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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Archive for Oktober 2013

Die Frauenbewegung in der BRD (5)

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„Die Familie [ist] immer noch die bedeutsamste Sozialisationsinstanz des kapitalistischen Herrschaftssystems, weil sie durch autoritäre und lustfeindliche Erziehung den herrschaftskonformen, passiven bürgerlichen Charakter formt.“

Kommune 2, 1969

Was bisher geschah: In einer Wohngemeinschaftsküche haben sich Helke Sander und Marianne Herzog zusammengesetzt, um das Problem der Mütter in der linken Bewegung kollektiv anzugehen.

Recht schnell holten sie sich weitere Mitstreiterinnen ins Boot, darunter Dorothea Ridder, die zur Kommune I gehörte, und Ludmilla Müller. Die ersten Flugblätter (die ich letzte Woche schon zitiert habe) wurden Mitte Januar 1968 an der TU Berlin verteilt, und zwar nur an Frauen. Was natürlich einige Männer als skandalös empfanden. Die Gruppe rief zu einer Frauenversammlung am 26. Januar 1968 auf. Nervös warteten sie darauf, ob denn überhaupt jemand kommen würde – Helke Sander hat das in Der subjektive Faktor sehr schön dargestellt. In der Hinsicht mußten sie unbesorgt sein:

„Zu diesem Treffen kamen ungefähr 100 Leute. Es waren auch ein paar Männer dabei, die wir nicht wegschickten, und schon da gründeten wir die ersten fünf Berliner Kinderläden.“ ([2], S. 165)

Ob es wirklich gleich fünf Kinderläden waren oder zwei, wie andere Quellen behaupten ([1], S. 95), ist nicht so ausschlaggebend. Entscheidend ist: Bei dem Treffen ging es nicht um ein Bejammern der eigenen Situation, sondern darum, tatkräftig etwas daran zu ändern. Und diese Änderung bestand darin, die Kindererziehung zu kollektivieren.

In Ansätzen war das schon vorher geschehen. In den ersten Wohngemeinschaften und Kommunen war das Thema kollektiver Erziehung bereits vorher präsent. Dazu ist ein kleiner Exkurs angebracht.

Die Gründung von Wohngemeinschaften begann so um 1966. Dabei sind – wie dann später auch bei den Kinderläden – zwei Motivationen zu unterscheiden. Zum einen die pragmatische, für die noch einmal Helke Sander exemplarisch sein soll:

„Ich wohnte in einer der ersten Kommunen in der Dernburgstraße, nicht aus Lust, sondern aus Not heraus. Denn als allein stehende Frau mit Kind bekam ich keine Wohnung. Abends wegzugehen war also nicht so schlimm, weil immer jemand zu Hause war. Anfangs war es keine Kommune, sondern nur eine große Wohnung, wo viele Leute aus der Filmakademie, deren Freundinnen und ein paar andere wohnten.“ ([2], S. 163)

Dieser pragmatische Nutzung des großen Berliner Altbaubestandes für Wohngemeinschaften stand die Kommune als politisches Projekt gegenüber. Die Inspiration kam dazu aus der Gruppe der Subversiven Aktion um Dieter Kunzelmann in München und Rudi Dutschke in der Berlin. Diese Subversiven trafen sich 1966 in Kochel. Das Treffen fand paradoxerweise in der Ferienvilla eines Unternehmers statt, und zwar auf Einladung von dessen Sohn, der Mitglied im SDS war. Bei diesem Treffen wurde über neue, den historischen Umständen angepaßte Organisationsmöglichkeiten der Linken diskutiert.

Die alte, autoritäre Parteihierarchie der Kommunisten schien den Teilnehmern des Treffens offensichtlich kein der Gegenwart mehr angemessenes Organisationsmodell zu sein (unbeschadet der traurigen Tatsache, daß zur selben Zeit andere schon wieder fleißig an neuen kommunistischen Parteigründungen bastelten). Eines der wichtigsten Argumente gegen diese Form der Organisation war ein historisches: Deren Versagen angesichts des Nationalsozialismus. Offensichtlich war es vor allem der KPD nicht gelungen, ihre Anhänger gegen die Ideologie der Nazis zu immunisieren. Das Bewußtsein dieses Versagens war dann Ausgangpunkt für eine kritische Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Sozialisationsinstanzen.

Dafür konnte man bereits auf historisches Material zurückgreifen. Das Frankfurter Institut für Sozialforschung hatte bereits Anfang der dreißiger Jahren eine Studie über Autorität und Familie durchgeführt. Im Gegensatz zum traditionellen Marxismus, der immer nur auf die objektiven Bedingungen gesellschaftlichen Aufbegehrens gestarrt hatte, wurden hier mit Hilfe der Psychoanalyse auch die subjektiven Bedingungen untersucht. Und das Untersuchungsergebnis war verheerend gewesen. Mit Hilfe der Psychoanalyse war der fehlende Widerstand gegen autoritäre Herrschaft unter anderem auf die spezifische Sozialisation in der Familie zurückgeführt worden. Ganz verkürzt: Die Unterordnung unter die väterliche Autorität, die im entwickelten Kapitalismus irrational geworden ist, setzt sich in der politischen Sphäre fort als Unterordnung unter irrationale autoritäre Regime. Diese Diagnose aus den 30er Jahren bewog dann das Institut für Sozialforschung, rechtzeitig Maßnahmen im Falle einer Machtergreifung der Nazis und die dann notwendige Flucht ins Exil zu ergreifen.

