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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Die Eroberung der Öffentlichkeit (5)

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„Es gibt keine Bürgerrechtsbewegung, die für die Frauen spricht […]. Die National Organization for Woman muß deshalb damit anfangen, ihre Stimme zu erheben.“

National Organization for Women, Grundsatzerklärung (1966)

Was bisher geschah: Während sich in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg Frauen einen gewissen, wenn auch beschränkten Zugang zur gesellschaftlichen Öffentlichkeit erkämpft hatten, kam es in der Nachkriegszeit zu einem massiven Rückschlag: Frauen wurden in die Rolle der Hausfrau und Mutter zurückgedrängt. Betty Friedan diagnostizierte 1963 einen ausgeprägten „Weib­lich­keits­wahn“, der Frauen von der gesellschaftlichen Teilhabe ausschloß; denn ganz im Gegensatz zu dem, was die offizielle Propaganda behauptete, waren die Frauen mit der ihnen zugewiesenen Rolle keineswegs zufrieden, sondern im Gegenteil hochgradig frustriert und unglücklich.

Doch welche Lösung bot Friedan den Frauen an, die dem Weiblichkeitswahn entfliehen wollten? Zunächst einmal muß festgestellt werden, daß schon allein die Tatsache, daß Friedan mit ihrer Kritik des Weiblichkeitswahns an die Öffentlichkeit gegangen war, einen ersten Schritt in Richtung Freiheit darstellte. Denn auf einmal begriffen eine ganze Reihe von Frauen, daß es nicht ihr individuelle Unvermögen war, wenn sie sich in der Rolle als Hausfrau und Mutter unglücklich fühlten. Endlich stellte sich jemand gegen die allgemeine Propaganda und sprach offen aus, daß Hausarbeit, Kindergroßziehen und dem Göttergatten ein angenehmes Umfeld für seinen Feierabend zu schaffen, für einen erwachsenen, intelligenten Menschen eine Zumutung ist. Allein diese Erkenntnis, daß zu ein befriedigendes Leben mehr gehört, als die gesellschaftlichen Rollenvorstellungen zu bestätigen, ließen eine Menge Frauen freier atmen, die sich bislang dafür geschämt hatten, unglücklich zu sein, wo doch alle anderen Frauen mit Heim, Kindern und Ehemann angeblich völlig zufrieden waren.

Angesichts dieses allgemein befreienden Charakters, den Friedans Buch auf ihre Leserinnen hatte, waren allerdings ihre konkreten Lösungvorschläge mehr als unbefriedigend. Vollmundig, aber recht inhaltsleer schrieb sie:

„Der Weiblichkeitswahn hat es vermocht, Millionen Amerikanerinnen lebendig zu begraben. Es führt für diese Frauen kein Weg aus ihrem bequemen Gefängnis, es sei denn, sie nähmen die Mühsal auf sich, ihn sich selbst zu bahnen – und dieser Weg wird sie dann über die Biologie und ihre vier Wände hinausführen, damit sie dazu beitragen können, die Zukunft zu gestalten. Nur wenn die amerikanischen Frauen die ihnen innewohnenden Möglichkeiten ausschöpfen, können sie als Ehefrauen und Mütter Erfüllung finden.“ ([2], S. 219)

Doch wie sollten die Frauen aus der Biologie und den eigenen vier Wänden ausbrechen?

„Die einzige Art Arbeit, die es einer begabten Frau ermöglicht, ihre Fähigkeiten voll zu verwirklichen und Identität in der Gesellschaft zu erlangen nach einem Lebensplan, der auch Ehe und Mutterschaft einschließen kann, ist ironischerweise diejenige, die der Weiblichkeitswahn verboten hatte: das lebenslange Engagement in Kunst oder Wissenschaft, Politik oder freiberuflicher Tätigkeit,“ ([2], S. 223)

Ehe, Familie und vor allem die familiäre Arbeitsteilung blieben bei Friedan völlig unangetastet. Ihr Plädoyer konzentrierte sich einzig und allein darauf, daß Frauen sich nicht auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter reduzieren lassen sollten. Letztere, so scheint es zumindest, waren für Friedan notwendige Übel, die dem weiblichen Geschlecht zufielen. Sie brachte allerdings das Argument, daß Hausarbeit nicht mehr das selbe sei wie früher. In einem recht witzigen Kapitel, das den Titel «Hausarbeit läßt sich wie Gummi dehnen« trägt, beschrieb sie, wie überzeugte Hausfrauen ihr Tätigkeitsfeld aufblähten:

„Zwar fand ich niemals eine Frau, die dem Bild der »glücklichen Hausfrau« tatsächlich entsprach, aber mir fiel bei diesen tüchtigen Frauen, die ihr Leben im Schutz des Weiblichkeitswahns führten, etwas anderes auf. Sie waren ungemein betriebsam – sie machten Besorgungen und spielten Chauffeur, die Geschirrspülmaschine, die Trockenschleuder und der Elektromixer waren ständig in Betrieb, sie arbeiteten im Garten, bohnerten, putzten Silber, beaufsichtigten die Schularbeiten ihrer Kinder, sammelten Geld für irgendwelche wohltätigen Zwecke und taten noch tausenderlei anderes.“ ([2], S. 151)

