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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Frauenbewegung in der BRD (1)

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„Wir hatten nicht im Entferntesten die Vorstellung, dass wir Opfer sein könnten, sondern ganz im Gegenteil, wir wollten ausprobieren, welche Macht wir haben.“

Helke Sander

Ich habe den Titel der Serie geändert. Nicht, weil es nicht länger um die Eroberung der Öffentlichkeit ginge. Sondern weil das Thema, je mehr ich mich hinein vertiefe, immer komplexer wird. Eigentlich hatte ich nur vor, die Geschichte der Frauenbewegung in groben Umrissen zu skizzieren. Ich wollte zeigen, daß es den Frauen während der ersten beiden Wellen des Feminismus darum ging, aus der Privatheit der Familie und des Haushalts herauszutreten, um in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden und sich damit zu politischen Wesen zu emanzipieren. Dadurch wollte ich den Gegensatz zu einer kleinen, aber bestimmenden Fraktion der sogenannten „dritten Welle“ des Feminismus aufzeigen, die sich in die Privatheit von „safe places“ zurückzieht, um sich in esoterischer Sprache gegenseitig zu versichern, wie schlecht doch die Welt sei und um ihre realen oder eingebildeten Wunden zu lecken.

Doch mit der „groben Skizze“ der bundesrepublikanischen Frauenbewegung ist es Essig. Ich hatte in meiner Naivität gedacht, daß ich mir das Standardwerk zur BRD-Frauenbewegung besorge und dazu noch ein paar Quellentexte durcharbeite. Damit, so dachte ich, sollte ich genug Material haben, um in ein paar Folgen darstellen zu können, wie ab der zweiten Hälfte der 60er Jahre Frauen ihre Stimmen erhoben, um zusehends in der Öffentlichkeit als politische Wesen, als Bürgerinnen, wahrgenommen zu werden. Dieser Plan hatte nur einen Haken: Es gibt kein Standardwerk zur BRD-Frauenbewegung.

In nunmehr eineinhalb Jahrzehnten Gender-Studies hat es der akademische Feminismus in der BRD nicht fertiggebracht, seine eigenen Wurzeln so zu erforschen. Es gibt keinen vernünftiger Abriß dieser Geschichte, der in Buchform vorläge. Es ist wirklich erschreckend, wenn eine Disziplin, die ihre ultima ratio in der Binsenweisheit findet, gesellschaftliche Verhältnisse seien keine naturwüchsigen Gegebenheiten, sondern historisch geworden, wenn ausgerechnet eine solche Disziplin sich keinen Deut um ihre eigene Vergangenheit zu kümmern scheint.

Wenn ich es richtig sehe – und ich lasse mich gerne von meiner Leserinnenschaft eines besseren belehren – liegen gerade einmal zwei größere Arbeiten vor, die sich wissenschaftlich und detailliert mit der BRD-Frauenbewegung beschäftigen. Zum einen gibt es das Buch von Ilse Lenz mit dem Titel Die Neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied ([4]). Doch das ist im wesentlichen eine kommentierte Quellensammlung, keine fortlaufende Gesamtdarstellung. Und dann gibt es noch von Kristina Schulz Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich 1968–1976 ([3]). Bei dieser Arbeit ist das Problem, daß Schulz sich übernimmt. Nicht nur will sie, wie aus dem Titel ersichtlich, die Bewegungen in der BRD und Frankreich vergleichen; sondern sie will dazu auch noch einen theoretischen Überbau liefern, wodurch sie dann im Morast des soziologischen Kauderwelschs der Bewegungsforscher um Dieter Rucht versackt. Statt aus der Darstellung der realen Bewegung die Theorie zu entwickeln, stülpt sie der realen Geschichte ein Kategoriengerüst über, das nichts erhellt, aber durch den Jargon die Lektüre zur Qual macht. Tatsächlich ist das Brauchbarste an Schulz‘ Buch das Literaturverzeichnis.

Deshalb – weil es keine Gesamtdarstellung der Frauenbewegung in der BRD gibt – werde ich mich in den folgenden Wochen und, ich fürchte, Monaten, etwas genauer mit dieser Geschichte beschäftigen, und zwar über die Frage der Öffentlichkeit hinaus. Denn diese Geschichte ist hochspannend, oft überraschend und verdient es, in einiger Ausführlichkeit erzählt zu werden. Ich weiß noch nicht genau, wie weit ich diese Geschichte verfolgen werde – irgendwo zwischen Mitte und Ende der 70er Jahre werde ich wohl einen Schnitt machen – spätestens die Gründung der GRÜNEN und die Hoffnungen, die die Frauenbewegung in diese Partei setzte, sollen andere erzählen. Doch bis dahin ist es ein langer Weg.

Und dieser Weg begann nicht, wie es immer kolportiert wird, am 13. September 1968 auf der 13. Delegiertenkonferenz des SDS in Frankfurt am Main. Damals hielt Helke Sander ihre berühmte Rede, in der sie gleich zu Beginn den Anspruch der Frauen, als politische Wesen ernstgenommen zu werden, formulierte:

„Wir verlangen, daß unsere Problematik hier inhaltlich diskutiert wird. Wir werden uns nicht mehr damit begnügen, daß den Frauen gestattet wird, auch mal ein Wort zu sagen, das man sich, weil man ein Antiautoritärer ist, anhört, um dann zur Tagesordnung überzugehen.“ ([2], S. 39)

Und sie schloß mit den Worten:

„Genossen, wenn ihr zu dieser Diskussion, die inhaltlich geführt werden muß, nicht bereit seid,dann müssen wir allerdings feststellen, daß der SDS nichts weiter ist, als ein aufgeblasener konterrevolutionärer Hefeteig.
Die Genossinnen werden dann die Konsequenzen zu ziehen wissen.“ ([2], S. 43)

Die unmittelbaren Konsequenzen waren dann bekanntlich die, daß sich Sigrid Rüger dazu genötigt sah, das Podium mit Tomaten zu bewerfen, weil die Veranstalter tatsächlich einfach zur Tagesordnung übergehen wollten. Und diese Geschichte gilt allgemein als der Beginn der Frauenbewegung in der BRD.