Diese Thesen über den autoritären Charakter lagen auch den Diskussionen beim Treffen in Kochel 1966 zu Grunde. Die Teilnehmer waren sich darüber einig: Man brauchte nicht einfach eine neue Organisationsform, sondern eine Organisationsform, die auch der subjektiven Dimension gerecht wurde:

„Äußerer Anlaß dazu war, daß Rudi Dutschke einige Tage später kam, weil seine Eltern ihn besucht hatten. Das schien dem großartigen revolutionären Anspruch, den die Gruppe an sich stellen wollte, ins Gesicht zu schlagen. Wegen der Eltern, Repräsentanten der bürgerlichen Autorität, die man bekämpfen wollte, durfte niemand zu einem so wichtigen politischen Treffen zu spät kommen.“ ([1], S. 17)

Der Lösungsansatz war, daß man die Vereinzelung der bürgerlichen Individuen, ihre Einkapselung in die Struktur der Kleinfamilie, aufbrechen wollte. An die Stelle von Ehe und Familie sollten die Kommunen treten – größere, verbindlichere Lebenszusammenhänge, in denen die bürgerliche Trennung von Öffentlichem und Privatem aufgehoben sein sollte. Unter anderem – doch das ist gerade der Aspekt, der in unserem Zusammenhang interessiert – sollte die Kommune das Problem der autoritären Sozialisation lösen.

Daß dieser Aspekt in der Rückschau weitgehend ausgeblendet wird, liegt daran, daß in der Rückschau die Kommune 1 als prototypische Umsetzung des Kommunegedankens erscheint. Diese rieb sich aber weitgehend im politischen Aktionismus auf. Dem ursprünglichen Kommune-Gedanken, nämlich die Kommune nicht nur als politische Organisationseinheit anzusehen, sondern auch die subjektiven Bedingungen der Revolte zu reflektieren und, wenn möglich, in einem solidarischen Zusammenleben die eigene bürgerliche Sozialisation zu überwinden, wurde aber viel eher die Kommune 2 gerecht. Weil die Kommune 2 keine spektakulären Aktionen machte und sich mit der Springer-Presse kein Katz-und-Mausspiel lieferte, blieb sie im Rückblick weitgehend unbeachtet.

Erst im Rahmen der Debatte über Pädophilie und inwieweit die Grünen in ihrer Anfangsphase von pädophilen Netzwerken unterwandert wurden, kam die Kommune 2 wieder ins Gerede, als angeblicher Beweis dafür, daß die ganze 68er-Bewegung aus Kinderschändern bestand. Das ist natürlich blühender Unsinn.

Allerdings berichtete die Kommne 2 in einem 1969 veröffentlichten Bericht über ihren Umgang mit kindlicher Sexualität – oder eher den Umgang mit der kindlichen Neugier an den Geschlechtsorganen. Dabei kam es dann auch zu Szenen, bei denen es sich einem aus heutiger Sicht den Magen umdreht. Eines der Kommunemitglieder erzählt, wie das dreijährige Mädchen in der Kommune bei ihm im Bett schlafen will und sie sich dann gegenseitig streicheln:

„Dann will sie meinen »Popo« streicheln. Ich muß mich umdrehen. Sie zieht mir die Unterhose runter und streichelt meinen Popo. Als ich mich wieder umdrehe, um den ihren wie gewünscht zu streicheln, konzentriert sich ihr Interesse sofort auf »Penis«. Sie streichelt ihn und will ihn »zumachen« (Vorhaut über die Eichel ziehen), bis ich ganz erregt bin und mein Pimmel steif wird. Sie strahlt und streichelt ein paar Minuten lang mit Kommentaren wie »Streicheln! Guck ma Penis! Groß! Ma ssumachen! Mach ma klein!«“ ([1], S. 92)

Tatsächlich wird genau diese Stelle im Rahmen der Pädophilie-Debatten immer wieder angeführt und dabei völlig aus dem Kontext gerissen. Es geht dem Erzähler aber überhaupt nicht darum, sexuelle Befriedigung daraus zu ziehen, sondern ihm ist die ganze Sache mehr als peinlich. Aber er ist der Meinung, daß er aus pädagogischen Gründen der Neugier der Kinder keine Schranken setzen darf.

Was für seltsame pädagogische Gründe das waren und auf wen diese Ideen zurückgehen erfahren Sie nächste Woche, wenn Wilhelm Reich meint:

„So geringfügig der Unterschied zwischen bloßer Duldung und Bejahung des kindlichen und und puberilen Geschlechtslebens äußerlich erscheinen mag, für die psychische Strukturbildung im Zögling ist er entscheidend. […] Das bloße Dulden oder »Gestatten« des sexuellen Spiels bietet kein Gegengewicht gegen den übermächtigen Druck der gesellschaftlichen Atmosphäre. Die ausdrückliche und unmißverständliche Bejahung des kindlichen Geschlechslebens seitens der Erzieher dagegen vermag auch dann die Grundlage sexualbejahender Ichstruktur-Bestandteile zu werden, wenn sie die gesellschaftlichen Einflüsse nicht zu entkräften vermag.“ (zit. nach [1], S. 86f)

Nachweise

[1] Bookhagen, C.; Hemmer, E.; Raspe, J.; Schulz, E. & Stergar, M., Kommune 2. Versuch der Revolutionierung des bürgerlichen Individuums, Berlin 1969.

