

      20. September 2013 at 14:22


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