Doch bei der Nacherzählung dieser Geschichte wird in der Regel etwas Wesentliches vergessen, nämlich zu erwähnen, was eigentlich die Problematik war, die Sander in ihrer Rede thematisierte. Denn Sander ging es keineswegs nur darum, daß Frauen im SDS nichts zu sagen hätten, daß sie quasi als Sekretärinnen der Revolution darauf reduziert würden, Flugblätter abzutippen und Kaffee zu kochen. Das war für Sander bestenfalls ein Nebenaspekt. Im Kern war ihr Beitrag keiner, der quer zur Thematik der SDS-Delegiertenkonferenz stand. Vielmehr zielte er direkt ins Herz der Debatten. Denn der SDS steckte in einer Krise.

Seit der Ermordung Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 war der SDS sprunghaft gewachsen und seine organisatorischen Strukturen waren den Entwicklungen des letzten Jahres nicht gewachsen gewesen. Zudem waren die letzten Kampagnen des SDS – die Kampagne gegen die Notstandsgesetze und die Springerkampagne – spektakuläre Flops gewesen. Es mußte deshalb eine inhaltliche und organisatorische Neuorientierung her. Und was Helke Sander in ihrer Rede vortrug war nicht mehr und nicht weniger als ein konstruktiver Vorschlag, um aus dieser Krise herauszukommen.

Um aber zu verstehen, was genau dieser Vorschlag war und vor allem, auf welchen Erfahrungen er gründete, müssen wir an den Beginn des Jahres 1968 zurückgehen. Helke Sander war damals – was zunächst nicht ungewöhnlich klingt – Studentin an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB). Tatsächlich hatte Sander, die 1937 geboren wurde, zu diesem Zeitpunkt bereits ein Schauspielerinnenausbildung absolviert, war verheiratet und hatte einen Sohn, war mit ihrem Mann nach Finnland ausgewandert, hatte dort Germanistik und Psychologie studiert, war dann in Helsinki ans Theater gegangen und hatte dort erfolgreich als Regisseurin gearbeitet. Mitte der 60er Jahre kehrte sie nach Berlin zurück, arbeitete zunächst als Sekretärin und bewarb sich dann als Studentin an der DFFB. Wohl zurecht merkte sie 2001 an:

„Später ist mir klar geworden, dass ich mich mit dem, was ich damals schon künstlerisch vorzuweisen hatte, auch als Lehrerin hätte bewerben können statt als Studentin.“ ([1], S. 162)

Die allgemeine Politisierung und die spezielle Politisierung am DFFB rissen sie mit und sie engagierte sich in der Springer-Kampagne des SDS. Diese Kampagne wurde von verschiedenen Arbeitskreisen vorbereitet, die sich den Springer-Konzern aus verschiedenen Blickwinkeln vornahmen. Sander fiel allerdings auf, daß bei all den Aspekten, die die Springer-Kampagne zu berücksichtigen suchte, einer fehlte.

Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn Sie erfahren, welche Konsequenzen sich aus dem folgenden ergaben:

„Um die Kritik an Springer nachvollziehen zu können, habe ich regelmäßig die »Bild-Zeitung« und die »Welt« gelesen. Dabei fiel mir auf, dass vom SDS ein wichtiger Arbeitskreis vergessen worden war. Denn in vielen Artikeln ging es um die Frage, wie eine Frau es einem Mann auch mit wenig Geld zu Hause nett machen kann. Diese Art Geschichten wurden aber in keinem einzigen Arbeitskreis analysiert.
Zu der Zeit arbeitete ich bereits an meinem Film über Springer mit dem Titel »Brecht die Macht der Manipulateure«. Und dann fasste ich mir Mut und ging zu einem dieser Arbeitskreise, der bei Peter Schneider in der Wohnung tagte. […] Ich ging also zu diesem »Springer-Arbeitskreis« und sagte: »Ihr habt etwas Wichtiges vergessen, die Analyse der an Frauen gerichteten Artikel. Damit entgeht euch eine vermutlich große Unterstützung.«“ ([1], S. 164f)

Nachweise

[1] Sander, H.: „»Nicht Opfer sein, sondern Macht haben«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 161 – 179.

[2] Sander, H.: „Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS (1968)“, in: Lenz, I. (Hg.), Die Neue Frauenbewegung in Deutschland, Wiesbaden 2009, S. 38 – 43.

[3] Schulz, K., Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich 1968–1976, Frankfurt a.M. / New York 2002 (http://www.hist.unibe.ch/unibe/philhist/hist/content/e267/e6141/e8165/datei/datei/schulz_provokation_ger.pdf).

[4] Lenz, I. (Hg.), Die Neue Frauenbewegung in Deutschland, Wiesbaden 2009.

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Written by alterbolschewik

27. September 2013 um 15:20

Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen, Feminismus

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