[2] Sander, H.: „»Nicht Opfer sein, sondern Macht haben«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 161 – 179.

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28. Oktober 2013 at 14:30

Veröffentlicht in Feminismus

Die Frauenbewegung in der BRD (4)

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„Uns brauchte keine wissenschaftliche Analyse erst klar zu machen, daß sich diese Gesellschaft grundlegend ändern muß.“

Aktionsrat zur Befreiung der Frauen

Was bisher geschah: Letzte Woche geschah eigentlich gar nichts – Helke Sander und Marianne Herzog sitzen immer noch in der WG-Küche und sind kurz davor, die erste wichtige Frauenorganisation in der BRD zu gründen. Statt die Handlung voranzutreiben, wurde letzte Woche lang und breit erläutert, daß es falsch wäre, die Anfänge der Frauenbewegung als Gegenreaktion zum Machismo der radikalen Linken, insbesondere des SDS, zu interpretieren. Stattdessen ging es darum, Lösungen für das Problem der Frauen und insbesondere der Mütter zu finden, daß diese sich aufgrund ihrer gesellschaftlichen Situation nicht am politischen Prozeß beteiligen konnten.

Dementsprechend setzte sich der erste Flugblattentwurf von Sander und Herzog auch überhaupt nicht mit irgendwelchen linken Organisationen auseinander, sondern konzentrierte sich auf das, was sie als die Wurzel des Übels ansahen, den Grund dafür, warum Frauen in der politischen Öffentlichkeit nicht kompetent agieren können: Die Ehe. Der Text ihres ersten Flugblatts lautete:

„Über die Ehe

Was ist das?

Wenn Du noch nicht geheiratet hast, tu es schnellstens. Sei nicht so wählerisch, heirate den ersten besten, um so eher kannst Du Dich befreien.

Du wirst keinen besseren finden, als den ersten besten.

Denn: Hast Du einen Mann, von dem du viel hältst, dauert es viel länger, bis Du Dir die Frage stellst: Wer bin ich?

Wenn Du verheiratet bist und Deinen Mann das erste Mal nicht mehr ausstehen kannst, müßtest Du eigentlich schon gegangen sein.
Jetzt dauert es aber noch 2 – 3 – viele Jahre.
Anscheinend kannst Du es immer noch aushalten.
Dann beklag Dich nicht.
Wenn Du Dich trotzdem beklagst, frage Dich: Was hindert mich daran, abzuhauen?
Ist es die Angst, daß Du nicht weißt, wer Du bist?
Oder ist es die Angst, daß Du nicht weißt, wovon Du frißt?
Oder sind es die Kinder?

Vielleicht denkst Du daran, daß Du das alleine nicht lösen kannst. Vielleicht denkst Du daran, Dich zu organisieren?

Dann komm zu uns.
Wenn Du merkst, daß Du mit Deinen Problemen allein nicht mehr fertig wirst, denkst Du vielleicht daran, Dich zu organisieren. Wir haben damit angefangen.

Aktionskomitee zur Vorbereitung der Befreiung der Frauen“ (zit. nach [5], S. 142)

Dieses Flugblatt blieb allerdings weitestgehend Entwurf. Es kursierte nur in einer winzigen Auflage, „weil es der Freund einer der beteiligten Frauen »unmöglich« fand.“ ([5], S. 142)

In der Folge wurde das Aktionskomitee zum Aktionsrat, die „Vorbereitung“ wurde gestrichen und ein ausführlicheres, differenzierteres, allerdings auch nicht mehr so witziges Positionspapier wurde verfaßt. Darin wird erklärt, warum es Frauen immer schwerer gefallen ist als den Männern, sich emanzipatorisch zu verhalten. Warum der bürgerliche Weg der Frauenemanzipation scheitern muß. Warum die Verfasserinnen sich der antiautoritären Linken angeschlossen haben. Wie die Umstände sie hinderten, sich mehr als nur am Rande in den politischen Prozeß einzubringen.Und was für sie daraus folgte:

„Wir begannen, politische Veranstaltungen zu hassen, da sie nichts daran änderten, daß uns die alltäglichen Probleme zu einem reaktionären Verhalten zwangen. Da wir nicht länger passiv, verkrampft, wehleidig, einsam bleiben wollen, nicht mehr auf den unverbindlichen Zufall eines verständnisvollen Verhältnisses angewiesen sein wollen, müssen wir trotz aller Interessengleichheit unsere ungleiche Situation aufnehmen, artikulieren und organisieren. Diese ungleiche Situation ist äußerlich dadurch gekennzeichnet, daß uns die kommende Generation »am Halse hängt«. Hier müssen wir aufhören, die Misere individuell lösen zu wollen, oder damit auf Zeiten nach der Revolution zu warten.“ ([1])

Das erste Ziel, das sich der Aktionsrat setzte, war also ein ganz praktisches: Das Problem, das sie mit der kommenden Generation hatten, die ihnen am Hals hing, zu lösen. Mit anderen Worten: Die Betreuung der Kinder kollektiv und solidarisch zu organisieren, um dadurch mehr Zeit für die politische Arbeit zu gewinnen.