Hausarbeit war einfach nicht mehr der Vollzeitjob, der er früher einmal gewesen war. Und deshalb erfanden die Frauen Friedan zufolge sinnlose Tätigkeiten, um nicht in den Abgrund ihres leeren Daseins blicken zu müssen. Doch selbst wenn man Friedan zugesteht, daß Hausarbeit einfach keine Vollzeitbeschäftigung mehr war: Man kann keine wirklich anspruchsvolle Tätigkeit ausüben und gleichzeitig den Haushalt machen und Kinder und Ehemann betreuen. Faktisch läuft Friedans Rat an die Frauen, sich neben der Familie noch eine sinnvolle Beschäftigung zu suchen, auf eine unerträgliche Doppelbelastung hinaus.

Nun hätte ja die Forderung durchaus nahegelegen, daß auch die Männer ihren Beitrag zur Hausarbeit und Kindererziehung zu leisten hätten. Daß Friedan eine solche Forderung 1963 nicht aufstellte, ist meines Erachtens allerdings kein Zufall. Es steht zu vermuten, daß es sich bei dieser Auslassung um ein taktisches Zugeständnis handelte. Friedans Kritik des Weiblichkeitswahns kommt ohne explizit formuliertes Feindbild aus. Selbst dort, wo sie die Strategen der Werbeindustrie für den Weiblichkeitswahn verantwortlich macht, werden diese keineswegs als patriarchale Verschwörer abgestempelt, die die Frauen in böser Absicht zurück ins Heim und an den Herd schicken. Sie machen nur ihren Job – und der besteht eben darin, die Waren ihrer Auftraggeber zu verkaufen. Es ist nicht ihre Schuld, daß unsichere und unglückliche Frauen eben mehr konsumieren als selbstbewußte und glückliche.

Tatsächlich ist Friedans Schachzug, jeden direkten Angriff auf die Männer zu vermeiden, keineswegs ungeschickt. Denn die Widerstände, die allein die Kritik am Weiblichkeitswahn mobilisierte, kann man sich heute kaum mehr vorstellen. So berichtet etwa eine Studentin, die Mitte der 60er Jahre am Smith-College studierte, wo auch Friedan ihren Abschluß gemacht hatte:

„In den frühen 60er Jahren war unsere Beziehung zur feministischen Tradition sehr zwiespältig. Es war am Smith sogar »in«, Betty Friedans Ideen abzulehnen, weil wir dachten, dass dadurch die Ehemänner unterdrückt werden. Ich erinnere mich an nächtelange Besprechungen mit Freundinnen, in denen wir uns ängstlich die Frage stellten, ob ein Mann eine Frau heiraten würde, die einen Job hat oder nicht mehr Jungfrau ist.“ ([3], S. 63)

Angesichts derartige Widerstände war es sicherlich nicht verkehrt, moderat an die Sache heranzugehen. Und die Taktik zahlte sich aus: Nur wenige Jahre später, als die amerikanische Frauenbewegung sich nicht zuletzt dank Friedans Buch zu formieren begann, gewannen die Forderungen an Kontur. 1966 wurde die National Organization for Women (NOW) gegründet, deren erste Präsidentin Betty Friedan wurde. In der Grundsatzerklärung dieser nationalen Frauenorganisation schrieb Friedan dann:

„Wir glauben, daß eine wirkliche Partnerschaft zwischen den Geschlechtern nach einem anderen Konzept für die Ehe verlangt, nach einer ausgeglichenen Aufteilung der Verantwortlichkeiten für den Haushalt und die Kinder und der ökonomischen Lasten ihres Unterhalts.“ ([1], S. 75)

Die Frauenbewegung begann die Klauen auszufahren. 1967 hatte Organisation bereits vierzehn Ortsgruppen mit 1.000 Mitgliedern, 1974 sollten es dann 700 mit 40.000 Mitgliedern sein.

In Deutschland war zu dieser Zeit noch nicht an etwas derartiges zu denken. Der erste Versuch einer eigenständigen Organisation von Frauen wurde erst im Jahr 1968 gestartet. Doch dieser Versuch hatte es in sich. Freuen sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn Helke Sander meint:

„Wir haben nicht etwa angefangen mit dem Ziel, »jetzt werden wir eine Frauenbewegung«. Wir wollten zeigen, dass die Kinderfrage, die Mütterfrage und die Frage der Reproduktion in der Gesellschaft eng zusammenhängen.“ ([4], S. 166)

Nachweise

[1] [Friedan, B.]: „National Organization for Women: Statement of Purpose“, in: MacLean, N., The American Women’s Movement, 1945 – 2000, Boston und New York 2009, S. 71 – 76.

[2] Friedan, B., Der Weiblichkeitswahn oder Die Selbstbefreiung der Frau, Reinbek 1970.

[3] Rassbach, E.: „»Ich fand es wunderbar und schockierend, dass eine Frau so etwas macht«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 61 – 79.

[4] Sander, H.: „»Nicht Opfer sein, sondern Macht haben«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 161 – 179.

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Written by alterbolschewik

20. September 2013 um 14:19

Veröffentlicht in Feminismus

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