Doch war das nicht ganz so pragmatisch gedacht, wie es auf den ersten Blick scheint. Es ging nicht ausschließlich darum, die Kinder zu verwahren, um mehr Zeit für sich selbst zu bekommen. Denn dafür gab es auch damals schon Kindergärten. Der Aktionsrat wollte aber nicht nur die Mütter entlasten, sondern auch den Kindern eine bessere Erziehung angedeihen lassen, als sie die städtischen Kindergärten boten. Denn diese wurden als wenig kindgerecht empfunden. Wie es damals zuging, kann man einem Bericht der Kommune 2 entnehmen. Darin wird recht eindrücklich der Kindergarten beschrieben, in den die zwei Kinder der Kommune zunächst geschickt wurden:

„Die Kinder waren in winzigen Zimmern zusammengepfercht. Die Spielmöglichkeiten waren weitgehend begrenzt auf das Spielen an Tischen. Ein trostloser Hinterhof, der mit einigen Stangen und Sandkästen ausgerüstet war, diente als Spielplatz. Es gab keinen eigenen Schlafraum, sondern mittags wurden militärähnliche Feldbetten in die Zimmer gestellt und nach der Mittagsruhe wieder weggeräumt. Eine einzige Kindergärtnerin mußte sich um mindestens zwölf Kinder (manchmal über zwanzig) kümmern. […] Die Kindergärtnerinnen stellten für die Kinder wesentlich eine disziplinierende, verbietende und gebietende Instanz dar. Sie ordneten die Spiele an, die gespielt werden sollten. Längere Spielabläufe waren unmöglich; die Spiele wurden immer wieder durch den starren Tagesplan unterbrochen. Alle an sich lustvollen Betätigungsmöglichkeiten der Kinder verkehrten sich im Kindergarten in demütigende, unlustvolle Zwangshandlungen. Gegessen wurde unter dem Zwang, alles aufessen zu müssen. Der letzte beim Essen wurde als »Bummelletzter« gedemütigt. Das Essen war damit zu einer Art Leistungskonkurrenz gemacht.“ ([2], S. 93f)

Bei den Plänen des Aktionsrates ging es, angesichts derartiger Zustände, nicht nur darum, sich die Kinder wenigstens für eine gewisse Zeit vom Hals zu schaffen. Die Betreuung sollte auch so aussehen, daß die Kinder während dieser Zeit keinem autoritären Regime unterworfen sind. Helke Sander hatte vor Gründung des Aktionsrates bereits zwei Anläufe unternommen, die Problematik in den Griff zu bekommen. Den ersten Versuch startete sie, bevor sie Mitglied im SDS wurde:

„Durch das Buch »Summerhill« wusste ich von diesem gleichnamigen Internat in England, und obwohl die Schule sehr teuer war, fuhr ich hin, um es mir anzusehen. Ich musste in London übernachten, und in dieser Nacht wurde mir schlagartig bewusst, wie pervers es ist, ein Land wechseln zu müssen, nur um sein Kind einigermaßen anständig aufwachsen zu lassen. Also brach ich die Reise ab und fuhr mit dem festen Vorsatz wieder nach Deutschland zurück, dass man das irgendwie anders regeln muss. Aber ich wusste nicht wie. Also trat ich erst einmal in den SDS ein.“ ([3], S. 163)

Der nächste Versuch bestand dann darin, innerhalb des SDS Unterstützung zu finden. Sie heftete Zettel an das schwarze Brett des SDS, um andere Frauen in ähnlicher Lage zu finden:

„Dass es nicht einfach werden würde, war mir klar, denn die meisten Frauen waren jünger als ich. Aber ich dachte, wir könnten vielleicht erst einmal so etwas wie die skandinavischen »Parktanten« einrichten. Dort konnten die Kinder nach der Schule in bestimmte Parks gehen und unter Aufsicht von Frauen spielen, die eben »Parktanten« genannt wurden. Die Frauen kriegten dafür ein bisschen Geld.“ ([3], S. 163f)

Doch die Resonanz von Frauen blieb aus, stattdessen standen „blöde Bemerkungen von blöden Jungs“ ([3], S. 164) auf dem Aushang.

Erst der dritte Anlauf erwies sich als erfolgreich. Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn Ingrid Schmid-Harzbach meint:

„Wenige erinnern sich heute noch daran, daß es Frauen, nämlich diese Mütter im Aktionsrat waren, die als erste autonome Kinderläden gründeten.“ ([4], S. 52)

Nachweise

[1] Aktionsrat zur Befreiung der Frauen, „Papier vom 15. 1. 1968 für das Frauentreffen am 26. 1. 1968 an der TU Berlin“, in: Courage, Jg.3 (1978), Nr.9 (9, September 1978), S.43.

[2] Bookhagen, C.; Hemmer, E.; Raspe, J.; Schulz, E. & Stergar, M., Kommune 2. Versuch der Revolutionierung des bürgerlichen Individuums, Berlin 1969.

[3] Sander, H.: „»Nicht Opfer sein, sondern Macht haben«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 161 – 179.

[4] Schmidt-Harzbach, I.: „»Frauen erhebt euch«. Als Frau im SDS und im Aktionsrat“, in: Schlaeger, H. (Hg.), Mein Kopf gehört mir. Zwanzig Jahre Frauenbewegung, München 1988, S. 49 – 57.

[5] Dietz, G.; Schmidt, M.; Honkomb, A. & Schmiel, E. (Hg.), Klamm, Heimlich & Freunde. Die siebziger Jahre, Berlin 1987.

Written by alterbolschewik

18. Oktober 2013 at 14:58

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Frauenbewegung in der BRD (3)

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„Das war das Kernproblem: Wie soll eine Gesellschaft aussehen, in der es kein Nachteil ist, daß eine Frau ein Kind bekommt.“

Helke Sander

Was bisher geschah: Der SDS interessiert sich im Rahmen der Springer-Kampagne nicht für das von Bild-Zeitung und Co. verbreitete Frauenbild. Deshalb tut sich Helke Sander mit Marianne Herzog zusammen, um ein eigenes Projekt zu entwickeln.

Man kann gar nicht oft genug betonen, daß die Anfänge der Frauenbewegung tief im 68er-Aufbruch verankert waren. Das ist deshalb so wichtig, weil später von großen Teilen der Frauenbewegung ganz andere historische Thesen vertreten wurden: Daß die Frauenbewegung deshalb enstanden sei, weil sich die Frauen von den autoritären SDS-Machos abgrenzen wollten.

Doch das ist bestenfalls die Hälfte der Geschichte. Sicherlich: Daß Helke Sanders Vorschlag, doch auch einmal das Frauenbild der Springerpresse zum Thema zu machen, ignoriert wurde, zeigt deutlich, daß bestimmte Themen einfach nicht ernst genommen wurden, daß Vorschläge von Frauen ignoriert oder – noch schlimmer – lächerlich gemacht wurden.

Es griffe aber zu kurz, wollte man diese Problematik einfach auf die Behauptung reduzieren, daß der SDS eben eine männerdominierte patriarchalische Organisation gewesen sei, in der Frauen keine Rolle spielen sollten. Tatsächlich war die aggressive Dominanz männlicher Klugscheißer selbst ein Resultat der historischen Entwicklung. Die aggressiven Hähnchenkämpfe im SDS, die nicht nur viele Frauen, sondern auch viele männliche Sympathisanten von der Diskussion ausschlossen, sind auf das explosive Wachstum des SDS im Jahr 1967 zurückzuführen. Der SDS war Ende 1967 nicht mehr die Organisation, die er noch zu Beginn des Jahres gewesen war.

Denn dazwischen lag der 2. Juni 1967, die Ermordung Benno Ohnesorgs während der Anti-Schahdemonstrationen in Berlin. Nach diesem Ereignis explodierten die Mitgliederzahlen des SDS. Davor war der SDS ein weitgehend ernsthafter Studentenverband gewesen, in dem vor allem über sozialistische Theorien diskutiert wurden, und das durchaus in einer Art und Weise, die Frauen nicht ausschloß, im Gegenteil. Jetzt war der SDS auf einmal eine Massenorganisation, bei der es um Führungsanspruch und Macht ging. Die Fraktionskämpfe – die es auch vorher schon gegeben hatte – brachen nun mit einer Wucht aus, die größtenteils über die Köpfe der neu Hinzugekommenen, seien es nun Frauen oder Männer, ausgetragen wurden.

Das läßt sich sehr leicht anhand autobiographischer Rückblicke verifizieren. Die Aussagen der Frauen, die vor dem 2. Juni im SDS aktiv waren, unterscheiden sich grundlegend von denen, die dazustießen, als der SDS zu einer Massenorganisation wurde.

Elke Regehr, die eben durch den Mord an Benno Ohnesorg politisiert wurde, berichtet etwa über ihre Erfahrungen im SDS:

„Dort dominierten einige wenige »Chefideologen« mit ihrem Soziologenkauderwelsch. Ich habe mich nicht getraut zu sagen: »Jetzt lasst mich doch auch mal reden, ich rede wenigstens verständlich.« Es war überhaupt nicht selbstverständlich, als Frau mitzudiskutieren. Die meisten Frauen saßen oder standen stumm und lauschten.“ ([2], S. 85f)

Doch das sind typische Erfahrungen für die Zeit nach dem 2. Juni 1967. Frauen, die sich schon früher im SDS organisiert hatten, schildern die Erfahrungen im SDS völlig anders. Susanne Kleemann etwa, die bereits in der ersten Hälfte der 60er Jahre zum SDS stieß, hat in dieser Hinsicht ziemlich konträre Erinnerungen:

„Häufig wird kolportiert, dass der SDS damals ein reiner Männerverband gewesen sei. Doch das stimmt nicht. Männer waren zwar immer deutlich in der Mehrheit, aber bei allen Sitzungen waren immer auch viele Frauen dabei. Einige Frauen spielten auf Bundesebene eine führende Rolle, wie Ursula Schmiederer, und auch in den Landesverbänden waren Frauen in führender Rolle aktiv, wie im Frankfurter SDS Annegret Steinhauer und in München Marina Achenbach, um mal einige Frauennamen zu nennen. […] Viele Frauen beschreiben, wie sehr sie im SDS diskriminiert oder missachtet worden sind. Das habe ich wirklich ganz anders erlebt. Für mich war der SDS ein Verband, in dem ich absolut gefördert wurde.“ ([5], S. 104)

Selbst Helke Sander, der doch der Aufstand gegen den SDS zugeschrieben wird, distanziert sich von den üblichen Klischees:

„Im SDS redeten tatsächlich damals hauptsächlich Männer, und es stimmt auch, dass es ein paar Frauen gab, die tippten. Aber das machten eben nicht alle. Ich würde sogar sagen, wenn damals überhaupt irgendetwas für Frauen attraktiv war, dann war es der SDS, weil Frauen dort intellektuell eine andere Position innehatten.“ ([4], S. 164)

Das Problem ist eher die Geschichtsschreibung. Und zwar sowohl die männliche wie die weibliche. Der historische Mainstream ignoriert weitgehend die Frauen in der Geschichte der antiautoritären Bewegungen. Susanne Kleemann regt sich zurecht darüber auf:

„Dabei war eine Frau wie Sigrid Rüger in den Jahren von 1965 bis 1967 an der FU in Berlin bekannter als Rudi Dutschke, weil sie unsere Sprecherin war und ständig öffentlich auftrat. Gerade bei Sigrid Rüger und auch bei Sigrid Fronius als Asta-Chefin ist es absurd, sie zu verschweigen.“ ([5], S. 118f)

Doch wenn man in die Kleine Geschichte des SDS von Tilman Fichter und Siegward Lönnendonker hineinschaut, wird man nicht viel über diese zentralen Figuren finden. Rüger einmal im Vorbeigehen erwähnt ([1], S. 98), während Fronius im Haupttext überhaupt nicht auftaucht, sondern nur in einer Anmerkung Erwähnung findet ([1], S. 182).

Der eigentlich traurige Witz ist jedoch, daß auch die feministische Geschichtsschreibung diese Frauen ignoriert. Und zwar deshalb, weil sie auch nicht in ihr Klischeebild von der Frauenbewegung passen. Sigrid Rüger wird darauf reduziert, die Frau gewesen zu sein, die Hans-Jürgen Krahl eine Tomate an den Kopf pfefferte; unterschlagen wird, daß sie eine der wichtigsten öffentlichen Führungsfiguren des Berliner SDS war.

Diese mangelnde Differenzierung verfälscht auch die Geschichte des Aktionsrates, den Sander und Herzog im Dezember 1967 am Küchentisch entwarfen. Ja, es ging bei den Planungen von Sander und Herzog darum, etwas dagegen zu tun, daß Wortmeldungen und Vorschläge von Frauen nicht ernst genommen wurden. Doch weder war die Diagnose: Der SDS besteht nur aus aufgeblasenen, patriarchale Machos. Noch war ihr Lösungsvorschlag: Dann machen wir eben unser eigenes politisches Ding.

Denn es ging Sander und Herzog gar nicht um die Frauen an sich. Es gab, wie gesagt, genügend Frauen im SDS, die eine herausragende Rolle spielten, auch wenn diese in den sich anbahnenden Fraktionskämpfen zurückgedrängt wurde. Sander und Herzog ging es um eine ganz bestimmte Gruppe von Frauen, nämlich um die Mütter. Und ihre Diagnose war um einiges differenzierter als die langweilige Männer-Frauen-Dichotomie. Sander und Herzog stellten fest, daß Mütter, aufgrund ihrer Lebensumstände, nicht in der Lage sind, kompetent in politische Diskussionen einzugreifen. Sie müssen sich, neben dem Studium, zusätzlich um Kind und Haushalt kümmern, womöglich auch noch arbeiten, um ihr Auskommen zu finanzieren. Da bleibt nicht viel übrig für politische Bildung und politisches Engagement. Ihre gesellschaftliche Situation verschlingt so viel von ihrer Lebensenergie, daß es nicht dazu reicht, auch noch Marcuse und Habermas zu lesen oder nächtelang in Kneipen herumzudiskutieren.

Ziel mußte es also sein, die Lebensumstände vor allem der Mütter so zu verändern, daß sie die gleiche Chance bekamen, innerhalb des existierenden Politisierungsprozesses als eigenständige Persönlichkeiten präsent zu sein. Es ging also nicht darum, gegen den SDS zu agieren. Sondern eine Aktionsplattform zu schaffen, damit Frauen im SDS – oder auch anderen politischen Organisationen – gleichberechtigt mitarbeiten könnten, ohne daß die Tatsache ihrer Mutterschaft auf dieses Engagement negativ Auswirkungen hätte.

Und damit entstand im doppelten Sinn etwas Neues: Um Müttern die Möglichkeit politischer Teilhabe überhaupt zu ermöglichen, mußte auch eine neue Form von Politik entwickelt werden. Und so wurde das Mittel selbst zu einem Zweck.

Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn Helke Sander schreibt:

„Der »Aktionsrat zur Befreiung der Frauen« hat mit seinem Entstehen im Januar 1968 bis zu seiner Auflösung für ca. zwei Jahre ein politisches Konzept entwickelt, das zum ersten Mal die Bedürfnisse von Müttern zur Grundlage von Politik gemacht hat.“ ([3], S. 38)

Nachweise

[1] Fichter, T. & Lönnendonker, S., Kleine Geschichte des SDS, Berlin 1977.

[2] Regehr, E.: „»Für viele Männer des SDS war die Psyche Weiberkram«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 81 – 99.

[3] Sander, H., „Mütter sind politische Personen“, in: Courage, Jg.3 (1978), Nr.9 (September 1978), S.38 – 42.

[4] Sander, H.: „»Nicht Opfer sein, sondern Macht haben«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 161 – 179.

[5] Schunter-Kleemann, S.: „»Wir waren Akteurinnen und nicht etwa die Anhängsel«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 101 – 119.

Written by alterbolschewik

11. Oktober 2013 at 9:30

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Frauenbewegung in der BRD (2)

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„Es ging uns nicht um Gebärfähigkeit an sich, sondern darum dass Frauen dadurch andere Probleme haben und dass es nicht automatisch bedeuten muss, dass sie darunter gesellschaftlich leiden müssen.“

Helke Sander

Was bisher geschah: Im Rahmen der Anti-Springer-Kampagne des SDS 1967/1968 stellt Helke Sander fest, daß das in den Blättern des Springer-Konzerns verbreitete reaktionäre Frauenbild in der Kampagne nicht thematisiert wird. Sie sucht deshalb einen Arbeitskreis der Kampagne auf, um auf dieses Problem aufmerksam zu machen.

Der Erfolg von Betty Friedans Buch über den Weiblichkeitswahn ([1]) hätte die Genossen eigentlich hellhörig werden lassen müssen – wenn sie ihn denn zur Kenntnis genommen hätten. In den Blättern des Springerverlages wurde ein Frauenbild entworfen, in dem sich eine zunehmend größer werdende Masse von Frauen nicht erkennen konnten. Tatsächlich stellte die Springer-Presse in dieser Hinsicht nur die Spitze eines Eisbergs da. Selbst die Bundesregierung strickte hochoffiziell an einem Frauenbild mit, angesichts dessen sich einem heute der Magen hebt. Im Bericht der Bundesregierung über die Situation der Frau in Beruf, Familie und Gesellschaft vom September 1966 wurde genau der Unsinn verzapft, den Friedan bereits drei Jahre zuvor unter großem Zuspruch ihrer Leserinnen komplett demontiert hatte. Zusammen mit der Springerpresse im Chor sang die Bundesregierung das Loblied der Hausfrau als kompetenter Managerin und kam zu dem Schluß:

„Angesichts der Vielfalt geistiger und körperlicher Leistungen, die von der Hausfrau verlangt werden, erscheint es nicht verwunderlich, wenn demoskopische Untersuchungen ergeben haben, daß auch heute noch die Mehrzahl aller Frauen ihre Tätigkeit in Haushalt und Familie als Lebensaufgabe und Berufung verstehen.“ (zit. nach [4], S. 113)

Mit der Realität und der tatsächlichen Erfahrung der Frauen hatte dieses Bild wenig zu tun. Viele Frauen, vor allem die Mütter, waren mit ihrer Rolle keineswegs zufrieden, empfanden sie mitnichten als Berufung, sondern fühlten sich oft genug isoliert und hoffnungslos überfordert. Hier hätte die Springer-Kampagne – was Sander völlig richtig erkannte – eine reale Chance gehabt, weit über das studentische Milieu hinaus Menschen anzusprechen, die mit ihrer Situation massiv unzufrieden waren. Am Beispiel der verlogenen Hausfrauen- und Familienpropaganda wäre es möglich gewesen, exemplarisch zu zeigen, wie die mediale Manipulationsmaschinerie funktioniert, und zwar an einem Thema, bei dem zumindest Frauen die Differenz zwischen medialem Schein und gesellschaftlicher Realität aus eigener Anschauung nur allzu gut kannten.

Doch daraus wurde nichts. Die Genossen hörten sich zwar höflich an, was die Genossin zu sagen hatte (Helke Sander hat diese Situation dann später in ihrem Film Der subjektive Faktor nachgestellt), doch der Bescheid, der dann erteilt wurde, war ernüchternd:

„Sie meinten nur: »Geh mal in die Küche. Da macht die Marianne so was Ähnliches.« In dem Moment blieb mir nur Sprachlosigkeit. Ich ging aber tatsächlich in die Küche.“ ([5] , S. 165)

„Die Marianne“ – das war Marianne Herzog. Mit Helke Sander verband sie, daß auch sie jung geheiratet hatte und Mutter geworden war. Doch war ihre Biographie noch um einiges komplizierter als die von Helke.

Marianne Herzog wurde 1939 in Schlesien geboren, in Breslau, die Familie kam aber aus dem Berliner Raum. Marianne erlebte als Kind die Schrecken des Krieges, die Familie flüchtete vor der anrückenden Roten Armee nach Waren in Mecklenburg-Vorpommern. 1950 machte sich der Vater nach Westen davon und ließ die Mutter mit zwei Kindern sitzen:

„Wir lebten dreizehn Jahre lang zu dritt von dreihundertzwanzig Mark im Monat, dem Gehalt meiner Mutter.“ ([3], S. 188)

Marianne ist bei den Jungen Pionieren und Hürdenläuferin beim Eisenbahnersportverein „Lokomotive Waren“ ([2], S. 94). Sie macht eine Lehre als Buchhändlerin und liest fast alles, was ihr in die Finger kommt. Mit 17 beschließt sie, in den Westen zu gehen, durchaus nicht aus politischen Gründen:

„Ich war, gleich nach meiner Lehre in der Buchhandlung einer Kleinstadt der DDR, in eine Buchhandlung einer Kleinstadt im Westen gegangen, mit 17. Ich wollte nichts anderes, als mehr sehen: mehr sehen, als die Stadt, aus der ich kam, mehr sehen, als die Hauptstraße, die bei uns Lange Straße hieß, ich wollte mehr lesen, mehr Bücher, als bei uns in der Buchhandlung im Regal standen.“ ([2], S. 22)

Doch letztlich kommt sie im Westen nicht wirklich an. Nach zwei Jahren treibt es sie zurück in die DDR:

„Ich hatte Heimweh nach unserem Ort, nach der Müritz, meiner Familie, nach den Jugendlichen, mit denen ich zweimal in der Woche trainierte und jedes Wochenende, eng eingekeilt, mit der Bahn zu Leichtathletikwettkämpfen gefahren war. Ich hatte Sehnsucht, auf eine bestimmte Art zu sprechen, die ich im Westen nicht gefunden hatte.
Ich wollte nach Hause.“ ([2], S. 26)

Doch die Rückkehr in die DDR wird zur Katastrophe. Das paranoide stalinistische System verdächtigte die Rückkehrerin, eine Westspionin zu sein. Und so wird sie in ein Lager in Mecklenburg gesteckt. Um aus dem Lager zu kommen gibt sie einen Jugendfreund als ihren Verlobten aus. Damit kommt sie aus dem Lager.

„Ich bekam keinen Ausweis. Ich sollte mich »bewähren«. Es war ganz einfach: sie glaubten […] mir nicht, daß ich in der DDR leben wollte. So wenig liebten sie ihr Land.“ ([2], S. 32)

Sie zieht, weniger aus Neigung, sondern eher weil ihr sonst nichts übrig bleibt, mit diesem Freund zusammen. Sie hausen zu zweit in eine Dachkammer mit einem Feldbett. Er will sie irgendwann heiraten, sie fügt sich aus pragmatischen Gründen:

„Wir bekamen einen »Einweisungsschein« für ein Zimmer bei einem jungen Paar. […] Wir schliefen in richtigen Betten. Und aßen an einem viereckigen Tisch.“ ([3], S. 103)

1961 wird sie schwanger. Und hält es nicht mehr aus. Sie flieht. Vor der DDR. Vor ihrem Mann. Für ihre 900 Ostmark bekommt sie in Westberlin 187 D-Mark. Diese gibt sie für ein Paar Schuhe, eine Übernachtung und einen Flug in den Westen aus. Als sie in Süddeutschland ankommt, ist sie ist allein, hochschwanger und hat noch 20 Mark in der Tasche. Sie findet Aufnahme in einer kirchlichen Institution. Es ist Sonntag, der 13. August 1961. In Berlin wird die Mauer hochgezogen.

Im Oktober wird ihr Sohn geboren, doch als alleinstehende Mutter ist sie den Belastungen nicht gewachsen. Nach zwei Jahren gibt sie das Kind zur Adoption frei:

„In dieser Pflegestelle mit sieben Kindern, in Solln bei München, habe ich Dich allein gelassen.
Als ich Dich verließ, habe ich mich gerettet.
Wie hätte ich uns beide retten können?“ ([3], S. 111)

Vier Jahre später, im Dezember 1967, kommt Helke Sander zu ihr in die Küche. Das war keine Begegnung von zwei Studentinnen, die planten, einen Aufstand gegen das SDS-Establishment anzuzetteln. Es trafen sich zunächst einmal zwei Mütter. Sie wußten beide, was es heißt, in dieser Gesellschaft ein Kind zu haben: Helke Sander war 1965 ohne ihren Ehemann, aber mit Kind aus Finnland zurückgekommen und schlug sich neben ihrem Studium mit Übersetzungsarbeiten durch. Beiden war durch eigene Erfahrung klar, daß sie, allein durch die Tatsache, daß sie Mütter geworden waren, eigentlich aus der Öffentlichkeit verbannt worden waren. Marianne Herzog hatte die Notbremse gezogen und ihr Kind zur Adoption freigegeben – eine Entscheidung, die sie auch zwanzig Jahre später noch zutiefst quälte und die sie in ihrem Buch Suche dargestellt hat. Sander versuchte sich, so gut es ging, mit Kind durchzuschlagen. Aber beiden war klar: Das ist kein individuelles, sondern ein gesellschaftliches Problem. Und zwar ein gesellschaftliches Problem, das nicht eine Minderheit, sondern eine Mehrheit anging.

Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn es in einem ersten Flugblattentwurf heißt:

„wenn du noch nicht geheiratet hast, tu es schnellstens. sei nicht wählerisch, heirate den ersten besten. um so eher kannst du dich befreien.“ ([6], S. 142)

Nachweise

[1] Friedan, B., Der Weiblichkeitswahn oder Die Selbstbefreiung der Frau, Reinbek 1970.

[2] Herzog, M., Nicht den Hunger verlieren, Berlin 1980.

[3] Herzog, M., Suche, Darmstadt 1988.

[4] Langer, I.: „Vor dem Aufbruch. Die soziale Stellung der Frauen in den 60er Jahren“, in: Becker, B. (Hg.), Unbekannte Wesen. Frauen in den 60er Jahren, Berlin 1987, S. 113 – 130.

[5] Sander, H.: „»Nicht Opfer sein, sondern Macht haben«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 161 – 179.

[6] Dietz, G.; Schmidt, M.; Honkomb, A. & Schmiel, E. (Hg.), Klamm, Heimlich & Freunde. Die siebziger Jahre, Berlin 1987.

Written by alterbolschewik

4. Oktober 2013 at 15:19

Veröffentlicht in Feminismus